Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 52,7-10 und Lukas 2,15-20

Pfarrer Matthias Blaha (rk)

25.12.2007 in Wolkertshofen/Attenfeld

Klimawandel!

* Unsere Welt hat ein Klimaproblem!
Das haben mittlerweile sogar die Amerikaner begriffen, auch wenn ihre Regierung noch gern die Maßnahmen für mehr Klimaschutz blockiert.
Eigentlich, liebe Schwestern und Brüder, hat unsere Welt zwei Klimaprobleme, und zwar zwei genau entgegengesetzte:
- Das erste Klimaproblem ist die Erderwärmung. Vor allem durch den CO2-Ausstoß in Flugzeugen, Kraftwerken, Fabriken und Autos steigt die Durchschnittstemperatur in der Atmosphäre. Das Eis an Nord- und Südpol schmilzt, der Meeresspiegel steigt dadurch. In ein paar Jahrzehnten wird es einige Südsee-Inseln nicht mehr geben. Außerdem wird das Wetter extremer, Tierarten sterben aus, und wer weiß, was der Klimawandel noch alles an Problemen bringt für unsere Welt.

- Das zweite Klimaproblem ist die Abkühlung: Die Atmosphäre zwischen Menschen wird zunehmend kälter. In vielen Berufen werden die Arbeitsbedingungen immer stressiger, der Umgangston am Arbeitsplatz wird rauer, Familien verbringen immer weniger Zeit miteinander, die Anonymität steigt und damit die Vereinsamung, rein statistisch wird in unserem Land jeden Tag ein Kind getötet, und das sind noch lang nicht alle Beispiele für das kälter gewordene zwischenmenschliche Klima. Immer mehr Menschen packen diese kalte Atmosphäre nicht mehr – Psychotherapeuten haben randvolle Terminkalender, und Therapieplätze für Alkoholkranke sind praktisch ständig ausgebucht.
Ja, unsere Welt hat zwei Klimaprobleme: Was den Planeten Erde betrifft, muss der Klimawandel schnellstmöglich gestoppt werden, und was die Menschen auf der Erde angeht, ist ein Klimawandel – eine Erwärmung der zwischenmenschlichen Atmosphäre – dringend nötig.

* Das heutige Weihnachtsfest kann Ihnen und mir Anregungen geben, was wir tun können für einen zwischenmenschlichen Klimawandel, für eine Klimaerwärmung unter den Menschen.

* Ob zur Zeit der Geburt Jesu die Nacht wirklich so kalt war, wie das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ meint („...mitten im kalten Winter...“), wissen wir nicht. Wir wissen aber: Menschlich kalt war die Welt um den neugeborenen Jesus damals schon. Das Volk Jesu war unterdrückt von der römischen Besatzungsmacht mit ihrem tyrannischen Herrscher Herodes, bevormundet von den Religionsführern. Ausländer und Angehörige anderer Religionen waren verachtet, ebenso bestimmte Berufsgruppen wie die Hirten, ebenso Kranke und Behinderte. Und da stimmt die Aussage von „Es ist ein Ros entsprungen“ wieder: Mitten in diesem Winter, mitten in der menschlichen Kälte Israels vor gut 2000 Jahren kommt Jesus zur Welt.

* Jesus sorgt schon als Neugeborener für einen Klimawandel: Die Hirten, die Verachteten, hören als erste die göttliche Botschaft „Jesus ist geboren!“. Sie sind die ersten Besucher an der Krippe. Das gibt den Hirten ihre Selbstachtung zurück; sie freuen sich, dass da einer geboren ist, der sogar sie für voll nehmen wird.
Ein bisschen später kommen Ausländer zur Krippe: Sterndeuter aus fernen Ländern. Auch sie spüren: Dieser neugeborene Jesus wird einmal allen seinen Mitmenschen mit Achtung begegnen – auch den Ausländern und Angehörigen anderer Religionen. So beginnen auch die Sterndeuter-Gesichter in Jesu Gegenwart zu strahlen.
Für die Freude der Hirten und Sterndeuter, für die Freude der damals in Israel Verachteten sorgt also nicht nur das knuddelige Baby Jesus, das die Besucher zu sehen bekommen, sondern vor allem die Erkenntnis: Dieser Jesus wird einmal alle Menschen respektvoll behandeln – auch uns. Dieser Jesus wird einmal allen Menschen ihre Würde zurückgeben – auch uns.
So wird eine deutliche Klimaerwärmung im Umfeld der Krippe spürbar: Hirten wie Sterndeuter wissen sich angenommen und geachtet.

* Als Jesus älter ist, lebt und arbeitet er konsequent für seine Mission des Klimawandels: Er erwärmt das Klima zwischen Menschen,... ... indem er Fischer in sein „Kernteam“ holt (ebenfalls eine Berufsgruppe mit wenig Ansehen) ... indem er sich zu Außenseitern zum Essen einlädt. ... indem er Sünder und Ausländer an sich ran lässt. ... indem er sich um Kranke und Behinderte sorgt.
Wo Jesus auftaucht, wird das Klima wärmer – es wird menschlicher. Weil Jesus jedem seine Würde lässt; weil Jesus jeden akzeptiert, wie er ist; weil Jesus für jeden ein gutes Wort hat; weil Jesus jedem mit Hochachtung und Zuneigung begegnet.

* Na, dann wär’s doch höchste Zeit, dass Jesus jetzt wieder auf die Welt kommt! In Sachen zwischenmenschlichem Klimawandel könnte er sicherlich einiges an Erwärmung bewirken – unsere Welt hätte dies bitter nötig...

* Jesus ist da auf unserer Erde, liebe Schwestern und Brüder. Er ist da – in Ihnen und in mir. Wir tragen Jesu Namen (= Christen), wir wissen um seine Worte und Taten. Jesus hat uns die Aufgabe übertragen, einen menschlichen Klimawandel herbeizuführen in unserer Umgebung, zu unserer Zeit.
Jedes Mal, wenn wir einen Menschen treffen und ihm nach dem Vorbild Jesu begegnen, machen wir das Klima zwischen den Menschen wärmer: Menschen in unserer Nähe wissen sich angenommen und geachtet. So ein Klimawandel, so eine Klimaerwärmung ist das schönste Weihnachtsgeschenk, das wir herzugeben haben; ein Geschenk, das wirklich jeder Mensch brauchen kann...

Amen.