Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Jesaja 43,18-19

Beate Barwich

in Berlin - März 2007

Gedanken zur Jahreslosung

Das Symbol der Taube aus Stacheldraht, das ASF vor Jahren als Postkarte herausbrachte, löst einen gewissen Impuls aus, um das geheimnisvolle Wort der Jahreslosung zu erschließen. Denn wir sehen nicht nur das Figürliche an ihm, wir sehen vielmehr die Spannung die in ihm steckt. Die Gestalt hat etwas Drängendes, etwas Hoffnungsvolles. Es handelt davon ,dass etwas Neues kommen soll.

Und darin hat das Bild einen Anklang an das Wort des Propheten. Vielleicht hat aber der Künstler Jesaja selbst vor Augen gehabt und die weltgeschichtlichen Ereignisse jener Zeit, als er dieses Bild entwarf. Das Großreich Babylon war im Untergang begriffen und das kleine Volk Israels machte sich auf aus dem Exil ins Land der Väter zurückzukehren. Jesaja sagt: „Siehe!“ Schon dieses Wort: „Hinneh“ bei den Propheten ist ungeheuerlich. Kann man denn das Neue sehen? Wer sieht denn wirklich die Zukunft? Ist es nicht vielmehr so, dass uns die Zukunft Angst macht? Unsere Zeit ist geprägt von Bewegung nach vorn wie die Globalisierung, eine Vernetzung universaler Art, die einerseits fasziniert - andererseits aber auch beunruhigt.

Und sie ist geprägt von Bewegung zurück, wie die Tatsache, dass sich der Analphabetismus - als Beispiel - weiter ausbreitet. Die Flut der Schrifterzeugnisse schafft auch eine Abwehr gegenüber dem Lesen überhaupt. Es wird immer schwerer zu unterscheiden, was denn wirklich wert hat und was nicht. Johannes Rau hat einmal zu jungen Menschen gesagt: „Euch fällt das Reden so leicht. Es klingt fast wie ein Lachen. Ich mühe mich bei jedem Satz um die gute und richtige Formulierung“.
Es gibt Zeiten, da hat man das Gefühl, dass man sich eigentlich im Kreis bewegt. Hat denn das Sinn. Schaffen, Werden, Vergehen gelingen nicht. Manch einer fühlt sich wie Sysiphos an einem Punkt gefesselt und wiederholt stets dieselbe Handlung. Das Ergebnis ist so gut wie nicht erkennbar. Ob freiwillig oder unfreiwillig muss er sich dem Zwang unterwerfen, sonst fällt er aus dem System heraus.

Da sind politische und ökonomische Spannungen ineinander verwoben und der Mensch, der sich einerseits zu verantworten hat, fühlt sich gänzlich vereinnahmt. „Siehe“ so sagt der Prophet, „siehe und lerne sehen“. Das ist ein Weg aus dem Netz heraus. Ein Wissen, dass hinter allem, was geschieht, ein anderer steht, der die Dunkelheit erleuchtet, der den Druck nimmt und der die Fesseln löst. Ein Neues wächst auf. Seht ihr es nicht? Wovon spricht der Prophet: von einem Neuen unter uns Menschen, einer neuen Generation oder von einem neuen Geist? Oder ein Neues, das Gott schaffen will, ein Neues vom Himmel her? Beides gehört zusammen. Wenn von Gott her etwas Neues zu erwarten ist, dann geschieht auch ein Neues unter den Menschen. Das Heil, das Heilende bricht sich Bahn. Menschen haben Utopien entworfen, wie sie sich eine neue Welt vorstellen wollen und vorstellen können.

Doch im Ringen mit dem Wort Gottes und der Verheißung des Propheten verlieren die Utopien ihren Wert. Nicht wir sollen uns selbst auf den Weg machen und unseren Vorstellungen nachhängen Vielmehr will Gott in unser Leben eintreten und uns eine Zukunft eröffnen, für die es zu leben Sinn hat und zu arbeiten gilt.

Es entsteht, so beobachten wir - langsam und vielleicht auch mühsam - ein neues Bild vom Menschen. Wir begegnen uns heute anders als in früheren Zeiten. Frauen verändern sich im Rahmen ihrer Aufgaben und der Verantwortung, die sie übernommen haben und wirken jetzt auf die jungen Menschen in ganzheitlichem Sinn. Aber auch die Männer lassen Neues erkennen und wirken in den Prozessen mit neuen Ideen mit.

„Der neue Mensch“ it zwar schon einmal ein - gespenstisches - Schlagwort gewesen. Doch darum, weil es einmal ein Schlagwort war, ist es nicht weniger wert und nicht weniger interessant. Sehen wir unter diesem Aspekt noch einmal auf das Bild. Im Hintergrund, den wir nicht erkennen können, ist etwas gefangen und will zur Freiheit. Der Stacheldraht hindert den neuen Menschen daran sich zu entfalten. Doch die Taube nimmt ihn auf und er beginnt die neue Freiheit zu ahnen, die neue Freiheit aus der Welt Gottes, die ihm der Prophet zuspricht: „Siehe ein Neues, es wächst schon auf. Erkennt ihr es denn nicht?“
Und mit dem Ölzweig im Schnabel verwirklicht sich die Zukunft.

 

Aus Zeichen, 35. Jg., März 07, S. 16, hrsg. von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF), Berlin


 


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