Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 30,15b-19

Dr. Hartmut Becks

15.12.2002 in Alpen

3. Advent

Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht und sprecht: ‚Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen!' Darum werdet ihr dahinfliegen! ‚Und auf Rennern wollen wir reiten!' Darum werden euch die Treiber umwerfen. Denn Tausende von euch werden fliehen vor einem Drohen, ja vor fünfen werdet ihr fliehen, bis ihr übrigbleibt wie ein Mast auf einem Gipfel, wie eine Stange auf einem Hügel.
Darum wartet der Herr darauf, dass er euch gnädig sei, und er macht sich auf, dass er sich eurer erbarme; denn der Herr ist ein Gott des Rechts. Wohl allen, die auf ihn harren! Du Volk Zions, das in Jerusalem wohnt, du wirst nicht weinen! Er wird dir gnädig sein, wenn du rufst. Er wird dir antworten, sobald er's hört.

Liebe Gemeinde!

Es gibt Situationen, die machen einem plötzlich etwas klar, wofür man vorher keine Worte hatte. Manchmal sind das nur kleine Momentaufnahmen, kurze Szenen, die eine ganze Kultur, einen Lebensstil auf den Punkt bringen. Als ich vor kurzem mit meinem Auto auf der Weseler Straße fuhr, kommt mir auf dem Radweg ein junger Inline-Skater entgegen. Aber nicht nur das. Gleichzeitig schiebt er mit einiger Geschwindigkeit einen Kinderwagen vor sich her. Doch auch das nur mit einer Hand, denn in der anderen hat er ein Handy, mit dem er telefoniert oder es zumindest versucht. Von weitem sieht es aus wie ein Kunststück, als ob ein Artist etwas Lustiges vorführen will. Aber so lustig ist das nicht. Die Bahnschienen bringen sein Projekt in eine ernstliche Lage. Bei diesem Anblick war mir sofort klar: Der moderne Selbstverwirklicher ist eine tragische Figur. Denn der junge Mann versucht ja offensichtlich nur das, was die meisten von uns derzeit versuchen und ausprobieren: Nämlich möglichst viele Dinge gleichzeitig unter einen Hut zu bekommen. Wir möchten intensiv leben und nichts versäumen: Darum packen wir so viel in einen Augenblick. Zugleich möchten wir mobil sein, die Welt erleben und ungebunden durchkreuzen. Aber trotzdem nicht auf Familie, Kinder, Vater- und Mutterfreuden verzichten. Also schleppen wir die Kinder einfach mit auf die Piste unserer Selbstverwirklichung. Zusätzlich müssen wir aber auch beruflich und karrieremäßig weiterkommen, darum multimedial am besten immer erreichbar sein. Schöne neue Welt. Unser tägliches Bewusstsein ist darum immer öfter gespalten in unterschiedliche Regionen. Wir sind da, aber woanders. Man ist nie mehr ganz und gar in einer Situation, sondern hat immer mehrere Eisen im Feuer. Vielleicht kennen Sie das Plakat der Deutschen Verkehrswacht, das in warnender Absicht einen Autofahrer zeigt, der zugleich steuert, isst, telefoniert und die Zeitung liest. Und darunter steht: ‚Und wer fährt?' Mit dem Versuch, die Zeit möglichst intensiv auszukosten, bringen viele sich inzwischen an den Rand ihrer seelischen und körperlichen Kräfte. Getrieben von dem Gedanken, sehr viel hereinzupacken, um Zeit zu gewinnen, rast die Zeit dahin und man hat am Ende das Gefühl ausgebrannt zu sein. In der neueren Psychologie nennt man dieses Phänomen englisch ‚multi tasking' oder ‚parallel processing'. Die Betroffenen können ihre Aufgaben nicht mehr nacheinander erledigen, sondern fühlen sich gezwungen, immer mehrer Vorgänge gleichzeitig zu bewältigen, bis alle Gefühle diffus werden und eine totale Überforderung eintritt. Die Leistungsgesellschaft unterstützt natürlich solche Vorgänge, indem sie suggeriert, um so mehr Erlebnisprojekte der Einzelne bewältigen könnte, um so erfüllter und bewusster könnte er leben. Aber das ist ein gefährlicher Trugschluss. - Vielleicht denkt jeder hier einmal einen Augenblick für sich selber nach: Wie oft warst du in den letzten Jahren an solchen Punkten angekommen, wo dir deine ganzen Aufgaben und Anforderungen einfach über den Kopf gewachsen sind und du gar nicht mehr zu dir selber kommen konntest? Wo du so viele Dinge gleichzeitig zu bewältigen hattest, dass du dich selber gar nicht mehr gespürt hast? Die Kinder, der Beruf, die Freizeit, die Freunde, die Karriere, die Konsumansprüche, oft geht das alles über unser Fassungsvermögen. Wir sind eben doch keine Computer, die ‚parallel processing' können, sondern haben Seelen und die empfinden anders.

Nun sind wir in der Adventszeit. Eigentlich die Zeit der Ruhe, des In-Sich-Gehens, eine Zeit, die uns zur Stille anhalten soll und uns Gott näher bringen will. Doch viele erleben gerade die Vorweihnachtszeit umgekehrt als Zeit von besonderem Stress und voll mit ‚multi tasking' und ‚parallel processing'. Denn jetzt geht für viele die Lauferei und Koordination erst richtig los und mancher sitzt am Ende hechelnd unterm Weihnachtsbaum. Als ob der Prophet Jesaja das alles schon vorhergesehen hat, wenn er uns heute morgen ins Gewissen ruft: "Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein!" Im Wenigertun, im Unterbrechen, in der Konzentration auf das Wesentliche würdet ihr das finden, was ihr so sehr sucht. In der Muße, in der Besinnung liegt der Weg zurück zu erfülltem Leben.

Eigentlich wissen wir das ja auch. Aber Jesaja sieht, dass wir uns vor allem selber im Wege stehen. Wir trauen den naheliegenden und einfachen Dingen nicht zu, dass sie uns glücklich machen könnten. Wir vertrauen auch nicht darauf, dass uns alles geschenkt werden könnte ganz leicht und ohne unsere Leistung und ohne unsere Kraftanstrengung. Darum sagt Jesaja: "Nein, auf Rossen wollen wir dahinfliegen! Darum werden wir dahinfliegen! Und auf Rennern wollen wir reiten!" Also werden wir von unserer eigenen Getriebenheit umgeworfen. Vielleicht müssen wir auch zunächst diese Erfahrung machen, um klug zu werden. Tausende, sagt Jesaja, sind von einer Drohung getrieben. Und die Drohung heißt: Du musst dein Leben selber begründen, sonst war alles umsonst. Du musst deine Liebenswürdigkeit erarbeiten, sonst wirst du verworfen. Diese Angst ist wie ein Feind, vor dem wir ständig auf der Flucht sind. Und am Ende, so beschreibt es Jesaja mit einem eindrucksvollen Bild, sind wir alle erschöpft und ausgemergelt wie ein kahler Mast auf dem Gipfel, wir fühlen uns ausgeliefert und ohne Geborgenheit wie eine Stange auf dem Hügel. Ein treffendes Bild meines Erachtens: Mancher hat sich zwar auf den Gipfel des Erfolges katapultiert und ist doch so einsam und kalt, ohne wirkliches Vertrauen und ohne Glauben. Er ist stolz auf das, was er selber geleistet und hergestellt hat in seinem Leben und doch ist er ein armer Tropf. In der letzten Woche sah ich einen bekannten Schauspieler in einer Talkshow, der vollmundig erzählte, dass er verschiedene Biographien sozusagen in seine hineingebracht habe. Er sei promovierter Wissenschaftler, Kabarettist, Handwerker, Schauspieler etc. Selbstgefällig und abgeschmackt saß er da, ohne inneren Frieden. Man spürte sein Buhlen um Anerkennung. Zweifelsohne hat er ungeheuer viel geleistet in seinem Leben, hat sich abgemüht. Und doch war er wie eine Stange auf einem Hügel, unnahbar, abgehoben, überheblich, starr. Jesaja sagt: Hinter all deinen coolen Selbstverwirklichungsprojekten hört Gott deinen verzweifelten Schrei nach Liebe. Er weiß, warum du so getrieben bist und er wartet auf dich. Er weiß, warum du immer noch mehr versuchst in deinen Tagen unterzubringen und er kennt dein Seufzen. Er sieht, wie du in deinen eigenen Ansprüchen und Selbstrettungsversuchen zu ertrinken drohst und kommt dir entgegen. Das Einzige, was du tun müsstest, wäre nur ein einziges Mal von dir absehen, einmal zur Besinnung kommen, zur Ruhe, zur Stille. Dann würdest du mit einmal erkennen, dass es eine Hilfe gibt, die ganz nah bei dir ist, die du aber vor lauter Hast gar nicht wahrnehmen konntest. Dass da einer ist, der dich eh und je geliebt hat und der dir die Hand reicht und du brauchtest nichts weiter zu tun, als sie zu ergreifen. Dass da einer ist, der dir so viel Halt, soviel inneren Frieden, soviel Wärme geben könnte.

Liebe Gemeinde!
Das heißt Advent: Schauen Sie auf das Bild von Beate Heinen, das auf ihren Blättern abgedruckt ist. Unser Herr geht für uns bis an den Rand des Möglichen. Er kommt an unsere Abgründe heran, er kommt uns entgegen mit seiner Güte, mit seiner Barmherzigkeit. Durch Stillesein und Hoffen würden wir stark sein und ihn sehen. Advent heißt aber auch: Er kommt nicht so, wie wir uns das immer denken. Als starker Held, als Event, laut und grell. Leise und unmerklich, in niederen Hüllen, kommt die Liebe in unser Leben. Gott kommt in einem kleinen Kind, das sich nur auf das Wesentliche konzentrieren kann. Er zieht durch eine Seitenstraße in Jerusalem ein, nicht durch die belebte Hauptstraße. Du kannst den Frieden der Welt finden in einem Viehstall in absoluter Einsamkeit. Advent heißt: Gott kommt dir entgegen, wenn du den Mut hast, die ganz einfachen und elementaren Dinge deines Lebens, die Kleinigkeiten wieder als wichtig zu sehen:

Dein täglich Brot, deinen Schlaf, deine Gesundheit, deine Familie, dein Verhältnis zu Gott und zur Ewigkeit. Du wirst sehen, wie unwichtig all die anderen Anforderungen auf einmal werden können, wenn du wieder bei dir selbst ankommst. ‚Darum wartet der Herr darauf, dass er dir gnädig sei und er macht sich auf, dass er sich deiner erbarme, denn der Herr ist ein Gott des Rechts.' Er wird dich nicht fallen lassen, wenn du aufrichtig nach ihm rufst. Es gibt nämlich keinen anderen Weg zum Heil und zur Erlösung außer durch ihn. Jesus sagt: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, denn durch mich."

Advent ist eine Zeit der Stille und der Hoffnung darauf, dass Gott uns befreit aus dem vergeblichen Versuch, uns selbst zu erlösen. Advent heißt: Die Rettung, die Erfüllung deiner Sehnsucht nach wahrem Leben kommt ganz nahe an dich heran in einem kleinen Kind. Du brauchst nicht so weit zu gehen. Lass es nur zu. Und was bedeutet das nun konkret für den jungen Inline-Skater? Dass er den Mut findet, sich einmal einer Sache und nur einer Sache ganz hinzuwenden. Z. B. seinem eigenen Kind. Dass er sein Telefon in einen See wirft, seine Rollschuhe in einen Schrank stellt und sein Kind in die Arme nimmt und auf alles andere verzichtet im Vertrauen darauf, damit alles zu gewinnen, was er vorher verloren hat. Und das ist nur ein Beispiel. Das gilt genauso für dich: Widme dich einer Sache ganz, liefere dich aus, lass dich fallen, vertraue darauf, dass darin der tiefste Frieden ist.

Haben Sie schon mal ein Kind beobachtet, wenn es im Spiel ganz vertieft ist? Dann ist es ganz bei sich selbst, es ruht in Gott, es ist das größte Glück des Lebens. Alles wäre aber zerstört, würde das Kind darüber nachdenken, was es alles in diesem Moment verpasst und was noch für ihn bereit stünde. Genau das ist unser unheimliches und heimliches Thema. Gott sagt uns heute: Wohl allen, die auf ihn harren. Du Volk Zions, das in Jerusalem wohnt, du wirst nicht weinen. Er wird dir gnädig sein. Denn in einem wird er dir alles schenken.

Liebe Eltern und Paten, liebe Großeltern!
Wenn wir gleich Ben und Niklas taufen, wollen wir ihnen diese Hoffnung mit auf den Weg geben. Die Hoffnung, dass die wirklich großen Erfahrungen des Lebens ganz naheliegend sind und du sie nicht erarbeiten musst. Dass dein Atmen und dein Fühlen, dein Schmecken und Tasten schon der Glanz Gottes in deinem Sein ist. Und wir wollen dafür beten, dass diese Kinder sich nicht auch in die hektische Maschinerie unserer Leistungs- und Erfolgsgesellschaft einspannen lassen. Dazu können Sie als Eltern und Paten eine ganze Menge beisteuern. Lassen Sie es sein, den Kindern zuviel gleichzeitig aufzubürden. Als wir letzte Woche im Jugendforum eingeladen waren, da sagt Pastor Grauten, dass manche Kinder schon einen volleren Terminkalender haben, als er. Mit den vielen, vielen Events rauben Sie den Kindern eher etwas als ihnen etwas zu schenken. Vielleicht schenken Sie Ihren Kindern mal statt Feten und Erlebnisparks mehr Zuwendung und Stille. Diese Geschenke sind oft wertvoller. In der Taufe sagt uns Jesus: Du bist mein Kind. Ich liebe dich so wie du bist. Alles, was dein Leben schön macht, ist ganz nah an deinem Herzen. Im Stillsein und Hoffen wirst du stark sein!

Amen