Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 53

Beatrix Jessberger (rf)

22.04.2011 in Rehetobel

Karfreitag

Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts = unser Karfreitag

Was bedeutet für uns heute Karfreitag. Ist es ein Tag wie jeder andere? Hat er noch eine innere Bedeutung? Uns geht es doch allen gut. Und wenn nicht, wenn uns persönlich ein Problem lähmt oder wir schmerzhafte Prozesse erleben, hilft uns dann Karfreitag?

Am Karfreitag geht es aus meiner Sicht um ein kollektives Innehalten und um die Konfrontation mit dem Schattenthema der eigenen Gruppe. Und plötzlich spüre ich, Karfreitag ist der Tag, an dem ich die Katastrophe vergegenwärtige.

In den vergangenen Wochen standen in den Zeitungen immer wieder Artikel über die relativ starke Austrittsbewegung aus den Kirchen. Die Menschen kehren den Kirchen den Rücken zu. Es ist ein europaweiter Prozess. Natürlich gibt es viele verschiedene persönliche Gründe, und auch  unser Zeitgeist spielt eine Rolle. Aber für mich kommt darin die tiefe Glaubenskrise Europas zum Ausdruck. In Europa des vergangenen Jahrhunderts wurde so viel geglaubt, an den Faschismus, den Kommunismus, an Hitler und an Stalin. Und so viel Glaube wurde pervertiert! Auch in den Kirchen!

Ich glaube, dass die europäischen Kirchen im Karfreitag leben. Die Kirchen leben im Angesicht der grössten Katastrophen der Weltgeschichte. Vielleicht haben wir jetzt genügend zeitlichen Abstand, um wahrzunehmen, was im vergangenen Jahrhundert geschehen ist. Und vielleicht hilft es auch, die Katastrophe aus Schweizer Perspektive zu betrachten. Denn hier haben sich Menschen wie die Flüchtlingsmutter Gertrud Kurz und der Flüchtlingspfarrer Paul Vogt im Sonnenblick Walzenhausen für die Verfolgten eingesetzt. Wir kennen das unglaubliche Engagement von Carl Lutz aus Walzenhausen, der als Vizekonsul in Budapest 1944 mithilfe von Schutzpässen 60 000 Juden gerettet hat. Wir wissen vom Engagement des St. Galler Polizeikommandanten Paul Grüninger, der in den Jahren 1938 / 1939 mehrere hundert Flüchtlinge vor den Nazis rettete.

Im Laufe meiner Beschäftigung mit dem Holocaust oder der Shoa wurde mir immer bewusster, dass die Vernichtung der Judenheit Europas nicht nur ein Völkermord, sondern auch der Versuch war, die jüdische Religion auszulöschen. Diese Wirklichkeit hat in den Köpfen und Herzen der europäischen Christen bisher viel zu wenig Beachtung gefunden. Die Religion, mit der wir durch den Juden Jesus Christus untrennbar verbunden sind, mit der wir die biblischen Schriften und die Ethik teilen, wurde bis in seine Wurzeln hinein verletzt und beinahe vernichtet.

Wie eine Wurzel aus dürrem Land war er vor Gott. 

Und nicht nur die Menschen wurden gequält und gemordet, sondern mit ihnen Gott. Christen haben den Juden jahrtausendelang Gottesmord vorgeworfen – ohne zu wissen, was vor 2000 Jahren in Jerusalem wirklich geschah und ob nicht die Römer, ob nicht Pontius Pilatus wie im apostolischen Glaubensbekenntnis formuliert, die Hauptverantwortung tragen am Tod Jesu. Und dann haben Fanatiker mit christlichem Hintergrund das jüdische Volk und damit auch Gottes Existenz auszulöschen versucht. Und die Welt hat geschwiegen und weggeschaut. Heute erkennen wir die Gottlosigkeit der ideologisch verblendeten Männer und Frauen – im faschistischen Deutschland.

Wir erkennen aber auch die Zerstörung allen Glaubens im stalinistischen Russland. Wie sehr wurde dort der Glaube an die soziale Gerechtigkeit, der Glaube an die Gleichheit der Menschen pervertiert!

Ich muss es einmal aussprechen, ich muss es am Karfreitag aussprechen. Die grösste Katastrophe der Menschheit fand nicht vor 2000 Jahren statt, sondern im vergangenen Jahrhundert. Unsere Kirche, das europäische Christentum, lebt im Angesicht der von ihr mitverantworteten Katastrophen.

Aber noch sind wir nicht bereit hinzuschauen und die Situation beim Namen zu nennen. Das ist auch kein individueller Akt. Das ist ein kollektiver Akt. Es geht nicht darum, Schuld zu bekennen, sondern zu erkennen, welche Konsequenzen diese Katastrophe auch in uns selbst hat. Die Menschen in Europa wenden sich von der christlichen Tradition und vom Glauben der Kirche ab. Im vergangenen Jahrhundert hat der Glaube seinen Wert und die Kirchen ihre  ethische Integrität verloren. Seither sind sie auch keine moralische Instanz mehr.

Mit dem christlichen Antijudaismus haben die Kirchen über Jahrhunderte den Boden dafür bereitet, dass der Samen des Hasses und der Verblendung blühen konnte. Niemand von uns trägt Schuld. Wir waren damals noch nicht einmal geboren. Aber wir tragen die Konsequenzen. Die kirchlichen Feiertage sind seither sinnentleert. Wir sind wenige, die sich noch bemühen, zu verstehen, was sie uns sagen möchten.

Die meisten Menschen in unserem Dorf machen die Erfahrung, dass man auch ohne Karfreitag und ohne Ostern gut und friedlich miteinander leben kann.

Vielleicht würde ich auch wegschauen, wenn heute nicht Karfreitag wäre. Vielleicht würde ich auch Kirche Kirche sein lassen, wenn ich nicht spüren würde, es ist wichtig, dass die Toten auferstehen. Wie können wir an der Auferstehung der Toten mitwirken?

Auch wenn der Glaube tot ist, so lebt doch Gott in uns. Es ist das einzige, was wir tun können, wie Etty Hillesum gesagt hat, ein Stück von Gott in uns selbst zu retten. Es geht um die kulturelle und spirituelle Heimat unserer Kinder. Es geht um unsere moralische Kraft. Wir können sie nicht fundamentalis-tischen Gruppen überlassen, die nur über Geld und Sexualität vor der Ehe reden.  

Wann sprechen wir über solche unbequemen Wahrheiten, wenn nicht heute, am Karfreitag. Der Karfreitag ist da, um schonungslos Inventur zu machen. Wir können immer alles schön reden, aber heute geht es darum, die inneren Räume zu reinigen. Der Karfreitag ist da, damit wir uns an die Orte begeben, an die wir uns sonst nicht heranwagen, Orte, wo das Unausgesprochene, das Verdrängte, das Lieblose und Vergessene sitzt. Am Karfreitag geht es nicht um Schuldgefühle, sondern um Ehrlichkeit. 

Ich glaube, dass die jahrhundertelange Abwertung des Judentums durch die Kirche dem Christentum und dem Judentum unsäglichen Schaden zugefügt hat. Am Karfreitag müssen wir zugeben: Verachtet waren er und  sie und von Menschen verlassen, ein Mensch der Schmerzen und mit Krankheit vertraut und wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, ein Verachteter und wir haben ihn nicht geachtet.

In der Katastrophe der Vernichtung wurden die biblischen Aussagen total pervertiert – wie auch die Kreuzigung Jesu Christi eine Perversion darstellte. Der Unschuldige wurde verurteilt und hingerichtet. In der Geschichte vom Auszug Israels aus dem Sklavenhaus hat Gott sein Volk in der Wolkensäule bei Tag und in der Feuersäule bei Nacht in die Freiheit geführt. In Auschwitz waren die Wolken- und Feuersäule der Schornsteine der Inbegriff für den Weg in die Vernichtung.

Und in der Katastrophe des Stalinismus wurde der Glaube pervertiert, dass Gerechtigkeit und Frieden einander küssen, dass Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sich ergänzen, dass jeder Mensch unter seinem Weinbaum sitzen  und die Früchte seiner Arbeit geniessen kann.

Wir haben heute genügend Abstand, um zu erkennen, dass diese Katastrophen nicht spurlos am Christentum und an den Kirchen vorbei gegangen sind. Wir stecken noch mittendrin. Der Karfreitag will uns nicht klein machen, sondern unseren Horizont und unser Herz erweitern. Unser Herz will sich dem Mitgefühl öffnen.

Es geht, wie gesagt, nicht um Schuld. Niemand von uns trägt die Verantwortung für das, was geschehen ist. Aber die Auswirkungen der Katastrophen bekommen wir zu spüren – in den leeren Kirchen, in den entleerten Feiertagen, und vor allem in unserer Ratlosigkeit. 

Wir sind Ungläubige geworden und Ratlose.

Wir sitzen heute am Grab unserer Unschuld.

Vielleicht fragen sich einige von Euch: wenn doch Jesus Christus die Sünden der Welt trägt, ob er dann nicht auch die Sünden der Kirche trägt? Ich glaube, er trägt sie schon, aber zuerst müssen wir uns der Verfehlungen bewusst sein – und sie bekennen. Und es braucht die Bereitschaft, in der Nachfolge Jesu, die Katastrophe mit zu transformieren.

An Karfreitag schauen wir in die menschlichen Abgründe und erkennen darin unsere eigenen. Das ist nicht einfach. Wie schön wäre es, darüber hinweg sehen zu können und uns an unserem Gutsein zu erfreuen.  

Aber damit verändern wir nichts, damit verhindern wir die Auferstehung von den Toten.

Denn die Toten wollen erlöst werden. Sie wollen wertgeschätzt und geachtet werden. Jesus ist in das Reich des Todes hinabgestiegen. Und in der Nachfolge sind auch wir aufgefordert, mit hinabzusteigen. Nur das, was aus dem Schattenreich ans Licht geholt wird, kann leben und Auferstehung feiern. Wir nennen das auch Transformation oder Wandlung, und feiern diese Wandlung im Abendmahl.

In der Geschichte vom leidenden Gottesknecht bekennt die Gemeinde:

Wir hielten ihn für einen Gezeichneten, für einen von Gott Geschlagenen und Gedemütigten. Er wurde ermordet wegen unserer Treulosigkeit. Man gab ihm ein Grab unter den Verbrechern.

Die Gemeinde erkennt, dass nicht die Strafe Gottes auf dem lag, den sie verachtet haben, sondern dass Menschen die Tochter, den Sohn Gottes zerschlagen und damit das Göttliche im Menschen vernichtet haben – auch in sich selbst.

Und indem die Gemeinde bekennt, geschieht Wandlung. Und plötzlich bekommt der leidende Gottesknecht Nachkommen.

„Er wird Nachkommen sehen, er wird ersatten. Die Vielen teilt Gott ihm zu, eine Menschenmenge bekommt er als Beute.“

Die Auferstehung geschieht in ihm. Unsere Auferstehung geschieht in ihnen, den jüdischen Opfern.  Wir sind ihr Gewinn, den sie mit ihrem Lebenseinsatz erworben haben, sagt Klara Butting. Wenn das geschieht, feiern wir Ostern.

Wir stehen in ihnen und mit ihnen auf.

Heute am Karfreitag haben wir die Chance, die Katastrophe mit Liebe und Wertschätzung zu wandeln. Sind wir bereit, an der Transformation der Geschichte mitzuwirken? Sind wir Teil der Auferstehung der Menschlichkeit des Gottesknechtes?

Dann haben wir und unser christlicher Glaube eine Zukunft. Amen.