Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 52,13-53,12

Pfarrer Bernd Giehl

29.03.2002 in der Evangelischen Kirche zu Wiesbaden-Delkenheim

Jesus und der Gottesknecht

Und dann waren sie endlich oben auf dem Hügel angekommen. Die beiden Partisanen, die sie mit ihm kreuzigen würden, versuchten ein letztes Mal, sich gegen das Unabänderliche zur Wehr zu setzen. Sie bäumten sich auf, als man sie auf das Kreuz legte, schrien und spuckten ihren Henkern ihren Hass ins Gesicht, aber es waren zu viele, als dass sie noch hätten entkommen können.
Ihn nagelten sie als Letzten an. Die Kreuze der beiden anderen standen schon, als sie ihm die Nägel durch Füße und Hände trieben. Die Erschöpfung nach den langen Verhören und dem Marsch mit dem schweren Querbalken auf den Schultern hatte eine Art Betäubung über ihn gelegt, sodass er alles, was um ihn herum geschah, nur wie aus weiter Ferne mitbekam, aber die Nägel, die durch sein Fleisch gingen rissen ihn aus der Lethargie und die Schmerzen entlockten ihm einen lauten und furchtbaren Schrei

Dann endlich banden sie das Seil um sein Kreuz und richteten es auf. Hier würde er nun hängen, Stunde um Stunde, der Hitze und den Schmerzen ausgesetzt. Jetzt war es soweit. Und nichts mehr, was ihn retten konnte. Und dann sank er zum ersten Mal hinüber in den Traum.

*

Nun stand er wieder auf dem Berg, oberhalb des Sees. Nur seine beiden engsten Freund waren bei ihm, Petrus und Johannes. Er hatte gespürt, dass ihm etwas bevorstand, was seinem Leben womöglich eine entscheidende Wende geben würde. Wie so oft, so war er auch diesmal in ein langes intensives Gebet vertieft, in dem ihm Gott ganz nahe kam. Und Gott hatte ihm gesagt: steig auf diesen Berg. So waren sie auf den Berg gestiegen, er und seine beiden engsten Freunde. Was er dort oben tun sollte, das hatte er nicht gewusst, aber er hatte gewusst, dass Gott zu ihm gesprochen hatte, und weil seine Seele eins geworden war mit Gott, hatte es kein Zögern und Überlegen gegeben, sondern sie waren hinaufgestiegen auf diesen hohen Berg. Als sie oben angekommen waren, war es kalt und windig gewesen, die Wolken hingen tief, sodass sie nicht einmal einen Blick auf die Landschaft um den See herum hatten, und einen Moment lang hatte er sich gefragt, ob er da nicht etwas missverstanden hatte. Aber dann standen plötzlich Mose und Elia bei ihnen, und er hatte sofort gewusst, wer das war. Sie hatten mit ihm gesprochen, wie mit einem Gleichrangigen oder womöglich sogar einem, der ihnen überlegen war. Und er hatte gespürt, wie dünn die Wand zwischen ihm und Gott geworden war, so als ob sie schon fast nicht mehr existierte. Gottes Wille und sein eigener; sie waren eins. Nur ein winziger Schritt, und er würde hinübergehen in die Herrlichkeit Gottes. Fast kostete es ihn Kraft, diesen Schritt nicht gleich zu tun, sondern zu warten bis seine Zeit gekommen war.

Er war der Auserwählte Gottes, der den Menschen das Heil bringen würde. An jenem Tag auf dem Berg hatte er es ohne jeden Zweifel gewusst.

*

Die Nägel schmerzen. Sein ganzer Körper ist eine einzige klaffende Wunde. Seit Stunden schon hängt er hier am Kreuz. Die Sonne ist höher und höher gestiegen. Mitleidlos scheint sie auf die Soldaten, die unbeteiligt dabeistehen, die nur ihre Pflicht tun, die Befehlen gehorchen, die andere gegeben haben. Sie denken nicht darüber nach. Schon öfter haben sie Kreuzigungen erlebt. Wenn einer zu dieser Strafe verurteilt worden ist, wird es schon richtig sein.
Er spürt keinen Hass gegen sie. Auch keine Verachtung. Sie tun ihm nur leid. Unendlich leid. Was für ein furchtbares Leben sie haben müssen. Leben zu müssen unter einer Bevölkerung, die ihnen feindlich gegenübersteht. Und deshalb immer bereit, das Schwert zu ziehen. Jeder finstere Blick, jede verächtliche Geste, sie könnten ein Zeichen sein. Jede enge Gasse, jeder dunkle Hauseingang - eine Gefahr. Überall könnten die Partisanen lauern; könnten aus diesem Hauseingang herausspringen und einem das Messer in die Brust stoßen. Wenn man eine Linie zöge zwischen ihm und den Soldaten, dann würde er am einen Ende stehen und sie am anderen Ende. "Liebt eure Feinde", so hatte er gepredigt. "Schlagt nicht zurück, wenn sie euch schlagen. Setzt dem Feind Güte entgegen."

Wenn er jetzt noch einmal darüber nachdachte, dann musste er zugeben, dass er alles auf eine Karte gesetzt hatte. Und diese Karte hieß: "Vertrauen auf Gott". Gott, so glaubte er, hatte die Menschen gut geschaffen. Egal, wie böse sie im Lauf ihres Lebens geworden waren. Irgendwo in ihnen musste noch ein Funke des göttlichen Lichts sein. Und wenn einer den Bösen ohne Angst gegenüber trat, wenn er sich wehrlos machte, dann würde dieser Funke zu einer neuen Flamme werden.
Ob er sich getäuscht hatte? Es waren nicht nur die körperlichen Schmerzen, die ihm zu schaffen machten. Es war fast mehr noch die Frage, die er nicht beantworten konnte, wo an diesem furchtbaren Tage Gott war. Wo verbarg er sich? Konnte er es wirklich zulassen, dass die Finsternis über das Licht siegte? Dass der Hass die Liebe totschlug? Was würde aus Gott werden, wenn er den, der ihm so nahegekommen war, wie sonst kein anderer Mensch, einfach im Stich ließ? Zum zweiten Mal an diesem Tage glitt er hinüber in den Traum.

*

Diesmal lag er auf den Knien. Es war Nacht. Um ihn herum alte knorrige Olivenbäume, deren Blätter im Mondlicht silbern schimmerten. Aber er sah sie nicht. Wieder war sein Geist weit weg, im intensiven Gespräch mit seinem Vater. Ja, so nannte er ihn, den dessen Name so heilig war, dass kein frommer Jude ihn je in den Mund nehmen würde. "Vater", so sagte er zu ihm. Niemals hatte er das Gefühl gehabt, ihn mehr zu brauchen als jetzt in der Finsternis dieser furchtbaren Nacht. "Vater", so sprach er in der Stille zu ihm, "sag mir, warum ich diesen Weg gehen muss. Ich verstehe es nicht. Warum soll mein Leben auf diese schreckliche Weise enden? Willst du wirklich, dass meine Feinde über mich triumphieren?"
Schweigen. Niemals ist er so einsam gewesen wie in dieser Stunde der Nacht. Alles scheint auf dem Spiel zu stehen.

Und während er so mit Gott ringt, kommen ihm auf einmal Verse aus dem Buch des Propheten Jesaja in den Sinn. "Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein ... Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des Herrn offenbar? Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt noch Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. Fürwahr, er trug unsere Schmerzen und lud auf sich unsere Krankheit. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt."

Natürlich kennt er diese Worte. Jeder fromme Israelit kennt sie. Hin und wieder hat er sie selbst in der Synagoge vorgelesen; am Großen Versöhnungstag etwa, und jedes Mal ist ihm ein Schauer über den Rücken gelaufen. Er hat diesen Mann bewundert. Er hat sich gefragt, woher einer die Kraft nimmt, das auszuhalten.
In diesen Minuten dämmert ihm, von wem der Prophet Jesaja gesprochen hat. Und er erschrickt bis ins Innerste, als er erkennt, dass da einer Jahrhunderte vor seiner Geburt von ihm gesprochen hat. Sein Atem stockt. Will er wirklich dieser Mann sein? Wird er die Kraft dazu haben? Nein, denkt er, ich kann es nicht. Meine Kraft reicht dafür nicht aus.
Schweigen. Warum antwortet er nicht? Warum sagt er nicht: Du bist nicht gemeint? Je länger das Schweigen andauert, desto mehr weiß er: Diese Tür ist nur für ihn bestimmt. Jahrhundertelang stand sie offen und nun ist er es, der durch sie hindurchgehen muss. Das also ist das Ziel seines Lebens. Wenn er hier "Nein" sagt, war alles vergebens. Schließlich sagt er: "Vater, wenn es dein Wille ist, dass ich dieser Gottesknecht sein soll, dann gib mir auch die Kraft dazu, diesen Weg zu gehen."

*

Die Sonne steht hoch am Himmel. Er spürt, wie die Kraft ihn mehr und mehr verlässt. Er sieht einige Menschen unter seinem Kreuz stehen, er hört, wie sie spotten: "Wenn du doch der bist, der Israel retten soll, warum hängst du dann dort oben? Warum steigst du dann nicht herunter vom Kreuz? Oder glaubst du, dass das dein Thron ist?" Ihre Worte treffen ihn, auch wenn sie keine klaffenden Wunden mehr reißen. Auch Worte können verletzen; das weiß er schon lange. Aber er ist so schwach, dass er ihre Schärfe nicht mehr spürt. Und er kann ihnen auch nicht mehr antworten. Ein anderer wird für ihn eintreten müssen, falls der denn so an ihm festhält wie er bis zuletzt an ihm festgehalten hat. Womöglich muss es so sein, denkt er, dass ich auch das, was ihr Leben vergiftet, aufgeladen bekomme. Ihren ohnmächtigen Zorn, ihre bitteren Enttäuschungen, ihre Resignation. Er muss es tragen, wohin auch immer, und die Hoffnung, die ihm bleibt, ist die, dass sie dadurch befreit werden von ihrer Bitterkeit und ihrer Angst. Er kann nur hoffen, dass Gott den Weg schon weiß, den er gehen soll und auch weiß, warum er ihn gehen muss.
Und als ob es immer noch nicht genug wäre, schreit nun auch der eine Partisan, der mit ihm gekreuzigt worden ist, seinen Zorn heraus: "Retter Israels, steig herab vom Kreuz und rette uns. Los, zeig uns deine Macht." Aber der andere weist ihn zurecht: "Sei still", sagt er zu dem anderen. "Der ist der einzige Unschuldige unter uns." Und dann fügt er noch hinzu: "Wenn du ins Paradies eingehst, dann bitte für uns."

*

In diesem Augenblick sah er das Licht. Es kam auf ihn zu, es umhüllte ihn. Auf einmal war er schwerelos.
Und dann war er im Paradies. Die Engel machten eine Gasse für ihn. Sie verneigten sich ganz tief vor ihm. Er schritt durch sie hindurch, und da war nichts mehr von der Schwäche und den Schmerzen, sondern es war vollkommenes Glück. So vieles, was er Gott hatte fragen wollen, aber auch die Fragen waren von ihm abgefallen. Er sah den Vater auf seinem Thron sitzen und es war Licht um ihn, aber das Licht blendete ihn nicht. Der Vater stand auf, ging ihm entgegen und dann fielen sie sich in die Arme.

*

Ein Soldat stieß den anderen an. Er zeigte auf den, der in der Mitte hing. Sein Kopf war auf seine Schultern gesunken. "Schau mal", sagte der erste Soldat. "Ich glaube, der hat's gepackt." "Wie friedlich er aussieht", entgegnete der andere Soldat. "So hab ich noch keinen sterben gesehen." "Ein seltsamer Heiliger", meinte der erste. Und dann machten sie sich daran, den Leichnam vom Kreuz zu nehmen.

Amen