Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 54,07-10

Pfarrerin Silvia Johannes (ev)

30.03.2014 in der Kirchengemeinde Meersburg

Sonntag Lätare

Als Zoe 15 Jahre alt war, besuchte sie die neunte Klasse am Gymnasium in C. Sie war zu der Zeit viel unterwegs. Auch nach der Schule, da hing sie gern bis abends am Bahnhof rum. Seit ihre Mutter vor vier Jahren gestorben war, lebte sie allein mit ihrem Vater. Anfangs hatte Zoe ihren Vater und er sie getröstet. Sie hatten sich gegenseitig getröstet, viel von Mama geredet und gemeinsam den Haushalt gemacht. Irgendwann war Papa nach der Arbeit nicht mehr gleich nach Hause gekommen sondern erst spät abends. So war Zoe – abgesehen von der Zeit in der Schule – vor allem eines, nämlich allein – auch zu Hause. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Ihr Papa hatte angefangen Trost im Alkohol zu suchen.

Erst war ihr das nicht so aufgefallen. Er kam abends aufgeräumt und fröhlich, voller großer Pläne nach Hause. Bis zu dem Tag als er sie schlug. Nichts hatte sie darauf vorbereitet. Sie sah im Wohnzimmer einen Fernsehfilm. Da hörte sie den Schlüssel im Türschloss drehen und gleich darauf sein Gebrüll über die herumliegenden Schuhe im Flur. Schuldbewusst erinnerte sich Zoe, dass sie nach dem Schuhe putzen noch nicht aufgeräumt hatte. Da stand er schon im Wohnzimmer, kam mit einem Schuh in der Hand auf sie zu und schlug ihn auf ihren Kopf, immer wieder. Dabei schrie er: „ich werde dich lehren aufzuräumen, du faules Miststück.“ Sie hatte die Hände über ihren Kopf gehalten und versucht seinen Schlägen auszuweichen. Am Ende war es ihr gelungen ihm zu entkommen. In ihrem Zimmer verriegelte sie die Tür vor ihm. Dorthin war er ihr schwankend und brüllend zugleich gefolgt. An diesem Abend hatte sie das erste Mal bitterlich und völlig trostlos geweint. Sie hatte ihre Mutter verloren und heute Abend auch ihren Vater. Der lebte zwar noch, aber der Vater, der sie trösten konnte, bei dem sie Schutz fand und bei dem sie sich bergen konnte, lebte nicht mehr. Seit diesem ersten Mal, waren die Jähzorn Anfälle ihres Vaters immer häufiger wiedergekehrt. In den drei vergangenen Jahren waren ihre Einfälle, warum sie heute nicht am Sportunterricht teilnehmen konnte oder warum sie den Arm verbunden trug, mehr oder weniger phantasielos geworden. Sie war in der Schule bald nur noch das Mädchen, das so dumm war, ständig gegen die Tür zu laufen oder die Treppe hinunter zu fallen. Ihre Schulleistungen verschlechterten sich rapide, sie meldete sich nicht mehr im Unterricht und mied den Kontakt zu ihrer Klasse. Anfangs hatten ihre Lehrer und ihre Freundin Kerstin noch gefragt, was los sei, doch sie hatte sie alle abgewiesen. Zoe wollte nichts erzählen. Sie schämte sich für ihren Vater und sie schämte sich für sich selbst. Die Scham verschloss ihren Mund. Das war die eine Klammer über ihren Lippen. Die andere Klammer war ihr fehlendes Vertrauen. Mit dem verlorenen Vertrauen zu ihrem Vater war auch das Vertrauen in andere Menschen verloren gegangen. Und das war das Schlimmste: sie traute keinem Menschen mehr, besonders keinem Erwachsenem.

Dafür hatte sie einen eigenen Trost erfunden. Das Klassenzimmer, wie die Anonymität der Bahnhofsgegend, war für sie vor allem ein geschützter Raum für ihre Tagträume geworden. Hier war sie vor ihrem Vater und seinem Jähzorn sicher. Hier träumte sie sich weg und manchmal, das fand sie lustig, stieg sie dabei aus sich heraus, schwebte gleichsam über sich. Immer häufiger und immer besser gelang es ihr, sich auf diese Weise von sich selbst zu entfernen. Sie saß dann an ihrem Tisch und betrachtete sich gleichzeitig von oben und fand die Person, die da in der dritten Bankreihe beim Fenster saß, ganz fremd. Wenn sie in diesem „doppelten Zustand verweilte“, spürte sie nichts mehr, auch keine Schmerzen. Nichts berührte sie mehr, keine Verzweiflung und keine Trostlosigkeit. Es war alles gut. Und niemand sah, wo sie wirklich war. Nämlich außer sich.

Bis zu dem Tag als Noah in ihre Klasse kam. Noah war für seine sechzehn Jahre klein, ärmlich gekleidet in den Marken gewohnten Augen der Klasse und hatte Pickel. Sie beide waren ab sofort die Außenseiter der Klasse. Und das muss es wohl gewesen sein, warum Noah sie in der großen Pause angesprochen hatte. Not schafft Bindung. Er war ihr auf den Schulhof gefolgt und stellte sich beim Hofausgang zu ihr. Aus einer Plastikdose nahm er ein großes, liebevoll mit Schinken und Salat belegtes Brötchen. Es roch herrlich. Sie hatte nur einmal kurz hingeschaut und dann wieder weg. Er hatte dann sein Brötchen geteilt und ihr die eine Hälfte hingehalten. „Magst du?“ hatte er sie gefragt. Sie hatte nur den Kopf verneinend geschüttelt. Er war nicht weiter in sie gedrungen, war aber bei ihr stehen geblieben. So ging das mehrere Tage lang. Er folgte ihr, stellte sich schweigend neben sie und bot ihr von seinem Brötchen an. Eines Tages hatte sie auf seine Frage: „willst du die Hälfte vom Brötchen?“ ja gesagt und zugegriffen. Aber da hatte sie noch nicht mit ihm geredet, sie stand nur schweigend neben ihm und kaute auf dem halben belegten Brötchen.

Es war die Feueralarmübung, die sie näher zusammenbrachte. Auf der engen Schultreppe war Zoe im Gedränge ausgerutscht und Noah hatte sie festgehalten. Sie hatte nicht mal Danke sagen können, so erschrocken war sie über die Hand an ihrem Arme gewesen. Auf dem Sportplatz, wo sich die Schüler klassenweise aufstellen mussten, hatte Noah sie dann gefragt: „sehen wir uns nach der Schule?“ Sie fand ihn recht sympathisch und vor allem – er hatte sie nie bedrängt, ihr nie ein Gespräch aufgezwungen. Er merkte ihr Zögern und sagte schnell: „wir können nach der Schule zu mir gehen. Meine Mutter ist beim Arbeiten. Wir können uns die Käsespätzle von Sonntag in der Mikrowelle aufwärmen“. Käsespätzle, ihr Lieblingsgericht, die hatte ihre Mutter früher oft für sie gemacht. Die Erinnerung an ihre Mutter wärmte ihr kalt gewordenes Herz und bevor sie sich versah, hatte sie ja gesagt.

Und aus dem ersten Mal waren in Monaten viele Male geworden, die Zoe mit Noah nach der Schule zu ihm nach Hause ging. Mittlerweile hatte sie auch seine Mutter kennengelernt. Die mochte sie sehr gern, denn sie hatte so etwas Liebes an sich. Wenn Zoe in ihre Augen sah, fühlte sie sich ganz tief innen angerührt. Noahs Mutter hatte sie auch nach ihrer Familie gefragt. Zoe hatte ihr von ihrer verstorbenen Mutter erzählt und dass sie jetzt mit ihrem Vater alleine lebe. Dass ihr Vater sie schlug, davon erzählte sie nichts. Noahs Mutter war wie ihr Sohn, sie bohrte nicht mit Fragen nach. Sie ließ Zoe Zeit. Und Zoe genoss die Ruhe bei Noah und seiner Familie immer mehr. Es war ihr Paradies oder ihre Arche in ihrem, nach Mutters Tod und durch Vaters Trunksucht und Jähzorn, trostlos gewordenen Leben. Mit den Monaten veränderte sich Zoe innerlich und so auch das Verhältnis zu Noah und seiner Mutter. In ihr keimte Hoffnung auf und ein kleines bisschen Vertrauen. Und dieses Vertrauen wuchs immer mehr. Und als es wieder so groß geworden war, dass sie Noah und seiner Mutter als Menschen vertrauen konnte, erzählte sie den beiden von ihrem Leben. Von dem Leben, das sie vor fremden Augen verborgen gehalten hatte. Noahs Mutter blieb dabei ganz ruhig, wenn sie auch schwer atmete an manchen Stellen. Noah regte sich mehr auf und redete von Polizei und Gesetzen gegen Gewalt an Kindern und Anzeige. Als sie sich alles von der Seele geredet hatte, fragte Noahs Mutter, ob sie sie in den Arm nehmen dürfe. Zoe nickte. Was dann kam, hätte sich Zoe nicht träumen können. Sie lag in den Armen dieser Frau, sozusagen am Busen von Noahs Mutter. Erst geschah nichts, dann stiegen ihr die Tränen in die Augen, sie begann zu weinen. Erst ein bisschen, dann war es wie ein Dammbruch gewesen. Sie hatte Rotz und Wasser geweint, geradezu eine Tränensintflut erlebt. So lange hatte sie sich nicht gehalten und getröstet gefühlt. In Jahren war sie in ihrer Trostlosigkeit wie erstarrt. Lebendig und doch tot hatte sie sich gefühlt. Ihr Lieblingsmärchen war Sterntaler geworden. Denn so einsam, von allen Menschen und auch von Gott verlassen, wie dieses Kind im Märchen hatte sie sich in vielen durchweinten Nächten auch gefühlt. Und heute lagen Arme um sie herum. Sie wurde gehalten und getröstet. Und es fühlte sich gut an, einfach gut. Ohne jeden Druck, dass sie aus sich selbst heraussteigen musste.

Ab da veränderte sich Zoes Leben auch nach außen hin sichtbar, es begann wieder zu wachsen. Mit Noah und seiner Mutter hatte sie einen neuen Lebensgrund gefunden und Hoffnung geschöpft auf ein besseres Leben. Es musste auch ein Gespräch mit ihrem Vater gegeben haben. Da waren Leute vom Jugendamt gekommen. Seither trank ihr Vater wohl noch aber er schlug sie nicht mehr. Zoe bekam auch deshalb wieder Lust aufs Leben. Eine Klasse musste sie wiederholen als Folge ihrer Tagträumereien, dabei blieb es dann. Sie ließ sich nun nicht mehr vom Lernen abhalten und da war auch noch Noah. Leider sah sie ihn nur noch in der Pause und außerhalb der Schule, denn er war nun eine Klasse über ihr. Manchmal dachte sie bei sich, ein bisschen haben Noah und seine Mutter mit Gott zu tun. Denn eine Zeit hatte sie wirklich geglaubt, dass auch Gott sie verlassen hatte. Doch jetzt glaubte sie das nicht mehr. Es hatte nur eine kleine Weile gebraucht, bis ER als Noah in ihr Leben trat. Besser gesagt treten durfte. Denn sie war wie taub gewesen gegen jede Anrede von außen und jede Berührung. Noah, oder sollte sie besser sagen: Gott durch Noah hindurch, hatte viel, ganz viel Geduld aufbringen müssen, zu ihr durchzukommen. Sie hatte sich damals beinahe schon selbst aufgegeben. Es hatte viel Zeit gebraucht. Und wäre sie ein Haus und hätte einer damals geklopft, niemand wäre da gewesen, um das Klopfen zu hören, geschweige denn die Tür zu öffnen und Einlass zu gewähren. Wenn „damals“ einer zu ihr gekommen ist und mit ihr sprechen wollte, konnte es sein, dass sie gerade wieder unter der Decke schwebte und gar nicht bei sich selbst war. Also war keiner zu Hause.

Und noch einmal drei Jahre später, hatte sie selbst dann doch staunen müssen. Das war in der letzten Woche vor den Osterferien. Schade dass Noah nicht neben ihr saß, er hätte sich mit ihr gefreut. Bei der Reli - Klausur, sie war jetzt eine Klasse vor dem Abitur, war das Thema Propheten und der Text Jesaja 54, 7- 10. Eine Aufgabe war dazu: „Erzählen Sie diese Geschichte von Gott und den Menschen so nach, als ob sie heute geschieht und fassen Sie alles in einer für sie stimmigen Kernthese zusammen.“

Da fand sie ihre Lebensgeschichte verdichtet beschrieben. Alles was sie erlebt hatte, stand da zu lesen. Von menschlicher Trostlosigkeit, von tiefer Trauer durch Jähzorn, sogar Noah kam namentlich im Text vor. Und sie las darin von einer übergroßen Liebe, die so tröstet, dass neues Vertrauen wachsen kann. Barmherzigkeit und erbarmen stand dafür im Text als Gottes Eigenschaft und Handeln. Das althochdeutsche Wort „barmen“ steckt in den Worten Barmherzigkeit und Erbarmen, kam ihr in den Sinn. Und „ein Kind barmen“ war nichts anderes, als es auf den Schoß zu nehmen, ans Herz, an den Busen zu drücken, um es zu bergen, zu trösten und von Herzen lieb zu haben. Das hatte Noahs Mutter ihr geschenkt, als sie in ihren Armen ihre „Tränensintflut“ erlebte. Bevor sie noch den Text fertig gelesen hatte, dachte sie bei sich: „Ich war in meinem Leben eine Zeit wie tot und heute bin ich „lebendig“, genau wie es mein Name Zoe sagt – „lebendig“. Und sie begann ihre Geschichte von Zoe und Noah aufzuschreiben und für uns zu entfalten, wie sie bei Jesaja 54, 7 -10 ganz knapp zusammengefasst steht:

7Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. 8Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner Erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser. 9Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. 10Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer. Amen.