Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 40, 26-31

Pfarrer Dirk Fiedler (ev)

27.04.2014 in Rümmingen

Textlesung: Jesaja schreibt:

Hebt eure Augen in die Höhe [zu den Sternen] und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen. Seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.  Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, seine Einsicht hat keine Grenze.
Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen.
Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. [Lut. 84]

Auslegung

Wohl die meisten von uns kennen diese besonderen Momente unter einem sternenklaren Himmel.

Je länger man dort steht, umso mehr Sterne erkennt man.

Und irgendwann, nach einer nicht enden wollenden Zeit des Staunens fällt einem ein, was man dazu einst gelernt hat: dass jeder dieser Sterne eine Sonne ist, tausende oder gar Millionen Lichtjahre entfernt.

Und dann passiert es – gar nicht so selten, dass man religiös wird.

Warum auch nicht.

Immerhin ist solch ein Anblick überaus beeindruckend.

Da liegt es nahe, irgendwann auch zu denken: das ALLES ist also die Schöpfung.

Für die Menschen vor zweieinhalb tausend Jahren, war der Kosmos noch einfacher gestrickt. Für die waren die Sterne Laternen, die Gott am Sternenzelt aufhängt hatte.

In der Mitte des Zeltes die Erde, Zentrum der Aufmerksamkeit Gottes.

Später dann kamen spitzfindige Geister darauf, dass die Sterne keine Laternen sind, sondern Löcher im Sternenzelt.

Durch diese Löcher dringen Strahlen vom Glanz Gottes.

Dieses Zelt schützte also die Welt vor dem reinen Glanz des Schöpfers, der heller als jede Sonne leuchtete.

Andererseits zeigten diese Löcher im Sternenzelt auch dem letzten Zweifler sehr deutlich, dass da draußen etwas war, etwas Großes und Gewaltiges, das alles umhüllte: der Schöpfer.

Eine Vorstellung, die durchaus auch Sicherheit vermittelt hat.

Heute wissen wir, dass diese Vorstellungen alle schön und romantisch waren, aber eben falsch.

Unsere Erde ist nicht das Zentrum des Universums, sie ist nicht einmal das Zentrum unseres Sonnensystems oder unserer Galaxie.

Unsere Erde ist das Zentrum von überhaupt nichts.

Und es gibt auch kein Sternenzelt.

Was uns umgibt sind etwa 100 Mio. Galaxien innerhalb eines Radius‘ von 45 Mrd. Lichtjahren.

Das Universum selbst ist etwa 13,7 Mrd. Jahre alt.

Hinter diesen Zahlen verbirgt sich die schiere Unfassbarkeit der Größe des Ganzen.

Und hier wird der religiöse Gedanke konkret:

Wenn das alles die Schöpfung ist, wie groß müssen wir uns erst den Schöpfer denken? Also den, der all das in seinen Händen hält.

Und richtig, logisch zu Ende gedacht müssen wir uns Gott tatsächlich jenseits des Universums vorstellen, denn die Grenze des Universums ist auch die Grenze von Zeit und Raum. Kurz gesagt ist dort die Ewigkeit zu finden, Heimat und Ort des Ewigen.

Ich pflege zu sagen: Wer sich Gott kleiner denkt als den, der das Universum wie eine Murmel in der Hand hält, der denkt ihn sich zu klein.

Das ist also der erste große Gedanke unter solch einem Sternenhimmel. Welchem zwangsläufig ein zweiter folgt, wenn man denn solchen Gedankengängen nachhängt und sich nicht erschaudernd abwendet.

Denn das Schaudern kann einen schon packen angesichts des Erahnens der wirklichen Dimensionen. Verständlich erfassen lassen sie sich ohnehin nicht.

Wer es also wagt eine Weile weiter nachzudenken, dem kommt nun unweigerlich die Erkenntnis, dass unsere Erde nur ein winziger Punkt in einem unübersichtlich großen Universum ist.

Ja selbst unsere Sonne ist weder der schönste noch der größte oder hellste Stern. Sie ist zwar unser Stern, universal betrachtet aber nichts Besonderes.

Und wenn schon das alles so klein wird angesichts des Ganzen, so scheinbar unbedeutend, was mag dann erst mit mir sein? Was bin denn dann ich?

Eins von 7 Mrd. selbstbewussten Wesen auf einem belebten Planeten irgendwo im Weltall.

Und da packt einen normalerweise das Schaudern erst recht.

Was bin ich denn schon? – ist eine Frage, der sich zu stellen Mut erfordert.

Interessanter Weise ist es auch schon die Frage bei Jesaja vor zweieinhalb tausend Jahren, also zu einem Zeitpunkt, als die Dimensionen noch wesentlich übersichtlicher wirkten. Schon damals hatten die Menschen den Eindruck, Gott habe sie aus den Augen verloren, Gott habe sie vergessen.

Um wieviel mehr müssen Menschen heute dieses Gefühl haben?

Wenn Gott so groß zu denken ist, dass er das Universum wie eine Murmel in der Hand hält, wie klein bin denn dann ich für ihn? Ich bin ja so winzig, dass es mich im Grund gar nicht gibt! Weder die Dimensionen meiner Größe, noch meiner Zeit auf Erden, noch meines Verstandes reichen auch nur in die Nähe der universalen Dimensionen!

Ich bin kleiner als ein Funke angesichts der Wirklichkeit.

Und an dieser Stelle der Selbsterkenntnis legt sich uns ein Schlüssel zur Gotteserkenntnis in die Hand.

Denn soviel muss uns klar sein: unser Dasein ist – vom Universum her betrachtet – unbedeutend. Aber ebenso ist unser Dasein unerklärlich.

Denn wir sind zweifellos ja hier. Wir sind da.

Das ergibt eigentlich nicht viel Sinn.

Und an dieser Stelle, an der manche resigniert den Kopf schütteln und sagen: es gibt keinen Gott – an dieser Stelle hake ich ein und sage: gerade deshalb gibt es Gott.

Wir sind der Beweis.

Wir sind nämlich da.

Das ist unlogisch und ziemlich sinnlos – wenn da nicht ein Gott dahinter steckt, der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat.

Ernesto Cardenal hat es in einem Gedicht so formuliert:

„Wir sind Sternenstaub. Vor 15 Milliarden Jahren waren wir eine Masse aus Wasserstoff, die im Raum schwebte, sich langsam drehte, tanzte. Unser Fleisch und unsere Knochen kommen von anderen Sternen, vielleicht sogar aus anderen Galaxien, wir sind universal.[…] Von den Sternen stammen wir, zu ihnen kehren wir wieder zurück.“ (aus: Wir sind Sternenstaub - Neue Gedichte, Ernesto Cardenal, Hammer Verlag 1993)

Der dritte große Gedanke, der sich von da aus entspinnt ist der, dass wir Teil dieses großen Ganzen sind, und zwar ein gewollter Teil.

Unser Dasein ist nicht sinnlos angesichts der ausufernden Dimensionen, nein es ist ebenso Teil des göttlichen Plans wie jene Dimensionen, die uns nur Ehrfurcht einflößen können.

Wir sind Sternenstaub, und damit sind wir Teil einer Schöpfung, die alle Maßstäbe sprengt und unseren Verstand übersteigt.

Nichts anderes führt Jesaja als Argument ins Feld:

Hebt eure Augen in die Höhe [zu den Sternen] und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen. Seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.  Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«?
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, seine Einsicht hat keine Grenze.

Gott ist unbegrenzt angesichts unserer begrenzten Welt, Wahrnehmung, unseres kleinen Geistes.

Und noch einmal will ich dort ansetzen.

Mir ist rätselhaft, warum das Universum so groß ist.

Wenn ich daraus aber lerne, wie groß ich mir dann den Schöpfer vorstellen muss, dann soll mir die Größe recht sein. Ich muss mit ihr ja nicht zurecht kommen, sondern der, der sie gemacht hat.

Ich weiß auch nicht, warum ich und meine Welt angesichts dieser Größe so klein sind und warum mein Leben so überschaubar kurz ist.

Es schien Gott in seiner unendlichen Weisheit aber zu gefallen, alles so überschaubar zu halten.

Wichtiger ist doch, dass mein Dasein kein Zufall ist.

Und so klein ich auch sein mag ist es Gott keine Schwierigkeit mir zu begegnen, mich anzusprechen und mich aufzufordern: Meistere Du erstmal dein kleines Leben, dann sehen wir weiter…

Und das ist zweifellos richtig. Dieses kleine Leben zu meistern ist schon eine Aufgabe, die uns alles abverlangt.

Hier gilt, dass einige mit ihren Aufgaben wachsen, manche sogar über sich hinaus.

Angesichts der Dimensionen da draußen sollte das ein Klacks sein, aber das sagt sich leicht.

Tatsächlich kommen wir viel zu oft an unsere Grenzen – und in ehrlichen Momenten geben wir das auch zu.

Und hier tut es gut, sich an diese Lektion aus einer sternenklaren Nacht zu erinnern, an dieses Wechselbad der Erkenntnisse und der Gedanken.

Der letzte Gedanke soll der sein, dass Gott es gut mit dieser ganzen Schöpfung meint. Wir haben keine Vorstellung, worin der Sinn des Ganzen liegen könnte – aber er hat.

Für unser kleines Leben bedeutet das, dass er es nicht übersieht, was wir nötig haben, um es tatsächlich meistern zu können.

Und hier hinein sollen wir die Zusage des Jesaja hören: Sie gilt uns, weil wir Sternenstaub sind wie jene damals, denen er es zuerst zusagte, Teil des großen, guten Ganzen wie sie:

Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.
Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen.
Aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Und das wünsche ich uns als Ergebnis dieser gottesdienstlichen Nachtwanderung – Stärkung und Ermutigung.

Die größte Ermutigung liegt freilich schon in der ersten Erkenntnis, dass unser Dasein nicht sinnlos ist und unser Leben nicht gottverlassen.

Das ist schon viel und für viele das Allesentscheidende, aus dem sich vieles Weitere von allein ergibt.

Schließen möchte ich mit einem weiteren Gang, nur nicht noch einmal durch die Nacht, sondern aus ihr heraus. Weil das auch etwas ist, was sich ergibt. Der Blick in den nächtlich ruhigen Sternenhimmel ist etwas völlig anderes als unser Alltag nach dem Morgengrauen.

Ich schließe also mit dem Osterspaziergang aus Goethes Faust:

(genauer: Johann Wolfgang von Goethe, Faust I)



Vom Eise befreit sind Strom und Bäche


Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;


Im Tale grünet Hoffnungsglück;


Der alte Winter, in seiner Schwäche,

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Zog sich in raue Berge zurück.


Von dorther sendet er, fliehend, nur


Ohnmächtige Schauer körnigen Eises


In Streifen über die grünende Flur;


Aber die Sonne duldet kein Weißes:

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Überall regt sich Bildung und Streben,


Alles will sie mit Farben beleben;


Doch an Blumen fehlt‘s im Revier,


Sie nimmt geputzte Menschen dafür.


Kehre dich um, von diesen Höhen

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Nach der Stadt zurück zu sehen!


Aus dem hohlen finstern Tor


Dringt ein buntes Gewimmel hervor.


Jeder sonnt sich heute so gern.


Sie feiern die Auferstehung des Herrn,

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Denn sie sind selber auferstanden,


Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,


Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,


Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,


Aus der Straßen quetschender Enge,

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Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht


Sind sie alle ans Licht gebracht.


Sieh nur, sieh! wie behend sich die Menge


Durch die Gärten und Felder zerschlägt,


Wie der Fluss in Breit und Länge

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So manchen lustigen Nachen bewegt,


Und, bis zum Sinken überladen,


Entfernt sich dieser letzte Kahn.


Selbst von des Berges fernen Pfaden


Blinken uns farbige Kleider an.

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Ich höre schon des Dorfs Getümmel,


Hier ist des Volkes wahrer Himmel,


Zufrieden jauchzet groß und klein:


Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!

Amen.