Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 43,1-7

Pfarrer Teja Begrich (ev)

10.11.2013 in der St. Thomaskirche in Leipzig

75 Jahre "Kristallnacht" -Veranstaltung der Thomasgemeinde und der Leipziger jüdischen Gemeinde

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

heute ist ein schwieriger Tag! Schwierig schon ist der Name, dessen wir heute gedenken.

Wie sollen wir es nennen: Erinnerungen an die Pogromnacht? Gar Reichspogromnacht? Das nun hört sich sehr nach LTI, der Sprache des 3. Reiches an.

Dann geht wohl auch Reichskristallnacht nicht – schließlich wurde auch etwas mehr als nur Kristall zerstört und aus dem Reich ist inzwischen eine Republik geworden.

Vielleicht denken wir besser an den Monat, in dem es geschah und nennen es Novemberpogrom. Letztlich war es ja auch mehr als nur eine Nacht.

In ganz Deutschland zog es sich hin vom 7.-13. November. Etwa 10% der deutschen Bevölkerung beteiligte sich an diesen Pogromen.

In nahezu jedem Ort mit Synagoge, wurde die Synagoge zerstört.

Ich lebe in einer kleinen Stadt in Thüringen, weil dort für neun Monate Thomas Müntzer gewohnt hat, wurde sie einst Thomas-Müntzer – Stadt Mühlhausen genannt.

Da habe ich erst einmal Glück, dass ich an so einem Tag nicht aus der Lutherstadt Eisleben komme – Thomas Müntzer und die Juden, da gibt es, gottlob, keine vergleichbaren Pamphlete wie die unseres großen Reformators. Dennoch hat sich auch in Mühlhausen eher die Haltung Luthers zu den Juden durchgesetzt. Denn auch hier wurde in der Nacht vom 9. zum 10. November die Synagoge geschändet und der Rabbiner lebensgefährlich verletzt. Die Thorarollen, Akten und Bücher der Gemeinde wurden am Vormittag des 11. 11. 1938 an dem gleichen Ort verbrannt, an dem einst Thomas Müntzer geköpft wurde.

In der Gewalt gibt es offensichtlich auch eine geographische Kontinuität.

Am Abend feierte man in der Stadt „Martini“, wie immer.

Väter und Mütter gingen mit ihren laternentragenden Kindern Hand in Hand durch die Stadt! Schließlich müssen Traditionen bewahrt und im Gedächtnis behalten werden.

Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Dort oben leuchten die Sterne und unten da leuchten wir. Mein Licht ist aus, ich geh' nach Haus', rabimmel rabammel rabumm.

Keine 24 Stunden liegen zwischen dem Anzünden von Gottes Haus und dem Verbrennen von SEINEM Wort, dem Demütigen und Verprügeln von Menschen auf offener Straße und dem fröhlichen Erinnern an den barmherzigen Martin, der seinen Mantel mit dem Bettler teilte.

Die gleichen Hände setzten Synagogen in Brand und trugen bunte Laternen, die gleichen Gesichter erfreuten sich an der Demütigung und an der Barmherzigkeit.

Liebe Gemeinde, das verschlägt einem, jedes Mal auf’ s neue die Sprache.

75 Jahre sind seit dem vergangen! Die Laternen wurden weitergetragen, der Mantel des Heiligen Martin jedes Jahr auf’s neue geteilt und die Hörnchen auch. 75 Jahre lang! Als wenn in den Nächten zuvor nichts geschehen wäre.

Gottlob, erinnern wir seit einigen Jahren nicht nur an

St. Martin, sondern auch an die Novemberpogrome.

Und wir heute hier in einem Gottesdienst.

Zum Gottesdienst gehört die Predigt und darum auch der Predigttext, der aufgeschrieben ist bei Jesaja im 43. Kapitel:

1 Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! 2 Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen. 3 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner statt, 4 weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner statt und Völker für dein Leben. 5 So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir. Ich will vom Osten deine Kinder bringen und dich vom Westen her sammeln, 6 ich will sagen zum Norden: Gib her!, und zum Süden: Halte nicht zurück! Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, 7 alle, die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe.

Liebe Gemeinde, es ist wie immer: schauen wir aus dem Fenster und also in die Welt, dann sehen wir Tod und Zerstörung. Die Worte des Propheten sind noch lange nicht erfüllt. Und kein Heil nirgends.

Schauen wir jedoch in die Schrift, dann sehen wir Trost und Heil und Hoffnung! Trost gerade weil, dieser Text noch nicht Wirklichkeit geworden ist!

Für Jakob und für Israel, denn so fängt es an!
Und dieser Anfang ist wichtig, weil dieser Anfang im evangelischen Gottesdienst häufig weggelassen wird.

Das legt ja auch schon das Druckbild der Lutherbibel nahe: erst der zweite Teil des Verses ist fettgedruckt. Und Fettdruck erfahren nach dem Vorwort der Herausgeber nur die wichtigen Bibelworte, die Kernstellen der Bibel.

Und Jakob und Israel sind nach diesem Schema eben nicht wichtig. Daher bleibt übrig: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

Und so wird es dann auch verwendet als Halbvers. Bei Taufen, Konfirmationen und Beerdigungen können wir es immer wieder hören. Und unter Taufspruch.de – eine offizielle Seite der EKD – finden wir diesen Vers schön abgekürzt mit Jes 43, 1b!

Der Anfang ist verschwunden. Wir kommen auch ohne 1a – also Jakob und Israel aus!

Vielleicht ist es nur Nachlässigkeit, vielleicht bewusste Absicht. Wie soll man den Menschen auch immer wieder erklären, dass dieses alte Buch zuerst den Juden gegeben wurde.

Wir Christen haben diesen Text schön eingepackt in den 6. Sonntag nach Trinitatis, das ist der Sonntag der Tauferinnerung. Und unser Vers steht als Wochenspruch über der ganzen Woche. Natürlich in der Variante 1b!

Obwohl, der Anfang ist 1a „So spricht der Herr, dann wird Jakob und Israel gestrichen und es geht weiter mit 1b!

In diesem Duktus paßt er halt besser in den Kasus des Sonntags. Schließlich wird das ja auch der Missionsbefehl aus Matthäus als Evangelium gelesen: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden, darum gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker usw. Da wissen wir gleich bescheid: es geht um die Hinwendung Gottes zu einem jedem, zu einer jeden von uns Menschenkindern:

Du sollst dich nicht fürchten, du bis erlöst, dich habe ich gerufen, mir gehörst Du!

Alles nicht falsch aber irgendwie auch nicht ganz richtig!

Selbst in einer Predigthilfe einer großen Homiletischen Reihe – ich verrate nicht in welcher - konnte man in diesem Jahr wieder lesen: „Mit einem Du redet der Text an – das Volk Gottes einst – und am 6. So. n. Tr. 2013 auch die Gemeinde.“

Einst das Volk Gottes..., so geht es nicht!

Nach dem Schema: früher war es so, aber jetzt ist es so.

So geht das nicht!

Der Text redet doch immer noch das Volk Gottes – Israel – an!

Immer wenn wir ihn lesen und die Schrift aufschlagen, bis auf den heutigen Tag und so der HERR will und wir leben auch noch Morgen!

Wir dürfen nichts unterschlagen, und hier geht es nicht um ein Vergessen, sondern ein bewusstes ausschlagen, wem gesagt wurde: du sollst dich nicht fürchten!

Israel wurde es gesagt!

Hier und heute bei Jesaja und dort und demnächst bei Lukas und den Hirten auf dem Felde!

Dass Jakob geschaffen und Israel zur Ehre Gottes gemacht wurde!

Dass Israel erlöst wurde.

Dass Israel beim Namen gerufen wurde.

Ich darf doch nicht den Adressaten der Liebeserklärung unterschlagen!

Ich liebe Dich! Das kann man ja mal so als Training in den luftleeren Raum sprechen, aber dann! Dann braucht dieses Bekenntnis doch einen Adressaten!

Oder wie haben Sie ihren Liebsten oder ihre Liebste gewonnen? Es muß doch der oder die hören, die es auch betrifft!

Selbst in Zeiten von Facebook und SMS-Bekenntnissen ist Adressat wichtig!

Und die Liebeserklärung Gottes ist die Mitte unseres ganzen Textes: weil du in meinen Augen so wert geachtet und auch herrlich bist und weil ich dich lieb habe. Ich gebe Menschen an deiner statt und Völker für dein Leben. 5 So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir.

und weil ich dich lieb habe.- so spricht Gott zu Israel.

Martin Luther übersetzt das immer so. Auch in der Ausgabe letzter Hand von 1545 ist zu lesen: ich hab dich lieb!

Im hebräischen Text steh: und Ich, Ich liebe Dich!

Das klingt mir auch mehr nach einem Bekenntnis!

Bei: Ich habe Dich lieb, hätte ich jedenfalls in jungen Jahren keine Herzklopfen oder Magenkrämpfe bekommen das ganze zu gestehen, ganz anders bei: Ich liebe Dich!

Und dieses Liebesbekenntnis ist das Liebesbekenntnis Gottes zu Israel!

Das mag uns Christen eifersüchtig machen, daran können wir aber nichts ändern. Auch nicht durch absichtliche Streichungen oder unbewusstes Auslassen!

Denn nur durch diese Streichung von Jesaja 43,1a konnte es zu einer Israelvergessenheit kommen. In unserer Kirche und in unserem Glauben!

Nur so konnte die bleibende Erwählung Israels in Vergessenheit geraten.

Und weil Eifersucht keine gute Triebfeder und nach dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm und unseren Erfahrungen „oft verbunden mit dem Ehrgeiz des Überbietens, Ausstechens von Konkurrenten ist“, schreiben die Gebrüder Grimm weiter, dass Eifersucht auch das „Indiz des Kleinlichen und Mittelmäßigen“ sei!

Und, das liebe Gemeinde, will man doch wohl nicht sein!

Oder meint ihr, dass der Schöpfer der Welt nur Kraft für die Liebe zu einem Volk hat? Vermutlich sogar liebt der HERR alle seine Menschenkinder, die ja bekanntlich aus weit mehr als nur aus Juden und Christen bestehen!

Davon zeugt die Bibel seit Anbeginn!

Also ist Eifersucht fehl am Platze.

Also brauchen wir Israel die Ersterwählung nicht abzusprechen.

Also galten die Worte nicht einst, sondern gelten noch immer!

Und darum ist es wichtig, dass wir an Tagen wie diesen Gottesdienst feiern, um Jakob und Israel nicht zu vergessen.

Weil uns Trost, Heil und Hoffnung beim Aufschlagen der Schrift und beim Blick aus dem Fenster verbinden!

Und die Sehnsucht nach seiner Barmherzigkeit – diese dann auch beim Teilen des Mantels und der Hörnchen an St. Martin.

Amen.