Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 54,7-10

Roland Fritz (ev), Rechtspfleger

30.03.2014 in Kandel

Gottes Zorn und Gottes Gnade

Wie ist Gott?

Wie ist Gott? Zornig oder gnädig? Strafend oder vergebend? Fern oder nah?

Wie erlebst du ihn?

Ist es überhaupt möglich, Gott auf die eine oder andere Weise zu beschreiben?

Wenn wir etwas über Gott sagen wollen, merken wir schnell, welch eine große Spannung darin steckt. Unsere Worte sind viel zu klein, Gott zu erklären. Wenn wir glauben, wir hätten einen Wesenszug Gottes erfasst, zeigt er sich bald schon wieder ganz anders. Auch wenn Gott selbst redet, wird das immer wieder deutlich. In unserem Predigttext wird die Spannung von Nähe und Distanz deutlich spürbar. Auf der einen Seite sagt Gott: „Ich habe dich verlassen.“ Auf der anderen Seite verspricht er aber: „Ich will mich deiner erbarmen.“ Es ist ein Geheimnis des Glaubens, in all diesen scheinbaren Widersprüchen zu entdecken, dass Gott trotzdem immer derselbe ist. Und ist es nicht so, dass die Art, wie wir Gott erleben, ganz viel damit zu tun hat, wie wir uns ihm gegenüber verhalten. Oft ist Gottes Wirken an uns (egal ob wir es positiv oder negativ erleben) eine Antwort auf unser Tun. So ist es auch hier, wen Gott zu seinem Volk Israel spricht:

7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.

8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.

9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.

10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer. (Jesaja 54,7-10)

Einordnung in den Kontext

Der Zwiespalt, der aus diesem Abschnitt deutlich wird, hängt vielleicht damit zusammen, wo dieser Text steht. In den Kapiteln vorher ist viel über die Schuld Israels zu lesen. Aber noch mehr ist die Rede von dem Knecht Gottes, der diese Schuld auf sich nimmt. Es wird deutlich, dass die Schuld nicht einfach unter den Teppich gekehrt sondern beim Namen genannt wird. Gleichzeitig wird aber auch sichtbar, dass ein Stellvertreter diese Schuld sühnt. Gott ist nicht ein Gott, der beide Augen zudrückt. „Schwamm drüber. Ist ja alles nicht so schlimm.“ Gott pocht auf sein Recht. Er duldet das Unrecht nicht in seiner Nähe. Und so muss der Gottesknecht die Gottesferne ertragen: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt (Jesaja 53,4+5).“ Gott leidet selbst an der Schuld seines Volkes, er trägt sogar selbst die Konsequenzen, die daraus folgen. Mehr noch: Auch wenn die Schuld des Volkes so groß ist, dass es in der Gottesferne lebt, verspricht Gott doch zukünftiges Heil und Frieden. Jesaja findet unmittelbar darauf sehr bildhafte Worte: „Du Elende, über die alle Wetter gehen, die keinen Trost fand! Siehe, ich will deine Mauern auf Edelsteine stellen und will deinen Grund mit Saphiren legen und deine Zinnen aus Kristallen machen und deine Tore von Rubinen und alle deine Grenzen von erlesenen Steinen (Jesaja 54,11+12).“ Und weiter heißt es: „Du sollst auf Gerechtigkeit gegründet sein. Du wirst fern sein von Bedrückung, denn du brauchst dich nicht zu fürchten, und von Schrecken, denn er soll dir nicht nahen (Jesaja 54,14).“

Und dazwischen liegt die Spannung: Zwischen der Schuld auf der einen Seite, mit all ihren Konsequenzen und dem Ausblick auf ein künftiges Heil, das noch nicht vollständig eingetreten ist. Da ist unsere Unzulänglichkeit, unser Versagen. Und da ist das Versprechen, dass alles in Ordnung gebracht wird. Da sind die Not und das Elend. Und da ist die Verheißung auf eine Zeit der Freude. Das ist die Spannung, in der sich ganz oft unser Leben vollzieht.

Gott, wo bist du?

In dieser Spannung fragen wir uns vielleicht oft, was nun war wahr ist. Ist Gott da? Oder müssen wir rufen:

„'Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Warum bist du so weit weg?

Den ganzen Tag rufe ich, aber du gibst mir keine Antwort.

Ich rufe in den schlaflosen Nachtstunden,

aber ich finde keine Ruhe' (Psalm 22,2+3, Hfa).

Gott, ich suche dich, aber du schweigst.

Gott ich suche dich, aber ich finde dich nicht.

Du hältst dich versteckt.

Wo kann ich dich finden?

Damals habe ich einen Anfang mit dir gemacht. Du hast mich gerufen. Und ich habe dir geantwortet. Ich habe versprochen, dass ich nach deinen Geboten leben will. Und du hast versprochen, mich zu begleiten. Du hast gesagt, dass du bei mir sein willst, egal wo ich hingehe. Aber nun finde ich dich nicht mehr. Ich fühle mich allein.

Warum bist du fortgegangen? Warum sprichst du nicht mehr mit mir?

Warum erlebe ich nicht mehr, dass du mir den Weg zeigst? Warum sind da keine Wunder mehr? Ohne dich habe ich keine Zukunft.

Wie soll es denn weitergehen, wenn du mir nicht zeigst, in welche Richtung ich gehen soll? Ohne dich kann ich den richtigen Weg nicht finden. Ohne dich bin ich verloren. Ohne dich bleibt nur Verzweiflung, weil mein Leben in die Irre geht. Wer soll mir helfen, wen du nicht da bist?

Wie kam das eigentlich? Wieso hast du dich von mir entfernt? Oder bin ich vor dir weggelaufen?

Ich wollte frei sein. Tun und lassen, was ich will. Deine Gebote schienen mich immer mehr einzuengen. Tu das nicht. Tu dies nicht. Verzichte auf dieses. Lass jenes sein. Ich fühlte mich eingeengt. Und ich sah die anderen, die sich nicht so viele Gedanken darüber machten, ob das, was sie tun auch das richtige ist. Sie lebten einfach drauf los, ohne nach ihrer Verantwortung zu fragen. Sie tun, was ihnen Spaß macht. Es ist ihnen egal, was andere von ihnen denken. Ich war neidisch. Und dachte: Das ist die wahre Unabhängigkeit. Wenn ich zuerst schaue, dass es mir gut geht. Danach kann man ja immer noch etwas gutes tun. Ein bisschen soziales Engagement hier. Eine Spende da. Das schlechte Gewissen wird sich dann schon beruhigen. Und um dich nicht zu vernachlässigen, gehe ich auch ab und zu in den Gottesdienst.

Aber wichtig ist, dass ich erst mal lebe, wie mir es gefällt.

Ich hab ja auch nichts böses getan. Ich habe niemanden umgebracht. Habe nichts gestohlen. Ich habe noch nicht einmal Steuern hinterzogen. O.k., ich hatte auch keine Gelegenheit dazu. Jedenfalls konnte mir keiner etwas nachsagen. Ich bin nirgends mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Dass ich von meinem Nachbarn denke, er ist ein Idiot, ist ja nicht strafbar. Und ich muss mich ja auch nicht mit ihm abgeben, wenn ich nicht möchte. Soll er sich halt von mir fernhalten. Dann ist unser Verhältnis prima.

Irgendwann bin ich auch nicht mehr zum Gottesdienst. Ich kann ja auch zu Hause in der Bibel lesen. Ich brauche doch die anderen nicht, um Christ zu sein. Das ist meine Privatsache. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Tust du mir nichts. Tu ich dir nichts. Wieso sollte ich so viele Regeln beachten, wenn es ohne sie viel leichter geht? Da brauch ich die anderen nicht. Außerdem sind das ja auch alles nur scheinheilige Zeitgenossen. Nach außen hin freundlich, aber hintenrum reden sie alle schlecht. Und wenn ich wirklich Hilfe brauche, sind sie nicht da.

So hab ich irgendwann mein eigenes Leben gelebt. Und es war noch nicht einmal schlecht. Ich hab mich einfach nicht mehr für dich interessiert. Und nun interessierst du dich scheinbar auch nicht mehr für mich. Du schweigst, weil ich nicht mehr mit dir rede.

Ich hab es mir selbst zuzuschreiben, dass du so weit weg bist. Aus der Freiheit, die ich mir erhofft habe, ist eine Gottesferne geworden. Ich habe dich nicht Gott sein lassen, sondern mein eigenes Ich zum Götzen gemacht. Meine Ideale habe ich hochgehalten und nicht nach dir gefragt.

Du sagst, du bist ein eifersüchtiger Gott. Und du duldest keine anderen Götter. Es geht nicht, dir dienen zu wollen und dann noch andere Dinge neben dir auf den Thron zu heben. Das muss im Verderben enden. Meine Schuld ist nicht die kleine Lüge von gestern, nicht, dass ich dem anderen letzte Woche die Vorfahrt genommen habe und auch nicht, dass ich meinem Nächsten nicht geholfen habe. Das ist alles nicht richtig. Aber meine wahre Schuld liegt darin, dass ich ohne dich gelebt habe, dass ich ohne dich mein Ziel verfehlt habe, das du für mich gedacht hast.

Nun steh ich hier und rufe und finde dich nicht. Aber ich rufe weiter, weil ich weiß, dass du ein gnädiger Gott bist. Du hast mich geschaffen. Deshalb kennst du mich durch und durch. Du weist um mein Innerstes. Du weist, wie es mir geht. Und du weist, dass ich einen neuen Anfang mit dir machen möchte. Du kennst mein Versagen. Und darum darf ich dich bitten:

'Sieh nicht länger auf meine Schuld,

vergib mir all meine Sünden!

Erschaffe in mir ein reines Herz,

erneuere mich und gib mir Beständigkeit!

Stoße mich nicht von dir,

und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.

Schenke mir Freude über deine Rettung,

und mache mich bereit, dir zu gehorchen!'“ (Psalm 51,11-14, Hfa)

Gottes Zusage

Es ist ein innerer Weg, den ich hier in einem fiktiven Selbstgespräch nachgezeichnet habe. Ein Weg, wie ihn viele schon auf unterschiedliche Weise gegangen sind. Ein Weg, der geprägt ist von Schuld und Versagen. Ein Weg, der auch geprägt ist von der Enttäuschung, die wir durch andere und vielleicht auch durch Gott erlebt haben. Ein Weg der Entfremdung, vielleicht weil die Beziehung nicht intensiv genug gepflegt wurde. Ein Weg, der in die falsche Richtung führte, weil Gott unser Leben nicht bestimmen durfte.

Was könnte Gott antworten?

„Ja, es stimmt. Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, weil Schuld in meiner Gegenwart keinen Platz hat. Ich habe dich verlassen, weil ich heilig bin und unheiliges nicht zu meinem Wesen passt. Ich habe dich verlassen, weil du deinen eigenen Weg gegangen bist und ich dich nicht wie eine Marionette auf den richtigen Weg setzen wollte. Ich wollte, dass du selbst erkennst, dass dein Weg in die Irre führt und dass du freiwillig zu mir zurückkehrst. Deshalb habe ich dir deinen freien Willen gegeben. Ich habe dich verlassen, aber 'ich will dich wieder zu mir holen, denn ich liebe dich immer noch. Im Zorn habe ich mich für einen kleinen Augenblick von dir zurückgezogen. Doch ich habe Erbarmen mit dir, und meine Liebe wird nie mehr aufhören. Das verspreche ich, der Herr, dein Erlöser (Jesaja 54,7+8, Hfa)'. Wenn du zu mir umkehrst, bin ich bereit, dir zu vergeben. Deine Schuld soll dann weggewischt sein und dich nicht mehr von mir trennen. Ich will den Bund, den ich mit dir geschlossen habe, erneuern und meine Zusagen für dich sollen gelten.

Du darfst dich auf das verlassen, was ich dir versprochen habe. Es gilt auch dann noch, wenn deine Welt ins Wanken gerät und du das Gefühl hast, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Auf mein Wort ist sogar dann noch Verlass, wenn die Erde eines Tages untergehen wird.

Wenn du zu mir umkehrst, wirst du erfahren, dass ich nie fern von dir war, sondern nur darauf gewartet habe, dass du deinen falschen Weg verlässt. Du wirst erkennen, dass ich nie aufgehört habe, dich zu lieben und dass mein Zorn mich mehr geschmerzt hat als dich.“

Gott ist immer da

Wie erlebst du Gott? Als einen Gott, der zornig ist? Oder als einen Gott, der gnädig ist? Als einen Gott, der fern ist? Oder als einen Gott, der nahe ist? Meinst du, dass Gott schweigt? Oder hörst du sein Reden?

Jochen Klepper hat die Spannung zwischen dem nahen und dem fernen Gott in einem Lied so ausgedrückt:

Gott wohnt in einem Lichte,

dem keiner nahen kann.

Von seinem Angesichte

trennt uns der Sünde Bann.

Unsterblich und gewaltig

ist unser Gott allein,

will König tausendfältig,

Herr aller Herren sein.

Und doch bleibt er nicht ferne,

ist jedem von uns nah.

Ob er gleich Mond und Sterne

und Sonnen werden sah,

mag er dich doch nicht missen

in der Geschöpfe Schar,

will stündlich von dir wissen

und zählt dir Tag und Jahr.

Nun darfst du in ihm leben

und bist nie mehr allein,

darfst in ihm atmen, weben

und immer bei ihm sein.

Den keiner je gesehen,

noch künftig sehen kann,

will dir zur Seite gehen

und führt dich himmelan.

Letztlich bleibt Gottes Zusage bestehen, dass sein Bund für ewig gilt.

„Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.“ (Jesaja 54,10)