Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 55,10-11 und Matthäus 13,1-9

Pfarrer Matthias Blaha (rk)

13.07.2008 in Wolkertshofen und Nassenfels

Sonnenblume Nr. 35


Als Gärtner bin ich ziemlich unbegabt. Trotzdem mag ich meinen Garten sehr, und ich freue mich, wenn da was wächst und blüht. Deswegen habe ich heuer beschlossen: Im Garten sollen Sonnen-blumen wachsen! Also habe ich Sonnenblumensamen gekauft, habe ein Beet umgestochen, habe gesät, gegossen (zum Unkrautzupfen hat’s dann schon nicht mehr gereicht) – und habe mich drüber gefreut, dass von den ungefähr 120 gesäten Kernen 34 Sonnenblu-men aufgegangen sind, von denen die ersten schon blühen. (Ist doch für ein Gärtner-„Genie“ wie mich eine ganz gute Quote, oder?) Das heißt, eigentlich ist es eine Sonnenblume mehr: Sonnenblume Nummer 35 wächst gute fünf Meter von dem Beet ent¬fernt. Da sind mir wohl ein paar Sonnenblumenkerne auf dem Weg zum Beet aus dem Tütchen gefallen, und einer davon hat zum Kei¬men, Wachsen und Blühen angefangen...
Und die anderen knapp 90 Kerne? – Über die haben sich wahrscheinlich die Vögel gefreut, die in den Büschen und Bäumen leben. Oder das Unkraut war doch zu mächtig. Oder ich hab die Kerne zu weit in den harten Boden reingedrückt. Oder das Eck vom Beet ist zu schattig. Oder was weiß ich, warum aus den anderen Samen nichts geworden ist. Wie auch immer: Ich freu mich über die 34 Blumen im Beet und über die Nummer 35 etwas abseits (die übrigens die größte Blüte hat!).

Warum ich Ihnen heute von meinem Garten erzähle? Weil’s der Jesus auch gemacht hat. Da sät ein Landwirt – wohl keine Sonnenblumen, sondern eher Getreide. Für mich ein Trost: Auch bei dem Profi geht nur ein Teil des Saatgutes auf. Trotzdem: Der Landwirt freut sich über den Teil, der wächst und Frucht bringt, und sagt sich: Der Aufwand hat sich gelohnt!

Liebe Schwestern und Brüder, der Jesus wollte seinen Zuhörern mit diesen Ackerbau-Weisheiten erläutern, wie das ist mit Gottes Wort und mit den Menschen.
Der Sämann, das ist Gott, der den Menschen immer wieder und deutlich genug sagt, wie gern er sie hat. Er sät also seine Liebe großzügig aus wie die Getreide- oder Sonnenblumensamen.
Und das Feld – oder auch gern das Beet – das ist der Mensch. Jeder Mensch ist ein solches Beet. Die einzelnen Bereiche des Beetes – das sind die einzelnen Lebensphasen des Menschen. Je nach Lebensphase ist der Mensch mal mehr, mal weniger, mal gar nicht aufnahmebereit für Gottes Liebe. Manchmal blüht also was auf, manchmal tut sich nichts.
Das muss ich genauer erklären.

Der Bereich des Beetes, wo die Saat aufgeht, das sind die Lebensphasen des Menschen, in denen er offen ist für Gott, in denen er einen Bezug zu Gott hat, in denen er sich von Gott geliebt weiß: Die Zeit um die Erstkommunion herum, vielleicht auch um die Firmung; die Zeit, wenn eigene Kinder auf die Welt kommen und größer werden; die zweite Lebenshälfte, wenn man sich verstärkt Gedanken macht über den Sinn des Lebens; das Alter, wenn man außer Beten nicht mehr viel tun kann. Und auch so manche Lebensphase zwischendurch – wie wohl grad bei euch und Ihnen, weil Sie hier im Gottesdienst sind, um Gottes Wort zu hören und den Kontakt mit ihm zu pflegen. Das ist die Zeit der Offenheit für Gott, der Teil des Beetes, auf dem die Saat aufgeht.

Der Bereich des Beetes, wo die Vögel die Saat herauspicken, und auch der Bereich des Beetes, wo das Unkraut wuchert, das sind die Lebensphasen des Menschen, in denen andere Interessen wichtiger sind als Gott und Beten und Gottesdienst: Bei vielen ist das die Pubertät und die Zeit des jung Erwachsen-Seins; da stehen Fragen an wie: Welchen Schulabschluss schaffe ich? Welchen Beruf soll ich lernen? Mit wem kann ich eine Familie gründen? Wo werde ich künftig wohnen? – Andere sind im Alter von Mitte dreißig bis etwa fünfzig beruflich so eingespannt, dass sie meinen, sich keine Zeit für Gott leisten zu können.
Das sind die Lebensphasen der vielen anderen Beschäftigungen, die keinen Platz lassen für die Erfahrung der Liebe Gottes; der Teil des Beetes, auf dem die Vögel die Saat wegfressen oder das Unkraut die Saat überwuchert.

Dann gibt es noch den Bereich des Beetes, wo der Boden zu hart ist oder wo die Sonne nicht hinkommt. Das sind die Lebensphasen des Menschen, in denen Enttäuschungen, Trauer oder Misserfolge daherkommen. Das Leben wird hart und düster: Der Partner hat sich aus dem Staub gemacht, die Mutter ist gestorben, der Arbeitsplatz ist weg, der Arzt hat Krebs diagnostiziert. Manche Menschen können in dieser harten und düsteren Lebensphase an Gottes Liebe nicht mehr glauben.

Und bei manchen Menschen blüht die Erfahrung der Liebe Gottes zu einer Zeit auf, wo sie dies nie für möglich gehalten hätten, so wie es bei meiner Sonnenblume Nummer 35 ist: im Urlaub beispielsweise, bei einem Spaziergang im Wald, bei einem Gespräch mit Freunden, bei einem Lied, bei einem religiösen Impuls im Radio – oder auch bei einem Schicksalsschlag: Gott hat, wie er schon im Alten Testament festgestellt hat, Mittel und Wege, den Menschen auch abseits seines Lebens-Beetes anzustupsen mit sei¬ner Liebe: „Mein Wort kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will.“ (Jes 55,11) – So taucht Gott manchmal ganz woanders im Leben auf als eigentlich gedacht und sagt: Du, ich hab dich lieb!

Liebe Schwestern und Brüder, seien Sie dankbar dafür, wenn auf Ihrem Lebens-Beet die Beziehung zu Gott grad wächst und blüht. Das ist ein echtes Geschenk an Sie, sich von Gott geliebt zu wissen! Und sollten Sie oder Ihre Kinder / Enkel / ... grad auf dem Teil des Lebens-Beetes sein, wo der Kontakt zu Gott brachliegt, wo Sie weder an ihn noch an seine Liebe glauben können: Verzweifeln Sie nicht! Es kommen auch wieder Lebensphasen des blühenden Glaubens. Selbst wenn nicht: Gott findet Mittel und Wege, sich auch da bemerkbar zu machen, wo Sie es überhaupt nicht vermuten. Wer weiß – vielleicht wächst und blüht das Wissen um Gottes Liebe dann umso schöner, wie meine Sonnenblume Nummer 35.