Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 55,1-5

Vikarin Michaela Jecht (ev)

09.06.2013 in der Evangelischen Kirchengemeinde in Leegebruch

(Die Überschriften und Hinweise in den Klammern dienen der Gliederung und werden nicht vorgetragen.)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

G: Amen.

(Se-h-nsucht nach…)

Es ist Sonntagmorgen. Und er sitz da. Still. Den Kopf gesenkt. In sich gekehrt. Die Beine ausgestreckt. Mit dem Rücken zur Wand. Die faltigen Hände in seinem Schoß. Sie zittern. Die knochigen spitzen Finger fahren durchs Haar. Der Schmutz unter den Fingernägeln. Die Narben in seinem Gesicht. Er trägt eine dunkelblaue Jacke. Sie ist schmutzig. Darunter ein ausgeblichenes Hemd. Ausgeleiert und ab­gelebt. Gelb. Es könnte einmal gelb gewesen sein. Die Bundfaltenhose. Viel zu kurz. Darunter die braunen Strümpfe. An seinen Füßen. Die Schuhe. Ausgelatscht. Die Sohlen biegen sich nach oben. Ihre Spitzen weisen gen Himmel. Still und gebeugt sitzt er da. Vor der Kirche. Auf einer rot-grün-karierten Decke. Er schaut mich an. Seine stumpfen Augen durchbohren mich.

Mich dürstet.

(Pause)

(Durst)

Montagnachmittag. Es ist heiß. Die Luft flimmert. Die Sonne brennt sich in meine Haut. Umbarmherzig. Sie gerbt mein Gesicht. Mir ist schwindlig. Die Zunge klebt mir am Gaumen. Die Innenseiten meines Mundes ziehen sich zusammen. Mein Rachen sticht. Der Hals trocknet aus. Mir bleibt die Luft weg. Ich versuche zu schlucken. Doch da ist nichts. Nichts, was meinen ausgetrockneten Hals hinunter rutschen könnte. Ich habe Durst. Meine Lippen sind ausgetrocknet. Wie die Wüste. Rissig. Wie ein Acker im Sommer. Rau wie ein Reibeisen. Mein Hals brennt. Ich drohe zu ersticken. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Mit wird schwarz vor Augen.

Mich dürstet.

(Pause)

(Hab mich lieb.)

Dienstagabend. Ich habe furchtbar Angst. Dass ich etwas falsch mache. Dass ich jemanden enttäusche. Dass es einfach nicht reicht. Dass ich nicht gut genug bin. Ich habe Angst, sie könnten einen Fehler bei mir finden. Immer gebe ich mein Bestes. Doch niemand sagt etwas. Als Kind. Nichts war meinen Eltern gut genug. Ich hatte das Falsche an. Die falschen Freunde. Habe das Falsche gesagt oder getan. Nie waren sie zufrieden. Ich will doch nur … .Ob die mich überhaupt wollen?

Mich dürstet.

(Pause)

(Endlich, Durst stillen.)

Mittwochnachmittag. Da vorne. Dort gibt es Wasser. Ich gehe auf die auto­matischen Türen des Geschäftes zu. Sie öffnen sich. Die kühle Luft der Klima­anlage weht mir entgegen. Groß und geräumig ist es hier. Hell und freundlich. Einladend. Ich trete hinein. Mein Blick fällt auf ein Regal. Gefüllt mit kleinen und großen Flaschen. Ich stürze auf das Regal zu. Und greife nach der größten. Hektisch drehe ich die Flasche auf. Ich führe sie zum Mund. Setze sie an meine ausgetrockneten rissigen Lippen. Öffne den Mund … und trinke. Gierig und schnell. Das Wasser durchfeuchtet meinen Mund. Es läuft meinen aus­getrockneten Hals hinunter. Ich trinke. … . Entspannt lasse ich meine Schulter nach unten fallen. Glücklich und zufrieden.

(Pause)

(Wo bist Du?)

Donnerstagabend. Wo bist? Hörst du mich? Ich suche dich. Von ganzem Herzen. Von ganzer Seele. Von ganzem Gemüt. Tag und Nacht suche ich nach dir. Tag und Nacht sinne ich nach dir? Ich will dir nahe sein. Doch du, du bist nicht da. Du bist so weit weg. Ich kann dich nicht hören. Ich kann dich nicht sehen. Wo bist du?

Mich dürstet.

(Pause)

(Kaufen, kaufen, kaufen.)

Freitagnachmittag. Großeinkauf. Es wird immer mehr. Der Wagen biegt sich be­drohlich. Der Berg höher und höher. Ein Berg voller Bedeutungen. In allen Farben und Formen. Schachteln voller Verheißungen. Und ganz unten … liegt das Brot. Ächzend schiebe ich den Wagen vor mir her. Schwer sind sie, meine Ver­heißungen. Ich rolle zur Kasse und packe alles auf das Kassenband. Was kostet es mich? Ich bezahle und rolle davon. Und ich wollte doch nur Brot.

Mich dürstet.

(Pause)

(Hoffnung und Verheißung.)

Am Samstagabend singe ich ein Lied: Befiehl du deine Wege (EG 361,6-8). Singen sie mit mir. Befiehl du deinen Wege. Im Gesangbuch unter der Nummer 361, die Strophen sechs bis acht.

6. Hoff, o du arme Seele,

hoff und sei unverzagt!

Gott wird dich aus der Höhle,

da dich der Kummer plagt,

mit großen Gnaden rücken;

erwarte nur die Zeit,

so wirst du schon erblicken

die Sonn der schönsten Freud.

7. Auf, auf, gib deinem Schmerze

und Sorgen gute Nacht,

lass fahren, was das Herze

betrübt und traurig macht;

bist du doch nicht Regente,

der alles führen soll,

Gott sitzt im Regimente

und führet alles wohl.

8. Ihn, ihn lass tun und walten,

er ist ein weiser Fürst

und wird sich so verhalten,

dass du dich wundern wirst,

wenn er, wie ihm gebühret,

mit wunderbarem Rat

das Werk hinausgeführet,

das dich bekümmert hat.

(Pause)

(Abendmahl - Du bist da, Gott.)

Zwischen den Reihenhäusern steht sie. Klein, weiß und flach. Ihr Turm erhebt sich nicht. Eine Uhr fehlt ihr. Heute am Sonntagmorgen trete ich hinein. Durch die Fenster strahlt der Glanz der Ewigkeit. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. In warmen Farben. Musik erklingt. Die Orgel verkündet es. „Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes.“ Ein Tisch. Ein weißes Tuch. Kerzen. Blumen. Brot und Wein. Für Dich. Der weiße Schatz. Ich ergreife ihn. In Ehrfurcht. Mit allen Sinnen kaue ich. Schmecke ich. Wie süße Pappe. Und doch mehr. Ich schlucke. „Für Dich!?“ Ich nehme es in mich auf. Ich trinke. Aus dem Kelch der Gemeinschaft. Ich bin satt. Ich schmecke die Unendlichkeit. Den Sinn. Der Himmel steht offen. Jenseits von Eden. Das Fest des Lebens. So wie damals. Als Kind. In der alten Kirche. Hoch über mir spannte es sich auf. Ein Meer aus Kreuzen. Es verlief von Osten nach Westen. Und von Süden bis nach Norden. Mitten darin, der Schlussstein. Mit dem Lamm. Unter mir der bordeauxrote Teppich. Sanft und wärmend. Darunter der Fußboden. Hart und fest. Christus, auf Dich schaue ich. Auf Dich hin, Gott, bin ich geschaffen.

(Pause)

(Predigttext aus Jes 55,1-5 wird verlesen)

(Gott spricht.)

So spricht Gott durch den Propheten Jesaja:

„Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.  Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben.  Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter.  Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied nach der Predigt: Großer Gott wir loben dich (EG 331, Strophen 1.5.9-11)