Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 58

Pastorin Susanne Briese (ev.-luth.)

22.09.2014 in der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Luthe

im Rahmen eines Radiogottesdienstes zum Thema "Obdachlos - nicht würdelos"

Die Predigt wurde gemeinsam mit einer Sprecherin und einem Sprecher („Männerstimme“) vorgetragen (kursiv gedruckt).


Es wurden innerhalb der Predigt einzelne Abschnitte aus „Ein Winter mit Beaudelaire“ von Harold Cobert eingefügt, bzw. nacherzählt.


Als Zwischenmusik wurde „Liebeslied“ op 43.5 und „Solvejgs Lied“, op 55.4 von Edvard Grieg gespielt (aus „Melodien für Harmonium“, Nr. 11 und 13).



SPRECHERIN

Vor langer, langer Zeit, so will es eine uralte Legende, gab es die Sterne noch nicht. Nachts war der Himmel schwarz wie Tinte…“ Am Ende der immer wieder erzählten Gute-Nacht-Geschichte von dem Sternenprinzen und der Prinzessin der Morgenröte schaut Philippe seine schlafende Tochter Claire an. Leise steht er auf und geht aus dem Zimmer. Es ist der letzte Abend in seinem Zuhause. Claires Eltern haben sich scheiden lassen. „Deine Sachen stehen neben der Tür!“ Sandrine, seine Frau, schickt ihn fort. Eine neue Wohnung hat Philippe noch nicht, vielleicht wollte er auch nicht wirklich eine suchen. So fängt es an: Er schläft auf der Rückbank seines Autos, verliert seine Arbeit und landet nach etlichen entmutigenden Zwischenstationen schließlich obdachlos auf der Straße. Seine Tochter Claire darf er nicht mehr sehen.


So erzählt der Autor Harold Cobert in seinem Buch „Ein Winter mit Beaudelaire“.

Liebe Gemeinde: Wie es geschehen kann, dass Menschen obdachlos werden, schildert der Roman „Ein Winter mit Baudelaire“. Harold Cobert erzählt die Geschichte des auf tragische Weise wohnungslos gewordenen Philippe sehr gefühlvoll - sie berührte mich sehr.


Sein Buch zeigt an einem Beispiel: Menschen werden nicht selten wegen persönlicher Krisen obdachlos, wenn sie z.B. den Arbeitsplatz verloren oder sich von dem Partner oder der Partnerin getrennt haben. Da fällt die finanzielle Existenzgrundlage weg. Mietschulden können dazu führen, dass man die Wohnung verlassen muss. Ein Teufelskreis beginnt, aus dem manche schwer wieder herausfinden. Persönliche Probleme, Armut, hohe Mieten und fehlende rechtzeitige Beratung tragen dazu bei, dass Menschen ihr Dach über dem Kopf verlieren.


Unter den Obdachlosen auf unseren Straßen findet man nicht nur Männer, die schon lange auf der Straße leben, sondern auch Frauen und Jugendliche. Michelle, ein junges Mädchen, kam mit 16 Jahren auf die Straße „Ich hatte viele Familienprobleme, mein Vater ist abgehauen, als ich 14 war“, erzählt sie. „Eigentlich wollte ich meinen Schulabschluss noch machen. Aber nun ja, so läuft das Leben.“ Als die Probleme zu Hause immer größer wurden, beschloss sie, abzuhauen. Die Zahl derer, die keine eigene Wohnung mehr bewohnen, sondern bei Freunden und Verwandten untergebracht sind oder in städtischen Unterkünften leben, stiegt zurzeit erschreckend an. Je nach Wetterlage gibt es zum Beispiel in Hannover 1500 Wohnungslose zusätzlich zu den etwa 300 bis 500 Obdachlosen, die allein in dieser Stadt auf der Straße leben. Eine offizielle Statistik über die Anzahl der Menschen, die ohne Obdach sind, gibt es nicht. Aber die städtischen Unterkünfte werden bald nicht mehr ausreichen, vermuten Fachleute.


MÄNNERSTIMME:

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Und wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinen Mitmenschen. Entzieh dich nicht deinem Fleisch!“ (Jesaja 58,7)


Weit mehr als 2000 Jahre alt sind diese Worte aus dem Alten Testament. Der Prophet Jesaja hat sich so zu den gesellschaftlichen Nöten seiner Zeit zu Wort gemeldet. Immer und immer wieder wurde und wird seine Aufforderung gelesen und ermahnt dazu, den Hilfsbedürftigen nicht einfach zu ignorieren, sondern ihn zu unterstützen.


Dabei lebte er eigentlich in einer Zeit des Aufschwungs: Nach der Rückkehr aus einer Zeit der Gefangenschaft hatte das Volk Israel den Tempel wieder neu aufgebaut. Zurück in der alten Heimat hofften die Menschen auf eine grundlegende Wende zum Guten. Doch nach und nach wurde die Enttäuschung größer. Die unteren Schichten verarmten, die hohen Zinsen verschärfte diese Situation. Und plötzlich führten die wirtschaftlichen Probleme zu einer religiösen Enttäuschung: die religiöse Praxis wurde hohl - ohne Herz, ohne ehrliches, von innen heraus getragenes Engagement. Zwar wurden die gottesdienstlichen Regeln – wie das Fasten - noch eingehalten, aber der tiefere Sinn dahinter wurde vielen zunehmend fremd. „Warum fasten wir, und du siehst es nicht an?“, so klagten die Menschen Gott an. Sie hatten das Gefühl, dass Gott fern ist und ihnen nicht hilft. Und anstatt selbst aktiv zu werden und die soziale Lage zu verbessern, sehnten sich viele nach den guten alten Zeiten zurück und resignierten. In diese Situation hinein ruft der Prophet im Namen Gottes sein Volk wach und ermahnt es:


MÄNNERSTIMME:

Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, …gib frei, die du bedrückst!... Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Und wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinen Mitmenschen. Entzieh dich nicht deinem Fleisch!“ (Jesaja 58, 4-7) .


Nein, mit hohl gewordenen Formeln und mit Unterdrückung und Gewalt lässt sich nichts Gutes bewegen. Im Gegenteil: Gott erwartet, dass es einen klar erkennbaren Zusammenhang gibt zwischen religiösem Tun und dem ethischen Verhalten gegenüber den Menschen – privat und öffentlich. Oder – heute gesagt - zwischen dem, was man im Gottesdienst hört, betet und bekennt und dem, wie man draußen vor der Tür miteinander umgeht. Wenn das auseinander klafft, hat Gott keine Freude an uns.


So klar ist das von Jesaja zu hören:

Traut Gott in Eurem Alltag etwas zu… Lasst Euch nicht von Unsicherheit und Angst leiten, sondern von Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit … Setzt ein Zeichen gegen Rücksichtslosigkeit, Gleichgültigkeit und Vorurteile. Achtet besonders auf Menschen, die ohne Obdach sind. Sie sind von Gott geliebte Menschen, die auf unsere Solidarität und Nächstenliebe angewiesen sind. Sorgt dafür, dass sie wertgeschätzt werden, Beratung und Hilfe bekommen. Sie sind wohnungslos, aber nichtwürdelos. Jahrhunderte nach Jesaja wird Jesus ebenfalls Worte finden, die uns Christen zum Handeln ermutigen:


MÄNNERSTIMME:

Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brüdern – und Schwestern -, das habt ihr mir getan“,


Zwischenmusik Orgel


Zurück zu Harold Coberts Roman „Ein Winter mit Beaudelaire“. Da erfährt Philippe manche Hilfe, unscheinbar und doch wertvoll. Er hat seine Erfahrungen gemacht mit dem Streit um die besten Schlafplätze, mit dem Gestank und dem rauen Klima in einigen Obdachlosenunterkünften. Das Leben auf der Straße ist hart, besonders, wenn es kälter wird. An manchen Tagen schafft er es nur noch, sich aufrecht zu halten, indem er innerlich ständig wiederholt:


SPRECHERIN LIEST:

Nicht aufgeben. Essen. Pennen. Trinken… Nicht abkratzen. Nicht verrecken.“ Heute geht er lange, bis er sich auf eine Bank setzt. Er schiebt sich den Trageriemen der Tasche von seiner Schulter, lässt sich gegen die Rücklehne sinken, zündet sich eine Zigarette an und legt den Kopf in den Nacken. Der Hund, der ihm in einigen Metern gefolgt ist, bleibt ebenfalls stehen. Er … setzt sich auf den Boden, den Kopf halb zur Straße gewandt. … Hin und wieder wirft er einen unauffälligen Blick in Philippes Richtung. … Irgendwann begegnen sich ihre Blicke. … Philippe lächelt, lehnt sich zurück. Er versucht zu pfeifen, doch über seine aufgesprungenen Lippen kommt nur ein lächerlicher Lufthauch. … Der Hund … kommt leicht hinkend auf ihn zu und setzt sich ihm zu Füßen. Philippe streichelt ihn sanft. Der Hund leckt ihm die Hand und legt den Kopf in seine Handfläche. „Danke“, flüstert Philippe. Er wird ihn später Beaudelaire nennen. Der Hund weicht als treuer vierbeiniger Freund sein Hundeleben lang nicht mehr von Philippes Seite, beschützt und erfreut ihn. … „Was kostet eine Crêpe mit Zucker?“ – „Zwei Euro fünfzig.“ Philippe hebt zwei Finger und sucht nach den passenden Münzen. … „Ist die zweite für den Hund?“ Philippe dreht sich zu dem Tier um und nickt. „Ich hab auch einen von der Sorte zu Hause. Verflucht, was können die futtern, die Viecher!“ Philippe antwortet mit einem vorsichtigen Lächeln. „Bitte sehr, zwei Crêpes mit Zucker. … Macht zwei Euro fünfzig.“ Philippe schaut ihn irritiert an. „Die zweite geht auf meine Kosten.“


Arm zu sein und obdachlos - das ist schwierig. Manchen Menschen fehlt ein Schulabschluss oder sie haben keine abgeschlossene Berufsausbildung. Doch viele haben auch Jahrzehnte gearbeitete, waren selbständig. Manche sind suchtkrank. Es gibt auch zu wenige Wohnungen, die bezahlbar sind. Hohe Mietschulden zwingen Menschen, aus der Wohnung raus zu müssen. Viele schaffen es nicht, überhaupt wieder eine Wohnung zu finden. Und immer wieder werden Obdachlose auf der Straße verachtet oder werden Opfer gewalttätiger Übergriffe. Das kann man nicht einfach so geschehen lassen.


Gut, dass es an vielen Orten in Deutschland Hilfsangebote gibt, wie seit 25 Jahren im Tagestreff Wunstorf. „Wohnungslos – nicht würdelos“ – das Motto des Tagestreffs bringt es auf den Punkt: Unsere Würde haben wir nicht durch das, was wir sind, haben oder leisten können. Würde schenkt Gott jedem Menschen unverdient. Es kann auch zu unserem eigenen Motto werden, wenn wir obdachlosen Menschen begegnen oder die Gelegenheit haben, uns für ihre Rechte und ihre Würde einzusetzen. Der Prophet Jesaja ruft dazu auf den Nächsten nicht einfach zu übersehen:


MÄNNERSTIMME:

Wenn du in deiner Mitte niemanden unterjochst und nicht mit den Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen… und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt“. (Jesaja 58, 9-11)


Zwischenmusik Orgel


Philippe - die Romanfigur - hat Glück im Unglück. Er trifft auf Menschen, die helfen. Mehr und mehr gewinnt er festen Boden unter den Füßen, die Zeit der Obdachlosigkeit ist vorbei. Diese Geschichte geht gut aus. Philippe holt sein Handy aus der Tasche und wählt eine Nummer. Es klingelt dreimal:


SPRECHERIN

Hallo?“ „Sandrine, ich wollte nur bestätigen, dass ich Claire nächstes Wochenende zu mir nehme.“ „Gut.“ Gibst du sie mir mal?“ Keine Antwort. Nur das Geräusch des Telefons, das auf einen Tisch gelegt wird. Dann tapsen eilige Schritte über den Boden. „Papa!“ „Meine kleine Prinzessin! Sehen wir uns nächstes Wochenende?“ „Ja!“ Willst du eine Geschichte hören?“ Claire antwortet nicht, aber er hört sie nicken. Und dann erzählt er ihr wieder ihre Lieblingsgeschichte…


Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.