Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 43,1-3

Pfarrer Gerhard Ziener

11.03.2001 in der Heilig-Geist-Kirche Degerloch

Lass die Wurzel unseres Handelns Liebe sein. Herr, lass alles hier auf Erden Liebe, Liebe werden! Liebe Gemeinde, liebe Freunde: bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen! - Natürlich, Sie haben sogleich wiedererkannt, wer da spricht: es ist der scharfe Spötter, der leidenschaftliche Beleidiger des Christentums: Friedrich Nietzsche.

Merkwürdig, oder sogar ärgerlich: Immer wieder stoße ich auf ihn, und immer ist es genau dieser anklagende, dieser vorwurfsvolle Satz: bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!

Ärgerlich, nicht wahr? Ich meine: dieser Vorwurf von Friedrich Nietzsche, oder genauer: diese doppelte Anmaßung, indem erstens so getan wird, als wisse einer genau, woran wahres Christentum, woran der wahre Glaube zu erkennen sei - und indem zweitens auch noch behauptet wird: genau das sei uns aber nicht anzusehen! Erlöster müssten sie mir aussehen, die Christen, damit man an ihren Erlöser glauben lerne.

Nun, wir könnten uns gegen diese Anmaßung natürlich schützen, wir kennen das ja: wie oft hören wir solche Sätze, dies und jenes gehöre zum Christsein hinzu, das könne man von sogenannten Christen doch schließlich erwarten: dass sie irgendwie ... na ja: zum Beispiel freundlicher sind als der Rest der Welt, nicht wahr. Oder: friedfertiger, ehrlicher, toleranter, ohne Hinterlist ... Sie verstehen, was ich meine: das sind Anmaßungen und Anfragen, denen wir uns tagtäglich ausgesetzt sehen. Wir könnten sagen: was schert uns das! - Aber auch manch einem von uns hat sich ja schon das eine oder andere Mal der Stoßseufzer entrungen: und so etwas unter Christen, so etwas in der Kirche! - Wer von uns hätte nicht schon oft genug erlebt, wie auch in der Kirche eben nicht nur ganz normale Menschen aufeinander treffen, mit ganz normalen Unzulänglichkeiten und Schwächen. Nein, es gibt auch regelrechte Ärgernisse in der Kirche, auch Kränkungen, auch Machtfragen gibt es in der Kirche, auch ganz und gar ungeistliches Vorgehen, Gott sei's geklagt.

Aber nicht darauf zielt Friedrich Nietzsche, nicht auf das Wesen der Kirche, sondern auf das Wesen des Glaubens! - Nicht ins Herz der Kirche wollte Nietzsche treffen, sondern in unser Herz: erlöster müssten sie mir aussehen! Und warum? Nun, ganz einfach: weil wir uns ja doch auf Jesus Christus als den Erlöser berufen, weil wir uns doch angesprochen und aufgerufen fühlen von dem Gott, der uns beispielsweise im 43. Kapitel des Jesajabuchs zusagt:

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.
So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst!

Liebe Gemeinde, liebe Freunde: das und nichts Geringeres steht auf dem Prüfstand: wie können wir uns sagen lassen: ich habe dich erlöst! - Und davon aber gar nichts sehen lassen, nichts ausstrahlen, nichts spürbar machen im Leben, im Alltag.

Nun, vielleicht müssen wir erst einen Schritt zurückgehen und fragen: was wird uns da eigentlich zugesagt, wenn es heißt, wir seien erlöst?

Ich sagte eben: im Leben, im Alltag, solle etwas sichtbar werden von der Erlösung, und daran will ich anknüpfen: im Leben, im Alltag. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich wie mir: Erlösung hat in unserem Sprachgebrauch ja leider all zu oft den Beigeschmack des Sterbens und des Todes. Fast jeder hat es schon gedacht und empfunden, viele haben es selber so erlebt und etliche sagen das, wenn jemand nach schwerem Leiden sterben konnte: jetzt ist er, jetzt ist sie wenigstens erlöst - dabei wollte man eigentlich sagen: jetzt ist jemand durch den Tod alles losgeworden, alles, und vor allem die Schmerzen, das Leiden, das Sterben. Und auch die, die so sprechen, die Trauernden, die Angehörigen - auch die sind ja dann meist etwas losgeworden, nämlich: die Angst, die Fessel ans Krankenbett, das Warten auf die Schwester, das Hören auf den Atem, all das wird man los, wenn jemand stirbt, ohne dass man denjenigen oder diejenige ja damit los werden will. Aber jetzt ist er, jetzt ist sie endlich erlöst. Wir verstehen, was damit gemeint ist, und ich widerspreche den Trauernden in der Regel nicht. Obwohl ich lieber hören und zu Gehör bringen würde, was der Prophet Jesaja eigentlich sagt: Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst! Dich, nicht den Sterbenden! Dich, mitten im Leben! Dich, heute an deinem Geburtstag! Ich darf das verraten, und einige haben es auch bemerkt: heute sind Gäste unter uns. Der Grund ist ein Geburtstag, der mit einem Gottesdienst beginnen soll. Wie schön, herzlich willkommen! Das ist ja auch der Grund, dass ich vom Predigttext abgewichen bin. Herzlichen Glückwunsch! Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst: ja, erlöst. - Und dieses Wort: Erlösung meint im Mund des Propheten ja offensichtlich alles andere als: im Tod erlöst, sondern vielmehr: ins Leben zurückgeholt! - Hören Sie nur, was wir beispielsweise im 3. Buch Mode über Erlösung lernen: Wenn dein Bruder verarmt ist und deshalb etwas von seiner Habe verkaufen muss, so soll sein nächster Verwandter kommen und einlösen, ablösen, was sein Bruder verkauft hat. Wenn aber jemand keinen Auslöser hat und selbst so viel aufbringen kann, um es einzulösen, soll er die Jahre abrechnen, seitdem er's verkauft hat, und was noch übrig ist, dem Käufer zurück zahlen und so wieder zu seiner Habe kommen.

Liebe Freunde: Das ist der Ursprung, das ist Erlösung! Das ist Linderung, Erleichterung, Befreiung! Da geht es ganz handfest um Schuld und um Schulden, da geht es um nichts Geringeres als um die Frage, wie ein Leben trotz Schuldverhältnissen neu gewonnen wird. Und wo die eigene Kraft und die Mittel fehlen, um wieder Grund unter die Füße zu bekommen, festes Land, das Ertrag abwirft, da soll ein Erlöser einspringen, damit Leben wieder möglich wird. - So soll das sein in Israel und nicht erst im Himmel! Erlösung ist ein Gemeinschaftsgeschenk, Erlösung ist das Fertigwerden mit der Schuld, die ich selber nicht mehr abtragen kann, weil ich einfach nicht mehr die Mittel dazu habe!

Aber Gott hat die Mittel. Gott hat die Größe und die Entschlossenheit, mir, dir, uns das zu geben, was uns wieder frei atmen lässt. Gott schafft Gründe, dass wir wieder froh und erleichtert und erlöster zu Werke gehen können.

Aber wird man uns das dann auch ansehen?

Liebe Freunde: Ich hoffe doch! - Ich hoffe doch, dass an uns selbst immer wieder etwas erkennbar wird von der Erlösung. Man könnte ebenso gut sagen: der Befreiung, die uns widerfährt, sobald wir hören und spüren: da sagt uns Gott etwas zu, worauf wir gewartet haben. Ich habe dich erlöst, ich habe dir Trost und frohen Lebensmut geschenkt, weißt du noch: als du durchs Wasser musstest. Gott war bei dir, dass dich die Ströme nicht ersäufen. Und als du durchs Feuer musstest, und doch nicht verbrannt bist. Dein Leben zeigt wohl die Zeichen und Brandmale, die der Weg durchs Feuer hinterlassen hat. Aber rede auch von dem, der das Feuer gelöscht hat. Rede auch von der Freundin, die ein gutes Wort plötzlich bereit hatte wie zur Erfrischung, einen guten Moment Zeit, einen Lichtblick lang Geduld. Erzähl doch von der Hand Gottes, die wie ein Mantel sich um dich gelegt hat. Gedenke auch der Zeichen und Wunder Gottes, die durch Feuer, durch Wasserfluten hindurch vor dir her. In Ängsten, doch siehe: wir leben! Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst.

Liebe Gemeinde: das war die Ausgangsfrage: ob man unserem Leben denn ansieht, wenn es ein christliches Leben sein soll, ein Leben, in dem der Glaube an Gott als den Erlöser und Befreier die entscheidende Rolle spielt ...

Nun, manchmal wird uns die Antwort einfach schwer fallen: wir tragen die passende Antwort nicht immer auf der Zunge. ... Aber vielleicht mehr, als wir ahnen, im Gesicht.

Sehen Sie: einem Geburtstagskind sehen wir in der Regel doch auch an, wenn der Tag gekommen ist. Einem Menschen, der soeben aus großer Gefahr entronnen ist, sind der Schreck und die Erlösung doch ins Gesicht geschrieben.

Wie wäre es, liebe Gemeinde - wenn wir alle unsere Tage, unser Leben endlich so begreifen und ergreifen lernten: als von Gott geschenkt, nicht von eigener Hand erworben. Uns grundlos geschenkt, also so: dass wir Gründe zum Danken, zum Leben zum Lobe Gottes reichlich und täglich empfangen.

Wir würden leben mit viel weniger Furcht: Gott hat uns davon so und so oft schon frei gemacht. Und wir vertrauen heute und morgen und alle Tage auf die Kraft seines Wortes, auf die Zusage seiner Erlösung, auf das Geleit durch seinen befreienden Segen. Schmecket und sehet wie freundlich der Herr ist!