Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Jesaja 53,4-7

Pfarrer Thomas Berke

23.03.2008 in der Ev. Kirche zu Mülheim (Mosel)

© privat

Liebe Gemeinde,

nach einem Verkehrsunfall liegen Menschen verwundet in den Autos und auf der Straße. Andere Autofahrer bleiben stehen und helfen, soweit sie können. Der Notarzt und die Rettungssanitäter kommen und versuchen das Menschen-mögliche. Für manche kommt jede Hilfe zu spät, die anderen sind für ihr ganzes Leben gezeichnet.

Soldaten werden auf einem der vielen Schlachtfelder verwundet, vor 5 Jahren während des Krieges im Irak, vor 15 Jahren im Jugoslawien-Krieg mitten in Europa, vor 65 Jahren im 2. Weltkrieg, aber auch heute an vielen Kriegsschauplätzen. Ungezählte bleiben auf dem Schlachtfeld. Ungezählte sind durch ihre Verwundungen für ihr ganzes Leben gezeichnet.

Militärische Einsätze gegen die Zivilbevölkerung. Tausendfach auf allen Seiten im 2. Weltkrieg geschehen . Vor 20 Jahren Giftgaseinsatz der irakischen Armee gegen die kurdische Bevölkerung im Irak. Ungezählte sterben, ungezählte sind für ihr ganzes Leben gezeichnet.

Ein Terroranschlag mit hunderten Opfern. Viele sterben, viele sind für ihr ganzes Leben gezeichnet.

Eine schwere Erkrankung erzeugt in vielen Fällen Wunden. Entweder durch die Erkrankung selbst oder durch die Operation, die nötig wurde. Der Kranke und seine Angehörigen fragen sich: Wird die Wunde wieder heilen?

Und dann der Mensch, dem eine seelische Wunde geschlagen wurde. Verletzung durch einen Menschen, dem man vertraut hat – das kann heftig bluten wie bei einer körperlichen Verletzung. Jeder, der dies durchgemacht hat, weiß das.

Bei all diesen körperlichen und seelischen Verwundungen können und dürfen wir an Karfreitag auf die Wunden Jesu am Kreuz schauen. Gott ist Mensch geworden und hat sich verwunden lassen. Er teilt mit uns unser Schicksal. Dies ist ganz wichtig zu wissen.
Aber Gott begnügt sich nicht damit, sich verwunden zu lassen. Er hilft uns auch. „Durch seine Wunden sind wir geheilt!“ heißt es bei Jesaja. Die Wunden, die Jesus Christus am Kreuz zugefügt wurden, bringen uns in unseren Verwundungen Heilung! Es wird Heilung geben! Die Wunden sind nicht das Letzte, sondern das Vorletzte. Diese Heilung ist kein Menschenwerk. Gott macht sie für uns. Er wird Mensch und begibt sich in die Abgründe unserer Verwundungen und Schmerzen herab. Er teilt sie mit uns, er überwindet und heilt sie für uns. Darauf können wir vertrauen, wenn wir auf das Kreuz blicken.

Bislang haben wir von den Menschen geredet, denen Wunden zugefügt wurde, denen es im Grunde genauso geht wie Jesus Christus, dem ebenfalls Wunden zugefügt werden. Wir haben von den Opfern geredet und Gottes Solidarität mit ihnen, Gottes Heilungszusage an sie. Aber was ist mit den Tätern? Mit denen, die anderen Wunden zufügen?

Was ist mit dem Autofahrer, der durch Alkoholeinfluss, zu schnelles Fahren, durch zu riskantes Überholen einen Unfall verursacht, anderen Wunden zufügt, in vielen Fällen sogar bleibende Wunden, tödliche Wunden?

Was ist mit dem Menschen, der einen Anderen seelisch verwundet durch Lüge und Betrug, durch Vertrauensbruch?

Was ist mit den Menschen, die ihren Mitmenschen in irgendeiner Form Schaden und damit Wunden zugefügt haben? Die in voller Verantwortung schuldig geworden sind, weil sie Gottes Gebote übertreten haben. Und jede Übertretung von Gottes Geboten erzeugt eine Wunde bei einem anderen Menschen, erzeugt eine Wunde bei Gott, der Mensch wird, bei Jesus Christus, der gesagt hat: Was ihr einem anderen angetan habt, das habt mir angetan.

Wir sagen jetzt alle: Sie haben Gottes gerechtes Gericht verdient.
Und dies ist auch wahr. Aber die biblische Botschaft erregt Anstoß und Ärgernis. Denn sie sagt: Gott wird auch Mensch und stirbt am Kreuz, um die Strafe zu tragen, die die Täter verdient haben. Die Strafe liegt auf ihm, auf Jesus Christus. Damit nicht allein die Opfer, sondern auch die Täter Frieden haben können!

Sagen wir nicht vorschnell, dies sei für die Täter zu billig.
Denn: Dies ist nicht einfach zu haben. Denn Gott stellt sich dem Täter mit dem Kreuz in den Weg, damit er seine Schuld erkennt, damit er Reue zeigt. Und dies ist für viele ganz schwer. Eine Schuld zugeben und Reue zeigen – ganz schwer, der Stolz wehrt sich dagegen.

Der Täter, der andere verwundet hat, soll auf das Kreuz blicken und erkennen: Jesus Christus, und damit Gott selbst, ist wegen meiner Missetat verwundet und zerschlagen. Mit meiner Missetat habe ich Jesus selbst Wunden zugefügt. Eine dieser Wunden am Gekreuzigten habe ich geschlagen, als ich einem Mitmenschen Schaden zufügte.

Seine Wunden – meine Tat, meine Schuld. Dies ist weder einfach noch billig.
Die Strafe, die der Täter verdient, liegt auf ihm. Ich selbst erkenne mich als Täter. Das macht mich zutiefst betroffen. Ich habe eine Strafe verdient. Aber Jesus hat sie für mich auf sich genommen. Er, der Gerechte, wird zum Tode verurteilt und stirbt am Kreuz, und ich, der Ungerechte werde freigesprochen und darf leben.

Genau das ist der Abgrund der Liebe Gottes. Sie gilt auch dem Täter. Er soll seine Schuld erkennen, sie bereuen und umkehren. Der Täter wird dann Vergebung und Freispruch erfahren. Und Vergebung bedeutet: Befriedetes Gewissen, Frieden mit Gott und ewiges Leben. Und Freispruch bedeutet: Du, Täter wirst frei zu einem Leben mit Gott und seinem Wort und seiner Liebe, frei zu einem Leben mit Jesus Christus.

Gott gibt die Täter nicht verloren. Jesus Christus ist gerade auch für die Täter gestorben. Dies zeigt sich bereits bei seiner Kreuzigung: Jesus sagt dem Verbrecher, der neben ihm gekreuzigt wird und der ihn als den Heiland erkennt, das ewige Leben zu.

Hat dieses Ärgernis des Kreuzes etwas mit uns zu tun? Wir sehen uns als Opfer. Wir wissen meist sehr genau, wo uns Wunden im Kleinen und im Großen zugefügt wurde, was uns angetan wurde, und sind dankbar zu hören, dass der Gekreuzigte bei allen Verwundeten ist. Aber wir sind eben auch Täter. Niemand ist nur Opfer. Der Blick auf das Kreuz deckt dies auf. Die Ahnung davon ist bei jedem in der Tiefe seiner Seele vorhanden.
Wir kommen als Opfer vor das Kreuz und erfahren Beistand und Gewissheit, dass unsere Wunden geheilt werden, dass Gott heilen kann, was Menschen und Mächte an Wunden zufügen, dass es Heilung gibt hier in diesem Leben und letztgültige Heilung, wenn wir sterben müssen.

Aber das Kreuz steht auch für die volle Wahrheit. Es deckt auf, dass wir immer auch Täter sind. Und wir können in allem Erschrecken darüber auch als Täter Heilung erfahren. Durch seine Wunden sind wir auch als Täter geheilt.

Wir werden in den Abgrund unseres Täterseins geführt und überführt. Aber wir erfahren in diesem Abgrund Gottes abgrundtiefe Liebe. Er hat uns geliebt vor allem unserem Tun und er liebt uns, wenn wir schuldig wurden. Er lässt keinen los. Niemand soll verloren gehen.

Auch das deckt das Kreuz in aller Abgründigkeit auf. Und wir erkennen: Gott ist mit uns, soweit wir Opfer sind, er sagt uns Heilung zu. Aber er verwendet alles für uns da, wo wir Täter sind. Damit wir nicht verloren gehen. Soweit geht Gottes Liebe mit uns. Wir erfahren sie als Opfer und Täter. Jesus stirbt als Opfer und ist uns, wo wir Opfer sind ganz nahe. Jesus stirbt für Täter und gibt ihnen sein Leben. Sein Leib – für dich gegeben, sein Blut – für dich vergossen zur Vergebung der Sünden.

Wer dies erkennt, dessen Herz wird ganz beim Gekreuzigten sein. Der wird dankbar sein für seine abgrundtiefe Liebe und unverdiente Gnade. Denn die Strafe liegt auf ihm und durch seine Wunden sind wir geheilt.

Amen.


 


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