Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 40,26-31 und Schillers Gedicht "Das Lied von der Glocke"

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler (ev-luth)

07.04.2002 in Neuperlach

anlässlich einer Glockenweihe in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche an Quasimodogeniti

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Wir hören die Lesung für den heutigen Sonntag Quasimodogeniti, aufgeschrieben beim Propheten Jesaja im 40.Kapitel. Ich lese die Verse 26-31:
Hebet eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: "Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber"?
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.
Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden.
Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen,
aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

(Jesaja 40,26-31)

Liebe Gemeinde!

Wer eine neue Wohnung sucht, setzt sich klugerweise mit dem Partner oder der Partnerin, wenn vorhanden auch mit weiteren Familienmitgliedern zusammen und stellt sorgfältig eine Liste auf. So habe ich selbst es immer gehalten. Auf dieser Liste könnten alle Bedingungen notiert sein, die erfüllt sein müssen, wenn das neue Zuhause zur allgemeinen Zufriedenheit sein soll. Man kann beispielsweise aufschreiben, wie mein Mann und ich es beim letzten Wohnungswechsel getan haben: "Ruhig, hell und warm". Das ist eine hübsche Kombination, die zu längerem Bleiben in der angemieteten Wohnung motivieren könnte. Vielleicht noch ein Balkon…

Möglicherweise, wenn es irgend geht, auch ein kleines, separates WC, um wutentbranntes Hämmern an die Toilettentür zu vermeiden. Will man eine gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel oder soll es eher die sportliche Herausforderung auf dem Weg zur Arbeit sein? Über alles lässt sich in meinen Augen diskutieren. Über eines nicht. Glocken. Glocken müssen sein. Richtige Glocken - sonst taugt die beste Wohnung nichts. Ich will die Glocken hören, wenn sie morgens und abends hin- und her schwingen, reiße besonders begeistert alle Fenster auf, wenn sie Samstagnachmittag um drei Uhr mit vereinten Kräften den Sonntag einläuten.

In unserer Zeit werden Menschen - vom ungeborenen Leben an bis ins hohe Alter - oft nur nach Effizienz und Wirtschaftlichkeit bemessen. Eine Glocke, die den Sonntag, den Tag des Herrn einläutet, setzt einen wichtigen geistlichen Akzent, gesellschaftspolitischen Kontrapunkt. Gemeinhin wird der Sonntag als der Tag verstanden, auf den menschliche Arbeit zuläuft - eine verdiente Erholungspause gewissermaßen. Aber nach christlicher Überzeugung ist der Sonntag Ausgangspunkt allen menschlichen Tuns. Kleine und Große müssen bei Gott nicht erst Leistung erbringen, um aufschnaufen zu dürfen. Ihr Start ins Leben, von der Zeugung an über jeden einzelnen Tag bis zum Ende des irdischen Daseins hin ist ein Geschenk.

Der Sonntag und sein Geläut vergewissern, dass wir Menschen für Gott bedingungslos wertvoll sind; dass uns seine Liebe gilt, bevor wir selbst etwas tun. Es ist gut, wenn alles, was uns werktäglich bestimmt, durch Glockengeläut und Sonntag unterbrochen wird. Werktags sind Jungen, Mädchen, Männer und Frauen Teile eines Lern- oder Produktionsprozesses, einer Dienstleistung. Das Einläuten des Sonntags bringt zu Gehör, dass der Mensch kein Mittel zum Zweck ist. Jeder und jede ist für sich ein wertvolles Ganzes, ein Individuum - und alles staatliche und wirtschaftliche Handeln muss sich am Wert und der Würde des einzelnen Menschen ausrichten.

Der Klang des beginnenden Sonntags sagt: Du sollst jetzt frei sein von fremden Interessen und Zielsetzungen. Du kannst tun, was du selbst möchtest und was du für dich brauchst, um du selbst sein zu können. In tiefe Irritation stürzen mich persönlich deshalb auch immer wieder Meldungen, nach denen Prozesse nicht bloß gegen stinkende Gülle oder krähende Gockel, sondern auch gegen klingende Glocken geführt werden. Wessen Geist in solchen Streithanseln wohl ächzt und echot? Ihre neuen Glocken, liebe Gemeinde, läuten um acht Uhr morgens, um die Mittagszeit und abends um sechs Uhr. Das, denke ich, lässt sich gut verkraften und sehr genießen.

Glocken waren zuerst im Orient, dann in der Ostkirche verbreitet, wo sie nicht geläutet, sondern angeschlagen wurden. Im Abendland kennt man Glocken und ihr Geläut seit dem 6. Jahrhundert. Ihre Aufgabe war und ist es, zum Kirchenbesuch einzuladen und auf bestimmte Teile des Gottesdienstes, der Liturgie besonders hinzuweisen - so etwa auf das Vaterunser. Als junges Mädchen habe ich in meiner Heimatgemeinde Mesnerdienst geleistet und war immer sehr darauf erpicht, möglichst schnell den Schalter zu drücken, damit der Glockenklang schon bei den allerersten Worten des Herrengebetes und damit möglichst lang ertönen konnte.

Vom 10. Jahrhundert an wurden die Glocken mit Bildern und mit Schriftbändern geschmückt, so wie wir es von Ihren neuen Glocken, liebe Gemeinde, vorhin gehört haben. Wenn wundert es, dass nach volkstümlichen Vorstellungen Glocken immer wieder als lebendige Wesen vorgestellt wurden, die einen Namen haben und sich sogar über ihren angestammten Platz hinaus in Bewegung setzen können. Dem Glockenläuten schrieb man in früheren Zeiten magische Kräfte zu: Es sollte Gewitterwolken zerstreuen, vor Blitzschlag bewahren, gegen zu viele Ameisen helfen und den Reif von der Ernte fernhalten. Mittägliches Läuten sollte vor Kometenabstürzen schützen.

Abgefeilte Späne von den Glocken halfen angeblich gegen Fieber. Gegen Seitenstechen empfahl man eine Waschung in Wasser, mit dem vorher der Glockenklöppel geschrubbt wurde. Bei Ohrenschmerzen und Heiserkeit musste man seinen Namen mit blauer Kreide auf die größte, bei Ihnen wäre das die Sonntagsglocke, schreiben. Zu all solchen Aktionen möchte ich Ihnen, liebe Gemeinde, aus unterschiedlichen Gründen nicht raten. Deutlich wird aus dem alten Aberglauben allerdings, welche Symbolkraft Glocken in sich tragen. Sie verweisen auf Gott, dem wir alles anvertrauen dürfen - von den kleinsten Wehwehchen bis zum allergrößten Leid.

Nachts, wenn einen dumme Gedanken oder böse Träume plagen, gibt es nichts Heilsameres, als die Uhr schlagen zu hören - von Viertelstunde zu Viertelstunde.
"Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins /
Und unten zerschellt das Gerippe"

textete Goethe in seinem schaurigen "Totentanz". Gespenster verschwinden, konzentriert man sich auf den heiligen Ton, der sich durch die Lüfte ins eigene Schlafzimmer schwingt. Und morgens kann man dann Mitleid heischend sagen: "Ich habe geschlagene drei Stunden wach gelegen!" Merken Sie es? Geschlagene Stunden… Dagegen einen Funkwecker als Zeugen für Schlaflosigkeit anzurufen ist geradezu lachhaft.

Osterjubel und Weihnachtsfreude sind ohne Fisch und Wiener Würstchen locker denkbar - nicht aber ohne wildes, begeistertes Glockengetöse. Glockenklang ist Musik, "Nachklang aus einer entlegnen harmonischen Welt! Seufzer des Engels in uns", wie der Dichter Jean Paul sagt. Die Glocken tragen die Botschaft von der Gegenwart Gottes hinaus in die Welt; zugleich erinnern sie uns selbst, bringen in unserem Inneren die Gewissheit, die Ahnung oder auch die Erinnerung zum Klingen, dass Gott nicht müde und matt wird, sondern unseren Weg mit seiner Gegenwart begleitet.

Das herzzerreißende Schweigen der Glocken am Karfreitag, wie es vielerorts praktiziert wird, intensiviert die Trauer um den Herrn und die Sehnsucht, ihn, die verstorbenen Lieben und sich selbst am Leben zu wissen. Eigene Zeit weise auszukaufen, mahnt die Totenglocke. In Schillers berühmten "Lied von der Glocke", in dem er des Lebens wechselvolles Spiel beschreibt, das vom Geläut untermalt wird, heißt es dazu:
"Von dem Dome, /
Schwer und bang, /
Tönt die Glocke /
Grabgesang. /
Ernst begleiten ihre Trauerschläge /
Einen Wandrer auf dem letzten Wege."

Ihre Sterbeglocke ist zugleich Sonntagsglocke - schlagender Hinweis darauf, dass nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern die tägliche und ewige Auferstehung das Leben krönt: "Des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit".

Tauf- und Hochzeitsgeläut geleitet fröhlich gestimmte Gemüter vor Anbruch des Alltags zur Basis, zum Ort des erklärten Segens. Hier sagt Schiller von der Glocke:
"Denn mit der Freude Feierklange /
Begrüßt sie das geliebte Kind /
Auf seines Lebens erstem Gange, /
Den es in Schlafes Arm beginnt".

Manche Taufe in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche wird sicherlich auch durch fröhliches Krähen oder energisches Geschrei akustisch verziert werden. Die Läuteordnung, die der Kirchenvorstand beschlossen hat, sieht vor, dass bei der Taufhandlung die erste Glocke mit der Inschrift "Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" erklingt.

Das ist die Gewissheit und das Vertrauen, das Ihre Kinder auf ihrem Lebensweg mitbekommen sollen - dass sie von guten Mächten wunderbar geborgen sind in den Höhen und den Tiefen ihres noch jungen Lebens. In der Familie und in der Gemeinde sollen sie erfahren und hautnah spüren, was es heißt, geliebt und anerkannt zu sein. Es ist Aufgabe unserer Kirche, jungen Menschen ein Selbstbewusstsein zu vermitteln, dass sie gelassen mit Anforderungen umgehen und auf Herausforderungen mit selbstständigem Denken, Reden und Handeln reagieren lässt. Sie sollen so konfirmiert, bestärkt werden, dass sie wissen, was sie Gott wert sind - damit sie sich von nichts und niemand kaufen oder vermarkten lassen.

Während der Trauung wird die Glocke mit der Inschrift "Verleih uns Frieden gnädiglich" geläutet. Schiller meldet prosaisch-nüchtern:
"Denn wo das Strenge mit dem Zarten, /
Wo Starkes sich und Mildes paarten, /
Da gibt es einen guten Klang. /
Drum prüfe, wer sich ewig bindet, /
Ob sich das Herz zum Herzen findet! /
Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang. /
Lieblich in der Bräute Locken /
Spielt der jungfräuliche Kranz, /
Wenn die hellen Kirchenglocken /
Laden zu des Festes Glanz. /
Ach! Des Lebens schönste Feier /
endigt auch den Lebensmai, /
Mit dem Gürtel, mit dem Schleier /
reißt der schönste Wahn entzwei. /
Die Leidenschaft flieht! /
Die Liebe muss bleiben."

Die Liebe muss bleiben - ein schönes Motto für die Trauungen und besonderen Segnungshandlungen, die in Ihrer Kirche gefeiert werden. Wenn die Leidenschaft flieht, sollen den Paaren die gehörten Worte, Musik und Glockenklang so in den Ohren klingen, dass sie nicht müde und matt werden, einander zu suchen und wieder zu entdecken. Einen solchen Frieden müssen wir auch erflehen für unsere friedlose Zeit, an dem müssen wir als Christen und Christinnen engagiert mitarbeiten. Unser Beitrag neben dem Gebet ist es, uns auf den Weg zu machen zu anderen hin, um aufeinander zu hören und miteinander zu reden oder auch ein Forum zu bieten, auf dem Konfliktpartner sich begegnen und akzeptieren lernen.

Ihre neuen Glocken, liebe Gemeinde, für die viele Spender und Spenderinnen so großzügig und zugleich so dezent und bescheiden gegeben haben, sie versinnbildlichen, was unsere Kirche ist: Raum und Ort für Erinnerungen an die Vergangenheit, für konstruktive Auseinandersetzung mit der Gegenwart und einer unbekümmerten Freude an ihr. Unsere Kirche bietet Raum und Ort für Hoffnung auf Zukunft und für den Mut, diese Zukunft voll Gottvertrauen anzupacken. Christen und Christinnen, wenn sie ihrem Herrn nachfolgen, zeichnet die Mischung aus klarem Realitätsbewusstsein und schwungvollen Visionen aus.

Wussten sie übrigens, dass das Wort Glocke mit dem Wort lachen urverwandt ist (*kleg)? Vier neue wunderschöne Glocken lassen bei allem Schweren, das wir immer auch zu bestehen haben, doch viel Gutes erwarten. Denn Gott ist es, der uns Müden Kraft gibt, und Stärke genug, wenn wir uns als unvermögend erleben. Männer und Frauen werden müde und matt, Jünglinge und Mädchen straucheln und fallen. Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. Gott segne Sie, Ihre Gemeinde, Ihre Pfarrer und Pfarrerinnen und richte Ihnen immer wieder ein glockenhelles Lachen zu.

Amen