Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 55,12a

Ralf Friedrich (ev.-luth.)

25.12.2010 in Dieburg

Abendmahlsgottesdienst am 1. Weihnachtsfeiertag 2010

Der lange Weg nach Hause

„Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ (Jes 55,12a)

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

 

Liebe Gemeinde,

 

Weihnachten ist das Fest der Freude und das Fest des Friedens. Weihnachten ist ein Familienfest. Doch gerade, wenn Familien sich ein oder zweimal im Jahr nur treffen, kann es zu Streit kommen. Ich wünsche Ihnen allen, dass Ihr Weihnachtsfest bis jetzt friedlich und glücklich verlaufen ist und weiterhin verlaufen wird.

 

Ich erinnere mich an eine Geschichte, die mir ein Freund erzählte. Und wie viele Geschichten, so wurde sicher das eine oder andere im Laufe der Zeit dazu gedichtet. Wir waren gerade erst nach Dieburg gezogen und es passierte zu der Zeit.

 

In einer Familie gab es zu Weihnachten Streit zwischen dem Vater und dem Sohn. Die Eltern wurden spät mit einem Kindersegen beschenkt, die Mutter war 42 Jahre alt, als ihr Sohn das Licht der Welt erblickte. Sie wohnten in einem kleinen Dorf im Odenwald und so wurde der Sohn in Dieburg geboren.

 

Zu der Zeit des Streites war der Sohn 18 Jahre alt, die Eltern waren also kurz vor der Rente. Zwischen seinem Vater und ihm gab es immer schon Spannungen. Jetzt an Weihnachten eskalierte der Streit. Es war eine Kleinigkeit, die für den Verlauf der Geschichte unwichtig ist. Der Streit endete damit, dass der Vater dem Sohn eine Ohrfeige gab und der Sohn seine Jacke nahm und die Tür knallte. Er ward nicht mehr gesehen!

 

Der Sohn zog im Zorn und im Streit aus dem Haus. Trotzdem gilt auch ihm Gottes Verheißung: „Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ spricht Gott durch den Propheten Jesaja.

 

Viele Jahre später, im Gespräch mit der Mutter sagte diese: „Ich stand daneben und konnte mich einfach nicht bewegen. Nachdem sich mein Mann beruhigt hatte, haben wir gehofft, dass unser Sohn wieder zurückkommt. Zuerst an Weihnachten, dann im Neuen Jahr. Wir haben eine Vermisstenanzeige aufgegeben, doch die Polizei sagte, er ist alt genug und da können sie auch nichts machen. So gingen die Wochen und die Jahre ins Land. Als mein Mann starb, zog ich in ein Heim für ältere Menschen: betreutes Wohnen. Ich konnte das Haus und den Garten alleine nicht mehr unterhalten. Als ich umzog, habe ich auch das Zimmer unseres Sohnes verschenkt. Wir hatten es die ganzen Jahre unberührt gelassen. Ich habe mir nur ein paar Andenken mitgenommen....“.

 

Abschied nehmen aus einem vertrauten Lebensraum kann unser Herz schwer machen, doch auch hier gilt Gottes Zusage: „Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ Er ist bei uns und gibt uns Kraft und Hoffnung, dass unser Weg gut enden wird.

 

Wie hört sich diese Geschichte aus Sicht des Sohnes an? „Ich knallte die Tür. Mein Vater verstand mich nicht. Also bin ich weg. Nach Frankfurt zum Busbahnhof und habe dort den nächsten Bus genommen: Ziel Athen!

 

Als ich dort ankam, hatte ich nichts mehr: kein Geld, keine Sachen, kein Zuhause, keine Freunde. Es war bitter kalt. Kälter als ich dachte. Ich sprach die Sprache nicht und war auf die Barmherzigkeit der Menschen angewiesen. Ich nahm jede Arbeit an, denn ... zurück wollte ich auf keinen Fall. Und so gingen die Jahre in Land.....

 

Wenn unser Geist unruhig ist, wenn wir richtig und falsch miteinander vermischen, wenn wir eine Unruhe in uns spüren, auch dann und gerade dann gilt Gottes Zusage: „Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden." Gott will ganz nahe bei uns bleiben.

 

Der Sohn erzählt weiter: „Vor einem Jahr habe ich dann meine Frau Maria kennengelernt und sie wurde schwanger. Für mich war es eine tolle Überraschung. Jedoch, ich hatte keine Papiere. Ich konnte Maria nicht heiraten! Mein Kind hätte keinen rechtmäßigen Vater!

 

Wie ich die ganzen Jahre ohne Papiere durchgekommen bin, ist eine andere Geschichte und tut hier nichts zu Sache. Ich bin in Griechenland seit meiner Ankunft geblieben. Es ging....

 

Doch jetzt wollte ich Maria heiraten. Das war ich ihr, meinem ungeborenen Kind und Maria‘s Familie schuldig. Also, zurück nach Deutschland und die Papiere holen und, was für mich der eigentliche Grund war, mich mit meinem Vater und meiner Mutter versöhnen.“

 

„Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ Mit der Zeit sind Dinge möglich, die vorher unmöglich waren. Gott lenkt die Menschen auf seine Art und gibt ihnen Hoffnung.

 

Der Sohn erzählt weiter: „Wir haben ein Flugticket gebucht. Ich wollte meine Eltern überraschen und Weihnachten einfach wieder Zuhause an die Tür klopfen. Am 23.12. ging der Flieger mit Ziel Frankfurt. So ging ich frohen Mutes mit meiner hochschwangeren Frau Maria zum Flughafen. Wir waren besonders pünktlich, schließlich wollten wir den Flieger auf gar keinen Fall verpassen.

 

Allerdings hatten wir zuerst  4 Stunden Verspätung, wegen Schneefalls in Deutschland, doch dann ging es plötzlich los. Maria fiel die Zeit des Wartens sehr schwer.“

 

„Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ Vertrauen, dass Gott bei uns ist und in Frieden leitet verkürzt manchmal die Zeit des Wartens, weil er sich mit uns unterhält.

 

„Als wir dann in Luft waren, dachte ich jetzt wird alles gut. Doch nach 3 Stunden Flug sagte der Pilot, dass der Frankfurter Flughafen wieder geschlossen sei und wir jetzt in Brüssel landen werden. Maria wurde blas bei der Durchsage. Ich beruhigte sie und sagte, wir werden schon weiter kommen.... Wie, wusste ich allerdings selbst noch nicht, Geld hatten wir nur noch wenig....

 

Am Brüsseler Flughafen sprach uns dann einer der Gäste aus der Business Class an, ob er uns irgendwie helfen könnte. Er hatte das Gefühl, dass es Maria schlecht ging und er wollte wirklich sicherstellen, dass wir gut versorgt sind in dieser Notsituation. Also bat ich ihn um das Geld für ein Zugticket. Ich habe mir seine Adresse geben lassen und auch unsere Adresse gegeben und so konnten wir unsere Reise schnell fortsetzen.“

 

„Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ Damals halfen weise Männer Jesus und seiner Familie. Heute wirken weise Männer auf andere Art-und-Weise als vor 2000 Jahren.

 

„Der Zug war brechend voll. Mehrere Züge waren schon ausgefallen. Dieser Zug hat jetzt die Fahrgäste eingesammelt. Wir hatten keinen Sitzplatz mehr bekommen und saßen auf dem Boden vor den Toiletten. Als ein freundlicher Schaffner Maria‘s Zustand sah, organisierte er einen Sitzplatz für sie. Ich sehe immer noch ihr dankbares Lachen. Der Zug kam bis nach Köln. Dann Endstation! Der Anschluss-Zug hatte technische Probleme. Wegen der Kälte war die Heizung ausgefallen. Wir waren jetzt schon über 12 Stunden unterwegs. Viel zu viel für Maria. Sie jedoch trug es gelassen, ich machte mir ernste Sorgen.“

 

Manchmal verlaufen Routineaktivitäten anders als geplant. Wir werden an Grenzen herangeführt, an innere Grenzen und an äußere Grenzen. In solchen Grenzsituationen gilt immer noch Gottes Zusage: „Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ und wenn wir uns daran erinnern, kommt vielleicht wieder der Friede in unsere Herzen.

 

„Als wir da so auf dem Bahnsteig standen, rempelte mich auf einmal ein Mann in meinem Alter an. Ich wollte loslegen und ihm gerade so richtig meine Meinung sagen, ... da erkannte ich ihn an seinen Augen. Es war ein alter Freund aus den Tagen meiner Jugend. Er war genauso überrascht wie ich. Nach einer Zeit, sie kam mir endlos vor, vielen wir uns in die Arme. Tränen liefen mir über das Gesicht und auch Maria fing an zu weinen. Mein Freund sagte mir, dass er eine Mitfahrzentrale ausgemacht hatte und in 30 Minuten fährt ein Auto nach Darmstadt. Also nichts wie hin. Wir hatten Glück, es waren noch 2 Plätze für uns frei.“

 

„Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ Auch die Hirten nehmen heute manchmal eine andere Gestalt an als zurzeit Jesu. Menschen die uns plötzlich eine Führung in unserem Leben geben.

 

„Es ging die A3 runter und hinter Limburg ging nichts mehr. Drei Lastwagen haben erfolgreich die Autobahn blockiert. Also saßen wir im Auto. Es wurde kalt, bitter kalt. Um 2:00 morgens klopfte eine Helferin vom Roten Kreuz an die Scheibe. Sie hatte Decken dabei und einen heißen Tee. Noch nie hatte so wenig eine so starke, aufbauende Wirkung auf Maria und mich.“

 

„Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ Engel müssen nicht immer Männer mit Flügeln sein. Engel werden von Gott geschickt, wenn wir sie am nötigsten brauchen.

 

„Wir nutzten die Zeit in dem Auto. Mein Freund erzählte mir, was alles passiert war und auch wo meine Mutter jetzt lebte. Als ich die vielen Geschichten hörte und von dem Tod meines Vaters hörte, fiel ich in eine Trance. Mein inneres Geschehen wurde auf einmal wichtiger als mein äußeres. Ich dachte nur noch daran, dass es jetzt keine Versöhnung zwischen ihm und mir mehr geben kann. Ein wichtiges Ziel meiner Reise wird unerreichbar für mich bleiben. Wie kann ich gerade in dieser Situation Maria noch Kraft geben? Wie kann ich Maria meine inneren Seelenzustände jetzt zumuten? Ich fühlte mich schlecht und Maria nahm mich liebevoll in den Arm. Sie schwieg und nahm mich ganz fest an sich und ich konnte meinen Tränen freien Lauf lassen. Was für ein Idiot bin ich doch gewesen, dachte ich."

 

"Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ Gottes Zusage gilt! Gefühle zulassen in schweren Situationen kann zu einem Frieden führen, der wiederum die Keimzelle für spätere Freude ist.

 

„Um 10:00 morgens waren wir endlich in Darmstadt. Wir nahmen den nächsten Bus zu der kleinen Stadt, in der meine Mutter jetzt wohnt. Und so haben wir uns nach über 20 Jahren wiedergesehen. Eine unbeschreibliche Freude überkam mich und wir lagen uns lange weinend in den Armen.

Und eine unbeschreibliche Trauer, dass ich meinem Vater nie mehr in den Armen liegen würde. Am Grabe habe ich mich dann in einem Zwiegespräch mit ihm versöhnen können und ich spürte seine Nähe und auch, dass er mir vergab.

 

Unser Sohn wurde am 2. Weihnachtsfeiertag geboren.“

 

„Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“ so kommen wir sicher und behütet an das Ziel, welches Gott für uns vorgesehen hat.

 

Die Familie in unserer kleinen Geschichte hatte sich Weihnachten so sehr gestritten, dass es über viele Jahre keinen Kontakt gab.

 

Auf der Rückreise wirkte die Botschaft von Weihnachten. Das Ziel der Aussöhnung war der Stern, die Weisen, die Hirten und der Engel begleiteten den Sohn auf seiner Heimreise, wenn auch anders als damals. Die Geburt eines Kindes versöhnt eine Familie, genauso wie Jesus uns mit Gott versöhnt hat.

 

Anders als in unserer kleinen Geschichte sind Familientreffen zu Festtagen häufig schön und voller positiver Energie; oder genauso wie in unserer kleinen Geschichte, manchmal auch schwierig.

 

Gerade an Weihnachten, dem Fest der Freude, sind die Erwartungen hoch gesteckt. Dennoch: Weihnachten ist ein Tag im Jahr, an dem wir lernen können, Gelassenheit beim Familienstreit zu zeigen, falls es dazu kommen sollte. Den Streit akzeptieren. Er gehört dazu an Weihnachten, und er ist Weihnachten genauso unpassend als an jedem anderen Tag des Jahres.

 

Was können wir tun? Mut machen, zerbrochenen Beziehungen wieder nachzugehen. Wertschätzen, dass Freude und Frieden auch etwas ganz besonderes am Weihnachtsfest sind. Unser Herr Jesus Christus hat uns gelehrt, wie wir einen Streit schlichten können: Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Haben wir wirklich das Recht auf unserer Seite? Und falls ja, wem nützt es?Jesus hat uns gelehrt, wie wir mit Angriffen umgehen sollen: Halte auch die rechte Wange hin. Ist es wert auf die Spitzen zu reagieren? Was passiert wenn wir gelassen bleiben?

 

Das alles, die Versöhnung mit Gott, die Freude und den Frieden, feiern wir heute, wenn wir an das Kind in der Krippe denken, mit dem das Wunderbare begann.

 

„Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden.“  Diese Zusage, dass Gott das aber für uns alle bereithält – auf die Länge gesehen und im ewigen Aspekt gibt mir Ruhe und Sicherheit, und die Gewissheit, dass auch dieses Weihnachtsfest wieder ein besonders Schönes und Friedliches werden kann.

 

Liebe Gemeinde, ich wünsche allen Ihnen, Ihren Freunden und Verwandten, dass Sie mit Freuden dieses Weihnachten 2010 feiern und mit Frieden in allen Ihren Besuchen, Begegnungen und Gesprächen geleitet werden.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

Amen