Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 43, 1-7

Vikarin Jutta Fang (ev)

07.07.2013 in der Apostelkirche in Ludwigshafen

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen
Der heutige Predigttext steht in Jesaja 43, die Verse 1-7.

Gott, segne du unser Reden und unser Hören durch deinen Heiligen Geist. Amen.

Liebe Gemeinde,
ein menschliches Auge – postkarten-groß, überlebensgroß. Die Wimpern sind gut zu sehen, der Ansatz der Augenbrauen ist grade noch abgebildet. Die Augenlieder, die Hautfältchen und winzigen Härchen sind gut sichtbar. Der Augapfel mit Pupille stehen im Zentrum – blicken mich direkt an. Besonders faszinierend die Iris, nicht braun, grün oder blau wie bei mir, sondern bunt: Von hell bis dunkelblau alle Schattierungen sind vertreten. Ganz unten ragt ein wenig Polarweiß ins Meeresblau hinein. Grün, so saftig und kräftig wie Urwaldlaub, Erdbraun, gelb – helles Wüstengelb. Ja die gesamte Weltspiegelt sich in diesem Auge wieder. Die Iris ist die Weltkugel eingebettet im weißen Augapfeluniversum. In der Mitte die schwarze Pupille. Ein enorm faszinierendes Bild, eines meiner Lieblingsbilder.
Wenn ich durch die Weltgeschichte spaziere, sehe ich winzige Ausschnitte: Landschaften, Räume, Gegenstände. Bei mir im Auge spiegeln sich die Kerzen vom festlich gedeckten Essenstisch, spiegelt sich mein Gegenüber.

Die Erde ist unvorstellbar groß, mit vielfältiger Flora und Fauna. Unter all dem der Mensch. Menschen begegnen großen Bergen und Gebirgen, tiefen Seen und Meeren, dichten Wäldern, ebenen Wiesen, weitläufigen Steppen, fruchtbaren und öden Gegenden, sengender Sandwüste und frostiger Eiswüste. Der Mensch ist allen Wetterextremen ausgesetzt ohne Panzer, statt dessen Creme als Sonnen- Kälte-, Wind- und Wetterschutz. Empfindliche Haut, sensibler Körperbau, im Vergleich zu der Tier- und Pflanzenwelt ohne herausragende Fähigkeit. Wir können nicht klettern wie Affen, nicht rennen wie der Jaguar, uns nicht tarnen wie das Chamäleon, nicht fliegen, schlecht schwimmen. Wer ist der Mensch? Die Fachwelt spricht nicht selten von einem Mangelwesen. Wenn ich es so recht bedenke fühle ich mich als Mensch ganz klein und hilflos auf der Erde. Winzig im Vergleich zum Blauwal, schwach im Vergleich zur Ameise, die ein Vielfaches von ihrem Körpergewicht tagtäglich tragen kann. Der Mensch klein und unbedeutend.

Ein Glück haben wir wenigstens unseren Daumen, der verleiht uns eine enorme Fingerfertigkeit. Mit dieser Fingerfähigkeit sind wir in der Lage unsere Defizite mit Erfindungen, wie dem Rad und der Kleidung auszugleichen. Wer ist der Mensch, Gott, dass du seiner gedenkst?

Augenblick mal
Im heutigen Predigttext heißt es: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Erlöst wovon, von Wüste, Meer und Gebirge etwa? Gewiss nicht, diese unbegreiflichen Weiten führen mir weiterhin vor Augen wie klein und unbedeutend der einzelne Mensch ist. Ein Mensch unter vielen Menschen. Menschenmassen, trotz Geburtenrückgang, trotz menschengemachten Unfällen, trotz Naturkatastrophen. Doch ich, als einzelner bin nicht austauschbar. Ich habe einen Namen und der gehört zu mir. Mit meinem Namen bin ich ansprechbar. Meine Freunde, meine Familie, meine Kollegen, jeder der meinen Namen weiß kann mich ansprechen und ich weiß ich bin gemeint. Auf meinen Namen bin ich sozusagen trainiert. Namen haben Bedeutung, oder Leon vom lateinischen leo – Löwe, Hans eine Kurzform von Johannes: Gott ist gnädig. Elisabeth die Gott geweihte. Wer ist denn eigentlich Paul? Paulus, der Kleine. Eine ganze Schulklasse voller Namen: 2, 3 sogar 4-mal der gleiche Name unterschiedlich geschrieben zwar, aber gleich im Klang. Namen sind Schall und Rauch, schwer zu merken, umso schneller vergessen.

Augenblick mal
Ach wie gut das Niemand weiß, dass ich mm mm m m heiß!
Welche Macht haben Namen? Nicht nur in Märchen. Ich erinnere mich noch gut an die Hänseleien auf dem Schulhof: Alle Kinder fahren Boot nur nicht Gunter, der liegt drunter; alle Kinder sitzen um das Lagerfeuer, nur nicht Brigitte die sitzt in der Mitte. Solch ein Zorn, unbeschreibliche Wut keimt, brodelt, sprudelt heraus, wenn der eigene Name verschandelt wird, zum x-ten Mal falsch geschrieben wird. Namen nur Schall und Rauch? Ich habe schon so manchen Kopf rauchen sehen vor Zorn, schon so manche Stimme schallen hören, weil es eben nicht so leicht zu übergehen ist, wenn der eigene Name verschandelt wird. Unabhängig davon ob man selbst den eigenen Namen nun mag oder nicht, irgendwie fühlt man sich entstellt – andere haben nicht das Recht so respektlos mit dem Namen umzugehen.

Augenblick mal
Namen sind Schall und Rauch – dieses geflügelte Wort, stammt von Goethe er schrieb es im ersten Faust. Es beginnt mit der sogenannten Gretchen-Frage: „Sag wie hältst du´s mit der Religion? Der Wissenschaftler Faust fühlt sich mit einem mal unwohl in seiner Haut und möchte nicht so recht raus mit der Sprache, ausweichend antwortet er:
Nenn es dann, wie du willst,
Nenn´s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.
Ja, wenn ich dort ein wenig genauer hinsehe, zeigt sich mir folgendes Bild: Gefühl ist alles, Name ist Schall und Rauch – Menschen zu denen ich keine Beziehung habe, weder Sympathie noch Antipathie hege, deren Name kenne ich nicht. Begegnungen mit Menschen die mich nicht berühren, keine positiven oder negativen Gefühle wecken, solche Begegnungen sind flüchtige Erscheinungen, wie Schall und Rauch. Die Namen von diesem Herrn X und der Frau Y sind meist schneller vergessen, als gehört. Wenn ich mit einem Menschen emotionale, gefühlvolle Erinnerungen und Erfahrungen verknüpfe, dann erhält dessen Name auch eine Füllung, der Name wird mit Bedeutung gefüllt. Teilweise haben Namen solch eine starke Prägung, dass ein neues Menschenkind unbedingt so heißen soll, wie die liebevolle Tante Louise oder ganz bestimmt nicht so heißen darf wie das nervige Nachbarskind Kathrin.

Augenblick mal
Ich habe dich bei deinem Namen gerufen du bist mein, sagt Gott zu Jakob. Gott ist bekanntlich allmächtig. Da Gott mich bei meinem Namen gerufen hat, schwebt diese Allmacht um mich herum. Auch wenn das Wasser mir bis zum Halse steht, Gott ist bei mir, Gott geht für mich durchs Feuer. Wenn ich so sehr geliebt werde brauche ich mich nicht zu fürchten. Gott macht alles für Jakob, für mich: er hat Ägypten als Lösegeld gegeben, die Stätten Kusch und Seba stellvertretend für mich, weil ich so wertvoll bin. Gott liebt mich so, ich bin so teuer wie mehrere Völker, die stellvertretend für mich ihr Leben lassen.

Augenblick mal
Will ich das? Mein Leben aufgewogen mit dem Leben ganzer Völker? Ich habe unweigerlich das Gefühl die Völkerscharen stehen auf meinen Schultern und drücken mich nieder. Bleibt mir noch Luft zum Atmen? Wo bleibe ich mit meinen Ansichten? Hat meine Sicht der Dinge Platz?
Marisa abgöttisch geliebt von ihrem David. Er umsorgte sie stets: „Trink genug – versprich es mir.“ „Gib her ich trag dir das bis zu deinem Auto.“ So er könnte würde er alles für sie tun. Und sie liebt ihn auch. Mit der Zeit wuchs ihr Bedürfnis sich der sorgenden Kontrolle zu entziehen. Sie wurde das Gefühl nicht mehr los: ihr fehle die Luft zum Atmen. Ihr gehe die Selbstständigkeit verloren, ihr fehle der Platz für eigene Fehler, der Platz um frei atmen zu können. Schweren Herzens trennte sie sich von ihrer Jugendliebe. Lebte eine Zeitlang selbstbewusst vor sich hin, atmete durch. Und fand eine neue Liebe. Jetzt hat sie das Gefühl: Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.

Bei Gott bin ich Mensch, bei ihm darf ich sein. Er ließe mich durch Wasserströme und Feuerflammen gehen. Irren ist menschlich. Bei Gott bin ich Mensch, darf Fehler machen, kann aus meinen Fehlern vielleicht sogar lernen. Er ruft mich bei meinem Namen, spricht mich an. Seine Allmacht umgibt mich, Gott ist bei mir, immer und überall. Ich brauche mich nicht vor meinen Fehlern fürchten: Ich kann mir zutrauen auch die sogenannten Durststrecken des Lebens zu durchleben. Ich kann es wagen die hohen Gipfel meines Lebens zu erklimmen, die Aufgaben- und Anforderungsberge zu bewältigen. Und ich kann mich an die stillen Seen wagen – auch wenn stille Wasser bekanntlich tief sind. Bei Wanderungen durch die Untiefen meiner Seele, ist Gott als treuer Begleiter dabei. In seinen Augen bin ich wert geachtet. Ich darf mich wahrhaftig freuen: In Gottes Augen beachtet, wertgeachtet zu sein.

Augenblick mal
Es kann gar nicht in meinem Verantwortungsbereich liegen, wenn Ägypten als Lösegeld gegeben wird. Erleichterung! Ich merke förmlich, wie die Völkerscharen von meinen Schultern steigen. Sie sind noch da, aber drücken mich nicht mehr nieder. Wenn ich durch die Weltgeschichte spaziere, sehe ich immer nur winzige Ausschnitte: Landschaften, Räume, Gegenstände. Bei mir im Auge spiegeln sich die Kerzen vom festlich gedeckten Essenstisch, spiegelt sich mein Gegenüber. Doch da gibt es einen, der hat die ganze Welt im Blick. In Gottes Augen spiegelt sich die ganze Weltkugel. Von hell bis dunkelblau alle Schattierungen sind vertreten. Ganz unten ragt ein wenig Polarweiß ins Meeresblau hinein. Grün, so saftig und kräftig wie Urwaldlaub, Erdbraun, gelb – helles Wüstengelb. Nur er kann das Weltgeschehen überblicken. Gott hat die ganze Welt im Blick, alle Menschen die er geschaffen und bei ihrem Namen gerufen hat –jedem einzelnen Menschen spricht Gott zu: Fürchte dich nicht! Nicht nur einen Augenblick lang. In Gottes Augen ruht die Welt von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus – Amen.