Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 54,7-10

Pfarrer Hans-Jürgen Feldmann

10.03.2002 in der Stiftskirche Bielefeld

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, daß die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, daß ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will. Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.

Jes. 54, 7-10

 

Liebe Gemeinde!

Der 42jährige selbständige Bäckermeister B wird aufgrund eines Verdachts ins Krankenhaus eingewiesen. Dort bestätigt der Befund, was sein Hausarzt schon befürchtet hatte. Der Mann muß in der Klinik bleiben, er soll sein eigenes Haus nicht wieder betreten. Zwei Monate und drei Wochen hat er noch zu leben.

Seiner Frau fällt es schwer, offen mit ihm darüber zu reden. Daher bittet sie eine Therapeutin, die regelmäßig Kranke besucht, auch bei ihm einmal hereinzuschauen und ihr dann zu schildern, welchen Eindruck sie von ihm habe. Es bleibt nicht bei diesem einen Kontakt mit Herrn B. Anfangs fühlt der sich aber noch halbwegs gesund, und sein Patientendasein langweilt ihn. Nur daß die vielen Untersuchungen scheinbar kein Ende nehmen und die Ärzte sich so lange in Schweigen hüllen, macht ihn mißtrauisch und unruhig. Da fragt ihn die Besucherin, ob er die Zeit nicht nutzen wolle, um etwas zu malen. Zuerst kommt ihm die Idee kindisch vor, doch als er es sich's überlegt, erwacht sein Interesse. So entstehen bis zu seinem Tode acht Bilder, mit denen er ausdrückt, was in ihm vorgeht und was ihn bewegt.

Diese sind sehr unterschiedlich. Auf dem ersten ist sein Haus dargestellt, mit einem Zaun um das Grundstück und Blumen im Garten. Als die Diagnose nach zweieinhalb Wochen immer noch nicht vorliegt, malt er das nächste Bild: Dunkle Wolken sind jetzt aufgezogen, das Haus selbst ist klein geworden, fast durchsichtig, und es scheint zu schweben. Einige Tage später bringt er auf den Zeichenblock, was er in einem Traume sah: Ein würfelähnlicher Kasten treibt auf dem Meer; an einer Seite sind Würfelaugen zu erkennen, aber leider nur fünf, nicht die Glückszahl Sechs. "Wenn man die Sechs hat", sagt er, "darf man noch einmal. Mit der Fünf aber ist die Runde zu Ende! Die Würfel sind gefallen." Dabei kämpft er mit den Tränen.

In dieser Phase erfährt er schließlich seine Diagnose. Für mehrere Tage kapselt er sich nun völlig ab, sogar von seiner Familie. Doch in dem Schweigen entsteht das vierte, ein wildes, unruhiges Bild. Es zeigt eine Gestalt wie in Flammen und expressionistisch bewegt, den Blick indessen auf den Abendstern gerichtet.

Wochen später aber verändert sich der Stil seiner Malerei völlig und bleibt dann so bis zum Schluß: keine Einzelheiten mehr, dafür einfache Formen, klare Linien, große Farbflächen, auf denen das Auge verweilen kann, Gegenstände von symbolischer Bedeutung. Auf dem sechsten Bild wird dieser Wandel besonders sichtbar, ist aber für Außenstehende zugleich geheimnisvoll verschlüsselt: ein Gebilde wie ein großes Ypsilon, dessen Öffnung von oben her ganz mit Helligkeit ausgefüllt ist, rechts am unteren Rand ein Anker. Sein einziger Kommentar: "Tja, so steht ein Mensch vor seinem Schöpfer." Und dabei stellt er mit hoch erhobenen und seitwärts ausgestreckten Armen diese Figur nach. Die Besucherin ist darüber anfangs sehr erstaunt, hatte er doch bei seiner Aufnahme ins Krankenhaus auf Befragen geäußert, daß er den Besuch eines Pfarrers nicht wünsche und auch nicht daran dächte, etwa an einem Gottesdienst in der Klinikkapelle teilzunehmen.

Als Herr B stirbt, trifft die Therapeutin nicht mehr rechtzeitig ein. Eine Schwester aber übergibt ihr sein letztes Bild, das habe er ausdrücklich für sie bestimmt. Es zeigt eine kleine dunkle, blaugrüne Pyramide, hinter der eine große orangefarbene Sonne aufgegangen ist, die Kanten dieser geometrischen Figur streifend und überstrahlend.

II.

Dieser Bericht ist so ausführlich zur Sprache gekommen, weil sich in ihm die Struktur unseres Predigttextes widerspiegelt. Denn darin spannt sich auch solch ein Bogen. Er beginnt mit den Worten: "Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen", und zielt in die Zusage, mit der Gott sich abschließend, endgültig und unwiderruflich zu erkennen gibt als "der Herr, dein Erbarmer".

Diese Spannung durchzieht den ganzen Abschnitt und findet sich auch in den einzelnen Versen wieder. Es ist, als ob es einen Menschen schier zerreiße und nicht enden wolle. Denn der "kleine Augenblick" Gottes kann sich für uns dehnen wie eine ganze Ewigkeit - bis sich in die Unerträglichkeit hinein ein Frieden Bahn bricht, um über all die Schrecken schließlich die Oberhand zu gewinnen und zu behalten. Es ist, als ob die Nacht schwärzer nicht sein könnte - bis die ersten Sonnenstrahlen die Finsternis vorsichtig durchdringen, um dann den Tag ganz in Licht zu tauchen und zu bestimmen. Und selbst damit weisen sie nur bescheiden hin auf ein noch viel größeres, helleres, wärmeres Licht, welches niemals wieder verlöschen wird.

Ja es ist, wie wenn Gott selber eine starke Spannung in sich auszuhalten, zu ertragen und durchzustehen hätte - zwischen seiner Enttäuschung über uns Menschen, seinem berechtigten Zorn, seiner Trauer um seine Geschöpfe und seiner Gnade und Güte, seinem Erbarmen und seiner Liebe, die doch letztlich über alles andere den Sieg davontragen und triumphieren sollen. Es klingt fast so, als könnten wir Gott verändern, ihm die Gesetze seines Handelns vorschreiben, so daß er von seinem Wesen abließe, sich selbst untreu würde und mit dem reagierte, zu dem wir ihn herausfordern.

Die Worte des Propheten sind in einer anderen Lage ergangen als der des kranken und sterbenden Herrn B oder der unseren. Ihre Hörer sind die nach Babylonien in die Verbannung verschleppten Judäer, die seit Jahrzehnten vergeblich auf ihre Befreiung und Rückkehr warten. Aber auch unabhängig von ihrer geschichtlichen Situation eignet dieser prophetischen Botschaft eine beispielhafte Bedeutung. Denn in ihr hat sich eine Grundsituation menschlichen Lebens verdichtet. Diese wiederholt sich, wenn auch in sehr verschiedenen Formen und Gestalten. Aber gemeinsam ist in ihnen die bedrängende Frage, wie Menschen schwere Zeiten durchstehen und schließlich überstehen können und wie wir die dunklen Stunden, die Lebenskrisen unseres persönlichen Daseins auszuhalten und zu bewältigen vermögen?

Es sind Grenzsituationen, in denen es nicht mehr damit getan ist, die eigenen Kraftreserven zu bündeln und zu aufzubieten, und in denen sämtliche Lebenskünste versagen vor der inneren Angst. Das tiefste Erschrecken aber erwächst aus der Furcht, Gott selbst könne einem den Rücken gekehrt und einen verlassen haben.

"Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen" - darin spiegelt sich genau diese Erfahrung. Darum ist es nicht einfach Zufall, daß sich in schwere Erlebnisse, ernsthafte Krankheiten, endgültige Abschiede fast unweigerlich Grübeleien mischen über eine etwaige Bestrafung. Oder man fängt an, in verschütteten Schichten der Vergangenheit nach längst vergessenen Ursachen zu stochern und zu graben, die eine höhere Macht irgendwann, und sei es sehr spät, doch zu einer Reaktion herausfordern mußte. Die Rede vom "Zorn Gottes" bringt zur Sprache, was uns bereits unser eigenes Bewußtsein sehr deutlich sagen kann, daß nämlich kein Mensch von sich aus vor Gott bestehen kann. Das wird uns nämlich nicht nur eingeredet; das spüren wir.

Der Prophet denkt freilich nicht nur an unser Bewußtsein und unser Empfinden, wenn er von Zorn Gottes spricht. Vielmehr versteht er ihn als die notwendige und wesenhafte Rück- und Kehrseite seiner Liebe und Barmherzigkeit. Es handelt sich dabei freilich nicht um austauschbare Möglichkeiten seines Wesens. Wie sollten wir sonst wissen, welche von beiden Phase uns gerade trifft?

Was gemeint ist, können wir uns daran verdeutlichen, daß wir niemanden so zu verletzen vermögen, wie einen Menschen, der uns sehr liebt. Wer nämlich gar nicht zu enttäuschen wäre, nicht ärgerlich und traurig über uns sein könnte, sondern alles mit Gleichmut und Gelassenheit hinnähme, dem ist mit Sicherheit nicht viel an uns gelegen, der interessiert sich für sein Gegenüber nicht wirklich. Das heißt, er nimmt an meinem Leben, meinem Denken und Fühlen eigentlich nicht teil. Er tut vielleicht nur so. Die Rede von Gottes Zorn aber will nun gerade davon das Gegenteil besagen: Gott ist nicht ein blutleeres "Prinzip Liebe". Sondern seine Liebe, das ist auch sein Gefühl, seine Ehre, seine Verletzlichkeit.

III.

Für seine Liebe steht ein unscheinbares Wort in unserem Text. Doch es ist wichtig, und es prägt seine gesamte Struktur: das Wörtchen "aber". "Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen... Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen."

Wenn wir uns eine Zeitschiene vorstellen, markiert das Wort "aber" einen Wendepunkt oder auch eine längere Phase, auf der sich eine Wende anbahnt. Inhaltlich jedoch bringt es zum Ausdruck, daß die positiven Seiten des Lebens die negativen bei weitem überwiegen, daß Gottes Ja zu uns Menschen so ungleich größer und kräftiger ist als sein Nein. Denn dem "kleinen Augenblick" stehen die "große Barmherzigkeit" und die "ewige Gnade" gegenüber.

Die Krankengeschichte des Herrn B, die zugleich eine Geschichte seines inneren Menschen ist, spiegelt davon sehr viel wider. Nach einer Phase der Angst, des Kämpfens, der Depression, auch der Aggression gegen andere Menschen - das zeigen seine Bilder - kann er von einem bestimmten Zeitpunkt an den Weg eines Friedens betreten, den er zuvor vielleicht nie gekannt hatte. Erinnern wir uns an sein sechstes Bild und an seinen Kommentar dazu: "Tja, so steht ein Mensch vor seinem Schöpfer", nämlich wie ein nach oben geöffnetes Gefäß, in das Licht einströmt, und wie gehalten mit einem Anker, damit das Schiff des Lebens nicht Opfer der Wellen und der Stürme wird.

Es gibt vielleicht keine wichtigere Erkenntnis für unser Leben als die, daß wir einen Schöpfer haben und seine Geschöpfe sind. Allerdings, als bloße Theorie nützt sie uns wenig; sie muß uns schon unter die Haut gehen, uns von innen durchdringen und existentiell bestimmen.

Was die schweren Widerfahrnisse des Lebens im einzelnen von Gott her zu bedeuten haben und welchen Sinn er ihnen gegeben hat, das ist unseren Augen und Gedanken verschlossen. Wir vermögen die konkreten Beispiele nicht zu deuten. Aber insgesamt könnte es sein, daß sie uns daran erinnern sollen, daß wir nicht mehr sind als Gottes Geschöpfe, doch auch nicht weniger. Das macht demütig; das gibt uns aber auch eine unverlierbare Größe.

Denn der Schöpfer läßt von seinen Geschöpfen nicht ab, und er läßt sie nicht los, was immer kommen mag. So hat jemand gesagt: "Wenn du fällst, fällst du in Gottes Arme. Wenn du liegst, liegst du in den Händen Gottes. Aber wenn du dich aufrichtest, werden deine Augen den Augen Gottes gegenüber sein" (U. Schaffer: Beten über Worte hinaus).

Unser prophetischer Abschnitt ist ursprünglich an Menschen gerichtet, deren bitteres Los und deren Gefangenschaft sie als Folge dessen sahen, daß sie sich als ganzes Volk von Gott entfernt hatten. Demgegenüber fällt auf, daß der Prophet jetzt über Schuld, Verfehlung und Versäumnis kein Wort mehr verliert. Das aber weist wohl darauf hin, daß es einen Zeitpunkt gibt, von dem an Schuld nicht mehr zwischen uns Menschen und unserem Gott steht und wir es wagen, ihm einfach zu glauben, daß er in seiner Liebe für uns offen ist - trotz allem, was in der Vergangenheit gewesen sein mag.

Denken wir noch einmal an unser Ausgangsbeispiel. Herr B hatte zu Beginn seiner Krankheit zu erkennen gegeben, daß ihm der Glaube in seinem Leben nicht viel bedeutet hatte. Auch der Schock seines Befundes verwandelt ihn nicht sofort in einem gläubigen Menschen. Aber eines Tages kann er doch den Menschen vor seinem Schöpfer verstehen und darstellen, nämlich sich selbst, mit hoch aufgerichteten Armen, geöffneten Händen und auf dem Fundament des Lebens verankert. Was ein Mensch während seines Daseins verpaßt hat, auch an Glauben, an Erkenntnis, an Tiefe, das steht nicht für alle Zeiten zwischen ihm und seinem Herrn. Denn Gott wartet nur darauf, daß sich ein Mensch in seine Arme wirft.

Wie zur Zeit Noahs nämlich, so läßt Gott ausrichten, "so habe ich geschworen, daß ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will". Diese Zusage Gottes gewinnt später in der Person und dem Werk Jesu Christi noch sehr viel deutlichere Konturen.

In ihm sind auch die beiden Enden des Spannungsbogens unseres Textes beieinander. Die Evangelisten lassen ihn am Kreuz unterschiedliche Worte sprechen, aber in einem höheren Sinne gehören sie zusammen und bilden eine Einheit. "Mein Gott, warum hast du mich verlassen?" und: "In deine Hände befehle ich meinen Geist." Gottverlassenheit und Gottverbundenheit.

Die Verbannten in Babylonien durften in ihre Heimat zurückkehren. Herr B mußte sterben. Es gibt beide Erfahrungen. Berge weichen nach wie vor, und Hügel fallen hin. Ganze Lebensgebäude können zusammenbrechen. Aber Gott ist größer, und auch das, was wir nicht begreifen, führt er einem guten Ziel entgegen. Denn nach dem Karfreitag ist Ostern geworden. Gottverlassenheit ist vorläufig. Aber der Bund, den Gott mit uns geschlossen hat, der bleibt bestehen.

Amen