Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 42,16-21

Pfarrer Dr. theol. Sascha Flüchter (ev)

23.04.2010 im Synodalgottesdienst des Ev. Kirchenkreises Düsseldorf

Jubilate 2010

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder: Was ist noch übrig von Ostern?

Ich meine jetzt nicht die Ostereier und Schokohasen. Die hab ich – ehrlich gesagt – schon im Lehrerzimmer abgestellt, aus reinem Selbstschutz, damit ich die nicht alle alleine aufesse. Die sind jetzt alle weg.

Ich meine auch nicht die Reste des Osterstrauches, die inzwischen den Weg alles Vergänglichen genommen hat. Auch der ist weg.

Ich meine auch nicht die Erholung der Osterferien. Die hat sich leider auch nicht sehr lange gehalten. Und jetzt kommt das Synodenwochenende… Mehr brauche ich wohl nicht zu sagen!

Nein, das alles meine ich nicht. – Sondern: Was ist mit der Botschaft? Der Botschaft, die wir uns zugerufen haben am Ostermorgen: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden!

Was ist mit der Erneuerung, von der der Wochenspruch für die kommende Woche spricht: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden (2Kor 5,17).

Was ist daraus geworden: Jesus ist auferstanden. Gott hat dem Tod die Macht genommen. Die große Grenze unseres Lebens und unserer Hoffnung ist gefallen. Eine völlig neue Perspektive hat sich uns eröffnet. Auf die Zukunft unseres Lebens und die Zukunft dieser Welt…

Soweit die Theorie. Aber ist davon etwas angekommen bei uns? Ist tatsächlich Neues geworden in unserem Leben, in unserem Denken, Fühlen und Handeln. Oder ist jetzt doch alles wieder beim Alten?

Ja, wenn ich ehrlich bin… Es ist eben nicht so einfach mit dem Neuen. Oder besser gesagt mit alt und neu. Mit dem Blick nach vorne und dem Blick zurück. Mit der der Zukunft und der Vergangenheit.

Der heutige Predigttext handelt davon. Es ist der Vorschlag der neuen Perikopenreihe der Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden für den Sonntag Jubilate. Ich lese aus Jesaja 43 die Verse 16 bis 21:

So spricht der HERR, der im Meer einen Weg und in starken Wassern Bahn macht, der ausziehen lässt Wagen und Rosse, Heer und Macht, dass sie auf einem Haufen daliegen und nicht aufstehen, dass sie verlöschen, wie ein Docht verlischt:

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?

Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde. Das Wild des Feldes preist mich, die Schakale und Strauße; denn ich will in der Wüste Wasser und in der Einöde Ströme geben, zu tränken mein Volk, meine Auserwählten; das Volk, das ich mir bereitet habe, soll meinen Ruhm verkündigen.

Der Predigttext, liebe Gemeinde, richtet den Blick zunächst zurück in die Vergangenheit: Der Exodus, der Auszug aus Ägypten, das Urdatum der Befreiung des Volkes Israel.

Der Name Gottes ist Programm: »Ich bin da« tritt unüberbietbar in Aktion. Was auch passieren mag, Israel ist niemals alleine, nie ganz verloren:

Der nur noch ganz schwach glimmende Docht wird nicht verlöschen, sondern wird neu entfacht zu einer Fackel der Hoffnung. Die Feuer der Knechtschaft aber und der Zerstörung, die haben nicht mal mehr einen Funken Hoffnung.

Daran erinnert der Text. Daran erinnert Gott selbst sein Volk!

»Erinnerung« ist das Lebenselixier Israels: Aus ihr erwachsen Kraft und Mut für die Zukunft. – Besonders in schweren Zeiten. Wie im babylonischen Exil, aus dem der Predigttext zu uns spricht.

Umso mehr muss man sich wundern, wie es da weitergeht im Text: Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige!

Das ist der Stoff aus dem die exegetischen Diskussionen sind, die dann mehrere Regalmeter in den Bibliotheken füllen. Die Frage lautet doch: Was ist mit dem »Früheren« gemeint, an das nicht mehr gedacht werden soll?

Nahe liegend ist zunächst das im Text nahe liegende: Der Exodus, die Rettung des Volkes in der Vergangenheit. – Aber das kann doch wohl nicht sein! Wo doch die Erinnerung daran für Israel lebenswichtig ist. Wenn Israel den Exodus vergisst, dann ist es nicht mehr Israel! Das kann hier nicht gemeint sein.

Was aber nicht heißt, dass es nicht doch ganz leicht passiert, solches Vergessen.

Aktuelle Probleme und Sorgen haben nämlich die schlechte Angewohnheit, sich in den Vordergrund zu drängen. Sie sind so dominant und bestimmend, dass hinter ihnen all die guten, schönen, heilsamen Erfahrungen und Begegnungen plötzlich ganz weit weg erscheinen. So weit weg, dass sie fast nicht mehr wahr sind. So weit weg, dass sie keine Bedeutung mehr zu haben scheinen für die Gegenwart und die Zukunft.

Dabei können sie gerade in schwierigen Zeiten eine Quelle der Ermutigung und Stärkung sein. Wie Wasserströme in der Wüste. – Sie zu vergessen, wäre fatal: »Das Vergessen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.«

Nein, die ermutigenden Erinnerungen zu vergessen, das kann der Predigttext nicht fordern. Aber uns kann das leicht passieren. Gerade wenn es schwierig wird, müssen wir darauf aufpassen, müssen wir uns gegenseitig immer wieder an das »Erinnern« erinnern.

Wenn aber mit dem »Früheren«, an das nicht mehr gedacht werden soll, nicht die guten und heilsamen Erfahrungen der Vergangenheit gemeint sind, dann sind es vielleicht die schlechten und schmerzhaften Erinnerungen.

Ist es das, was Gott seinem Volk sagt? Denkt nicht mehr an die Katastrophe. Vergesst die Bilder der Zerstörung. Achtet nicht auch auf, das was gewesen ist. – Ist das gemeint?

Das ist möglich. Ja, es ist sogar einleuchtend und verständlich. Aber auch genauso gefährlich!

An negative Erfahrungen, gemachte Fehler, erfahrene Verletzungen, schmerzhafte Verluste, an die denkt niemand gern, soviel ist klar. Und oft geben wir uns regelrecht Mühe und stecken viel Energie darein, sie zu vergessen, ja eigentlich mehr sie zu verdrängen.

Und da liegt die Gefahr: Denn das Verdrängen geht in der Regel irgendwann schief. Je mehr wir verdrängen, desto mehr werden wir bedrängt. Je mehr und weiter wir davonlaufen, desto schneller werden wir verfolgt. Je mehr wir uns verstecken, desto schlimmer werden wir heimgesucht.

Von unserer Vergangenheit können wir uns nicht befreien, liebe Schwestern und Brüder, aber wir können in unserer Vergangenheit frei werden und mit ihr.

Erinnern – auch wenn es schmerzhaft ist – hilft dabei. Hilft, dass gerade die negativen Erfahrungen und die schmerzhaften Erlebnisse einen angemessenen Platz in unserem Leben bekommen, damit sie nicht übermächtig werden alles andere überschatten:

Ja, es stimmt: »Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.«

Doch die Worte Gottes bleiben bestehen: Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige!

Ich glaube, liebe Gemeinde, diese Worte sind nur zu verstehen, wenn man den nächsten Satz mit dazu nimmt: Siehe, ich will ein Neues schaffen, sagt Gott, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht?

Das ist das Entscheidende: Gott wird etwas Neues schaffen. Gott kann etwas Neues schaffen, wie an dem Tag, als er den Himmel und die Erde gemacht hat. Etwas Neues, wo niemand es vermutet, notfalls sogar aus dem Nichts.

Deshalb sind wir nicht für immer festgelegt auf das Alte. Sind wir nicht auf ewig an die Fehler der Vergangenheit gebunden. Neues kann werden und Neues wird werden.

Und im Licht des Neuen kann dann auch der schmerzhafte Blick zurück gewagt werden. Das Neue, das Gott schafft, bringt all die Erfahrungen und Erlebnisse – gute wie schlechte – in unserer Biographie unter: Ohne zu verdrängen, ohne zu banalisieren, ohne zu leugnen. Und damit schafft Gott Raum für die Zukunft.

Der Prophet malt uns das bildlich vor Augen: Gott gibt uns einen Weg in der Wüste, auf dem wir sicheren Fußes durch lebensfeindliches Terrain gehen. Er schafft Wasserströme in der Einöde und verwandelt die Wüste in ein fruchtbares Paradies.

Die Wüstentiere wissen nicht wie ihnen geschieht. Verwundert zieht der Strauß zieht den Kopf aus dem Sand und der Schakal stellt erstaunt das Heulen ein.

Wo aller Augenschein und alle Erfahrung dagegen sprechen, schafft Gott einen neuen Weg in die Zukunft, der Israel, sein erwähltes Volk nach Hause bringt.

Das Vertrauen darauf, dass Gott immer und überall Neues schaffen kann, lässt Israel selbst in den dunkelsten Stunden der Geschichte die Hoffnung nicht verlieren. Dass selbst das unvorstellbare Leiden der Schoa Israels Hoffnung nicht hat auslöschen können, lässt uns ahnen welch unglaubliche Kraft in der Verheißung des Neuen steckt.

Lassen wir uns von Israel immer wieder daran erinnern!

Uns als Christinnen und Christen, wird die Verheißung des Neuen, das Gott schafft, besonders am Schicksal Jesu deutlich. Sein Tod und seine Auferstehung eröffnen uns eine neue Perspektive für unser Leben: Unser Schuld, unser Schmerz und unsere Trauer erhalten einen angemessen Platz: Am Kreuz auf Golgatha.

Und das leere Grab stellt uns unüberhörbar die Frage: »Was würdest Du tun, wenn Du nicht so traurig, so ängstlich, so verzweifelt wärst? Wie würdest du dann leben?« – Und es sagt uns dann ebenso deutlich: »Jesus ist auferstanden! – Deshalb kannst Du das jetzt tun! Deshalb kannst Du jetzt so leben!«

Gott hat etwas Neues geschaffen, Schwestern und Brüder! Deshalb können wir ganz und gar frei leben, in und mit deiner Vergangenheit. Deshalb können wir Neues und Überraschendes erwarten, selbst wo absolut nichts zu hoffen ist.

Das Neue wächst mitten unter uns! Wir werden uns noch wundern!

Wundern wie die Kollegin an der Schule, die mit ihrem Mann in diesem Winter ein Haus gekauft hat mit einem riesigen Garten. Den Winter über lag er trostlos da. Aber seit Ostern kommen die beiden aus dem Staunen nicht mehr heraus. Ständig wachsen irgendwo neue Blumen und verwandeln die kahlen Beete in ein Blütenmeer.

Vielleicht, liebe Gemeinde, bleibt uns ja das von Ostern übrig. Dass wir unser Leben – als einzelne, aber auch als Gemeinde und als Kirchenkreis – voll Spannung und Erwartung beobachten wie die beiden ihren Garten.

Dass wir in unsrem Tun und Lassen offen bleiben für das Neue, das Gott durch Jesu Tod und Auferstehung in, unter und zwischen uns wachsen lässt. Denn das sind allesamt Osterglocken. Lassen wir sie zur Ehre seines Namens klingen. Amen.