Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 49,14-16

Pfarrer Michael Böckner

30.12.2007 in Haiger-Allendorf

Gott vergisst seine Kinder – nie!

Liebe Gemeinde,

Nach dem Verbrühungstod ihres drei Jahre alten Sohnes ist eine achtfache Mutter in Kassel nach einer Meldung vom 20.Dezember 2007 zu einer Gefängnisstrafe von vier Jahren verurteilt worden. - Am ersten Weihnachtsfeiertag 2007 starben in Bayern drei Kinder durch die Hand der Eltern: Bei zwei Familientragödien sind an Weihnachten in Bayern drei Kinder und ein Vater gestorben. Im oberpfälzischen Beratzhausen bei Regensburg hat eine 37 Jahre alte Mutter am ersten Weihnachtsfeiertag ihre zwei und drei Jahre alten Jungen erstickt. In München tötete ein 43 Jahre alter Vater seinen achtjährigen Sohn und dann sich selbst. - Am 27.12. ging folgende Meldung durch die Presse: Ein zweijähriger Junge ist im sächsischen Kirchberg vermutlich verhungert und verdurstet. Die 23 Jahre alte Mutter wurde festgenommen, teilte die Polizei in Zwickau mit.
- Manchmal frage ich mich, in was für einer Welt leben wir eigentlich? Dass Eltern Ihre Kinder vergessen oder gar töten sind unsagbare, furchtbare, erschreckende und erschütternde Ereignisse.
Es ist einfach unfassbar, was da geschehen ist und geschieht…
Wie ist das möglich? Was werden die Kinder empfunden haben? Wie verlassen müssen sich die Kinder gefühlt haben…
Den Menschen, denen Sie am meisten vertraut haben, konnte man nicht trauen, von den eigenen Eltern wurden sie vergessen, abgeschoben, ermordet. Kann man sich verlassener fühlen?
Gefühle der Verlassenheit kennen sicher auch viele von Ihnen.
Schon kleine Babys beginnen mitunter mit einem mörderischen Geschrei, wenn die Eltern den Raum verlassen oder außer Sichtweite des Kindes sind. Und wenn das erste Mal ein Babysitter da war, weil die Eltern nach langer Zeit mal wieder ausgehen wollten, dann hatten die Kleinkinder Angst, dass die Eltern nicht wieder kommen.
Es ist einer der größten Ängste im menschlichen Leben verlassen zu sein oder vergessen zu werden.
Haben Sie sich schon in Ihrem Leben abgelehnt oder vergessen gefühlt?

Es gibt viele Situationen, in denen Sie das vielleicht schon erlebt haben:
Sie haben sich vielleicht schon verlassen und vergessen gefühlt
- Als Sie als Schüler an der Bushaltestelle wenige oder gar keine Freunde erwarten konnten, die mit Ihnen zusammen zur Schule zu fahren.
- Als Sie nach einer Operation allein in einem Zimmer aufgewacht sind.
- Als Sie mit Depressionen zu kämpfen hatten
- Als Sie richtigen schlimmen Ärger mit einem Familienmitglied hatten
- Als Sie wieder zu der Arbeitsstelle mussten, die Sie nicht mögen und wo niemand Sie mag.
- Als Sie aus dem Briefkasten nach der x-ten Bewerbung wieder eine Absage fischen mussten.
- Als alle anderen auf eine Party eingeladen waren und sie als Einzigster zu Hause saßen.
- Als Sie das Gefühl hatten als Einzigster den Mut zu haben, einen Schritt nach vorne zu gehen.
- Als Sie das Gefühl hatten, dass Ihre Wege nur durch Morast und Schlamm führen.
- Als Sie das Gefühl hatten, dass sich irgendwie alle gegen Sie verschworen haben.
- Als Sie an einem Grab gestanden haben.
Vielleicht haben Sie es dann auch gedacht: „Ich bin verlassen. Mich hat man vergessen.“
In diese Erfahrung der Vergessenheit hinein spricht Gott zu den Israeliten damals und zu uns heute durch den Propheten Jesaja, aufgeschrieben in Jes.49,14-16(Gute Nachricht):

14 Die Zionsstadt klagt: »Der Herr hat mich verlassen, mein Gott hat mich vergessen! « 15 Doch der Herr sagt: »Bringt eine Mutter es fertig, ihren Säugling zu vergessen? Hat sie nicht Mitleid mit dem Kind, das sie in ihrem Leib getragen hat? Und selbst wenn sie es vergessen könnte, ich vergesse euch nicht! 16 Jerusalem, ich habe dich unauslöschlich in meine Hände eingezeichnet; deine Mauern sind mir stets vor Augen. «

Liebe Gemeinde,
bevor wir die Worte des Propheten auf uns beziehen, sollten wir einen Augenblick innehalten und darauf achten, zu wem sie ursprünglich gesagt sind und wem sie in erster Linie gelten. Zu Zion sind sie gesagt, zu Jerusalem, zu Juda und Israel. Gesagt sind sie in einer Zeit und Situation, als Israel allen Grund hatte, sich von seinem Gott verlassen und vergessen zu fühlen. Jerusalem war von der babylonischen Weltmacht erobert, seine Mauern geschleift und der Tempel, das Wahrzeichen von Gottes schützender Gegenwart, zerstört worden. Ein Teil seiner Bewohner war nach Babylon ins Exil deportiert worden. Es schien wirklich definitiv zu Ende zu sein mit dem Volk Gottes; die ihm gegebenen Verheissungen schienen sich ins Nichts aufgelöst zu haben. „Zion aber hat gesagt: Der HERR hat mich verlassen, und vergessen hat mich der HERR."

In dieses Elend, diese zukunfts- und aussichtslose Situation hinein spricht Gott durch den Propheten sein Wort des Trostes, lässt Israel wissen, ihr Exil wird zu Ende gehen; sie werden zurückkehren in ihre Heimat, die zerstörten Mauern wieder aufrichten, die Stadt und den Tempel neu bauen. Gott sagt durch Jesaja seinem Volk: „Ich vergesse euch nicht!“ und er sagt zu Ihnen heute morgen: „Ich vergesse euch nicht!“

Deshalb möchte ich gerne über das Thema sprechen:
Gott vergisst seine Kinder – nie! Denn:

1.Gott liebt mehr als eine Mutter!
Mütter sind für die Kinder Krankenschwestern, Ärztinnen, Psychologinnen, Seelsorgerinnen, Sekretärinnen für Termine, Nachhilfelehrerinnen, Chauffeurinnen, Persönlichkeitstrainerinnen, Reinigungskraft, Köchin und vieles andere mehr, was hier gar nicht alles aufgezählt werden kann.
Die Mütter sind mit ihrer Liebe ein erster Hinweis auf Gottes Liebe.
Ein besonderes Band ist zwischen einer Mutter und ihrem Kind geknüpft.

Für den Zeitraum von neun Monaten haben Sie im selben Körper gewohnt, die Mutter hat den Schmerz der Geburt durchlebt, durch das Stillen eine besondere und intensive Art der Versorgung des Kindes erlebt, Mütter haben die Fähigkeit erlernt, den Schrei des Babys nach Nahrung, einer trockenen Windel oder etwas Aufmerksamkeit zu unterscheiden.

Ein Pfarrerkollege von mir hat seinen Kindern gesagt: „Wenn du uns in einem großen Kaufhaus oder einem Einkaufszentrum verloren gehst, dann halte Ausschau nach einer Frau, die ein baby dabei hat oder ein kleines Kind auf dem Arm oder an der Hand hat und frage sie, ob sie dir helfen kann uns wieder zu finden.“ Nichts, liebe Gemeinde, ist in so einem Moment besser, als sich einer Person anzuvertrauen, die mütterliche Instinkte hat.

In der Bibel wird in der Regel immer wenn die Beziehung Gottes zu seinen Menschen beschrieben wird, ein sehr inniger und persönlicher Vergleich gewählt. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Gott in der Bibel nie mit einem Geschäftspartner oder einem Sachbearbeiter verglichen wird? Entweder wird er als Vater angeredet oder mit einer Mutter verglichen oder mit einem Freund, der selbst sein Leben aus Liebe opfern würde. Der Vergleich Gottes mit einer liebenden Mutter ist wahrscheinlich der intensivste Vergleich für die Liebe Gottes zu Ihnen.
Denn es ist eine Liebe, die bereit ist, das eigene Leben zurückzustellen zugunsten des Kindes und eine Liebe voller Opferbereitschaft.

Mütter opfern ihren Schlaf um das Kind nachts zu versorgen.
Mütter kaufen eher Kleidung für die Kinder als für sich selbst. Mütter geben den Kindern das Essen von ihrem eigenen Teller, selbst wenn sie auch noch Hunger oder Appetit gehabt hätten.
Das erste Opfer für ihr Kind bringen Mütter schon in der Zeit der Schwangerschaft. Neun Monate tragen sie das Kind im Mutterleib. Ich weiß nicht, wer von Ihnen mich so sehr liebt, dass er oder sie bereit wäre, mich neun Monate lang zu tragen…Das wäre schon ein großes Opfer…

Liebe Gemeinde,
der Vergleich von Gottes Liebe zur Mutterliebe lebt von der positiven Erfahrung mit der Mutterliebe. Es haben jedoch nicht alle Menschen solche positive Erfahrungen in der Beziehung von Müttern zu ihren Kindern.
- Vielleicht denken Sie daran, wie Sie Ihre Mutter erlebt haben. Vielleicht hat Ihre Mutter sie schlecht oder ungerecht behandelt. Vielleicht müssen Sie noch heute unter den Folgen dessen leben, was Ihre Mutter Ihnen angetan oder unterlassen hat.
- Oder Sie denken an Ihr eigenes Versagen als Mutter.
- Vielleicht haben Sie es gut gemeint, aber es hat sich negativ für Ihr Kind ausgewirkt, was dann geschehen ist.
- Vielleicht denken Sie an etwas, was Sie an Ihrem Kind versäumt haben und es jetzt nicht mehr wieder gut machen können und sie fühlen sich schuldig.

Bei beiden Situationen bietet Gott Ihnen durch die Kraft seiner Heilung und Vergebung eine neue Gegenwart und Zukunft an. Vielleicht aber auch haben Sie keine eigenen Kinder und müssen damit leben, dass Ihnen dieser Wunsch unerfüllt blieb. Es gibt viele Erfahrungen, die diesen Vergleich von Gottes Liebe und der liebenden Mutter zunichte machen können.

Was auch immer Ihre persönliche Situation sein mag, Gott sagt: „Bringt eine Mutter es fertig, ihren Säugling zu vergessen? Hat sie nicht Mitleid mit dem Kind, das sie in ihrem Leib getragen hat? Und selbst wenn sie es vergessen könnte, ich vergesse euch nicht!“
Das haben die Israeliten erlebt. Gott hat sie später wieder zurück gebracht aus der Gefangenschaft in das Land der Verheißungen. Er hat die Israeliten damals nicht vergessen. Er hat keinen Menschen vergessen. Deshalb ist Jesus als Retter Mensch geworden, am Kreuz gestorben für unser Versagen und ist auferweckt worden.
Er wird auch Sie nicht vergessen! Er liebt Sie mehr als selbst die beste Mutter das tun könnte.

Die Liebe der Mutter zu ihrem kleinen Kind ist wohl die elementarste, innigste, stärkste Beziehung, die es unter Menschen gibt. Und doch kann es vorkommen, dass Mütter in verzweifelten Situationen ihr neugeborenes Kind aussetzen, verhungern lassen oder gar zum Fenster  hinaus werfen. Gottes Mutterliebe aber ist stärker und zuverlässiger als selbst die Liebe irdischer Mütter zu ihren Kindern. Sie hält durch, selbst wenn die Kinder ihre eigenen Wege gehen, ihrer Mutter Kummer und Leid verursachen, gar von ihr nichts mehr wissen wollen und die Beziehung zu ihr abbrechen. Er wird auch Sie nicht vergessen! Er liebt Sie mehr als selbst die beste Mutter das tun könnte.

2.Gott hat sich ein Erinnerungszeichen gemacht.
Manche Schüler und Konfirmanden, vor allem Mädchen, schreiben sich im Unterricht etwas auf die Hand, um es nicht zu vergessen. Ich habe da schon Telefonnummern, Hausaufgaben, Namen, kleine Bildchen und anderes mehr gesehen. Die Schüler und Konfirmanden schreiben das meist mit einem Kuli oder einem Fineliner auf die Hand, die man wieder abwischen kann, damit die Mütter zu Hause nicht völlig ausrasten.
Gott aber hat Sie mit einem nicht abwaschbaren Stift in seine Hand geschrieben.
„Jerusalem, ich habe dich unauslöschlich in meine Hände eingezeichnet; deine Mauern sind mir stets vor Augen.“

Ihr Name ist in seiner Hand eingraviert, eintätowiert.
Manche lassen sich irgendwo auf ihren Körper den Namen des geliebten Partners tätowieren. Ich kenne einen Mann, der sich den Namen seiner Angebeteten auf den Arm tätowieren ließ. So begeistert war er von ihr. Leider ist daraus dann aber doch nichts Festes geworden trotz Tätowierung. Es war sehr schmerzhaft und hinterließ sichtbare Narben diese Tätowierung entfernen zu lassen, als er dann eine andere geheiratet hat. Gott hat in den Wundmalen von Jesus am Kreuz Ihren Namen in seine Hände tätowieren lassen. Und selbst wenn Sie bisher seine Liebe nicht erwidert haben. Er hat diese Tätowierung nicht entfernt. Noch immer besteht seine Liebe für Sie!

Es ist ja sowieso erstaunlich, dass Gott der Herr sich überhaupt den Namen seiner Diener tätowieren ließ. In der Zeit Jesajas hatten Sklaven oder Diener teilweise den Namen ihres Herrn und Meisters auf Ihren Händen tätowiert bekommen. Aber niemals fand sich der Name der Diener auf der Hand eines der Herrn und Meister. Gott aber, der Herr aller Herren, der König aller Könige, hat sich Ihren Namen eingravieren lassen. Denn Sie sind für ihn mehr als ein Sklave oder als ein Diener. Sie sind durch den Glauben an Jesus sein geliebtes Kind, das er liebt und nie vergisst.

Gott sagt: „Ich habe dich unauslöschlich in meine Hände eingezeichnet.”
Was für ein wunderbares, tröstliches Bild: Gott hat mich, hat uns in seine Handflächen geritzt, hat meinen, hat unsere Namen, und damit uns selbst sozusagen auf seine Hand tätowiert. Unauslöschlich. Mögen Sie sich auch noch so vergessen und von allen guten Geistern verlassen wähnen, bei Gott sind Sie nicht vergessen. Vielleicht aber fällt es Ihnen schwer, das zu glauben. Vielleicht haben Sie das Gefühl, dass Gott gerade da, wo Sie Ihn am meisten brauchen, besonders weit weg und besonders klein scheint.

So ähnlich erging es dem achtjährigen Mark, der seinem Vater von einem Besuch auf dem Frankfurter Flughafen erzählte. Der Vater fragt: „Und, Mark, wie war es? Hast du den Tower gesehen und einige der Flugzeuge?“ „Na klar, Papa.“ Und wie groß war das größte Flugzeug, dass du gesehen hast?“ fragt der Vater weiter. „Keine Ahnung“ sagt der Junge, „von der Besucherterasse aus war es nicht größer als so.“ (Spanne zwischen Daumen und Zeigefinger zeigen). Aus der Entfernung erscheint Gott Ihnen vielleicht auch manchmal kleiner als er in Wirklichkeit ist und Ihre Probleme und Gefühle erscheinen Ihnen dafür größer wie sie sind.

Gott verspricht Ihnen heute wie den Israeliten damals:
„Ich vergesse euch nicht! Ich habe dich unauslöschlich in meine Hände eingezeichnet.“ Selbst wenn Sie Ihn vergessen, er vergisst sie niemals!
Trotz dieser Zusage werden jetzt nicht alle Ihre Probleme gelöst sein.
- Vielleicht werden Sie Ihren beruflichen Alltag noch immer als belastend empfinden.
- Vielleicht werden Sie einen schweren Weg vor sich haben, um eine Beziehung, die angeschlagen ist, wieder aufbauen zu können.
- Vielleicht werden Sie weiter trauern um einen geliebten Menschen, den Sie haben hergeben müssen.

Aber Sie dürfen gewiß sein, dass Sie dabei nicht allein sind. Gott, der Herr, der Himmel und Erde geschaffen hat, dem nichts unmöglich ist, der selbst als Mensch durchlebt hat, was Sie durchleben, der Schmerz, Leiden und den Tod aus eigener Erfahrung kennen gelernt hat, der Sie so sehr liebt, wie eine Mutter Ihr Kind, dass er Ihren Namen in seine Hand in den Wundmalen von Jesus, dem gekreuzigten gezeichnet hat, der wird bei Ihnen sein. Er sagt zu Ihnen: „Ich vergesse euch nicht! Ich habe dich unauslöschlich in meine Hände eingezeichnet.“

Liebe Gemeinde,
selbst die von ihren Eltern vergessenen und geschundenen und ermordeten Kinder hat Gott nicht vergessen.
Denn genau wie Israel hat Jesus am Kreuz, in der Stunde seines qualvollen Todes, es laut geschrieen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!"  In diesem Schrei ist zusammengefasst alles Schreien der ermordeten Juden und Jüdinnen, das Weinen aller Mütter über ihre verlorenen Kinder, das Wimmern der verhungernden und getöten Kinder, das wortlose Seufzen der Kranken und Sterbenden, das ganze Elend und Leid geplagter Menschen. Und: Gott hat dem Schrei seines Kindes Jesus am Kreuz Antwort gegeben. Er hat Jesus von den Toten zum Leben aufgeweckt. Das ist die Hoffnung aller verlassenen Menschen. Gott sagt diesen Menschen und Ihnen zu: „Ich vergesse euch nicht! Ich habe dich unauslöschlich in meine Hände eingezeichnet.“

Amen.