Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 52,13 - 53,12

Pastorin Christiane Nadjé-Wirth

in der evangelisch-lutherischen Erlöserkirche in Boffzen

Karfreitag 2008

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

„Germanys next Top-Model“ – eine Staffel nach der anderen. Die Schönste sein. Tausende von Mädchen  bewerben sich dafür. Es lockt Geld, ein Model-Vertrag, Bewunderung, die große Welt. Oder „Deutschland sucht den Superstar“. Mehr oder weniger Begabte singen, tanzen einer Jury was vor. Und Millionen an den Bildschirmen verfolgen das.

Neulich in einem Taufgespräch träumten die Eltern von der Zukunft ihres Kleinen: „Das wär schon toll, wenn er mal bei DsdS mitmacht.“  Superstar sein, die Nr. 1 sein. Letztlich zählt nur die Nummer 1 bei diesen Formaten. Wer spricht noch von der fünftplatzierten? Der große Traum. Allen zeigen, was ich kann, dafür bewundert werden. Oft unterstützt von Mama und Papa, die den Sohn, die Tochter natürlich auch ganz toll finden und vielleicht hoffen, dass ein bisschen Ruhm auf sie abfällt. Dafür nehmen die Jungs und Mädchen in Kauf, sich beschimpfen, kränken, demütigen zu lassen vor einen Millionenpublikum. Denn davon leben diese Sendungen eigentlich. Für das Publikum wird es dann erst richtig spannend, wenn jemand durchfällt, versagt, sich so richtig blamiert. Und dafür die Quittung bekommt. Da sitzen dann Millionen bequem auf ihrem Sofa und der Spott und die Schadenfreude kennen keine Grenze. Man fragt sich natürlich auch, warum sich jemand, der nicht singen kann, sich auf so etwas bewirbt, aber die Sehnsucht lässt einen manchmal die Realität auch nicht sehen. Die Sehnsucht, ein Superstar zu sein. Weil in unserer Welt die Superstars etwas sind, etwas gelten. Weil sich fremde Menschen gerne mit einem Star fotografieren lassen und dann stolz sind, dass das in einer Zeitschrift abgedruckt wird.

Leute, die nichts können, gelten dagegen in unserer Welt nicht viel. Im Extremfall wird ihnen sogar ihre Menschenwürde abgesprochen. Das ist doch kein Leben! So sagen manche in Bezug auf stark behindertes Leben, auf dementes Leben. Und bekommen manchmal sogar vor Gericht Recht dafür. Es wurde vor einigen Jahren Urlauber Schadenersatz gewährt für Belästigungen durch eine Reisegruppe von Behinderten in der gleichen Ferienanlage. Ja, in einer Welt, die Superstars will, haben solche Menschen keinen Platz.

 

War Jesus ein Superstar – wie es im Musical besungen wird?  Heute ist Karfreitag. Wir haben das Evangelium gehört, und das klingt nicht nach Superstar. Verhaftet, verurteilt, verspottet, gedemütigt, getötet. Einfach so, ohne sich zu wehren, wie ein Schaf, das zur Schlachtbank geführt wird. Und so etwas wirkt auf die Öffentlichkeit nicht besonders attraktiv. Da werden manche Schadenfreude empfunden haben. Oder auch nur Verachtung. Wie schnell geht das, das wir Menschen, die ganz tief unten sind, die gescheitert sind, verachten, ihnen ihre Würde absprechen. Natürlich wird es auch Menschen gegeben haben, die dachten: Mensch, dieser arme Kerl. Hoffentlich geht es schnell, dass er nicht so lange leiden muss. Aber einen Superstar werden sie nicht in ihm gesehen haben. Und seine Freunde hatten daran zu kämpfen. Innerlich. Sie hatten doch auf ihn gebaut, auf ihn gehofft. Für sie war er doch eigentlich der Superstar. Und jetzt das. Was wird in ihnen vorgegangen sein? Mitleid natürlich, Trauer, Verzweiflung, aber auch vielleicht dieser Stachel, Bitterkeit, Zorn: Nun zeig doch endlich, was du eigentlich kannst, wer du eigentlich bist. Lass dich doch hier nicht so demütigen. Damit demütigst du doch auch uns, die wir an dich geglaubt haben.

Nein, kein Superstar. Aber dann erinnerten sie sich daran, dass Jesus das auch nie sein wollte. Ein Superstar, so wie die Welt ihn sehen will. Sie erinnerten sich daran, wie Jesus ihnen einmal uralte Worte, uralte Verheißungen erklärt hat, gedeutet hat. Wie er sein eigenes Leben und seinen Weg darin gespiegelt fand. Ein Lied vom Gottesknecht aus dem Jesajabuch. Dort wird eine Gestalt beschrieben, die von Gott einen ganz besonderen Auftrag bekommt. Von wem da eigentlich die Rede ist, weiß man nicht genau. Aber Jesus hat sich selbst darin wiedergefunden. Ich lese nur Auszüge: Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Wir haben ihn für nichts geachtet. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und Übeltätern, als er gestorben war.

Diese alten Worte haben sich erfüllt in Jesu Leidensweg.

Aber darin erschöpfen sie sich nicht. Das alles wäre zwar bedauernswert, aber noch nicht mit Sinn erfüllt. Der Sinn, der steckt in einem kurzen Satz in diesem Gottesknechtslied. Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.

Unsere Krankheit, unsere Schmerzen. Was heißt das eigentlich? Ganz verstehen lässt sich das vielleicht gar nicht mit unseren begrenzten Möglichkeiten. Wer glaubt dem, was uns verkündet wurde und wem ist der Arm des Herrn offenbar?  Diesem Geheimnis kann man sich wohl nur annähern.

Er trug unsere Schmerzen. Das heißt auch, er hielt das in aller Öffentlichkeit aus. Er versteckte sich nicht. Er zeigte ganz deutlich, dass zum Leben eben nicht nur der Glanz, die Schönheit, die Leistung gehört, sondern auch das andere. Der Abgrund, die Angst, die Verzweiflung, das Scheitern. Schaut es euch an! So ist Leben. Ich gehe hier jetzt stellvertretend für euch durch. Damit ihr akzeptieren könnt, dass Leben so ist. Auch euer Leben. Mit Brüchen, mit Schattenseiten. In der letzten Woche sind die Konfirmanden losgegangen und haben Kreuze gesucht und zum Teil fotografiert. Kreuze, die manchmal gar nicht so offensichtlich sind. Fensterkreuze, Straßenkreuzungen. Die Welt ist voll davon. Halten Sie ruhig nachher mal die Augen offen! Auf dem Fernsehturm am Alex in Berlin etwa spiegelt sich die Sonne als Kreuz. Kreuze überall. Und das auch im übertragenden Sinne. Manchmal wird ein altes Sprichwort zitiert: „Unter jedem Dach ein Ach!“ Überall gibt es Zerbrochenes, Schweres, Gescheitertes. 

Und das müsst ihr nicht verstecken. Ihr müsst euch nicht immer die Maske aufsetzen von dem, dem nichts und niemand etwas kann, an dem alles abprallt. Ihr müsst nicht der Superstar sein, um etwas zu gelten. Wenn ihr bei Dieter Bohlen einen falschen Ton singt, dann seid ihr raus, mit Spott und Hohn. Aber Gott ist es egal, ob ihr drei Oktaven sicher beherrscht oder ob alles schief klingt. Und das zu wissen, das kann stark machen. Stark, mit den eigenen Macken und dem eigenen Scheitern gnädiger zu sein. Zu wissen, das macht meinen Wert nicht aus. Jesus hat sich auch zu Lebzeiten schon immer mit denen solidarisiert, die am Rande standen, die vor der Welt nichts galten. Frauen, Kinder, Kranke, Behinderte. Und auch mit denen, die Schuld auf sich geladen hatten, Zöllner, Prostituierte. Und jetzt am Kreuz lässt er sich den Übeltätern gleich machen. Ja, nicht nur die, die unverschuldet Leid tragen, liegen Gott besonders am Herzen, sondern auch die, die selbst zu ihrem Scheitern beitragen. Das ist für uns oft besonders schwer einzusehen. Aber, wenn wir ehrlich sind, dann liegt darin auch für uns selbst ein großes Versprechen.

Er trug unsere Krankheit und litt unsere Schmerzen. Am Kreuz wird unsere Sehsucht nach den Superstars fragwürdig. Und kann uns helfen, die Augen offen zu halten, um die echten Superstars zu finden. Die zum Beispiel, die sich tagtäglich um die Schwachen kümmern, in Krankenhäusern, Pflegeheimen. Oder die, die sich für ein behindertes Kind entscheiden. Oder die, die jeden Tag wieder liebevoll versuchen, die altersverwirrte Mutter in Würde leben zu lassen. Oder die, die es endlich schaffen über den eigenen Schatten zu springen, einen Fehler einzugestehen und um Vergebung zu bitten. Oder die, die einem anderen zeigen. Ich halte zu dir, auch wenn du nicht zu den Angesagtesten gehörst. Das wäre Nachfolge. Durchaus auch Kreuzesnachfolge. Denn wir können nicht unbedingt davon ausgehen, dass uns das gelohnt wird im landläufigen Sinn. Dass wir dafür Bewunderung einheimsen würden. Und schwer ist es oft genug auch. Aber wir dürfen gewiss sein, dass wir dort Jesus selbst ganz nahe sind.

Amen