Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 52,7-10

Pfarrer Dr. Horst Jesse (ev.)

23.12.2001 in der Offenbarungskirche, Berg-am-Laim, München

Welche Freude ist es, wenn ein Bote durchs Bergland eilt, der gute Nachricht bringt, der Frieden ausruft, der Sieg und Rettung verkündet und zu Jerusalem sagt: "Dein Gott ist König der Welt, er hat seine Herrschaft angetreten!" Horch, die Wächter der Stadt rufen laut, sie jubeln vor Freude; denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr auf den Berg Zion zurückkehrt.
Jubelt mit Freude, ihr Trümmer Jerusalems, denn der Herr hilft seinem Volk, er befreit Jerusalem. Er greift ein, er hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker erhoben. Die ganze Erde sieht, wie unser Gott uns rettet.

Liebe Gemeinde,

die Botschaft verstehen wir. Wir können uns das Geschehen vorstellen. Ein Bote rennt durch das Land und schreit: "Es ist Friede." Diese Nachricht trifft die Menschen, die jahrelang unter den Kriegszügen litten. Der positive Funke, der im Wort Friede liegt, springt auf die verängstigten Menschen über. Er rüttelt die Menschen aus der Traurigkeit und aus der Lethargie wach.

Der Jesajatext ist auch heute eine Botschaft für unsere Zeit. Gerade jetzt in der Adventszeit, in der alle Gedanken auf Weihnachten, dem Fest der Geburt Christi und des Friedens gerichtet sind. Wir spüren es, es ist eine erfüllte Zeit und voller Erwartung. Auch wir warten auf Friede angesichts der schrecklichen Ereignisse des 11. Septembers, des Kriegs in Afghanistan und die Bürgerkriege auf der Welt. Immer wieder lesen wir in der Zeitung über lang andauernde Bürgerkriege, die die moralische Kraft eines Volkes zersetzt haben und die Menschen in Armut gestürzt haben. Zunächst erscheinen uns solche Nachrichten in einer durch die Technik verbundenen Welt als unvorstellbar. Und doch ist es so, dass in vielen Erdteilen Bürgerkriege toben und wir gar nichts davon wissen. Nur dann, wie jetzt angesichts der Kämpfe in Afghanistan, sehen wir, wie eine Friedenskonferenz endlich dem Land eine neue Zeit verkündet. Wir erleben, wie die positive Nachricht des Friedens den Menschen Hoffnung bringt.

Der Jesajatext spricht aus einer Zeit 537 v. Chr. Das jüdische Volk ist im Exil und mit ihm auch seine Propheten. Den in Jerusalem lebenden Menschen ist jede Hoffnung genommen. Sie kennen nur Not, sehen die Trümmer der Stadt und haben keine Kraft, die Stadt aufzubauen. Dann geschieht das Unerwartete, der Babylonische König Kyros erlässt das Edikt, dass die Juden wieder heimziehen dürfen. Freudenboten tragen die gute Nachricht nach Jerusalem. Sie sprechen von Friede, Sieg und Rettung. Die politische Botschaft wird auch als religiöse Botschaft verstanden. In die Friedensbotschaft mischt sich auch der Dank an Gott: "Dein Gott ist der König der Welt, er hat seine Herrschaft angetreten!" Diese Aussage ist nur aus dem ganzheitlichen Denken des orientalischen Menschen zu verstehen. Im ganzheitlichen Denken wird nicht zwischen Religion und Alltagsgeschehen getrennt. Vielmehr wird bewusst aus der Einheit von Gott und Welt gelebt und gehandelt, gedacht und geklagt, gehofft und sich gefreut. Glauben und Leben gehören zusammen. Wir als von der Technik geprägte Menschen denken nicht immer so, sondern trennen zwischen Glauben und dem von der Technik bestimmten Leben. Gewiss kann ein Wissenschaftler sagen, bei der Forschung benötige ich nicht meinen Glauben an Gott. Doch es gibt auch Wissenschaftler, die sich von ihrem Glauben her über die Entdeckungen freuen und staunen. Es hängt von der Einstellung des Menschen ab, von welchem Standpunkt aus er den Alltag und die Forschung betrachtet.

Wir, Glaubende, haben unseren Standpunkt. Wir verbinden Glauben und Alltag. Deshalb haben mich Fernsehbilder aus Afghanistan und dem dortigen Kriegsgeschehen tief erschüttert; gerade die Aussage eines Moslems angesichts des Bürgerkrieges: "Der lange Krieg hat nicht nur Hunger, Krankheit und Elend in das Land gebracht, sondern mir auch meinen Glauben genommen." Ein erschreckendes Bekenntnis ist dies. Denn, wenn einer seinen Glauben verliert, dann erscheint er ohne Hoffnung und ihm fehlt eine Lebensperspektive. Wir haben diesen Zusammenhang zu erkennen und zu beachten. Solange einer, besser gesagt, ich glaube, habe ich Hoffnung. Dies erkennt jeder, der für einige Momente seinen Glauben verloren hat, dass ihm etwas abhanden gekommen ist. Es fehlt ihm seine Lebensperspektive. Er sieht die Zukunft düster. Er benötigt wieder seelische Hilfe, um "Ja" zum Leben sagen zu können.

Der Jesajatext spricht wie mutlosen Menschen wieder Hoffnung gebracht wird. Gott ist nicht tot. Er hat nach einer Zeit des Schweigens, wieder seinen Platz eingenommen. Die Aussage: "Dein Gott ist der König der Welt, er hat seine Herrschaft angetreten!" enthält eine Lebenskraft. Sie bringt Licht in die Dunkelheit des Alltags. Sie entzündet den Glaubensfunken wieder und entfacht Hoffnung.

Wie diese Hoffnung zurückkehrt, wie dieser Glaube wächst, beschreibt der Jesajatext in Bildern des Alltags, um das innermenschliche Geschehen der Hoffnung deutlich zu machen. "Horch, die Wächter der Stadt rufen laut, sie jubeln vor Freude; denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr auf den Berg Zion zurückkehrt." Ganzheitlich im Bild eines Königeinzugs wird die Herrschaft Gottes beschrieben: "Gott kehrt zurück". Er nimmt Wohnung auf dem Berg Zion. Er nimmt Wohnung auf dem Berg Zion. Er ist wieder da und bestimmt das Leben und macht Mut zum Leben. Interessant ist für mich in diesem Jesajatext die Aussage über Gott, die Gottesvorstellung. Es wird vom schweigenden und wandernden Gott gesprochen. Ganz bewusst wird gesagt, dass Gott weggeht und wieder kommt. Beide Aussagen haben für das Glaubensleben eines Menschen eine tiefe Bedeutung. Bildlich gesprochen, wenn Gott weggeht, dann verschwindet die Hoffnung. Trauer und Angst bestimmen das Menschenleben. Kommt Gott wieder, dann herrscht Freude, Jubel und Glück. Martin Luther hat dieses Geschehen in seinem Glaubensleben erfahren. Er spricht von dem verborgenen Gott, deus absconditus. Es ist dann für ihn die Zeit der Traurigkeit, der Depression und der Melancholie in seinem Glaubensleben gewesen. Niedergeschlagenheit ergriff sein Gemütsleben. Er fühlte sich von Dunkelheit umgeben. Doch wenn Gott, als deus revelatus, sich ihm in Jesus wieder offenbart hat, dann hat sich sein Gemüt aufgeklärt und Freude und Jubel haben sein Wesen bestimmt. Der Glaubende erkennt im Nachdenken, dass zu den guten Seiten offensichtlich immer auch schreckliche gehören. Es gilt nicht so sehr, nach dem Warum zu forschen; denn dies ist zu leicht dazu angetan, die Tatsachen zu relativieren, ja in Frage zu stellen nach dem Motto: "Was nicht sein kann, das nicht sein darf". Vielmehr ist nüchtern und unvoreingenommen, vor allem aber unerschrocken ins Auge zu fassen, dass es einfach so ist. Das geschichtliche Leben kennt seine positiven wie auch seine negativen Seiten. In dieser Lebensgeschichte gilt es, unbedingt und fest an das Gute zu glauben. Das Gute, Positive kann ja durchaus das Ziel eines religiösen Lebens sein und bleiben. Vor dem Hintergrund seines offenbaren immer auch sich einstellenden, unvermeidlichen Gegenteils bekommt es aber unter Umständen ein anderes Gesicht und Gewicht. Der Glaube ist dann nichts oberflächliches mehr, sondern etwas lebendiges und kraftvolles, der sich der Not wie auch der Freude stellen kann. Um diesen festen Glauben muss gerungen werden.

Zum Glauben muss aufgerufen werden. Der Glaube bedarf eines Anstoßes. "Jubelt vor Freude, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hilft seinem Volk, er befreit Jerusalem." Es ist gut, dass die Bibel den Glauben in den Alltag hineinstellt. Und dem Glauben durch Beispiele helfen will. Das Elend, die Trümmer und das Leid werden im Glauben nicht ausgeklammert, sondern in den Glauben hineingenommen. Im Elend sagt die Bibel ist auch Gott da und er zeigt seine Hilfe. Es ist so. Bildlich gesprochen, wenn den hungernden Bewohnern Hilfe gebracht wird, dann freuen sie sich. Dann wächst ihre Hoffnung, ihr Lebensmut und auch der Glaube an eine bessere Zukunft. Der Glaube hat es mit der Ganzheit des Menschen zu tun. Der Glaube klammert Leid und Not nicht aus. Doch er rechnet mit der Macht Gottes in der Not. In Bildern wird dies beschrieben: "Der Herr hilft seinem Volk, er befreit Jerusalem. Er greift ein, er hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker erhoben." Gott ergreift die Initiative. Etwas ändert sich. Der Glaube sieht dies und beobachtet es, so dass er bekennt. "Die ganze Erde sieht, wie unser Gott uns rettet."

Glaubende Menschen, die über die Geschichte nachdenken und auch Erfahrungen sammeln, verstehen die Botschaft dieses Jesajatextes. Sie haben auf die Zeichen der Hoffnung in der Not geachtet. Die Trümmer sind nicht das Letzte. Jesaja hat erlebt, dass das zerstörte Jerusalem wieder aufgebaut worden ist. Wir haben erlebt, dass die zerbombten europäischen Städte nach dem II. Weltkrieg wieder errichtet worden sind. Wir sehen den Friedensprozess in Europa, wie verfeindete Nationen wieder zusammenarbeiten und ein neues Europa schaffen. Auch in New York denken die Menschen nach dem 11. September 2001, als die Welthandelstürme zerbombt worden sind, an den Wiederaufbau.

Wie viele Menschen, deren Seelen durch Leid und Elend zertrümmert worden sind, sind durch Gott wieder geheilt worden. Ein Wort aus der Bibel an sie angesprochen, hat wieder Mut gemacht. Ein Verweilen zum Gebet in der Kirche hat sie mit neuen Gedanken erfüllt. Gott wirkt am Menschen auf verschiedene Weise. Er wirkt durch Menschen an Menschen. Wir spüren in der Welt, im Menschen eine Macht, die den Glauben und die Hoffnung stärken will, so dass Menschen "Ja" zum Leben sagen. Teilhard de Chardin, der als Naturforscher an die Evolution geglaubt hat, sagte über Gottes Wirken in der Welt: "Gott schiebt vom Anfang die Schöpfung, Evolution, Geschichte vor sich her. Gleichzeitig zieht er sie als Ewiger von der Vollendung zu sich hin. Das ist unsere Hoffnung." Dieses Glaubenserkenntnis gibt Mut zum Leben auch angesichts manchen Elends und Leids im Alltagsleben und der Welt.

Aus diesem Grund zünden wir die Adventskerzen als Licht in der Dunkelheit an, um auf das Licht Gottes in Christus zu verweisen.

Amen