Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 55,8-11

Pfarrer Lorenz Bührmann (ev)

09.11.2014 in der Stadtmissionsgemeinde Berlin-Tegel

zu 25 Jahre Fall der Berliner Mauer

© privat

Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.

Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.

Liebe Gemeinde,

ein ganzes Volk ist unfrei. Sie müssen dort leben, wo es die Mächtigen bestimmt haben. Sie haben dort vieles zum Leben, genug zu essen, Häuser, auch manche schönen Dinge. Aber sie haben keine Freiheit. Sie würden gerne in ein anderes Land gehen, aber ihnen ist dieser Ort befohlen. Sie sehnen sich nach vielem: Woanders zu Hause zu sein, nach ihrem ganz eigenen Glauben, nach Selbstbestimmung. Das alles ist ihnen verwehrt. So bleibt viel unerfüllte Sehnsucht. ….

Hört sich an, als wäre das eine Beschreibung der Situation von vor 25 Jahren von Menschen in der DDR in den letzten Tagen vor dem Mauerfall. Könnte sein. Es ist aber die Beschreibung des Volkes Israel im Exil. 587 vor Christus war dieses Volk verschleppt worden, nach Babylon, sozusagen eingesperrt im Exil. Oft haben sie geträumt von Freiheit, von dem Frieden, dem Schalom, von ihrem eigenen Land. Traumgedanken. Zu schön, um wahr zu sein. Nein, ihre Wirklichkeit sah anders aus. Wenn das so ist, dann passt man am besten seine Gedanken der Wirklichkeit an. Dann ist man besser Realist. Und wo man Realist ist, arrangiert man sich mit der Wirklichkeit und träumt nicht mehr….

Wir haben eben Worte gehört, die der Prophet Jesaja diesen Realisten zuspricht: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken…. Mein Wort wird nicht mehr leer zurückkommen. Es wird tun, was mir gefällt…. Überschrieben sind diese Worte in der Lutherbibel mit: „Gottes wunderbarer Weg.“ Doch glauben wir Menschen noch an Wunder?

Sind wir nicht oft selbst die Realisten, ernüchtert von den Umständen, die wir ohnehin nicht verändern können? Menschen, die nicht mehr wagen zu träumen, weil sie Angst haben, enttäuscht zu werden? Menschen, die sich ihrem Lebensschicksal gebeugt haben, weil alles andere zu schön ist, um wahr zu sein?

Was hatten die Christen in der DDR nach dem 2. Weltkrieg für Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen, dass da plötzlich ein Staat entstand, der Kirche allenfalls duldete? Ein Staat der eigentlich viel lieber christlichen Glauben zurückdrängte. Ein Staat, der irgendwann eine Mauer um sein Territorium baute und seine Leute de facto einsperrte.

So ein Staat schrieb Familiengeschichten, auch die meiner Familie. (Frage an die Gemeinde, bei der man sich mit Handzeichen melden kann: „Wer von Ihnen ist in seiner Familie direkt von der deutschen Trennung betroffen gewesen?) Nach dem 2. Weltkrieg studierte mein Großvater an der Humboldtuniversität Theologie, um Pfarrer zu werden. Er wurde in der Marienkirche ordiniert, bevor er dann südlich von Berlin in einer kleinen Landgemeinde zu arbeiten begann. Er war einer der wenigen seiner Abiturklasse, die im Osten geblieben waren, viele waren direkt nach dem Krieg schon rüber nach Westberlin gegangen. Es gab noch keine Mauer. Die Kinder meines Opas, auch meine Mutter, litten unter dem Beruf des Vaters. Wenn man kirchlich war und nicht in den Jungen Pionieren, dann wurde man nicht mitgenommen auf Klassenausflüge. Am Ende der Schule konnte man das Abitur und ein Studium vergessen, auch wenn die Noten top waren - es zählte nur die Haltung dem sozialistischen Staat gegenüber.

Eines Tages, Ende der 50er Jahre, erzählt meine Mutter, fuhr vor dem brandenburgischen Pfarrhaus eine schwarze Limousine aus Berlin vor. Ein früherer Klassenkamerad meines Opas stieg aus. Er hatte Karriere bei der SED gemacht. Er wollte Informationen. Wissen über die Menschen. Es sei doch gut, wenn die Staatssicherheit wüsste, was in Seelsorgegesprächen geredet würde. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns…. Eine harte Entscheidung.

Mein Opa fuhr nach Berlin, sprach mit Bischof Dibelius. Wie umgehen mit diesem Druck? Am Ende stand die Entscheidung, dass die Familie einen Ausreiseantrag stellte und in den Westen ging. Das ging damals noch, Pfarrer wurde man ja auch gerne los. Aber eine leichte Entscheidung war das nicht, die Heimat und auch die Eltern zu verlassen.

Was gab es für Möglichkeiten für Christen, mit der Situation in der DDR umzugehen?

Die eine war weggehen, geplant und genehmigt wie bei meiner Familie.

Oder weglaufen, fliehen, unerlaubt, gefährlich. Besonders seit 1961 als die Mauer dann stand.

Und die, die dablieben? Besonders auch die kirchlichen Leute? Es gab verschiedene Versuche, mit der Situation im real existierenden Sozialismus umzugehen.

Direkt nach dem Krieg gab es das Schlagwort: „Überwintern“. In dem Wort steckt noch ein bisschen Hoffnung auf den Sommer drin: Es ist jetzt gerade eine schwere Zeit, da müssen wir durch, wie man in einem harten Winter auf den Frühling wartet. Irgendwann wird es wohl wieder anders werden. Nach dem Krieg war ja die Hoffnung auf ein einiges Deutschland immerhin noch wach. Überwintern, in der Hoffnung auf bessere Zeiten für die Kirche.

Aber dann wurde die Hoffnung immer weniger, die Situation verfestigte sich. Es wurde sogar noch eine Mauer gebaut. Die deutsche Teilung wurde zementiert. Eine gemeinsame Kirche in Berlin Ost und West, eine gemeinsame Stadtmission in ganz Berlin aufrechtzuerhalten, war aus organisatorischen Gründen nicht mehr möglich.

Seit den 70er Jahre hieß das Schlagwort dann „Kirche im Sozialismus“. Dieses System ist jetzt da und wir versuchen, so gut es geht, Kirche zu sein. „Suchet der Stadt Bestes“, das ist auch der Auftrag der Kirche in einem System, das der Kirche feindlich gegenüber steht. Aber auch in so einem System kann die Kirche ihren Auftrag leben. Kann für die Menschen da sein. Viele nahmen diese Herausforderung an und lebten Kirche. Auch wenn in der Kirche zu sein bedeutete, manche Nachteile in Kauf zu nehmen.

Und dann gab es noch die, die sich so anpassten, dass sie die Grundüberzeugungen der Christen verrieten. Auch unter den Pfarrern und unter Christen gab es welche, die sich von der Stasi in Dienst nehmen ließen. Da zählte dann keine Freundschaft mehr. Der Pfarrer Theo Lehmann, von dem wir eben ein Lied gesungen haben, berichtet etwa, dass sein bester Freund in der Gemeinde, der immer im Urlaub den Schlüssel für die Wohnung des Freundes bekam, ein Stasimitarbeiter war. So schloss er willig den Stasiagenten die Tür im Urlaub auf, die dann das Haus durchsuchten.

Zu Zeiten Jesajas gab es Skeptiker und Nihilisten, Leute aus dem Volk Gottes, die sich anpassten, die keinerlei Änderung der Lage erwarteten. Fromme Juden, die nicht glaubten, dass der Herr Israels sein Volk mit einer fremden Macht als Werkzeug in seinen Händen sein Volk befreien könnte. Leute, die ernüchtert waren von der Realität und die sich auf ihre Art und Weise darin einrichteten…

Wie würden wir eigentlich damit umgehen, wenn wir in eine Situation kommen, in der wir unglücklich, unfrei, bedrängt oder frustriert sind? Wenn poltische oder persönliche Umstände sich für uns ergeben, so dass wir in einer sehr ernüchternden Realität leben müssen. Es gibt gesellschaftliche oder persönliche Situationen, wo wir keine Möglichkeiten mehr haben, wo es keine Hoffnung mehr zu geben scheint, wo es einfach nicht weitergeht….

Hauen wir dann ab, fliehen wir?

Versuchen wir, so gut es geht, zu überwintern, weil vielleicht doch der Winter einmal zu Ende geht?

Leben wir bewusst in der Realität und tun das uns Mögliche?

Passen wir uns an und machen noch irgendwie das Beste daraus, das wir bekommen können?

Oder wagen wir noch zu träumen, dass es anders wird?

Jesajas Worte sind eine Ermutigung sich nicht zu schnell mit dem Hier und Jetzt abzufinden.

Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“

Mit Gott als Herrn gibt es mehr Möglichkeiten und mehr Träume, als die Realität zerstören kann!

1986 oder 1987 haben wir unsere Verwandten in Ostberlin besucht. An einem Abend sagte meine Mutter beim Essen: „Also, ich kann mir vorstellen, dass sich noch mal was ändert, dass die Mauer irgendwann einmal weg ist.“ Entrüsteter Widerspruch von der Ostverwandtschaft: „Das werden wir nicht mehr erleben… Erst letztens hat Erich gesagt: Die Mauer steht noch 100 Jahre.“

Und dann ging es ganz schnell, über Nacht. Ein Wunder. Zu schön, um wahr zu sein. Unglaublich!

In dem Film „Bornholmer Straße“, der diese Woche im Fernsehen lief, werden die Ereignissen dieser Nacht beschrieben, wird erzählt von einem Grenzer, der den Schlagbaum öffnete. Die letzte Szene ist, dass er morgens nach Hause kommt und seiner Frau sagt: „Greta, ich habe heute die Grenze aufgemacht…“ Hmm. „Ich habe heute die Grenze aufgemacht.“. – Die Reaktion seiner Frau, ganz realisistisch: „Damit macht man keine Witze Harald…“. Aber manchmal ist das Wunderbare eben kein Witz, sondern Wirklichkeit. Die Grenze war auf. Und die Menschen tanzten auf der Mauer….

Was passierte da eigentlich? Welche Macht war da am Werk? Was hat damals die Realität verändert?

War es eine glückliche Verkettung von zufälligen Ereignissen in einem ganz bestimmten Moment? Ein Funktionär, der nicht wusste, was er sagte, als er am Abend des 9. November um kurz vor sieben mitteilt: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen beantragt werde. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.“ Und auf die Nachfrage stockend und in Papieren blätternd sagt: „Das tritt nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich.“

Was steckte dahinter, hinter diesem wunderbaren Moment in der deutschen Geschichte?

Eine Erklärung, die Menschen immer haben ist: Geld regiert die Welt. Die Sowjetunion und die DDR waren wirtschaftlich am Ende, pleite. Sie hatten gar keine andere Möglichkeit, als die Mauer irgendwann zu öffnen. Die reichen Westdeutschen winkten mit den D-Markscheinen. Wenn es so war, dann könnte man überspitzt sagen, der Fall der Mauer war letztlich erkauft….

Oder hing es an Personen? Dem sowjetischen Generalsekretär Gorbatschow, der Honecker sagte: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben?“ Ein mächtiger, mutiger Führer, der die Wege der alten Herrnriege in Moskau mutig verließ mit Perestroika und Glasnost? Vielleicht war ja Gorbatschow im 20. Jh. für die Menschen im Osten das, was für Jesaja der Perserkönig Kyrus war, ein Werkzeug in den Händen Gottes, durch den das Geschick des Volkes verändert wurde…

Oder waren es an die Menschen, viele einzelne, die ein Volk, eine Bewegung bildeten? Waren es die Menschen mit Sehnsucht nach Freiheit? Die aufstanden und demonstrierten, gewaltfrei und friedlich? Zuletzt waren Hunderttausende von ihnen auf den Straßen.

Und viele dieser Menschen waren geprägt von Werten, von Überzeugungen. Manche waren verbunden im Glauben mit eben jenem Herrn, der sagt, dass sein Wort tut, was ihm gefällt und diesem Wort gelingt, wozu er es sendet.

Ja, die friedliche Revolution ist auch den Menschen zu verdanken, die nach diesem Herrn suchten, die nach seinem Wort fragen, die zu ihm beteten und eben friedliche Wege beschritten.

Eines der Gottesworte, was dabei besonders in den 80er Jahren leitend war, das Christen als Credo in Form eines Aufnähers auf der Kleidung mit herumtrugen, war das Bibelwort aus Micha 4,3, in dem die Vision beschrieben ist, dass eines Tages Schwerter zu Pflugscharen werden. Es gibt dazu ein Denkmal vor dem Gebäude der vereinten Nationen in New York, wo ein Schmied aus einem Schwert einen Pflug macht. Paradoxerweise Ende der 50er Jahre von der Sowjetunion der Weltgemeinschaft geschenkt. Dieses Friedenswort von den Schwertern zu Pflugscharen war das unbewusste Leitwort für die Demonstrationen: Die Proteste blieben weitestgehend friedlich. „Keine Gewalt“, das war immer wieder der Aufruf in den Friedensgebeten in den vielen Kirchen. Denn die Kirchen waren der einzige Freiraum, wo sich die Menschen versammeln konnten, die auf Veränderung hofften und dafür beteten. So wirkte Gott durch sein Wort von den Schwertern zu Pflugscharen, das schon lange vorher gesprochen war und die Menschen über Jahre begleitete. Gott wirkte auch dadurch in diesen bedeutenden Jahren in seine Kirche und in ein ganzes Land hinein. Das war ein Gotteswort, was nicht leer zurückkam, sondern dem gelang, was Gott gefiel.

Aber Gott wirkte auch als der Herr über alles. Als der Herr, der schon bei Jesaja in das Räderwerk der Geschichte eingriff, um sein Volk heimzuholen. Als der Herr über alles, der die Seinen nicht einfach den Schicksalsmächten aussetzt. Als der Schöpfer und Neuschöpfer aller Dinge. Als der Erlöser der Unfreien und Geknechteten. Als der Geist, der Menschen den Mut und die Kraft gab, friedlich für Veränderung einzutreten.

Das haben viele der Christen als die Wirklichkeit wahrgenommen, die so viele höher war als die Realität in der sie lebten, so wie der Himmel höher ist als die Erde. Eine Frau aus dem Gemeindekirchenrat der Gethsemanekirche sagte es so: „Da ist noch eine größere Kraft als wir….“ Und Christian Führer, der damals an der Leipziger Nikolaikirche Pfarrer war, meinte im Nachhinein dazu: „Ohne Jesus im Rücken hätte ich das nicht geschafft, dann hätte mich die Angst aufgefressen.“ Gott wirkte in das Leben der Menschen und so konnte ein unfassbares Wunder passieren. Ein Wunder, dass den Mächtigen der damaligen Zeit ihre Macht nahm. „Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete,“ sagte entwaffnet ein hoher Funktionär im Rückblich auf die Ereignisse.

Und was macht das mit uns, die Erinnerung heute genau ein Vierteljahrhundert nach diesem Wunder?

Es macht uns dankbar und wir loben Gott für gewendetes Schicksal Deutschlands und seiner Menschen.

Wir sind dankbar für die Freiheit, die damals geschenkt wurde und wollen sie weiter schützen. Wir sind dankbar für den Frieden, der damals regierte und wollen diesem Frieden weiterhin dienen.

Wir können aber auch heute, ganz persönlich und in unserer eigenen geschichtlichen Situation mit Gottes Wort leben, für seine Werte eintreten. Vielleicht haben wir das Gefühl, dass wir ja eigentlich in einem freien und friedlichen, lebenswerten Land leben. Aber auch bei uns gilt es, sich nicht einzurichten im Hier und Jetzt. Sondern immer wieder danach zu fragen, was Gott gefällt. Denn das ist auch heute nicht unumstritten.

Also: Bringt Euch ein, auch heute, in unserem freiheitlich demokratischen Staat. Setzt euch für die Werte ein, die Ihr von Gott her erkannt habt.

Vor allem aber: Rechnet auch weiterhin mit Wundern, so wie es der Fall der Mauer eines war. Vertraut auf Gott, dass er mehr tun kann, als wir für möglich halten. Er gibt Euch den Mut, im entscheidenden Moment, dem Kairos, besonnen und kraftvoll euren Teil dazu beizutragen, Situationen zu verändern. Möge Gott uns dazu seinen guten Geist geben, damit sein Wort tut, was ihm gefällt und ihm gelingt, wozu er es sendet.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.