Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 43,1-7

Pfarrer Thomas Böhme-Lischewski

in der Ev. Kirchengemeinde Selm

Wohin gehöre ich? Oder: Leben in der Fremde

1.
Mit 88 Jahren schreibt Julien Green, amerikanischer Schriftsteller in Paris, in sein Tagebuch:
"Der Verbannte. So nennt man mich jenseits des Atlantiks, und diesseits betrachtet man mich ebenso. Es ist mir recht, zumal mir diese Bezeichnung ohne mein Zutun gegeben wurde, aber es gefällt mir, den Sinn des Wortes zu erweitern, bis er ins Unendliche überläuft."
Und: "Je länger ich lebe, desto deutlicher erkenne ich, dass keiner von uns auf diesem Planeten wirklich beheimatet ist."
(Julien Green, Tagebücher 1981 - 1990, München/Leipzig, 1995, 855.)

2.
Verbannte. Das sind die Menschen, an die sich eine der großen Liebeserklärungen Gottes an die Menschen richtet:
"Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!
Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner Statt, weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner Statt und Völker für dein Leben.
So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, ich will sagen zum Norden: Gib her! und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe."
Jes. 43,1-7

3.
Heimatlos, verbannt, waren die Menschen, zu denen Jesaja spricht. Gefangene in einer fremden Welt, in Babylon.
Wo gehören wir hin? ZU wem gehören wir? Gehören wir überhaupt noch irgendwohin?
Der Ort, an dem diese Menschen sind, ist nicht ihre Heimat, ist Fremde. Der Ort, das Land, aus dem sie kommen, ist keine Heimat mehr, ist zerstört. Der Weg zurück, zurück zu dem, was gewesen ist, ist versperrt. Die Menschen aus Israel, oder besser: deren Machthaber hatten im Machtkampf mit Babylon verloren. In Selbstüberschätzung hatten sie ihre Heimat aufs Spiel gesetzt. Das Volk, die Mächtigen, hatten jeden Maßstab und damit ihre Heimat verloren.
"Wo gehören wir hin? Wo, bei wem finden wir Heimat?", fragen die Menschen.
Und sie hören: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

4.
Heimatlos zu sein, in der Fremde, fremd zu sein - wie ein roter Faden zieht sich dieses Thema durch die Bibel.
Kaum ist sie entstanden, diese Welt, gerade leben die ersten Menschen auf ihr, da werden sie ihre Heimat verlieren. Adam und Eva, schon die ersten Menschen haben keinen Ort mehr im Paradies.
So erzählt die Bibel die Menschheitsgeschichte. Und das Leben das folgt ist das Leben, das wir kennen: Mitunter mühsam, anstrengend, schmerzvoll.
Ein Heimatloser wird ihr ältester Sohn Kain. In maßloser Enttäuschung über seine Misserfolge erschlägt er seinen erfolgsverwöhnten jüngeren Bruder Abel. Unstet und flüchtig, so wird sein Leben sein. Ein Getriebener seiner Schuld.
Und später: Das Volk Israel, die Menschen, zu denen Gott ein besonderes Verhältnis hat, werden auf der Suche sein nach einem Land, in dem sie leben können. Ein Land, von dem es heißt, dass darin Milch und Honig fließen. Fast wieder ein Paradies.
40 Jahre wird dieses Volk wandern, durch die Wüste, bis es dieses Land erreichen wird. Und sie werden es nicht für immer in ihrem Besitz haben. Selbstüberschätzung und mächtige politische Gegner lassen den Traum vom eigenen Land, von Heimat, von Geborgenheit, zerplatzen. Heimatlos und fremd sind die Menschen, die die Worte aus Jesaja 43 hören.

5.
Heimatlosigkeit, Fremdsein - ein roter Faden, den ich in unzähligen Geschichten der Bibel finde. Und der sich auch durch unseren Alltag zu ziehen scheint.
Einer fremden Welt blicke ich ins Angesicht, wenn ich morgens die Zeitung aufschlage. Eine Welt, in der seit Jahren um die Verringerung der Treibhausgase gerungen wird - seit Jahren ohne spürbaren Erfolg. Der CO2-Ausstoß soll verrechnet werden mit dem Betrieb von Atomkraftwerken, haben einige gefordert. Ein Risiko soll durch ein anderes ersetzt werden. Die Verantwortung wird weitergereicht, während Wissenschaftler davon sprechen und wir es vielleicht schon spüren, wie diese Welt sich langsam verändert.
Einer fremden Welt blicke ich ins Gesicht, in der sich immer noch Israelis und Palästinenser um des Besitzes von Land willen töten. Bis heute haben die Menschen in diesem Teil, wie in anderen Teilen der Welt, keine Heimat gefunden.
Eine fremde Welt blickt mir entgegen, wenn von den bis zu 10 Milliarden Dollar, die Kofi Annan, UN-Generalsekretär, zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Gelbsucht erbittet, bisher nur etwas mehr als eine Milliarde zusammen gekommen ist.
Eine fremde Welt, fremd für Menschen, die in ihr leben, blickt mir entgegen. Eine Welt, die so oft keine Heimat ist.

6.
"Je länger ich lebe, desto deutlicher erkenne ich, dass keiner von uns auf diesem Planeten wirklich beheimatet ist.", schreibt Julien Green mit 88 Jahren.
Er hat sehr genau die Welt, in der er lebt, wir leben, beobachtet. Zwei Kriege hat er erlebt. Er hat Menschen verloren, die er geliebt hat. Gerade mal 14 Jahre alt ist er, als seine Mutter stirbt. Ein Verlust, der ihn bis zu seinem Tod begleiten wird. Er sieht die täglichen Nachrichten von Zerstörung, von Hunger und Leid und schreibt von ihnen in seinen Tagebüchern.
Mit Julien Green sage ich: Nein, dieser Planet ist keine wirkliche Heimat.
Und er wird es wohl nie sein.
Davon erzählt unser Glaube. Unser Glaube, die Bibel erzählen davon, was Menschen dazu tun, dass diese Welt es nicht sein wird. Immer wieder werden Menschen heimatlos an irgendwelchen Orten dieser Welt sitzen und den Verlust beweinen. So wie die Menschen aus Israel vor ungezählten Tagen in Babylon.
Dieser Planet ist keine wirkliche Heimat. Und er wird es nie sein.
Auf seine, etwas andere Weise schreibt Julien Green davon in seinem Tagebuch: "Ich glaube, daß mehr oder weniger bewußt eine Sehnsucht nach etwas anderem in uns am Werk ist. Wäre die trotz allem geliebte Erde ein Paradies, wären alle dafür nötigen Umstände vorhanden, blieben dennoch Hunger und Dürsten nach einem schöneren Anderswo in der Tiefe unseres Selbst hartnäckig lebendig." (Julien Green, ebd.)

7.
Hungern und Dürsten nach einem schöneren Anderswo, beide sind in uns lebendig. Und ich höre sie auch in den Worten Jesajas: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!
Gottes Liebeserklärung: Sie ist ein Spiegel unserer Sehnsucht nach dem schöneren Anderswo, nach einem Ort, an dem es sich leben lässt. Seine Stimme erinnert mich an das Andere.
Sie erinnert mich daran, dass es einen Ort, eine Zeit gibt, an dem, zu der ich mich nicht fürchten muss. Es gibt einen, bei dem ist meine Furcht, meine Sorge, mein Schmerz und meine Traurigkeit aufgehoben. Er sagt zu mir: Du bist mein! Du gehörst zu mir. Bei mir kannst du bleiben.
Und er sagt: Ich kenne dich. Ich verstehe deine Gedanken von Ferne, wo immer du auch sein magst, innerlich oder äußerlich. Du musst mir nichts erklären. Nicht deine Ängste, deine Sorgen, nicht deine Traurigkeit und deinen Schmerz. Und ebenso wenig das, was du vor dir und anderen gern verborgen hältst: Die Schuld, die offenen Fragen, die dich ruhelos umher treiben.
Sein Reden, Gottes Reden, stillt meine Sehnsucht. Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.

8.
Du bist mein! Bei ihm kann ich zur Ruhe kommen. Von hier aus kann ich aufs neue auf diese Welt blicken, die so oft so wenig Heimat ist. Ich erkenne, dass vielleicht niemand von uns, auch ich nicht, hier wirklich beheimatet ist. Aber: Es schmerzt nun nicht mehr so sehr, dies zu erkennen, weil ich weiß, wohin ich gehöre: Ich bin sein.
Ich muss nicht bitter, zynisch werden angesichts dieser Welt und Wirklichkeit. Von meinem neuen, festen Standort bei ihm kann ich wieder hinsehen. Und ich kann erkennen, dass ich gebraucht werde, damit diese Welt mehr Heimat werde, zumindest Heimat auf Zeit. Ich gehöre zu ihm. Und ich kann mich an dem orientieren, was er gesagt hat.
Wenn ich dies sage, dann denke ich dabei nicht zuletzt an das, was er mir, uns sagt in den 10 Geboten. Worte, die ich nicht als Gebote höre. Sondern als Worte, die helfen sollen, dass Menschen Heimat finden. Oder eben mit Worten der Bibel: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lang lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird. Das erste Gebot, das sich auf das Zusammenleben von Menschen bezieht, spricht es aus: Wenn Kinder für Eltern sorgen, wenn, so ergänze ich, Ältere auch für Junge sorgen, wenn wir füreinander da sind als Nachbarn, Freunde, als Menschen einer Stadt, als Menschen dieser Welt, dann wird diese Welt ein Stück Heimat werden.

9.
Ich will mich an dem orientieren, was er mir aufgetragen hat, aufgetragen zu einem Leben in seiner Nähe. Damit ich, damit wir eine Heimat haben können.
Und siehe, er ist bei uns, alle Tage, bis an der Welt Ende. Fürchtet euch nicht, er hat uns erlöst. Er hat uns gerufen, wir sind sein.