Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 43,1

Pastor Götz Brakel

17.08.2003 in Diemarden und Reinhausen

„Ein Mensch muss sich nicht erst einen Namen machen, er hat schon einen.“

Liebe Gemeinde,

am 27. Juli 2001 haben Jason und Frances Black aus Mount Kisco bei New York ihr drittes Kindes, einen Jungen, bekommen. Und weil Jason Black ein Internet-Redakteur ist und die Familie zwar nicht besonders arm, aber alles andere als besonders reich ist und gute Bildung in den USA unbezahlbar ist, hatte der Vater eine Idee: Er hat im Internet meistbietend das Recht feilgeboten, dem Sohn einen Vornamen zu geben. Mindestgebot: 500.000 $. Ein großer Konzern sollte zugreifen und hätte dann eine lebenslange Werbung zu erwarten. Also der kleine Black hätte also Kraft Black heißen oder als Mars Black oder Coke Black durchs Leben laufen und dann so etwas wie eine lebendige Litfasssäule sein können. Die Mutter hoffte z.B. darauf, dass die Tomatensuppen-in-Dosen-Firma Campbell zugreifen würde und ihr Sohn wie die berühmte Suppe heißen würde.

So etwas gibt es wohl nur in Amerika, aber ähnliches gibt es auch bei uns. Das große Fußballstadion in Hamburg heißt seit der Saison 2001/2002 nicht mehr wie seit 40 Jahren Volksparkstadion, sondern nun AOL-Arena. Natürlich hat das auch mit Geld zu tun, denn jedes Mal, wenn in der Presse von AOL-Arena die Rede ist, klingelt beim HSV die Kasse. Immer wenn Volksparkstadion gesagt wird bringt es nichts ein. Und rutschte in der Anfangsphase einem Vereinsangestellte versehentlich – so sagen aber nur Gerüchte – der alte Namen heraus, so wurden Strafen ab 1000 DM fällig. Man sieht, wer das Geld hat, hat die Macht. Und wer die Macht hat, bestimmt, wie etwas heißt.

So haben 1789 die Führer der französischen Revolution die Tage und Monate umbenannt, um deutlich werden zu lassen, dass eine neue Zeit anbricht. Chemnitz hieß eine Zeit lang Karl-Marx-Stadt und heißt nun wieder Chemnitz. Wir wissen noch, weshalb. Dass Stadien umbenannt werden, weil eine Firma zahlt, finde ich kurios, dass Städtenamen mit Machtverhältnissen wechseln, ist nun einmal so, und kann einen ziemlich ärgern, wenn man in der Stadt wohnt und der Abscheu gegen den Namensgeber groß ist. Aber dass der Namen eines Menschen verkauft wird, dagegen empört sich in mir viel. Von Sklaverei zu reden, ist wohl ein bisschen übertrieben und tun denen Unrecht, die tatsächlich Sklavinnen oder Sklaven gewesen sind und heute noch so gehalten werden. Aber einen Namen zu verkaufen wirkt auf mich so, als ob ein Stückchen der Seele verkauft wird.

Nach meiner Studienzeit und vor meiner Vikarsausbildung habe ich in einem großen Berliner Kaufhaus gearbeitet. Dort mussten wir einen Namensschildchen tragen. Manchmal, wirklich sehr selten, sprachen einen Kunden mit Namen an. Oft war das angenehm, doch wenn mir die Menschen nichts besonders sympathisch waren, habe das ich als unangenehm empfunden, so als ob einem jemand am Ärmel zupft. Einen Namen kennen, gibt einem ein bisschen Macht über einen Menschen. Denken Sie an das Märchen mit Rumpelstilzchen. Sie merken, es geht um die Bedeutung von Namen. Im Alten Testament haben die Namen der Personen, über die berichtet wird, meist einen tieferen Sinn. Schon am Anfang der Bibel: Adam heißt übersetzt Mensch, und Eva Leben. Und die vergleichende Religionsforschung zeigt auf: Wo andere Götter aus der Umwelt der Bibel mit Götzenbildern und –figuren sich ihren Anhängern darstellen, zeigt sich der Gott des Alten Testaments mit seinem Namen, und den offenbart er seinem Volk erst allmählich, nämlich erst am Berg Sinai, als er ihnen auch die 10 Gebote gibt. Und nicht umsonst heißt es in den 10 Geboten: Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.

Genauso wie der Gottesname in den Geboten heilig ist, so wird der menschliche Name geschützt durch das Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. Denn unser Name ist nicht nur eine bloße Ansammlung von Buchstaben, sondern unsere Familie, unsere Herkunft und Kindheit, unsere Ehe oder unser Alleinsein, unsere offizielle und unsere private Seite, unser guter Ruf und unsere Verwandtschaft. Nicht umsonst sagt man, jemand hat einen guten Namen, wenn er oder sie aus einer bekannten und geschätzten Familie kommt, und außerdem: jemand macht sich einen guten Namen, wenn er oder sie etwas leistet. Und machen wir unserem Namen Schande, beschmutzen wir unseren Namen wie das Bismarck-Denkmal in Hamburg beschmutzt wird, weil manche Leute denken, Bismarck hat schlechte Politik gemacht. Und wir machen unsere Namen als Christinnen und Christen Ehre, wenn wir der christlichen Botschaft von Gnade und Nächstenliebe entsprechend leben. In unser heutigen Zeit kann man leicht den Eindruck gewinnen, durch die Vielzahl der Menschen, der Verbreitung der Computer und die Erfassung der Welt gehe die Bedeutung des Namens verloren. Die Zahl regiert die Welt. Wir Menschen geben nur noch statistische Größen ab, und vom Personalausweis wird die Nummer häufiger notiert als der Name. Ich will hier nicht Technikfeindlichkeit predigen, mir romantisch die Abschaffung der Computer und der Statistik ausmalen und eine vergangene Welt zurück erträumen. Der Fortschritt ist in vieler Hinsicht wirklich Fortschritt. Aber es geht mir darum, dass wir Menschen – mit unserem Menschsein, unserem Wesen, unserer Person und unseren Eigenheiten, kurz: mit unserem Namen – nicht verschwinden. Wie Verwaltungen verwalten, wie Statistiken ausgedruckt werden, das ist nicht so wichtig, aber wie wir mit uns selbst umgehen, das ist entscheidend. Ob wir mitmachen, wenn es darum geht, unseren Namen zum Verschwinden zu bringen.

Wir hatten in unseren beiden Kirchenvorständen eine Diskussion darüber, wie wir damit verfahren sollen, dass immer Menschen in unseren Dörfern bei uns als Friedhofsträger anfragen, ob sie anonym bestattet werden können. Meist – so ist mein Eindruck – steht dahinter die Sorge, wie es mit der Grabpflege wird, etwa wenn es keine Kinder gibt oder keine vor Ort sind. Eine berechtigte Sorge, aber ich meine, wenn wir als Kirchengemeinde uns auf einen Gott berufen, der Menschen sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.“ und wenn wir davon reden, dass der Tod nicht das Ende der Person ist, dann sollten wir dem nicht Vorschub leisten, dass zwei Wochen nach einem Sterbefall nur noch Gras über ein Menschenleben wächst und es keinen Ort der Erinnerung gibt. Wir sollten dafür eintreten, dass zumindest für eine Zeit der Name einer Person erhalten und zu lesen bleibt. Ich habe einmal noch zu DDR-Zeiten den Leipziger Zentralfriedhof besucht. Neben dem Völkerschlachtdenkmal und vielen Gräbern gibt es dort ein paar größere Grabsteine, auf denen zu lesen ist: „Für die Toten auf den Friedhöfen von ...“ Und dann kommen Namen von Dörfern, die abgeräumt worden sind, um Braunkohle im Tagebau abbauen zu können. Dörfer, Familien- und Ortsgeschichte über Jahrhunderte, und es bleibt ein kleiner Grabstein. Noch schlimmer fand ich mehrere ca. 40 cm breite und 10m lange Gräben, zwar zugeschüttet, aber durch die unterschiedliche Grasnarbe noch erkennbar – ein Graben stand noch offen –, neben denen stand: Für die Toten der Jahre 1988/89. Mehr Spuren konnten, wollten oder durften manche Menschen in diesem Staat nicht hinterlassen.

Kurzum: Wir haben in beiden Kirchenvorständen beschlossen, dass wir die Möglichkeiten schaffen, dass Urnenbeisetzungen auf unseren Friedhöfen in einem Gräberfeld erfolgen können – ohne Einzeleinfassung, so dass der Friedhofsgärtner einfach das Feld mitmähen kann. Allerdings soll eine Namensplatte plan in den Boden eingelassen werden, so dass wir keine Namenlosen beerdigen. Wir denken noch über die genaue Ausgestaltung nach, nur soll der Name des Toten und der Ort der Beisetzung erkennbar bleiben, ohne dass damit die Verpflichtung zur Grabpflege verbunden ist.

Name – für Christinnen und Christen heißt das: Jeder Mensch ist ein von Gott angesprochener Einzelner, eine Person, und deshalb ist die Verfügungsgewalt jedes anderen Menschen, jeder menschlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Macht eingeschränkt. Mit seinem unverwechselbaren Namen wird jedem Menschen gesagt: Du bist kein Eigentum eines anderen Menschen. Eigentlich müsste man dem Christentum nach sagen: Jeder Mensch muss sich nicht erst einen Namen machen, er hat schon einen.

Am Anfang der Zugehörigkeit zur Kirche zur Kirche – das wissen alle – steht die Taufe. In der Taufe wird dem Menschen zugesagt: Du Mensch – mit deinem Namen – verbindet sich Gottes Namen. Deshalb taufen wir auch nicht auf Fritz oder Frieda, sondern auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Du hast schon einen Namen, und jetzt Gottes Namen dazu. Gott selbst, steht schützend um dich und setzt allen Grenzen, die Macht auf dich ausüben wollen.

Sie erinnern sich an das Ehepaar Black aus Mount Kisco bei New York, die den Namen ihres Kindes im Internet feilgeboten haben. Sie hatten keinen Erfolg, keine Firma wollte das Mindestgebot aufbringen. Ob ihnen das Angebot zu teuer war, sie Proteste gescheut haben, ob es Ihnen zu unkonventionell war, sie moralische Skrupel hatten, man weiß es nicht. Oder vielleicht haben sie klug kalkuliert und sich gesagt: Wer weiß, was aus diesem Sprössling der Familie Black wird; wer weiß, wie er sich entwickelt. Wäre denn eine Verlierernatur eine gute Werbung für uns? Ist es nicht zu risikoreich, unseren Namen für etwas herzugeben, wenn wir nicht wissen, was daraus wird. Wenn wir als christliche Kirchen kleine Kinder taufen, sagen wir und glauben genau das Gegenteil: Wir Menschen müssen nicht erst etwas werden, wir sind schon etwas. Denn Gott hat seinen Namen für uns hergegeben, lange bevor klar wird, was wir aus unserem Leben machen. Die kirchliche Lehre nennt das vorlaufende Gnade. Was für ein guter Vorlauf ins Leben! Und Gott bleibt bei uns mit seiner Gnade, unser Leben, ja über unser Leben hinaus.

Amen.