Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 49,13-16

Vikar Clemens W. Bethge (ev)

29.12.2013 in der Johanneskirche in Berlin-Schlachtensee

Gemeindegottesdienst am 1. Sonntag nach dem Christfest

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Flugzeuge im Bauch. Rachel hatte wirklich Flugzeuge im Bauch. Neben ihr auf der Parkbank Naum. Sie war gerade 14 geworden. Er, Naum, ging in die Klasse über ihr.

Sie saßen da, lange schon saßen sie da. Und sie hatte Flugzeuge im Bauch.

Die Bank stand leicht versteckt im Stadtpark hinter der großen Eiche. So konnte niemand sie entdecken. Wie sie dasaßen und sich in die Augen schauten. Tief in die Augen schauten. Sich einfach nur in die Augen schauten. Ohne etwas zu sagen. Stilles Einverständnis.

Naum strich ihr zärtlich übers Haar. Die Flugzeuge veranstalteten ein Loopingfest in Rachels Bauch! Ja, sie war verliebt. Sie liebte ihn wirklich. Sie wollte ihre Liebe festhalten. Niemals sollte dieser Moment vergehen. Wenigstens wollte sie ihn niemals vergessen. Und Naum sollte es auch nicht…

Sie nahm seine Hand. Sah die vielen Linien, längere und kürzere. Manche fast gerade verlaufend, manche eher geschwungen. Zwei dicke quer zur Handinnenfläche. Eine markante von der Handwurzel kommend.

Rachel wühlte in ihrer Jackentasche und kramte einen schwarzen Stift hervor. Ohne Naums Hand loszulassen, zog sie mit ihren Zähnen den Deckel von dem Stift und begann auf seine Hand zu schreiben:

„Ich werde dich niemals vergessen. Ich liebe Dich. Rachel.“

Nun griff Naum nach dem Stift, nahm ihre Hand und zeichnete vorsichtig in die Innenseite:

„Ich werde immer bei dir sein. Dein dich innigst liebender Naum.“

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Eine Gedenkanzeige fällt mir beim Durchblättern der Zeitung ins Auge. Der schwarze Rahmen ist klassisch. Auch der Text auf der linken Hälfte der Anzeige:

„In Gedenken an unsere lieben Eltern und Großeltern

gestorben am 13.12.2011 bzw. am 29.12.2011.

Wir vermissen Euch,

Eure Kinder und Enkel“

Aber ins Auge fällt mir eine über die gesamte rechte Hälfte der Anzeige gezeichnete Hand.

Die Hand ist auf den Handrücken gedreht, sodass man die Handinnenfläche sieht. Darauf stehen zwei Namen geschrieben: Rachel und Naum.

Und darunter: Jesaja 49,16.

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Ich lese Jesaja 49, Vers 13:

„Jubelt, ihr Himmel; freue dich, Erde! Brecht aus in Jubel, ihr Berge! Denn Gott hat sein Volk getröstet und erbarmt sich der Elenden.“

Liebe Gemeinde,

zwischen den Jahren. Die Weihnachtsfeiertage sind vorbei. Aber das Fest steckt uns noch in den Gliedern.

Die Geschenke sind ausgepackt. Womöglich liegt uns das gute Essen noch schwer im Magen.

Die Weihnachtslieder, die wir gesungen haben, schwirren uns noch im Kopf herum. Und der eine oder andere mag noch die schöne Musik im Ohr haben, die er gehört hat.

Vielleicht das „Jauchzet, frohlocket“ aus dem Weihnachtsoratorium:

„Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage,

rühmet, was heute der Höchste getan!

Lasset das Zagen, verbannet die Klage,

Stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!“

So heißt es bei Bach. Und so ähnlich ruft es der Prophet, den wir den zweiten Jesaja nennen, den Israeliten zu:

„Jubelt! Freut euch! Brecht aus in Jubel! Denn Gott hat sein Volk getröstet und erbarmt sich der Elenden.“

Das Problem ist nur: Davon spüren die Israeliten offensichtlich nichts. Ich lese den darauf folgenden Vers 14:

„Zion aber spricht: ,Gott hat mich verlassen, die Macht über mein Leben hat mich vergessen.‘“

Die Israeliten sind verzweifelt. Sie befinden sich im Exil. An den Wassern zu Babel, da sitzen sie und weinen (Ps 137,1).

Gott ist nicht sichtbar nah, nicht greifbar.

Da ist nur die Erfahrung, dass die Lieder und Gebete ungehört bleiben. Gott, wo bist du? Warum bist du nicht hier? Hast du uns vergessen?

Aber der Prophet lässt nicht ab. Er setzt nach: Ich lese Vers 15:

(Vers 15a) „Kann eine Frau ihr Neugeborenes vergessen? Sie erbarmt sich doch über ihr leibliches Kind.“

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Maria steht an der Krippe. Der Weihnachtstrubel ist vorbei. Die Hirten sind wieder gegangen. Ruhe ist eingekehrt im Stall.

Maria steht an der Krippe und betrachtet ihren Jesus. Wie er daliegt, klein und verletzlich. Wie sich fast unmerklich seine Nasenflügel bewegen. Er atmet! Er lebt!

Sie fragt sich, was sich in ihrem Leben verändern wird, jetzt mit dem neugeborenen Kind.

Sie fühlt sich überwältigt davon, dass sie ein Kind geboren hat und dass es lebt und vor ihr in der Krippe liegt. Sie kann es betrachten und an ihm riechen und seine zarte Haut streicheln.

Wie soll das passen zu dem, was sie sich ausgemalt hat, seit der Engel Gabriel bei ihr war und verkündete: Du wirst den erwarteten Messias gebären?

So fühlt es sich also an, wenn Gott zu uns kommt. So will er sich uns zu erkennen geben. Ganz anders als wir dachten. Ganz konkret.

Maria ist so froh und dankbar. Sie ist spürt wie angewiesen dieses kleine, bedürftige Baby ist, das Wertvollste, was sie je in ihrem Leben hatte. Sie will alles, alles tun, damit dieses Kind gut aufwachsen kann.

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„Kann eine Frau ihr Neugeborenes vergessen? Sie erbarmt sich doch über ihr leibliches Kind.“

Maria ist voller Liebe für ihr Baby. So stellen wir sie uns vor. So wird sie dargestellt in den Krippen und in den Madonnenbildern. Zum Glück sind junge Mütter voller Liebe für ihre Babys.

Leider wissen wir aber auch, dass es traurige Ausnahmen gibt.

Ich lese aus einem Zeitungsartikel vom April dieses Jahres:

„Eine [25-jährige] Mutter […]hat ihre drei kleinen Kinder tagelang sich selbst überlassen - bis ihre Tochter am Ende verhungerte. [Die Mutter] muss dafür für fünf Jahre ins Gefängnis. Das Landgericht […] verurteilte die Frau […] am Dienstag wegen Körperverletzung mit Todesfolge.

Maya war […] kurz vor ihrem zweiten Geburtstag völlig abgemagert und entkräftet gestorben. Ihr achtjähriger Bruder musste tagelang mit ansehen, wie seine kleine Schwester immer schwächer wurde und schließlich nicht mehr aufwachte. ,Die Angeklagte war sehr mit sich selbst beschäftigt und hat dabei ihre Kinder aus den Augen verloren‘, sagte der Vorsitzende Richter […].

Es müssen schlimme Zustände gewesen sein, in denen die drei Geschwister lebten. […] Die psychisch kranke Frau sei mit der Situation total überfordert gewesen, fuhr der Vorsitzende Richter fort. Sie war selbst ohne eigene Familie aufgewachsen, wurde sehr früh schwanger, fand keinen festen Lebenspartner und hat auch nie einen festen Beruf gehabt.“

Ich frage mich: Was für tragische Zustände bringen Menschen in solche Katastrophen?

Wie heillos müssen ihre Lebensumstände sein?

Gott, wo bist du? Warum bist du nicht da? Hast du uns vergessen?

Wenn ich so traurige Meldungen lese, dann fällt es mir nicht schwer in die Zeilen eines Adventsliedes einzustimmen:

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„Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,

Darauf sie all’ ihr’ Hoffnung stellt?

O komm, ach komm vom höchsten Saal,

Komm tröst uns hier im Jammertal.“

Es gibt die traurigen Ausnahmen, wenn Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Das weiß auch der Prophet. Ich lese weiter bei Jesaja:

(Vers 15b) „Selbst wenn eine Frau ihr leibliches Kind vergäße, ich vergesse dich nicht!“

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Liebe Gemeinde,

zwischen den Jahren. Das ist auch die Zeit der Jahresrückblicke.

Noch einmal läuft der Film des letzten Jahres vor unseren Augen ab.

All die schönen Ereignisse und die tragischen Meldungen – wie die verhungernde Maya.

Die kleinen und großen Katastrophen:

  • Das Attentat beim Boston-Marathon,

  • die Jahrhundert-Flut mit Überschwemmungen in ganz Deutschland,

  • Ägypten wie es im Chaos versinkt,

  • Hunderte Tote bei dem Giftanschlag in Syrien,

  • das Flüchtlingsdrama vor Lampedusa,

  • der Taifun über den Philippinen.

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Zwischen den Jahren, das ist die Zeit, in der wir auch einen Rückblick auf unser eigenes Leben werfen.

Was war gut? Was war schlecht?

Wo ist mir etwas gelungen? Wofür bin ich dankbar?

Wo habe ich mich und andere enttäuscht?

Welches waren die glücklichen Momente? Welches die traurigen?

Was möchte ich lieber zurücklassen in 2013 und nicht mit hinüber nehmen ins neue Jahr?

Ich lade Sie ein, ein paar Momente der Stille zu halten und Ihrem persönlichen Jahr 2013 nachzusinnen.

(…)

Gott spricht:

„Selbst wenn eine Frau ihr leibliches Kind vergäße, ich vergesse dich nicht!“

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Am Ende war Rachel immer weniger geworden. Nur ein Schatten ihrer Selbst. Sie war an Alzheimer erkrankt. Die Krankheit hatte sie schwer gezeichnet. Naum hatte sie gepflegt, bis zuletzt.

Es war schwer für ihn, dass sie nicht mehr wusste, wer er war.

Alles war dem Vergessen zum Opfer gefallen. Das Vergessen, war wie ein großes Monster, das alles unerbittlich verschlang.

Er wollte nicht klein beigeben. Er war ein Kämpfer. So gut er es eben noch konnte – er war ja selber schon ziemlich gebrechlich –, kümmerte er sich um Rachel, bis zum Schluss.

Am dritten Advent schloss Rachel ihre Augen – für immer. Er war bei ihr gewesen, als sie ihren letzten Atemzug tat. Er hielt ihre Hand.

„Ich werde immer bei dir sein. Dein dich innigst liebender Naum.“

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Ihr Tod war eine Erlösung. Sie war am Ziel angekommen. Und er, Naum, war es auch. Zwei Wochen später, noch vor Neujahr, starb auch er.

Schon zu Lebzeiten hatten sie für den Fall vorgesorgt, um ihre Angehörigen nicht auch noch unnötig mit Formalitäten zu belasten. So hatte er immer eine Mappe mit allen wichtigen Dokumenten auf dem Schreibtisch zu liegen. Obenauf hing ein Klebezettel. Darauf stand: Jesaja 49,16.

Ich lese Jesaja 49,16:

„Schau, in beide Handflächen habe ich dich gezeichnet, [deine Mauern sind immer vor mir.]“

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Liebe Gemeinde,

In der Krippe zeigt sich Gott als Immanuel, als Gott mit uns. Weihnachten ist die Fortsetzung der Liebesgeschichte zwischen Gott und uns, die mit der Schöpfung begonnen hat.

Weihnachten ist Gottes untrüglicher Liebesbeweis an uns. Wie ein Liebesbrief.

Gottes Liebesbrief an uns könnte so lauten:

Ich habe Dich nicht vergessen. Ich bin mit Dir.

Ich bin Mensch geworden. Als Baby bin ich auf die Welt gekommen, verletzlich und angewiesen auf Liebe und Fürsorge.

Und so bin ich mit dir auch in deiner Angewiesenheit und Verletzlichkeit.

Gerade in den Tiefen bin ich da. In den kleinen und großen Katastrophen in deinem Leben.

In deinen Erfolgen und Misserfolgen.

In dem, was gelungen ist und in dem, was eine Enttäuschung war.

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Wenn du leidest, dann leide ich mit an deiner Seite.

Ich bin da und denke an dich – selbst wenn du mich vergisst.

Und so wie ich Euer Fleisch und Blut angenommen habe (Hebr 2,14), so bist auch du ein Teil von mir geworden.

„Schau, in beide Handflächen habe ich dich gezeichnet.“

Da stehst du eingraviert, unauslöschlich, als Zeichen für meine Liebe, die bis zum Tod währt – und darüber hinaus.

Und so war ich bei dir im vergehenden Jahr. Und ich werde ich bei dir sein im kommenden.

In Liebe!

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als aller Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen