Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 42,1-7 und Markus 1,7-11

Pfarrer Matthias Blaha (rk)

08.01.2012 in der Pfarrkirche St. Anton in Ingolstadt

anlässlich eines Gottesdienstes zum Fest "Taufe des Herrn"

Wenn sich der Himmel öffnet

* Alfons ist ganz aufgeregt. Er kann nicht ruhig sitzen bleiben. Im Wohnzimmer rückt er ein Kissen auf dem Sofa gerade, dann zündet er die Kerze auf dem Esstisch an und probiert ein letztes Mal das Risotto, das gerade fertig geworden ist. Denn gleich wird Bettina kommen, jeden Moment kann sie klingeln.
Als Alfons die Türglocke hört, macht sein Herz einen Sprung. Mit einem Strahlen auf dem Gesicht öffnet er die Tür. Die beiden umarmen sich innig. Bettina sagt: „Ich hab dich so vermisst!“ – „Schön, dass du da bist, mein Schatz!“ antwortet Alfons, und Hand in Hand gehen die beiden ins Wohnzimmer. Sie setzen sich ganz nah zueinander auf das Sofa, erzählen sich, wie ihr Tag war, schen­ken sich liebe Worte und bleiben lange schweigend und eng umschlungen sitzen. Weder Alfons noch Bettina merken, wie die Zeit vergeht, doch als sie sich vom Sofa erheben, ist die Kerze auf dem Tisch abgebrannt und das Risotto in der Küche längst kalt. Bettina lacht: „Ist doch egal. Mit dir auf dem Sofa war’s einfach himmlisch. Komm, und jetzt machen wir das Essen wieder warm.“

* Diese kleine Geschichte von Alfons und Bettina lässt Sie, liebe Schwestern und Brüder, vermutlich zu dem gleichen Schluss kom­men wie mich: Klarer Fall, die beiden sind verliebt! Sie können gar nicht genug kriegen voneinander; und wenn sie zusammen sind, verlieren Raum und Zeit wie auch das Risotto ihre Bedeutung. Alfons und Bettina sind richtig glücklich miteinander und empfin­den ihr Zusammensein, wie Bettina formuliert hat, als himmlisch. Ja, für die beiden hat sich der Himmel geöffnet!

* Dass sich der Himmel öffnet, passiert aber nicht nur Verliebten.
 Der Himmel öffnet sich für gute Freunde, wenn sie sich treffen, gemeinsam Spaß haben, aber auch Tiefsinniges miteinander bespre­chen.
 Der Himmel öffnet sich, wenn der Opa zum ersten Mal sein Enkelkind in den Armen hält.
 Und der Himmel öffnet sich auch dann, wenn der Ehemann nach vierzig gemeinsamen Jahren sich zärtlich, achtsam und rücksichts­voll um seine schwerkranke Frau kümmert und die zu ihm sagt: „Du bist das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist!“

* Der Himmel öffnet sich immer dann, liebe Schwestern und Brüder, wenn Liebe – und zwar wirkliche Liebe – erfahren und verschenkt wird. Dann verliert das Getriebe der Welt drumherum seine Bedeu­tung, dann will die Liebe ganz intensiv gespürt, verkostet und genossen werden. Und eben dann steht der Himmel offen – mitten auf der Erde, mitten im Leben.

* Diese Erfahrung, dass der Himmel offen steht, hat auch Jesus gemacht, wie uns der Evangelist Markus am heutigen Sonntag berichtet.
Inmitten einer riesigen Menschenmenge steht Jesus am Ufer des Jordan. Alle sind gekommen, um sich von Johannes taufen zu las­sen als Zeichen, dass sie ihre Fehler eingesehen haben und bereuen. Obwohl Jesus keine Fehler hat, solidarisiert er sich mit den Sün­dern, um ihnen zu zeigen: Bei euch will ich sein! Mit euch will ich leben! Und so lässt er sich ebenso taufen wie sie.
In diesem Augenblick spürt Jesus die Liebe Gottes in ihrer ganzen Fülle. Jesus erfährt: Ich bin Gottes Sohn! Gott liebt mich. Gott hat Gefallen an mir. Das macht Jesus grenzenlos glücklich. So grandios ist dieses Erlebnis, dass alles andere in den Hintergrund tritt; das Gedränge, der Trubel und der Lärm um Jesus herum verlieren an Bedeutung. Für Jesus hat sich der Himmel geöffnet durch die Erfah­rung der Liebe Gottes.

* Liebe lässt auch für Jesus den Himmel offenstehen – und dieses Erlebnis ist zentral wichtig für ihn. Bislang hat Jesus etwas dreißig Jahre lang ein ganz normales Leben gelebt in einem unscheinbaren Dorf namens Nazaret. Er ist aufgewachsen wie jedes andere Kind und jeder andere Jugendliche auch, er hat einen Beruf gelernt und ist Zimmermann geworden wie sein Vater; öffentlich ist er bisher nicht in Erscheinung getreten.
Doch diese überwältigende Erfahrung, von Gott geliebt zu sein, die Jesus bei seiner Taufe macht, verändert alles.
 Ab seiner Taufe tritt Jesus öffentlich auf.
 Weil Jesus sich in der Taufe von Gott als geliebter Sohn erfährt, kann er ab jetzt den Menschen vermitteln, dass auch sie Gottes geliebte Töchter und Söhne sind und dass sie ihren Gott ganz unkompliziert als „Papa“ anreden dürfen. Deshalb bringt er ihnen das Vaterunser bei und erklärt ihnen immer und immer wieder: Gott hat euch lieb und ist niemals böse auf euch, er tut euch nur Gutes und nichts Schlechtes.
 Weil sich für Jesus in der Taufe der Himmel geöffnet hat, kann er ab jetzt dazu beitragen, dass sich auch für seine Mitmenschen der Himmel öffnet. Das tut Jesus, indem er den Menschen, denen er begegnet, ganz viel Liebe schenkt – jeweils auf die Art und Weise, wie sie ihnen gut tut. Den Einsamen bietet Jesus seine Freundschaft an – das macht sie glücklich, der Himmel öffnet sich für sie. See­lisch und körperlich Kranke heilt Jesus – auch für sie steht der Himmel offen. Und auch den Versagern, den Außenseitern und den Traurigen öffnet Jesus den Himmel, indem er ihnen seine Nähe schenkt.

* Jesus hat bei der Taufe Gottes Liebe gespürt, deshalb kann er ab jetzt diese göttliche Liebe weiterschenken. Für Jesus hat sich in der Taufe der Himmel geöffnet, deshalb kann er ab jetzt den Himmel öffnen für seine Mitmenschen.

* Und das macht er noch heute.
Wann immer Sie, liebe Schwestern und Brüder, Liebe geschenkt bekommen – von Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin, von Kindern und Enkeln, von Eltern und Großeltern, von guten Freunden oder von sonst einem lieben Menschen –; wann immer Sie wirkliche Liebe geschenkt bekommen, öffnet sich auch für Sie der Himmel, und die Welt hält einen Augenblick den Atem an. Immer dann ist Gott am Werk, der Ihnen aus dem geöffneten Himmel zuruft: Du bist meine geliebte Tochter! Du bist mein geliebter Sohn! An dir habe ich Gefallen gefunden.
Ich wünsche Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, dass Sie die Ihnen geschenkte Liebe genießen können. Und ich bitte Sie, diese erfah­rene Liebe weiterzuschenken an diejenigen, die darauf warten. Denn jeder Mensch soll erleben dürfen: Unbändig schön ist es, wenn sich der Himmel öffnet!