Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja (52,13-15) 53,1-12

Andreas Gruhn

29.04.2002 in der evangelische Kirchengemeinde Poppenweiler

Liebe Gemeinde,

heute am Karfreitag erinnern wir uns, was Jesus am Ende seines Lebens zugemutet wurde. Wir erinnern uns an die erfahrenen Demütigungen, sein Leiden und Sterben. Jesus der Jude - hingerichtet von den Römern. "Bist du der König der Juden?", wird er von Pontius Pilatus gefragt. "Du sagst es," antwortet Jesus und schweigt. Er erklärt sich nicht weiter. Unternimmt keinen Versuch sich zu verteidigen.

I. Der Gottesknecht

Was Jesus erlebt hat und was ihm widerfahren war, das erinnerte die Jünger nach Ostern an einen, den sie kannten. Auch er stammte wie Jesus aus dem jüdischen Volk. Doch lagen nun fünfhundert Jahre dazwischen. Was jeder von ihnen erlebt hat, lässt sie beide einander ähnlich sein. Er wird als eine unansehnliche Gestalt beschrieben, mit der niemand mehr etwas zu tun haben möchte. Krankheit und Schmerzen plagen ihn. Er wird misshandelt und niedergedrückt. Ohnmächtig gegenüber seinen Widersachern, kann er sich nicht wehren. Seinen Mund verschließt er, lässt seine Peiniger keinen Ton hören. Wie ein Tier, das man zur Schlachtbank führt, so schaut er drein. Und mit diesem Menschen, so bezeugen es die heiligen Schriften des jüdischen Volkes, hat sich Gott verbündet. Der, den alle verachtet hatten, an ihm hat Gott Gefallen gehabt. Später nannten sie diesen Menschen den "Gottesknecht". Vier Lieder sind ihm im Buch des Propheten Jesaja gewidmet. Das letzte davon ist unser heutiger Predigttext.

TEXT: Jes (5213-15) 531-12

Fremdes Leid erinnert die Glücklichen, dass sie für den Augenblick davongekommen sind. Es führt aber gleichzeitig die eigene Verwundbarkeit vor Augen. Fremdes Leid kann Mitgefühl auslösen. Es kann aber auch das genaue Gegenteil bewirken. Abkehr bis hin zur Vernichtung. Offensichtlich bedrohen die Schwachen und Kranken die scheinbar Starken und Gesunden.

III. Der Entstehungsort von Dona Dona

Und wieder war es einer aus dem jüdischen Volk, nun aber fast zweitausend Jahre nach Jesus und zweieinhalbtausend Jahre nach dem sogenannten Gottesknecht, der bespuckt, gedemütigt und verachtet wurde. Eingesperrt im Ghetto in Warschau schaut er zu, wie sein Volk in Güterwaggons verladen wird. Niemand weiß wohin es geht, doch sie ahnen böses. Auf ihn selber wartet das gleiche Schicksal und er weiß nicht, wie er sich ihm entziehen könnte. Stumm vor Erschrecken kann er aber noch schreiben. Ein Gedicht entsteht. Es erzählt die Geschichte des Kälbchens, das mit dem Bauer auf dem Weg ist.

"Der Bauer führt ein Kälbchen hoch auf den Karren. Bindet es fest. Fesselt es an seinen Beinen. Nur den Rücken kann es noch krümmen. Mehr bewegen kann es sich nicht. Doch es weiß, wohin es geht. (Zum Schlachten.) Da sieht das Kälbchen am Himmel eine Schwalbe. Sie durchzieht den Himmel mit großem Bogen, frei und unbeschwert. Der Wind zieht durchs Weizenfeld. Es scheint dem Kälbchen als lachte der Wind über sein Geschick den Tag und die ganze Nacht hindurch. Da muss das Kälbchen weinen. Doch der Bauer lacht nur und sagt: "Nun bist du eben ein Kalb und hast nichts anderes verdient als geschlachtet zu werden. Du hättest eben ein Vogel werden müssen."
Da wusste das Kälbchen, dass Kälber geschlachtet werden. Nur wer Flügel hat, kann frei fliegen. Und wer fliegen kann, der wird niemals eines andern Knecht. Und der Wind weht durchs Weizenfeld und er lacht darüber, was er da sieht.

LIEDVORTRAG: [Dona Dona mit Gesang (jiddisch), Flöte und Orgel
Text: Jiddisch vermutlich nach Jizchak Katzenelson
Englisch: Shelodon Secunda (Vgl. Student für Europa Nr. 62
Musik: Sheldon Secunda (1940)

IV. Leiderfahrungen als das verbindende Band

Ich vermute, der Verfasser dieses eben vorgetragenen Liedes, kannte auch den Text, der uns heute als Predigttext vorliegt. Und wenn es nicht so sein sollte, dann ist es die gemeinsame Erfahrung von unbegreiflichem Leid, von Gewalt und Terror, die beide Schreiber miteinander verbindet. Damit sind sie mit allen verbunden, die auch heute Gewalt erfahren und niedergedrückt werden. Und während wir hier sitzen verliert vielleicht durch ein Selbstmordattentat eine jüdische Mutter ihren Sohn und ein Palästinenser seine Tochter bei dem darauf folgenden Vergeltungsschlag. Beiden Elternteile erstarrt wohl das Herz im Leibe und sie verstummen angesichts der Gewalt, die ihre Kinder wie Lämmer zur Schlachtbank führte.

V. Vom möglichen Sinn und der Hoffnung in mitten leidvoller Erfahrungen

Ist das Leid, das Menschen erfahren völlig sinnlos? Die Frage, wozu das alles geschieht, drängt ja nach einer Antwort. Diese Antwort für sich selber zu finden, ist fast unmöglich. Sie einem anderen zu geben, muss als Anmaßung erscheinen.

Von dem Menschen, den man später als den Gottesknecht bezeichnet hat, heißt es in unserem Predigttext: Gott der Herr, habe an dem, den alle verachtet hatten, Gefallen gefunden (V10). Und der, der so vieles zu ertragen hatte, erblickt das Licht (V11) und wird in die Reihe der Großen gestellt (12).

Das Recht, das diesem Menschen vorenthalten wurde, dieses Recht stellt Gott für ihn her. Rückblickend auf sein Leben zeigt sich, dass er nicht umsonst gelitten hat.
Rückblickend auf das Leben Jesu erkannten die Jünger im Geschick des Gottesknechts das Geschick ihres Meisters.
Rückblickend auf das erfahrene Leid der Juden in Europa wird das Lied vom "Kälbchen" gesungen. Es singt allen, die zu Unrecht leiden. Und jedes Leid besteht zu Unrecht. Niemand, auch nicht der Ungerechte hat es verdient. Es singt von der einzigen Hoffnung, die dem Vergessenen, dem von anderen Menschen Aufgegebenen bleibt. Es singt allen, die heute körperliche und seelische Schmerzen zu ertragen haben. Es singt allen, die um ihre Schönheit und ihr gelingendes leben bangen.

In diesem Lied hören wir im Kehrvers dieses "Dona dona " erklingen. (Dieses Kehrvers, der in der Pop-Version so lieblich, fast zu lieblich klingt.) Dieser Ruf war die letzte, aber bleibenden Hoffung vieler ins Konzentrationslager verschleppter Juden. Es waren die letzten Worte Jesu am Kreuz.

Das "Dona, Dona" ist nicht die Erinnerung an eine geliebte Frau oder angebetete Madonna gar. Es ist die Abkürzung für "Adonai" Mit Adonai wird in der hebräischen Bibel der Name des Gottes Israels ausgesprochen. Adonai ist der verzweifelt hoffnungsvolle Ruf. "Mein Herr! Mein Gott"

Wo Menschen alles genommen wird, wo alles verloren geht, was einem eben noch so teuer war, da bleibt allein die Beziehung zu Gott erhalten. Sie bleibt denen, die in ihrer Verzweiflung Adonai mein Herr, mein Gott rufen und alles, was kommen mag in seine Hand ihm legen.

In diesem Adonai leuchtet eine Hoffnung auf. Der kurze Moment dieses hellen Scheins reicht zuweilen aus, dass wir der Verzweiflung entfliehen und dem Leben uns hingeben.

Amen