Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 55,1-5

Lektor Herbert Friedrich

24.06.2001 in der Ev. Kirchengemeinde Tieringen

Es war bei einer Studienreise in Ägypten. Den ganzen Tag über waren wir von einer touristischen Sehenswürdigkeit zur anderen geschleust worden. Und nun, gegen Abend, streiften wir durch die Altstadt von Kairo. Auf einem Platz, unter Arkaden, waren, so weit das Auge reichen konnte, Tische aufgestellt. Mit weißen Tischtüchern bedeckt. Kulis trugen auf dem Rücken ganze Stapel von Stühlen herbei. Es war das Ende des Fastenmonats, des Ramadan. Ein großes Festessen stand bevor. Die Einladung erging an alle. Jedermann war an die Festtafeln geladen.
Unentgeltlich sollte sich jeder an den aufgetischten Köstlichkeiten satt essen. Die Begüterten bezahlen nach den Geboten des Islam für die Ärmeren, die sich das nicht leisten könnten.
Und in den schmalen Gassen des Bazars, mitten im geschäftigen Treiben, bot ein typisch orientalischer Wasserverkäufer sein kostbares Naß an.

Diese Bilder standen mir vor Augen, als ich den für den heutigen 2. Sonntag nach Trinitatis vorgesehenen Text für unsere Predigt las. Er steht Jesaja 55, 1-5:

(a)
Diese Botschaft offenbarte Gott zuerst diesem Propheten, dessen Namen wir nicht kennen. In der Fachsprache wird er der Deuterojesaja, der zweite Jesaja, genannt. Dieser sollte sie dem Volk weitersagen. Ich versuche mir vorzustellen, wie der Prophet reagiert hat, als Gott zu ihm sagte: Sage dem Volk: "Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und eßt! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!

(b)
Ich kann mir vorstellen, daß der Prophet schockiert war. "Herr, so reden die Wasserverkäufer auf dem Bazar. So schreien die Leute auf dem Markt, die ihre Ware anpreisen. So rufen die aufdringlichen Händler, die den Leuten ihre "Schätze" andrehen wollen. Auf diese Stufe kannst du dich doch nicht herablassen! Du bist der heilige Gott, der Schöpfer dieser Welt. Himmel und Erde sind in deiner Hand. Du bist doch nicht wie ein solcher profaner, orientalischer Wasserverkäufer, mit seiner typischen Glöckchenpyramide über dem Kopf. Warum soll ich deinem Volk diese Botschaft in dieser Weise verkündigen?

(c)
Und ich stelle mir vor, daß Gott schlicht und einfach antwortete: "Weil ich sie liebe!" Wenn sie nicht zu mir kommen, dann muß ich zu ihnen kommen! Wenn sie nicht nach mir fragen, so will ich mich ihnen auf diese Weise in Erinnerung rufen. Ich leide darunter, daß sie ohne Hoffnung, ohne ein erkennbares Ziel vor sich hin leben. Es schmerzt mich, wenn ich sehe, wie sie versuchen, auf oft obskure Weise ihren Lebensdurst zu stillen. Wie sie ohne mich leben. Ich will aber nicht ohne sie leben.

(d)
"Aber Herr, sie haben das nicht verdient! Sie haben nicht auf dich gehört. Sie haben sich von dir getrennt. Sie haben nicht versucht, ihren Glauben an dich zu erneuern und zu bekennen. Sie haben sich anderen Mächten anvertraut und sich ihnen verschrieben. Sie sind deiner nicht würdig."

(e)
"Ja, aber ich freue mich nicht an ihrem Leiden. Sie haben genug gelitten in der nun schon seit Jahrzehnten andauernden Verbannung in Babylon, weit weg von Jerusalem. Ich will ihnen vergeben. Ich will mich ihrer erbarmen. Wenn sie sich wieder zu mir wenden, dann will ich sie ohne jegliche Vorbedingungen annehmen. Wenn sie zu mir kommen, dann will ich ihnen umsonst die Fülle des Lebens geben. Auch wenn sie mir die Treue gebrochen haben, soll mein Bund, den ich mit ihnen geschlossen habe, bestehen bleiben. Deshalb werbe um sie und schlüpfe in die Rolle des Markthändlers. Diese Form und Art kennen sie vom täglichen Geschehen her am besten. Rufe ihnen zu: "Wolan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und eßt! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!"

(f)
Was für eine Botschaft. Was für ein Auftrag! Wie die Menschen wohl auf diese Botschaft reagiert haben, die ihnen auf diese volkstümliche Art und Weise übermittelt wurde? Sie lebten hier in Babylon wie Gefangene. Ihr Glaube und jede Hoffnung auf eine Heimkehr waren ihnen verloren gegangen. Für manche von ihnen lag der einzige Sinn ihres Lebens darin, einfach zu überleben. Andere aber suchten einen neuen Sinn für ihr Leben. Und nun steht der Prophet da auf dem Marktplatz. Er hat die für einen orientalischen Wasserverkäufer typische Montur angelegt und ruft: "Wolan, alle, die ihr durstig seid, kommt...."
Ich stelle mir vor: Viele, die diesen Marktschreier gehört haben, waren überrascht und dachten bei sich: "So ein Spinner. Der ist wohl verrückt!" Andere werden ihn ironisch gefragt haben: "Ja, wo ist denn dein spendabler Gott, der uns so großzügig versorgen will?!"

Und wieder andere haben vielleicht zornig geschrieen: "Geh uns weg mit deinem Gott! Warum hat er es verhindert, daß wir hier sind? Wie konnte er zulassen, daß Jerusalem und der Tempel zerstört wurden? Und was ist mit dem Bund, den er mit David geschlossen hat? Wo ist dieses Königtum, das ewig dauern soll und das Gott uns verheilen hat?
Vielleicht sind manche in sich gegangen und haben gesagt: "Sollte uns Gott doch wieder annehmen!? Hat sein Gericht über uns tatsächlich ein Ende? Wir sehnen uns nach seiner Zuneigung zu uns. Was müssen wir tun? Was verlangt Gott von uns?"

(g)
Und der Prophet antwortete diesen nach einer tragfähigen Lebensgrundlage Fragenden: "Kommt wieder zu ihm und vertraut ihm. Er gibt euch die Fülle des Lebens. Nicht nur das Existenzminimum, sondern weit darüber hinaus. Er schenkt euch neue Tatkraft und unverkrampfte Freude. Und das großartige dabei ist: Es kostet euch nichts. Gott wendet sich euch in seiner Liebe ganz umsonst zu. Kommt und ergreift sie!"

(II.)
Diese Botschaft klang in den Ohren der Hörer damals wahrscheinlich unglaublich. Sie wurde den Israeliten im babylonischen Exil zugerufen. Nehmen wir sie heute Morgen als nette originelle Begebenheit, die sich etwa um die Mitte des 6. Jahrh. v.Chr. zugetragen hat, zur Kenntnis? Und damit ist der Fall für uns erledigt. Mit nichten! Jesus selbst hat seine Sendung im Lichte dieser Worte verstanden. Haben die Worte der Schriftlesung aus Johannes 7 nicht ähnlich geklungen: "Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke?" Oder ganz am Ende des Neuen Testaments in der Offenbarung 22 lesen wir: "Und wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst." Diese Botschaft gilt also nicht nur dem Volk Gottes im Exil. Sie gilt auch heute für uns, für Sie und für mich. Der rufende und sich erbarmende Gott ist derselbe geblieben. Und auch diese Botschaft ist dieselbe geblieben.
Sie besagt:
1. Gott liebt uns.
2. Gott ruft uns.
3. Gott lädt uns ein.

1. Gott liebt uns.
Das ist das eigentlich unbegreifliche an dieser Geschichte: Immer und immer wieder hat Gott sein abtrünniges Volk zur Umkehr gerufen. Er hat um die Menschen geworben. Er hat zu ihnen gesprochen durch viele Propheten und Zeichen. Aber es hat sich nichts verändert. Sie haben nicht auf ihn gehört. Wenn wir in der Haut Gottes gesteckt hätten, dann hätten wir irgendeinmal gesagt:: "Jetzt hab' ich genug. Macht doch was ihr wollt!" Aber das sagt Gott nicht. Statt dessen leidet er. Er ist traurig, zu sehen, wie die Menschen in ihr Unglück rennen.

Das gilt bis heute. Immer schmerzt es Gott, wenn Du ihn vergißt oder links liegen läßt. Es tut ihm weh, wenn Du Dich von ihm trennst. Er will Dich nicht strafen. Gott will vielmehr, daß wir leben. Was Du auch getan hast - Er liebt Dich. Gottes Liebe zu Dir ist grenzenlos. Dafür steht im Neuen Testament die Geschichte vom verlorenen Sohn. Jesus erzählt von dem wartenden Vater. Er sehnt sich nach seinem Kind, das sich von ihm getrennt hat und davongelaufen ist. Als dieses endlich heimkehrt, verdammt er es nicht, sondern nimmt es in seine Arme und nimmt es voll Freude wieder auf. Damit sagt Jesus: So ist Gott! Für uns Menschen ist dies letztlich unbegreiflich. Es gilt: Gott liebt uns.

2. Gott ruft uns.
Wir sind ihm nicht gleichgültig. Obwohl er der heilige und mächtige Gott ist, läuft er uns Menschen nach. So wie dieser Wasserverkäufer geht er hinter den Menschen her und wirbt für sich und sein ewiges Reich.

Es stimmt: Gott braucht uns Menschen eigentlich nicht. Er hat uns nicht nötig. Aber er liebt uns. Deshalb tut er alles, um uns zu gewinnen. Es hat ihm auch nicht genügt, nur durch die Propheten zu uns Menschen zu sprechen. Nein, Gott ist selbst in diese Welt gekommen und wurde in Jesus Mensch, damit er selber und höchst persönlich uns rufen kann. So ist also Gott. Ein rufender, ein nachlaufender, ein suchender, ein anklopfender Gott. Er hat nur dieses eine Ziel: Uns zu finden und für sich zu gewinnen.

3. Gott lädt uns ein.
Der unbekannte Prophet bietet im Auftrag Gottes Wasser und Brot an. Das sind die Grundnahrungsmittel. Die braucht jeder Mensch zum Leben. Damit will Gott sagen: "Ich will dir geben, was Du zum Leben brauchst. Ich will Deinen Lebenshunger und Deinen Lebensdurst stillen. Komm damit zu mir und laß die anderen Dinge, die Dich nicht satt machen können, mit der Esoterik, mit den Horoskopen, mit dem Wahrsagen und dem Kartenlegen und was sie Dir in Zeitungen, Zeitschriften und im Fernsehen alles anbieten. Hör auf mit dem, was Dich nur kostet an Geld, aber auch an Nerven und Ängsten."

Gott hat, was Du zum Leben brauchst. Aber er hat noch mehr. Bei ihm gibt es Milch, Wein und Köstlichkeiten. Milch kräftigt, Wein macht fröhlich, Köstlichkeiten bereiten Freude. Gott spricht die große Einladung zu seinem Fest aus (das ist auch das Thema dieses Sonntags). Er will uns großzügig versorgen. Umsonst will er uns geben, so wie z.B. jenen Menschen in Kairo nach den anstrengenden und entbehrungsreichen Wochen des Ramadan. Aber ist uns das nicht ein wenig verdächtig? Manche denken auf gut schwäbische Art: "Was nix koscht, hot au koin wert." Wie ist das bei Gott?

(III. Schluß)
Was Gott bei dieser Einladung auftischt, ist unendlich viel wert. Es ist für uns eigentlich nicht bezahlbar. Dazu ist Jesus in diese Welt gekommen, um mit seinem Leben den Preis für unser Heil zu bezahlen. Der Tisch ist reichlich gedeckt. Die Einladung gilt: "Kommt her, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken." Menschen mit jeder Vergangenheit dürfen dieses Angebot in Anspruch nehmen. Und auch Menschen, welchem Volk dieser Erde sie auch angehören mögen.

Ganz am Ende unseres Textes lesen wir die Worte: "Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat." Diese Worte gelten auch uns, Ihnen und mir. Wir sind eingeladen zu ihm an seinen Tisch zu kommen. Als äußeres Zeichen dafür steht für uns Christen das Abendmahl. Nehmen wir diese Einladung immer wieder neu an. Machen wir uns auf zu ihm, der sich uns heute durch den unbekannten Propheten in dieser originellen Weise des orientalischen Wasserverkäufers vorgestellt hat.