Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 41,10

Diakoniedirektorin Susanne Kahl-Passoth

25.04.2008 in der Stiftskirche

Anlässlich des 150. Jahresfestes für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Evangelischen Johannesstiftes des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Anlässlich des 150. Jahresfestes für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Evangelischen Johannesstiftes des Diakonischen Werks Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz

Liebe Gemeinde,

Liebe Mitarbeiterinnen, liebe Mitarbeiter aus den verschiedenen Arbeitsfeldern des Ev. Johannesstifts,
liebe Festgemeinde,
herzlichen Glückwunsch Ihnen allen zum 150. Geburtstag.

Es ist Ihre tagtägliche Arbeit mit den Menschen und für die Menschen und die Ihrer Vorgängerinnen- und Vorgängergenerationen, die das Ev. Johannesstift zu dem hat werden lassen, was es ist:
– ein Ort, an dem die Botschaft des Evangeliums Jesu Christi und damit die Güte Gottes erfahrbar ist,
– ein Ort, der einen lebendigen Rechenschaftsbericht darstellt über die Hoffnung, die in uns Christinnen und Christen eingepflanzt ist, die Sie immer wieder neu in Gang setzt, Antworten zu finden auf soziale Nöte und Aufgaben dieser, unserer Zeit,
– ein Ort, an dem man eine Ahnung davon bekommt, was der Segen Gottes bewirken kann.

Vielleicht ist das ja überhaupt das Größte, was wir in unserem Leben und in dieser Welt erreichen können: der Welt wenigstens eine Ahnung von dem zu vermitteln, was Gottes Segen bewirken kann.

Manchmal bedarf, bedurfte es in der langen Geschichte Gottes mit seinem Volk schon eines kräftigen Zuspruchs, um die Menschen nicht völlig irre werden zu lassen, sie in tiefster Depression untergehen zu lassen, angesichts der nicht enden wollenden Kränkung von Leben, angesichts aller Gewalt und allen Profit-Interesses. Da will man, da muss man einfach immer wieder mal hören auf die Stimme des Trostes, der Ermutigung: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“ 2.500 Jahre ist es her, dass diese Worte zum ersten Mal gehört wurden.

Der Prophet Jesaja spricht sie als das Wort Gottes seinem Volk zu, das in babylonischer Gefangenschaft ist: Ein Ort des Elends und der Verzweiflung. Und seitdem werden sie immer wieder gehört und immer wieder zieht ein Aufatmen durch die Seelen der Menschen, die zuhören: Wir sind doch nicht allein..

Mehr noch: Wir können uns wieder aufrichten, wir können weitergehen – Hier sollte ich eigentlich aufhören und Sie mit Ihren Erinnerungen zu Worte kommen lassen: Gehören da nicht auch Augenblicke zu, in denen jemand neben Ihnen stand und Ihnen so etwas gesagt hat: „Du musst keine Angst haben. Ich bin an Deiner Seite. Ich helfe Dir.“ Es gibt nichts Schöneres, als Gott ein bisschen nachzumachen.

Und wenn es Ihnen schon ab und zu so gegangen ist und auch der Generation, die vor Ihnen hier war und der davor usw. – eine lange Kette von tröstlichen und ermutigenden Erfahrungen über 150 Jahre –, das wäre einmal eine Geschichtsschreibung, eine Geschichte der Ermutigung, der immer wieder neu wachsenden, immer wieder nachwachsenden Hoffnung.

Ja: Woraufhin eigentlich?

„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“

Die rechte Hand, die uns Halt gibt und Orientierung weist in die Richtung der Gerechtigkeit Gottes in dieser Welt. Sie hält uns fest und lässt uns zugleich unsere Welt mit den Augen Gottes sehen, mit einer ganz besonderen Liebe zu denen, die ausgegrenzt, missachtet, misshandelt werden, die in wachsender Zahl herausfallen aus der öffentlichen Wahrnehmung.

Um welche ungeheuerlichen Dimensionen es dabei gehen kann, zeigt die Geschichte des Nationalsozialismus in unserem Land.

Auch hier im Johannesstift wurden damals Zwangsarbeiter beschäftigt, wurden Patienten ausgeliefert, in die Tötungsanstalt Meseritz-Obrawalde verbracht und getötet. – Wer sich von der rechten Hand Gottes in seiner Gerechtigkeit festhalten lässt, schwebt dadurch nicht einfach über allen Konflikten, allem Unrecht, aller Verstrickung in Schuld und Versagen.

Wem aber – damals wie heute – trotz alledem das Hinhören auf Gottes Wort in irgendeinem Winkel seines oder ihres Herzens noch möglich ist, der und die wird auch in solchen Augenblicken größter Finsternis, zutiefst berührt auf Gott, auf die Stimme des Propheten hören:
„Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“. Gott ist da, auch wenn es ganz finster ist, das Gefühl sich ausbreitet, er sei nicht da, habe uns im Stich gelassen. Er steht neben dir, geht mit dir und beklagt das Unrecht, hält dich fest und leidet mit an Deiner Seite. Auch durch die Willkür von Terrorherrschern wird Gottes Gerechtigkeit nicht außer Kraft gesetzt. Am Ende aller Tage wird sich vor den Augen der ganzen Welt offen zeigen, was es mit dieser Gerechtigkeit wirklich auf sich hat.

Wer liebt, ist voller Sehnsucht, ist verletzlich – und genau das mutet Gott uns zu. Zu viel Unrecht gibt es und noch zu wenige, die, wie Gott, nicht nachgeben wollen in ihrem Verlangen nach besseren, menschlicheren Lebensbedingungen gerade für die Ärmsten der Armen. Und mit jedem Schritt weiter auf diesem Weg, den wir gemeinsam gehen, und sei er auch noch so klein, noch so alltäglich, geben wir diesem alten Wort Gottes von damals Recht, lassen es wahr werden in uns und um uns herum. Wir müssen nicht tatenlos zusehen, wie immer mehr Unrecht geschieht.

Ich kenne Ihre Erfahrungen nicht, lassen Sie mich deshalb ein Beispiel aus meinem Leben, aus meiner Arbeit nehmen: Jede Woche erfahren wir von Kindern, die vernachlässigt, gequält, geschlagen oder gar umgebracht werden. Wir sind immer wieder neu erschrocken, mögen uns nicht vorstellen, was diese Kinder zu leiden haben.

Im letzten Herbst haben wir ein Projekt initiiert mit Namen „Känguru“, das einen kleinen Beitrag der Vorsorge für Eltern in den ersten Monaten nach der Geburt eines Kindes leisten soll. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen gehen in die Familien und helfen entweder bei der Betreuung der älteren Kinder oder kümmern sich um den Säugling, damit die Mutter mal schlafen kann, oder gehen Einkaufen oder, oder … – ein- bis zweimal in der Woche. Sollten die Ehrenamtlichen den Eindruck haben, dass hier mehr gebraucht wird, vermitteln sie weitere Hilfe bzw. sagen den Eltern, wohin sie sich wenden können bzw. begleiten sie auch.

Das Känguru wird auch demnächst vom Johannesstift aus zu Familien loshüpfen. Über 40 Ehrenamtliche gibt es bereits, von Anfang 20 bis 70 Jahre alt, die gut vorbereitet, gut vernetzt und engagiert eine wichtige Aufgabe übernommen haben und damit einen Beitrag leisten, dass Unrecht gar nicht erst geschieht, dass es möglichst nicht zu Überforderungssituationen kommt.

Und wenn Sie, wenn wir uns umsehen, ist festzustellen, damit sind wir nicht allein. Auch andere engagieren sich, auch andere sind auf dem Weg, setzen ihre Kreativität, ihre Zeit, ihre Kompetenzen, ihre Zuwendung ein, damit Unrecht widerstanden, Leben gelingen kann – und das hier im Johannesstift, darüber hinaus, ja weltweit. Davon erfahren wir wenig. Das taugt leider nur selten für Schlagzeilen. Sich für einen Moment bewusst zu machen, da sind ja noch andere, die sich engagieren, dem nachzugehen, vermittelt einen Eindruck, als ob Gott uns höchst selbst mit seiner Hand berührt..

Und wie soll es weitergehen?

Wir beklagen Werteverlust in unserer Gesellschaft, sehen mit Bangen auf die sinkende Zahl von Kirchenmitgliedern. Unsere diakonische Arbeit ist zu fast einhundert Prozent abhängig von Fremdmitteln, die auf diese Weise auch die Rahmenbedingungen bestimmen. So treibt uns die ständige Sorge um, wie wir unsere Ansprüche als Diakonie an unsere Arbeit auch umsetzen können.

Wir arbeiten an unserem diakonischen Profil, weil große Teile unserer Mitarbeitenden nicht Mitglied der Kirche sind, von den Grundlagen des Christentums wenig oder gar nichts wissen.

Müssen da nicht folgerichtig der Glaube, die Liebe zu den Menschen und das Vertrauen in die Nähe Gottes auf der Strecke bleiben? Das liegt zum großen Teil an uns selber, ob wir in Resignation verharren statt das ernst zu nehmen, woran Menschen wie Wichern auch in Zeiten von Rückschlägen festgehalten haben: an diesem Wissen von Gott, der mit einem unterwegs ist, an dem Festhalten an der Hoffnung, dass Gottes Liebe und Gerechtigkeit sich eines Tages durchsetzen werden.

Und wie viele Mitarbeitende tun jeden Tag ihre Arbeit hier im Johannesstift und in der Diakonie: pflegen, beraten, heilen, trösten, ermutigen – und dies trotz der Schwierigkeiten, trotz Rückschlägen, aus der Haltung heraus: das Beste zu wollen und zu geben für die sich ihnen anvertrauenden Menschen. Und wie viele fühlen sich dazu ermutigt und befähigt durch diesen Gott, der uns immer wieder dieses „Fürchte dich nicht“ zuruft.

Mit Ihrer Arbeit hier setzen sie Zeichen, viele Zeichen jeden Tag, dass diakonische Arbeit erfolgreich ist, Menschen, ob klein oder groß, eine neue Chance zu einem gelingenden Leben erhalten. Sie setzen Zeichen für eine qualifizierte, den Menschen zugewandte und ihre Würde bewahrende Pflege. Und das dürfen Sie sich nicht nehmen lassen bei allen Verunsicherungen, die von den Diskussionen um andere Konzepte von Sozial- und Gesundheitspolitik ausgehen.

Sie sind und sollten es bleiben, ob Sie haupt- oder ehrenamtlich hier mitarbeiten, Träger(innen) der Hoffnung, dass Gottes Gerechtigkeit sich durchsetzen wird, dass es sich lohnt, zu glauben, zu lieben und zu hoffen – und hinzuhören, wenn Ihnen gesagt und mit auf den Weg gegeben wird: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.“

Amen.