Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 53,2-12

Pastor Mathias Lenz

21.03.2008 in der St.Gabriel-Kirche, Kiel

Rundfunkgottesdienst an Karfreitag

Rundfunkgottesdienst an Karfreitag

Ein düsteres Lied.
Schwermütig.
Bitter.
Ein Gottesknecht, der zu Unrecht ein schweres Schicksal erleidet und erst am Ende von Gott zu Ehren gebracht wird.
Ein Lied aus Israel - 2 ½ Jahrtausende alt.
Aus einer Zeit, als es bei „Sünde“ und „Missetat“ nicht nur um Worte ging, sondern um wirklichen Frevel; um einen Bruch in die Welt, der das Leben an den Rand des Abgrunds gebracht hat.
Wenn einer sich vergangen hatte gegen göttliches Gebot und menschliche Ordnung - das war wie ein schwarzes Loch, durch das Todesschatten aufsteigt und den Schuldigen nicht entkommen lässt, ihn verfolgt und einhüllt mit unaufhaltsamem Verhängnis.
Da gab es den Fluch der bösen Tat, der nach Blut schreit und Schmerz und der nicht eher schweigt als bis durch Blut und Schmerz die Welt, die aus den Fugen geraten war, wieder in Ordnung gebracht ist.
Einer muss für Sünde, muss für Schuld bezahlen - sonst stürzt die Wirklichkeit, die durch den Frevel ins Wanken gekommen ist, gänzlich ins Chaos.
Einer muss bezahlen - auch Gottes Gnade kann daran nicht vorbei.
Einer muss bezahlen - wenn auch nicht unbedingt der, der das Unheil angerichtet hat.
Deshalb das Opfer „Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen“.
Einen Tod muss es geben, wenn es wieder gut werden soll.
Und trotzdem kann der Täter, können die Täter mit dem Leben davonkommen.
Wenn nämlich der Tod auf etwas anderes fällt oder auf einen anderen - auf den, der „sein Leben zum Schuldopfer“ bringt.
Auch so eine archaische Vorstellung: Die Gewalt, die eigentlich und von Rechts wegen auf den Unheilsstifter zufallen müsste, wird abgeleitet und umgeleitet auf einen Unschuldigen.
Nur so kann sie wieder aus der Welt geschaffen werden.
Nur so können Menschen frei werden von der zerstörerischen Wirkung dessen, was sie selbst angerichtet haben.

Chor: Albert Becker, Ich steh an deinem Kreuz...

Eine Vorstellungswelt aus längst vergangenen Tagen: Ein Unschuldiger muss für die Fehler der Anderen büßen.
Eine Vorstellungswelt, die in die heute Zeit eigentlich gar nicht mehr passt, möchte man meinen.
Wo doch für uns heute Worte wie „Sünde“ und „Missetat“ gar nicht mehr zum alltäglichen Sprachgebrauch gehören.
Und wo für die meisten Menschen nicht mehr Frevel und Gottlosigkeit den Bestand der Welt bedrohen, sondern Treibhausgase und soziales Elend.
Und trotzdem: Die Sache mit der Schuld bleibt so eine Sache.
Merkwürdigerweise ist es auch heute noch so menschlich wie eh und je, dass man einander Schuld in die Schuhe schiebt.
Dass möglichst ein anderer die Zeche zahlt und man selbst mit weißer Weste aus einer Auseinandersetzung rauskommen möchte.
Auch heute noch ist es so erleichternd wie eh und je, wenn ein anderer den Kopf für die Fehler hinhalten muss, die man selbst gemacht hat.
Einer muss bezahlen - auch heute noch.
Das fängt schon bei den Kleinsten an. Und geht so weiter.
Es gibt Eheleute, die sich jahrelange daran aufreiben, einander gegenseitig die Schuld an der miserablen Partnerschaft nachzuweisen.
Es gibt Eltern und ihre erwachsenen Kinder, die jahrzehntelang darüber streiten, wer wem Anerkennung und Zuwendung schuldig geblieben ist.
Und in der Politik gehört das gegenseitige Schuldzuweisen sowie zum Tagesgeschäft und zur eingeübten Routine.
Schon seltsam - was auf den ersten Blick alt und längst vergangen erschien, entpuppt sich auf den zweiten Blick auch in der Gegenwart als menschliche Wirklichkeit, als „Grund-Satz“ im Miteinander: Einer muss bezahlen, immer.
Und auf den dritten Blick zeigt sich: Das spielt auch zwischen Gott und Menschen eine Rolle.
Heute, am Karfreitag, erkennen wir als Christinnen und Christen in dem alten Prophetenlied aus Israel Jesus Christus wieder.
Im Licht dieses Liedes vom Gottesknecht erscheint der gekreuzigte Jesus in einem besonderen Licht:
Nicht mehr nur als ein gequälter Mensch, der den Mächtigen seiner Zeit zum Opfer gefallen ist.
Nicht mehr nur als ein Mensch in Not, der verzweifelt unter Schmerz und Einsamkeit leidet.
Sondern als der, der bezahlt - nämlich für die Schuld von Menschen, die sie Gott gegenüber haben.
Der gekreuzigte Jesus ist der, der mit seinem Schmerz und mit seinem Tod das auf sich nimmt, was geschieht, wenn Menschen Gott schuldig bleiben, was sie eigentlich schuldig sind.
Aber natürlich - was sind Menschen Gott schon schuldig, sagen manche.
Besonders diejenigen, die meinen, dass Gott sowieso nur Ansichtssache ist.
Allenfalls ein Höheres Wesen, das wir verehren.
Aber doch keine Wirklichkeit, so wie Menschen wirklich sind, denen man etwas schuldig bleiben kann;
oder wie die Natur eine Wirklichkeit ist, der die industrialisierte Weltgesellschaft vieles schuldig bleibt - mit schwerwiegenden Auswirkungen, die wir immer mehr zu spüren kriegen.
Aber Gott?
Von Gott kriegen wir gar nichts zu spüren - wir merken ja nicht einmal etwas von ihm. Da kann doch einer soviel Tod und Verderben bringen, kann seiner Gier oder dem Egoismus freien Lauf lassen - dass Gott auch nur das geringste Zeichen von Betroffenheit zeigt, dass Gott sich irgentwie rührt oder rühren läßt durch schreiendes Unrecht - hat das jemand wirklich schon erlebt?
Nur dass Menschen schreien und weinen und klagen in ihrer Not - das erleben wir immer wieder.
Aber da ist es dann doch Gott, der Menschen etwas schuldig bleibt, denen in Not nämlich, den Kindern, den Unschuldigen, denen mit den Hungerbäuchen und den leeren Augen.
Gott ist es, der eine gerechte Welt schuldig bleibt.
Oder?
Oder lieber doch nicht?
Eine gerechte Welt, in der die einen wirklich bekommen, was ihnen zusteht, und die anderen wirklich, was sie verdienen!?
Will ich das?
Will ich das wirklich, wenn ich erkenne: Auch ich habe schon Fehler gemacht, unter denen anderen Menschen sehr zu leiden hatten.
Will ich eine wirklich gerechte Welt, in der ich für alles, woran ich beteiligt bin, mit allen Konsequenzen einstehen muss?
Wollen wir wirklich eine gerechte Welt - in der dann eben nicht mehr der Schwache die Schuld des Starken tragen muss und der Arme für den Wohlstand der Reichen büßt und der Gutmütige vom Cleveren ausgenutzt wird?
Eine solche Welt - sie wäre ein Traum.
Für die, die genau wüßten, dass sie unschuldig sind.
Für die anderen aber wäre es wohl nicht ganz so traumhaft.
Wenn nämlich bei genauerem Hinsehen oder auf den ersten Blick deutlich wird: So gut und unbescholten und schuldlos, wie man denken könnte und denken möchte, stehst du doch nicht da.
Wenn deutlich wird: Du bist viel öfter in schuldhafte Zusammenhänge verstrickt, als du glaubst.
Dann wünsche ich mir vielleicht doch eher einen Gott, der mir gerecht wird, als einen Gott, der die Welt gerecht macht.
Dann ist es vielleicht meine einzige Chance, wenn Gott einen Weg findet, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit verbindet.
Und die erschütternde Wahrheit des Karfreitag ist: Gott geht tatsächlich einen solchen Weg.
Denn Gott wird seinen Menschen gerecht, in dem er selbst Mensch wird in Jesus.
Gott wird seinen Menschen gerecht, indem er ihnen wirklich nahe kommt in Jesus - selbst dann noch, als sie ihn quälen und töten.
Gott hält das aus.
Erträgt es.
Und hält damit auch die Menschen aus, die dies tun.
Erträgt die, die so Schreckliches tun können.
Wie er immer auch die anderen ertragen hat und erträgt - die, die nicht so Schreckliches getan haben, aber manches, was schlimm genug war.
Und die, die meinen, dass sie doch eigentlich gar nichts Schlimmes getan haben - was ja vielleicht auch stimmt; aber es stimmt eben auch, dass es nicht auf die eigenen Unschuldsbeteuerungen ankommt, sondern darauf, dass Gott sich selbst dann nicht abwenden würde, wenn es anders wäre.
In Jesus lässt Gott sich anklagen, verspotten, anspucken und töten, aber Gott zahlt es nicht mit gleicher Münze heim.
Zahlt vielmehr einen hohen Preis - ist wehrlos der Gewalt gegenüber; wird verachtet seiner Schwäche wegen; wird als Lügner beschimpft.
Und dies alles, damit auch schuldige Menschen die Hoffnung haben können, dass es für sie weitergehen kann - trotz ihrer Schuld.
„Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten“ - heißt es im Prophetenlied.
Und für mich heißt das:
Ich habe bei Gott eine Chance - auch wenn ich selbst mir manches und auch Schwerwiegendes vorhalte und von anderen vorhalten lassen muss.
Ich habe Raum vor Gott - den Raum, den ich brauche, um nicht reflexartig alle Schuld von mir zu weisen, sondern zu meiner Schuld zu stehen.
Ich kann Frieden finden -
mit mir selbst, ohne mir etwas vorzumachen.
Und mit anderen, weil ich aufhören kann, sie auf ihre Schuld festzunageln;
weil ich aufhören kann, an anderen nur ihre Schuld und ihr Versagen zu sehen;
weil ich anfangen kann, Menschen zu achten, selbst wenn sie unvollkommen, fehlerhaft, beschränkt und in manchem mehr als abgründig sind - wie ich selbst auch.
Davon können wir also am Karfreitag ein Lied singen:
Gott bezahlt - damit jeder Mensch eine Chance hat, neu anzufangen.
Davon können wir ein Lied singen:
Gott bezahlt - damit wir Menschen eine Chance haben, frei zu werden.
Und so kann aus dem düsteren Lied über Tod und Sünde ein Anstoss zum Leben werden.

Amen.