Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

Druckversion der Seite: Darstellung Einzelpredigt

Predigt über Jesaja 55,10-11 und Matthäus 5,14-16

Pfarrer Matthias Jung

16.06.2000 in Voerde

I.
Als ich am vorgestern den Anruf von Ralf Federwisch mit der Bitte erhielt, ihn heute hier im Gottesdienst zu vertreten, brauchte ich über den Inhalt der Predigt nicht lange zu überlegen. Es geht in dieser Synode schwerpunktmäßig ums Geld der Kirche im allgemeinen (und ums Besondere Kirchgeld im speziellen). Und mit Geld hatte und hat doch in verschiedener Hinsicht auch ein Konflikt zu tun, mit dem ich seit dem letzten Jahr beschäftigt bin: ich meine den Rechtsstreit zwischen Pfarrer Hans-Peter Lauer und der Citibank. Dazu gehört auch die Gemeindebriefaktion, die der KDA (Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt) ins Leben gerufen hat und von der Sie vielleicht schon gehört haben oder hoffentlich noch hören werden. Am Mittwoch dieser Woche ist dieser Rechtsstreit zunächst einmal eindeutig und in allen Punkten zugunsten von Pfarrer Lauer entschieden worden und damit zu einem vorläufigen Ende gekommen. Seit dem Eingang der Klage und diesem Urteilsspruch ist viel geschehen, auch viel innerkirchlich diskutiert und nachgedacht worden. Ich möchte diese zum Anlass nehmen, für mich einmal unter biblisch-theologischen Vorzeichen über diesen Prozess nachzudenken.

II.
In aller Kürze die Geschichte.
Im Jahre ´92 gründeten die beiden Duisburger Kirchenkreise und die vier vom Niederrhein die Regionalstelle für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt Region Duisburg-Niederrhein. Zwei Pfarrstellen wurden errichtet, ein Geschäftsführender Ausschuss (GA) gegründet, die Kosten bringen die sechs Kirchenkreise seither gemeinsam auf. Vorsitzender des GA war zunächst Sup. Hinnenberg aus dem Duisburger Süden, danach Dieter Schütte, Pfarrer des Kirchenkreises Wesel. Seit bald vier Jahren ist mir dieses Amt übertragen. Eine meiner Aufgaben ist dabei - in Absprache mit den anderen Mitgliedern des GA - die Fachaufsicht über die beiden Pfarrer auszuüben. Aufgabe der Pfarrer Hans-Peter Lauer und Jürgen Widera sollte es sein, vielfältige Kontakte zur Arbeitswelt zu knüpfen, aber auch innerkirchlich auf die Probleme der Arbeitswelt hinzuweisen. Sie sollten sich einmischen und ins Gespräch bringen und sich dort, wo es sich ergibt, an Projekten beteiligen oder auch eigene ins Leben zu rufen.

Im September 1999 kam Hans-Peter Lauer zu mir und fragte, ob ich als Vorsitzender damit einverstanden sei, dass er sich in der Kampagne Citi-Critic, die sich mit Missständen bei der Citi-Bank beschäftigt, als Sprecher engagieren könne und auch Handzettel und Flugblätter als Verantwortlicher unterzeichnen dürfe. Ich habe dem zugestimmt, später auch der gesamte GA.

Wochen später rief er mich an und teilte mir mit, dass gerade eine Klage der Citi-Bank gegen ihn ins Haus geflattert sei. Die Citi-Bank ging gegen ein Flugblatt und eine Postkarte mit einem Boykott-Aufruf vor und verlangte die Unterlassung einiger ihrer Meinung nach falschen Aussagen mit der Androhung eines Strafgeldes von 100.000.

Im ersten Moment waren wir wie vor den Kopf gestoßen. Mit solch einer scharfen Reaktion hätten wir nie gerechnet. Da wurde der Pfarrer Hans-Peter Lauer von einer der größten Banken der Welt verklagt. Es wurde uns deutlich gemacht, dass die Citi-Bank genügend Geld und Rechtsanwälte hat, um auch einen langen und teuren Rechtsstreit zu führen.

Wir versuchten, zunächst einmal zu sortieren. In einem frühen Gespräch half uns Oberkirchenrat Immel mit einer ersten juristischen Einschätzung. Mit der Zeit fand sich der Rechtsbeistand, es klärte sich, wer Herr des Verfahrens auf kirchlicher Seite war. Es gab viele Gespräche. Wir überlegten: Was kommt da auf uns zu? Wir fragten auch: Was könnte uns das kosten? Es war klar: Es gab hier Risiken. Dieser Rechtsstreit kann Geld kosten. Geld der Kirche. Anvertrautes Geld, Kirchensteuermittel. Also auch Geld des Kirchenkreises Dinslaken. Denn eines war von Anfang unstrittig: Pfarrer Lauer hatte sich hier im Auftrag der Kirche engagiert, es war nicht sein Privatvergnügen. Im schlimmsten Falle würden die sechs Kirchenkreise nach der Satzung der Regionalstelle dafür zahlen müssen. Ich gestehe, dass ich da schon des öfteren mulmige Gefühle hatte...

Trotz dieser Gedanken, liebe Gemeinde: die Frage möglicher Kosten stand nie entscheidend im Vordergrund. In Gesprächen im GA, in der Regionalstelle, im Landeskirchenamt, mit den sechs Superintendenten wurde immer auch über Geld gesprochen, aber viel wesentlicher waren die Fragen: Was geschieht hier eigentlich? Wie stehen wir als Kirche zu diesem Vorgang? Wie bewerten wir das Vorgehen der Bank und Lauers? Dürfen wir hier klein beigeben? Uns ängstlich zurückziehen? Oder entspricht ein Engagement an dieser Stelle dem Auftrag der Kirche, so wie wir ihn verstehen? Und da gab es von Anfang an eine bemerkenswerte Geschlossenheit: Es gab kaum eine ablehnende Meinung. Selbst in Frauen- und Seniorenkreisen war die Aufmerksamkeit und die Zustimmung groß. Überall, wo ich dieses Thema anschnitt, war die Meinung: Pfr. Lauer und der KDA engagieren sich hier zurecht.

Diese große Geschlossenheit machte uns im KDA Mut, selbst in die Offensive zu gehen. Und zwar schon zu einem Zeitpunkt, als noch völlig offen war, wie der Prozess ausgehen würde. Wir starteten auf evangelischer und katholischer Seite eine Gemeindebriefaktion. Alle Gemeindebriefredaktionen am Niederrhein wurden gebeten, eine Doppelseite zu veröffentlichen, auf welcher der Protest gegen die Citi-Bank vorgestellt und begründet wurde. Weitere Aktionen können wir uns sehr wohl auch noch vorstellen.

In der Hitze des Auseinandersetzung war die Zeit nicht da, ausführlich theologisch zu reflektieren, was hier vor sich geht. Aber theologische Fragestellungen und Überlegungen waren immer auch dabei, das machte diese Auseinandersetzung überaus spannend. Auf zwei Aspekte möchte ich eingehen, weil ich denke, dass sie auch für uns als Synode interessant sind. Beide sind für mich mit einem Bibelwort verbunden.

III.
Das erste Bibelwort steht in der Bergpredigt. Jesus sagt da:
"Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berg liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen." (Matthäus 5,14-16)

Wir sind das Licht der Welt. Das ist Verheißung und Beauftragung, Zuspruch und Anspruch zugleich.
Das Landgericht Duisburg schrieb in erster Instanz in seinem Urteil folgende Sätze:

" (Die Kirchen beschränken sich) rechtmäßigerweise von jeher nicht auf die reine Pflege religiöser Gedanken und Bräuche, sondern beteiligen sich aktiv am öffentlichen, politischen Leben und an der Gestaltung von Staat, Gesellschaft und Rechtsordnung. Ihnen wird daher ein politischer Öffentlichkeitsanspruch zuerkannt. Es ist geradezu die natürliche Aufgabe der Kirche, sich im sozialen Bereich für die Benachteiligten einzusetzen. Es ist daher nicht nur das Recht der Kirche, sondern ihre vom Verfassungsgeber im öffentlichen Interesse begründete Pflicht, zu negativen sozialen Entwicklungen Stellung zu nehmen. Gerade um diese öffentliche Aufgabe im sozial so relevanten Bereich wie der Arbeitswelt wahrzunehmen, wurde der KDA geschaffen."

Faszinierende Formulierung! Da äußert sich eine weltliche Instanz zum Auftrag und zur Aufgabe der Kirche und stellt fest: Sich für Benachteiligte einzusetzen ist nicht nur das Recht, es ist sogar die Pflicht der Kirche. Für mich klingt das wie eine Auslegung des eben gelesenen Jesus-Wortes.
Was bedeutet dies für die Kirche, für Synoden und Presbyterien, Kirchenkreise und Gemeinden? Es gehört nach Auffassung dieses unseres Staates zu unseren verfassungsmäßigen Pflichten aufgrund unseres christlichen Auftrages, die Stimme für Schwache zu erheben, diejenigen zu verbinden, die unter die Räder kommen, aber auch dem Rad in die Speichen zu greifen, wie es Bonhoeffer einst formulierte.

Wir sind sozusagen von beiden Seiten gedrängt, uns einzumischen. Von Jesus und seinem Gott sowieso, aber auch von der Seite des Staates werden wir an unsere Pflicht erinnert. Wir haben keine Wahl! Jesus sagt: Ihr seid das Licht der Welt! Lasst es leuchten! Das kann auch Geld kosten, keine Frage. Aber dieses Geld ist unserem Auftrag entsprechend ausgegeben. Dies kann bedeuten, in Ausübung dieses Auftrages - auch finanzielle - Risiken einzugehen. Sicher zumeist keine unkalkulierbaren Risiken. (Obwohl ich mir auch vorstellen kann, dass die Kirche in eine Situation geraten, in der sie um ihrer Wahrhaftigkeit alles aufs Spiel setzen müsste.) Aber es wäre fatal, wenn wir uns bei Überlegungen zuerst und zuvorderst von der Frage leiten ließe: Was kostet uns das? Können wir uns das leisten? Wenn Kirche ihrer gesellschaftsdiakonischen oder auch prophetischen Pflicht nachkommt, kann dies Geld kosten. Problematisch ist die Tatsache, dass solche Risiken kaum haushaltsmäßig kalkulierbar sind. Ich habe keine Antwort für einen praktikable Lösung. Aber das entbindet uns nicht von unserem Auftrag.

IV.
Der zweite Aspekt steht für mich unter dem Prophetenwort Jesaja 55,10f.:
"Wie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt sie wachsen, dass sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Mund geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende."

Man kann natürlich fragen:
Wer ist denn dann eigentlich berechtigt, für die Kirche zu sprechen? Wer ist denn dann berechtigt, auch die finanziellen Risiken einzugehen?
So wurde auch gefragt. Von der Citi-Bank sowieso, auch vom OLG Düsseldorf, auch in innerkirchlichen Gesprächen. Macht die Tatsache, dass der Pfarrer Hans-Peter Lauer sich an der Spitze eines Kampagne gegen die Citi-Bank engagiert, Äußerungen dieser Kampagne schon zu kirchlichen Äußerungen?

Das ist für mich in diesem ganzen Prozess die spannendste Frage gewesen, weil sie ganz viele kirchliche Arbeitsfelder betrifft. Wer ist berechtigt, für die Kirche zu sprechen? Pfarrerinnen und Pfarrer? Oder nur Synoden und Presbyterien? Oder allein die Kirchenleitung? Ich fand drei Antworten.

1. Alle evangelischen Christinnen und Christen sprechen für die Kirche.
Alle sind berechtigt, ihre Stimme zu erheben und sich dort zu engagieren, wo sie es für richtig und notwendig aus ihrem christlichem Selbstverständnis heraus finden. Und dort sprechen sie für die Kirche. Für die vielfältige und bunte, oft auch zerklüftete und widersprüchliche Kirche. Das macht eine der Qualitäten der Volkskirche aus, das unter ihrem Dach viele eine Wohnung finden können. Sicher, es gibt Grenzen, aber sie sind weit gesteckt. Absichtlich. Und das ist gut. Denn es führt hoffentlich zu angeregter Diskussion untereinander über den rechten und guten Weg.

2. Alle Pfarrerinnen und Pfarrer sprechen für die Kirche.
Sie sind nach der Ordnung unserer Kirche besonders ausgebildet, berufen und beauftragt, zu predigen, Seelsorge zu üben, zu unterrichten. Ihre Aufgaben sind in einer Dienstanweisung umschrieben und im Rahmen dieses Dienstes sprechen sie für die Kirche - so wie Pfarrer Lauer im Rahmen der Arbeit im KDA. Auch entsteht durch die vielen verschiedenen Menschen ein buntes und vielschichtiges Bild. Auch hier gibt es Grenzen, ganz sicher, die aber nicht von vornherein ins Blaue hinein gesetzt können.

3. Alle Synoden und Presbyterien sprechen für die Kirche.
Sie sind dazu berechtigt und verpflichtet. Berechtigt und verpflichtet nach der Ordnung unserer Kirche, Beschlüsse zu fassen, Geld auszugeben, Einrichtungen zu schaffen, Stellung zu nehmen für den Bereich, für den sie berufen sind, Risiken einzugehen usw. So sprechen sie in Wort und Tat für die Kirche. Durch die Verschiedenartigkeit der Menschen und der Orte an denen sie leben, ergibt sich hier auch ein sehr buntes Bild.

Aber:
Ob aus einer Predigt, einem Synodenbeschluss oder dem Zuspruch einer Grünen Dame am Krankenbett Evangelium wird, Gute Nachricht, Wort Gottes, das haben wir niemals in der Hand. Das liegt nicht am Engagement des Einzelnen, der guten Vorbereitung der Pfarrerin auf die Predigt oder dem lang andauernden Prozess der Vorbereitung einer Synodenbeschlusses. Das allein liegt in der Hand Gottes, das ist Wirken des Heiligen Geistes.

Noch einmal:
Alle Christinnen und Christen sprechen "für" die Kirche? - Ja!
Alle Pfarrerinnen und Pfarrer sprechen "für" die Kirche? - Ja!
Alle Synoden und Presbyterien sprechen "für" die Kirche? - Ja!

Ob daraus aber wahres Wort Gottes wird; Wort, das tröstet, Richtungen weist, Mut macht - das wissen wir niemals im voraus.
Ob in den Aussagen von Pfarrer Lauer Evangelium steckt, hat er nicht in der Hand.
Ob sich in dieser Predigt Wort Gottes ereignet, ich habe es nicht in der Hand.
Ob ein Synodenbeschluss dazu führt, dass Menschen Vertrauen zum Gott Jesu fassen, wir haben es nicht in der Hand.
Aber wir sprechen trotzdem für die Kirche, wir können gar nicht anders. Wir sind verpflichtet und beauftragt. Und genau an diesem Punkt ist mir seit Jahren dieses wunderbare Prophetenwort tröstend, mutmachend und richtungsweisend:
"Wie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt sie wachsen, dass sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Mund geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende."


 


VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG . Theodor-Heuss-Straße 2-4 . D-53177 Bonn
Tel.: 0228 - 82 05 0 . Fax: 0228 - 36 96 480
info@vnr.de . www.vnrag.de