Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 52,7-10

Peter Samuel Jost (ev)

22.12.2013 in der Martin-Luther-Kirche zu Dresden (Ev.-Luth. Kirchspiel Dresden-Neustadt)

Predigt zum 4. Advent und Prüfungsgottesdienst im Rahmen der Qualifizierung zum Prädikanten der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

Frohe Weihnacht!

 

(7) Wie schön sind auf den Bergen die Füße des Boten, der frohe Nachricht bringt, der Frieden mitteilt, der Gutes bekanntmacht, der Rettung ankündigt, indem er zu Jerusalem spricht: Dein Gott ist König. (8) Höre! Deine Späher erheben die Stimme; gemeinsam jubeln sie. Denn mit ihren eigenen Augen sehen sie, wie Gott nach Jerusalem zurückkehrt. (9) Freut euch, gemeinsam jubelt, ihr Trümmerhaufen Jerusalems! Denn Gott hat sich seines Volkes erbarmt; er hat Jerusalem befreit. (10) Vor den Augen aller Völker hat Gott seinen heiligen Arm entblößt, damit alle Enden der Erde die Rettung unseres Gottes sehen.

 

„Sechs Minuten noch im Wankdorf-Stadion in Bern. Der Regen prasselt unaufhörlich hernieder. Es ist schwer, aber die Zuschauer, sie harren aus, wie könnten sie auch anders! Eine Fußballweltmeisterschaft ist alle vier Jahre, und wann sieht man ein solches Endspiel, so ausgeglichen, so packend – jetzt Deutschland am linken Flügel durch Schäfer, Schäfers Zuspiel zu Morlock wird abgewehrt. Bozsik, der rechte Läufer der Ungarn, am Ball. Er hat den Ball verloren, diesmal gegen Schäfer, Schäfer nach innen geflankt – Kopfball – abgewehrt – aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen –Rahn schießt! – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor! ... Drei zu zwei führt Deutschland fünf Minuten vor dem Spielende. Halten Sie mich für verrückt, halten Sie mich für übergeschnappt. Ich glaube, auch Fußball-Laien sollten ein Herz haben und sollten sich an der Begeisterung unserer Mannschaft mitfreuen.“

 

Das war O-Ton Herbert Zimmermann, Radiokommentator der Fußballweltmeisterschaft 1954. Welch eine Überraschung: Der Außenseiter Deutschland besiegt im Finale den Fußballriesen Ungarn. Das Wunder von Bern ist perfekt! Eine Welle der Begeisterung packt ein ganzes Land! Wir haben eine Zukunft!

 

Neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges riss dieser sportliche Erfolg Deutschland aus den Entbehrungen und Depressionen der Nachkriegszeit. Da waren die vaterlosen Kinder. Da waren die traumatisierten Väter, die Jahre in einem sinnlosen Krieg verloren hatten. Da waren die alleinerziehenden Mütter. Viele von ihnen hatten die Trümmer des Krieges mit bloßen Händen weggeschafft.

 

Das Wunder von Bern löste einen Freudentaumel aus. Nicht nur im Westen des seit fünf Jahren geteilten Deutschlands, auch die Menschen im Osten fieberten mit der Mannschaft der Bundesrepublik und freuten sich. Die Weltmeister von Bern fuhren mit einem Sonderzug durch die großen Städte. Überall kamen die Menschen auf die Straßen gerannt. Ein Zeitzeuge (Alfred G. Frei) berichtet: „Frenetischer Jubel, durchbrochene Polizeisperren, Geschenke an die Spieler als Vorgeschmack des Wirtschaftswunders, Blasmusik, Reden von Oberbürgermeistern und Landräten, denen niemand zuhören wollte.“ Welch eine Jubelstimmung! Ein Land im Ausnahmezustand.

 

In unserem Predigttext wird ebenfalls Jubelstimmung verbreitet, nicht per Bahn - zu Fuß! Ein Bote nähert sich Jerusalem. Sein schneller und leichter Schritt verrät schon von weitem: Er bringt gute Nachricht, keine vom Sieg eines Fußballspieles, viel bedeutender: vom Sieg Gottes. „Euer Gott ist König! Alle feindlichen Mächte sind besiegt“, ruft der Bote den Bewohnern Jerusalems zu.

 

Gott ist wieder da? Kann das wahr sein? Schon lange hatte sich Israel von Gott verlassen gefühlt und dann brach das Unglück herein: Im Jahr 587 v.Chr. besetzten babylonische Truppen Jerusalem. Sie hinterließen ein Trümmerfeld: der Tempel niedergebrannt, die Stadtmauern geschleift, die Menschen nach Babylon verschleppt.

 

Aber, das ist nun vorbei! Ihr Leute in den Gassen Jerusalems, hört ihr nicht, wie eure Späher auf ihren Aussichtsposten jubeln?! Sie springen vor Freude, denn sie haben Gott gesichtet. Ja, er ist tatsächlich auf dem Weg hierher! Gott kommt! Vielleicht fühlt ihr euch wie die Ruinen Jerusalems: leer und ausgebrannt. Ich aber sage euch: Stimmt ein in den Jubel! Freut euch, denn euer Leid ist zu Ende. Gott hat seine Ärmel hochgekrempelt. Jetzt packt er euer Schicksal an! Vor aller Welt befreit er euch aus der Gefangenschaft in Babylon! Gott meint es gut. Er hat eine Zukunft für euch!

 

Der Prophet, der mit dieser enthusiastischen Schilderung sein Volk in Feierlaune versetzen will, malt ein rosiges Bild der Zukunft. Die Versprechen, die Gott einst gegeben hat, sollen sich jetzt erfüllen. Das Ende der Welt, wie wir sie bis dahin kannten, ist gekommen. Gegen alle zerstörerischen Kräfte setzt Gott nun seinen guten Willen durch, und kein Winkel bleibt davon unberührt. Ab sofort verstummen die Waffen, keine Träne wird mehr vergossen, keine Krankheit erlitten, kein Tod gestorben, oder, um es mit einem hebräischen Wort auf den Punkt zu bringen: Schalom – Gottes Frieden zieht ein! Frieden für immer und Frieden in jeder Beziehung!

 

Eine Utopie, zu schön, um wahr zu sein. Oder? Aber geht es nicht genau darum an Weihnachten?! „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!“ Das jedenfalls riefen die Engel den Hirten auf dem Felde zu, in jener aller ersten Weih-nacht. Seitdem singen wir zwar „alle Jahre wieder, kommt das Christuskind“, aber den Frieden hatte es bislang nicht im Gepäck. Sind das alles leere Versprechungen? Gibt es in Wahrheit überhaupt keinen Grund, sich heute, zwei Tage vor Heiligabend, auf das Kommen des Christuskindes zu freuen oder gar zu jubeln?

  

Was gibt dem Autor unseres Predigttextes Anlass den Mund so voll zu nehmen? Übergeschnappt ist er jedenfalls nicht! Er weiß sehr wohl um die tatsächliche Lage. Jerusalem liegt in Trümmern, und der in alle Himmelsrichtungen verstreute, kümmerliche Haufen seines Volkes stimmt tagaus, tagein seine Klagelieder an. Doch das ist nicht alles! Der Prophet weiß auch um die Geschichte seines Volkes. Er weiß, dass Gott schon einmal wundersam eingegriffen hat. Er führte die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten und versenkte die Streitwagen des Pharao im Schilfmeer. Was Gott einmal getan hat, das kann er auch ein zweites Mal tun! So einfach, so logisch ist das! Die Hoffnungen des Propheten sind also weder unbegründet noch unvernünftig. Er weiß, was bei Gott möglich ist, und er kennt Gottes guten Willen. Deshalb gibt er sich nicht ab mit dem, was ist. Vielmehr ist ihm klar: Die Rettung seines Volkes und der vollkommene, ewige Frieden ist bei Gott beschlossene Sache und darum so gut wie sicher. Beseelt von dieser festen Hoffnung, ruft er seinen resignierten Landsleuten zu: Freut Euch, jubelt, denn Gott meint es gut, er hat eine Zukunft für Euch!

 

Indem der Prophet seinem Volk diese fantastisch anmutende Vision vom Kommen Gottes am Ende der Zeit vor Augen hält, erinnert er an den berühmten Cellisten von Sarajevo. Die Stadt war vier Jahre lang umzingelt. Im Frühjahr 1992 wurden 22 Zivilisten, die auf dem Weg waren, um Brot zu kaufen, von serbischen Heckenschützen erschossen. Daraufhin spielte ein Cellist 22 Tage lang mitten in den Trümmern von Sarajevo zu Ehren der Opfer, und zwar jeden Tag das gleiche Stück: Albinonis Adagio in g-Moll. Übrigens, das Notenblatt, welches dieser populären Komposition zu Grunde liegt, soll 1945 aus den Trümmern Dresdens geborgen worden sein.

 

Was versprach sich der Cellist davon, wenn er auf der Straße musizierte? Durch sein Cellospiel wurde doch niemand wieder lebendig, niemand satt, kein Stein wieder auf den anderen gesetzt. Die Belagerung Sarajevos ist mit 1.425 Tagen die längste des 20. Jahrhunderts. So absurd es war, inmitten von Ruinen, abgeschnitten vom Rest der Welt, umzingelt von Heckenschützen, Cello zu spielen, dieser mutige Akt der Menschlichkeit wurde für die Eingeschlossenen zum Zeichen des Widerstandes und der Hoffnung! Sie schöpften neuen Mut und sagten sich: Trotz aller Grausamkeit, trotz aller Ausweglosigkeit: Wir haben eine Zukunft! Frieden ist möglich!

 

Wer an Heiligabend die Krippe sieht und darin nur ein gewöhnliches Kind im Futtertrog erblickt, für den scheint Weihnachten ein absurdes Fest zu sein. Denn es ist widersinnig zu meinen, ein Kind könne die Welt so zum Guten verändern, dass auf Erden tatsächlich Frieden einkehrt. Wer aber in dem Christuskind den Mann sieht, der die Menschen bedingungslos liebte, der sich den Schwachen, Armen und Ausgegrenzten zuwandte, der Blinden das Augenlicht schenkte und Lahme tanzen ließ, ja, dem selbst der Tod keine Grenzen setzen konnte, für den wird das Christuskind – wie der Cellospieler von Sarajevo! – zum Hoffnungszeichen. Denn, was das Christuskind einmal getan hat, das kann es auch ein zweites Mal tun, und zwar am Ende der Zeit, wenn es wiederkommt. Dann aber mit dem Schalom im Gepäck. Dann wird wahr, was die Engel den Hirten in jener ersten Weih-nacht zuriefen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“ - für immer und in jeder Beziehung. In diesem Sinne: Frohe Weihnacht!