Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 55,1-3

Pfarrerin Caterina Freudenberg

24.06.2001 in der Ev. Gustav-Adolf-Kirchengemeinde, Berlin-Charlottenburg

Wo wir auch geh'n und steh'n und sitzen, überall sind wir heutzutage von Werbung umgeben, von Reklame, und da gibt es kein Entrinnen:
Ob es der Briefkasten ist, der überquillt von bunten Zettelchen mit allerneuesten Angeboten, Busse, Bahnen, ganze Straßenzüge zugepflastert sind mit Reklametafeln, keinen Film im Fernsehen können Sie heute ungestört ansehen, ohne Störung, die Ihnen Jacobs Krönung anempfiehlt oder den Geschmack von Freiheit und Abenteuer.
Wer immer heute auf sich aufmerksam machen will, wer an die Leute ran will, an ihr Herz, an ihr Interesse und oft genug vor allem an ihr Portemonnaie, der kommt um's Werbetrommel-Rühren nicht drumrum.

Und nun stellen Sie sich einmal vor, Sie sitzen vor dem Fernseher, und auf einmal, so zwischen ‚Rama macht das Frühstück gut' und der tollsten Tütensuppe aller Zeiten sehen Sie eine Werbung der besonderen Art:
Mutter, Vater und drei Kinder und die Oma noch dazu sitzen - leicht gelangweilt - um den sonntäglichen Frühstückstisch herum, eine gewisse Ödnis und Lahmheit ist nicht zu übersehen, es wird gegähnt hier und da, lustlos in der Kaffeetasse rumgerührt, muntere Tischgespräche wollen auch nicht aufkommen so früh am Morgen, aber da: mit Elan und Tatendrang springt ins Bild die freundliche Nachbarin von gegenüber und ruft: "Schluß mit den langweiligen Sonntagvormittagen bei lauwarmem Kaffee und Aufbackbrötchen! Es muß doch mehr im Leben geben! Wir empfehlen Ihnen die Krönung! Kommen Sie in unseren Gottesdienst! Kommen Sie zu Wein, Brot und Gesang, jede Woche neu, die zarteste Versuchung, seit es Sonntagvormittage gibt. Nichts ist unmöglich! Es muß doch mehr im Leben geben!"

Liebe Gemeinde,
es gibt ja wirklich mehr im Leben als Mercedes, Maggi oder Mc Donald's, und deshalb dürfen wohl auch Christenmenschen werbend eintreten für die Lebensmittel, die wir in Gottes Namen anzubieten haben. Ob es nun ausgerechnet blonde Schwedinnen im Cabriolet sein müssen, die mich zur Gemeindereise nach Skandinavien locken sollen, so wie es der Reinickendorfer Kirchenkreis in seiner Werbekampagne einmal versucht hat (Anmerkung: Eine sehr kontrovers diskutierte Werbekampagne eines Berliner Kirchenkreises im Jahr 2000, um auf etwas unkonventionelle Weise auf kirchliche Angebote aufmerksam zu machen...), das mag ja dahingestellt sein, aber werbend einzutreten für das, wovon wir überzeugt sind, daß es uns zum Leben hilft, das hat seit den Anfängen der Christenheit doch Tradition. Kennen wir denn etwa nicht die tiefsten Herzenswünsche, die in jeder und jedem von uns schlummern? Wissen wir nicht um den Hunger an Leib und Seele, den geistigen Hunger in mit und unter allem materiellen Reichtum? Den Hunger, gegen den jede Schlemmerabteilung im KadeWe doch völlig machtlos ist?

Ganz in biblischer Tradition befinden wir uns, wenn wir also die Werbetrommel rühren für Gottes Lebensmittelangebote. Schon im Sonntagsevangelium haben Sie's gehört: Die Marktschreier für Gottes Festmahl werden an die Hecken und Zäune geschickt, um alles Volk einzuladen zum Festmahl der Freude. Christus selber macht sich zum Marktschreier aller Marktschreier im Wochenspruch, der Eigenwerbung ohnegleichen: "Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken!"

Und auch der Predigttext, der uns heute ans Herz gelegt ist, ist Gottes Werbeeinlage par excellence. Bei Jesaja lesen wir im 55. Kap.:

"Wohlan ,alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und eßt! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!" Jes 55, 1-3

Kein Mensch lebt doch vom Brot allein, und sogar Kaviar allein macht noch lange nicht glücklich. Und doch werden an jeder Ecke Leute dazu verführt, genau das zu denken, zu verinnerlichen: daß man mit Geld alles kaufen kann.
Fängt bei den Kindern doch schon an, daß es lebenswichtig ist überlebenswichtig, die richtige Marke zu tragen, und dann bin ich wer und dann ist für mein Leben alles paletti und mein Dasein ein voller Erfolg!
Aber, liebe Gemeinde, das stimmt doch gar nicht! Wenn ich alle Schätze der Welt hätte und könnte mir alles kaufen und hätte der Liebe nicht, was wäre mir's nütze?
Was nützt mir das Kleid von Dior oder der Waschbrettbauch aus dem teuren Fitnessstudio? Kauft mich das los von Einsamkeit? Ist es das, was mich liebenswert macht und wirklich attraktiv als der, als die, die ich bin?
Das Wesentliche im Leben, das worauf es ankommt, ist das mit Geld zu haben?
Daß mich jemand liebt, kann ich nicht kaufen, Gemeinschaft, Zugehörigkeit, "Du, genau dich brauchen wir hier"... das ist Geschenk, für kein Geld der Welt zu haben. Gesegnet die Gemeinde, in der Menschen von diesem Geheimnis etwas erfahren können, von Hoffnung für mein Leben, von Sinn und Ziel, von Glück und Freude, die ich nicht durch Geld und Anstrengung erwerben kann.
Das Beste im Leben ist immer Geschenk, fällt mir plötzlich in den Schoß, unverdient und unberechenbar.

Und darum, liebe Gemeinde, unterscheidet die Geister und die Propheten und die Profite und die Lebensmittel, für die wir umworben werden. Gebt euch nicht zufrieden mit den kleinen Trösterchen und mit Ersatzseelenheil, mit Dingen, von denen man mir einredet: Das muß ich haben, dann bin ich glücklich.
Sicherlich werden wir dem nicht entkommen, daß auf Schritt und Tritt und Tag für Tag die verschiedenen Mächte und Wirtschaftszweige um uns kämpfen, um unser Herz und unser Portemonnaie, mit vielen Versprechungen für ein erfüllte Leben, doch mittendreín in allem Marktgeschrei läßt Gottes Stimme sich auch vernehmen, wirbt auch um uns, lädt uns ein, umsonst und gratis, doch nicht als Billig-Angebot:
‚Kommt her zu mir und nicht ins Marlboro-Country!
Kommt her zu mir, bei mir bist du wer, auch ohne Kleid von Dior, auch ohne Tasche von Gucci, bei mir bist du wer, auch wenn du nicht ganz so schlank, so jung-dynamisch, spritzig und erfolgreich bist wie all' die Supermänner und Superfrauen und Superfamilien in der Fernsehwerbung, nie mühselig, nie beladen und nie arbeitslos.
Weil es um mehr im Leben geht als um den kleinen Hunger zwischendurch, darum muß Gottes Einladung "Kommt her zu mir!" immer wieder laut werden, zu hören sein bis an die Hecken und Zäune.

Als Gemeinde sind wir gefragt, ob wir als Gottes Marktschreierinnen mittun, ob wir die Werbetrommel rühren als Leute, die wissen, wie es um die Herzen der Menschen bestellt ist.
Wir sind gefragt, ob auch unsere Gemeinde ein Ort sein kann, an dem Mühselige und Beladene erquickt werden, wo Lebenshungrige Lebens-Mittel zum Sattwerden finden können, ein Ort, an dem Neue und Fremde freundlich aufgenommen werden und an dem die Verschiedenen sein können, wer sie sind, sich und den anderen nichts vormachen müssen oder den angeblichen Idealfiguren der Reklametafeln hinterherhecheln.
"Neigt eure Ohren her," spricht Gott "und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!"