Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

Druckversion der Seite: Darstellung Einzelpredigt

Predigt über Jesaja 58,12

Markus Baum

11.07.2004 in der Klinik Hohe Mark/Oberursel

Ich hab Ihnen etwas mitgebracht. Ein Pfund massiven Splitbeton. Steht normalerweise auf meinem Schreibtisch und löst regelmäßig Fragen aus, wenn ich Gäste habe oder wenn ein Kollege oder eine Kollegin reinschneit.

Was soll das? Welchen Zweck hat dieser Klotz? Briefbeschwerer? Buchstütze? Wenn er keinen besonderen Zweck hat, wo kommt er her, was hat es mit ihm auf sich? – Dazu muss ich ein klein bisschen ausholen.

Ich lebe seit einigen Jahren mit meiner Familie in Werdorf im unteren Dilltal, und wir haben da vor ein paar Jahren gebaut. Und zwar haben wir nah am Wasser gebaut. Buchstäblich. Fünfzig Meter Luftlinie bis zum Mühlgraben. Wenn es ein paar Wochen am Stück regnet, und wenn dann noch die Schneeschmelze dazu kommt, dann kann man im sogenannten "Unterdorf" von Werdorf schon mal nasse Füße bekommen. Man tut also gut daran, wenn man etwas Vorsorge trifft gegen Hochwasser.

In unserem Fall hieß das: Wir haben ein paar zehntausend Mark verbuddelt in Form einer wasserdichten Betonwanne. Auch wenn draußen die Straße und der Sportplatz überflutet sein sollte: Unser Keller soll trocken und warm bleiben.

Die Betonwanne hält auch tatsächlich dicht. 24 cm wasserdichter Beton. Rundum. Nur: Nachdem sie dann mal stand, kam die Enwag, die Wetzlarer Gas- und Wassergesellschaft, und hat mit einem Kernbohrer erst mal ein schönes rundes Loch in die Wand gestanzt. Zehn Zentimeter Durchmesser. Das hier ist ein Teil vom Bohrkern, sozusagen der Stöpsel.

Und auf der Südseite, da haben die Bauarbeiter ebenfalls ein Loch in der Wand vorgesehen. Zwanzig Zentimeter Durchmesser. Unterhalb der Wasserlinie.

Jetzt kann man sich natürlich fragen: Was haben sich die Baums dabei gedacht? Erst viel Geld für eine wasserdichte Betonwanne ausgeben und dann absichtlich Löcher rein machen? Das ergibt doch keinen Sinn!

Aber das wäre natürlich ein Kurzschluss. Wir brauchen beides. Wir brauchen einerseits die Hochwasservorsorge, wir brauchen die Abdichtung, wir können ruhiger schlafen, weil wir wissen: die Dill kann Tango tanzen, und wir müssen uns immer noch nicht sorgen.

Und wir brauchen andererseits die Löcher in der Wanne. Die sind beide lebensnotwendig. Das eine Loch ist für die Versorgung wichtig. Da wird die Gasleitung ins Haus reingeführt. Das andere ist für die Entwässerung. Das führt in die Kanalisation. Entsorgung. Auch wichtig.

Irgendwann ist mir klar geworden: dieser Bohrkern, dieser Betonklotz hat Symbolkraft. Der steht für mein Leben. Er zeigt etwas Wichtiges an. Ich möchte das gern ein wenig erläutern und lese dazu einen Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja.

Jesaja 58,12:
Da wird vom Volk Israel gesagt: "Du sollst heißen: 'Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert'" - sprich: "der die Ritzen verschließt, der die Betonwanne abdichtet gegen das Dillhochwasser und den Fensterfalz gegen Zugluft und so weiter und so weiter."

In der christlichen Gemeindesymbolik, da ist die Mauer zumeist etwas Bedrohliches, ein Hindernis, das stört. Mauern trennen, Mauern entfremden. Da muss man eine Bresche schlagen, da muss man einreißen, Mauern müssen geschleift werden. Die Mauer muss weg, Mauern und Betonwände und -wannen engen ein und rauben uns die Freiheit. In dem christlichen All-Time-Hit "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer", da gibt es so eine bedeutungsschwangere Strophe:
"Und dennoch sind da Mauern zwischen Menschen,
und nur durch Gitter sehen wir uns an.
Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis
und ist gebaut aus Steinen unserer Angst."

Brrrr. Das war so das 70er-Jahre-Lebensgefühl: Alles problematisch. Alles Beängstigend. Unser versklavtes Ich. Eingemauert. Eingesperrt.

Und das ist ja alles auch richtig, aber wenn wir uns mal etwas umtun bei den Propheten Jesaja und Jeremia und erst recht bei ihrem Standeskollegen Hesekiel – da hat die Mauer eine ganz andere Bedeutung. Da sind Mauern was Gutes. Da richtet Gott die Mauern auf oder er sucht Leute, die Mauern ausbessern, oder er springt selber in die Bresche, er tritt in den Riss und schließt die Lücke. Da ist die geschlossene, dichte Mauer ein Zeichen der Sicherheit und der Stärke. Und zwar der Stärke aus Gott heraus.

An anderer Stelle bei Jesaja, da heißt es tadelnd: "Ihr habt die Mauer befestigt und ein Becken zwischen den Mauern gemacht... Doch ihr habt nicht auf den gesehen, der solches tut, und schautet nicht auf den, der solches schafft von ferne her." Und im Nachsatz das vernichtende Urteil: "Diese Verfehlung soll Ihnen nicht vergeben werden." (Jesaja 22,20ff). Umkehrschluss: Mauern bauen und Ritzen abdichten – nix dagegen, aber bitte im Vertrauen darauf, dass eigentlich Gott die Standfestigkeit garantiert. Er sorgt für die Sicherheit, er schirmt uns ab vor Hochwasser oder vorm Orkan oder vor feindlicher Belagerung. Hinter dieser göttlichen Mauer, da ist es warm, da ist es gemütlich, da kann man sich sicher fühlen.

My Home is my Castle. Mein Zuhause ist eine schützende Burg. Und das trifft erst recht auf unsere Heimat im Himmel zu. Im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung, ganz am Schluss, da wird die Stadt Gottes geschildert, das himmlische Jerusalem. Von dieser Stadt sollte man eigentlich annehmen, dass sie durch nichts und niemand bedroht wird. Und das ist ja auch so. Und trotzdem heißt es da: diese großartige Stadt ist "umgeben von einer großen und hohen Mauer" (Offenbarung 21,12). Das heißt: Gott wird unser Sicherheitsbedürfnis stillen. Keine Angst mehr vor nassen Füßen mehr, keine Angst vor Einbrechern oder Belagerern. Überhaupt keine Angst.

Doch, stabile Mauern sind was Feines.

Und jetzt zum zweiten Gesichtspunkt: zu den Löchern in der Mauer.
Zunächst mal das kleine Loch. Für die Versorgung.

Die Bürger von Schilda haben sich bekanntlich mal ein neues Rathaus gebaut und haben die Fenster vergessen. Kein Lichtstrahl kam rein, kein Quäntchen Sonnenenergie. Zur Lösung des Problems hat einer vorgeschlagen, sie könnten ja das Licht in Körben und Schüsseln und Wannen einfangen und durch die Tür hineintragen. Aber das war auch nicht so befriedigend. (Klammer auf: Das Schildaer Rathaus hatte immerhin einen großen Vorteil: die Stadträte von Schilda konnten kein Geld zum Fenster rauswerfen. Klammer zu)

Ich weiß nicht, wer von Ihnen schon mal im Hessischen Landtag in Wiesbaden war. Im Sitzungssaal, da, wo Gesetze gemacht werden und wo sich der Herr Bökel und der Herr Al-Wazir mit dem Herrn Koch und der Frau Wagner rumstreiten. Was hat der Hessische Landtag mit dem Rathaus von Schilda gemeinsam? – Auch der Hessische Landtag hat keine Fenster. Aber er hat zumindest irgendwo ein Loch in der Wand, und da führt unter anderem eine Stromleitung rein. Also gibt es sogar im fensterlosen hessischen Landtag Licht. Es ist ein Loch da für eine Versorgungsleitung.

Auch die sicherste Burg braucht irgendwo einen Zufluss. Eine Quelle, einen Brunnen im Burghof. Oder eine Wasserleitung, die man von außen nicht einfach abklemmen kann. Und Möglichkeiten zur Entsorgung. Man muss auch wieder etwas diskret loswerden können. Was nützt es, wenn ich es in der Burg sicher und warm habe, aber um mich stapeln sich die Müllsäcke, und ich ersticke im eigenen Dreck? Also muss irgendwo ein Loch in der Mauer sein. Ein Abfluss oder Abtritt oder einen Anschluss an den städtischen Kanal oder sonst was.

Versorgung, Entsorgung.
In der Stadt Gottes in der Johannesoffenbarung, da ist das Problem insofern gelöst: Da ist die Energiequelle bereits eingebaut. Das Licht wird von Gott höchstpersönlich gespeist. Und da ist praktischerweise auch eine Quelle mitten in der Stadt. Aus der Mitte entspringt ein Fluss. Aber das Wasser bleibt nicht in der Stadt, es fließt nach draußen. Es muss eine Öffnung in der Mauer geben.

Nun wird es im Reich Gottes sicher kein Müllproblem mehr geben und keine Kanalisation. Das mit dem Fluss hat da eine andere Qualität. Mir fiel eben nur auf, auch in diesem Zusammenhang: Sicherheit und Offenheit, das schließt sich nicht aus. Winddicht, wasserdicht und atmungsaktiv - auch das schließt sich nicht aus, wie wir seit der Erfindung von Gore-Tex wissen. Und das gilt auch für unser Leben.

Wir wollen auf der einen Seite robust sein. Nicht jeder Luftzug soll uns gleich umpusten können. Nicht bei jedem Regenschauer wollen wir uns ne Erkältung holen. Denken Sie an Triathleten: Heute läuft ja der Iron Man Deutschland-Wettbewerb in und um Frankfurt. 3,8 km Schwimmen, 180 km Fahrradfahren, 42 km Laufen. Die Sportler müssen schon was ab können. Robustheit. Dazu müssen sie natürlich auch was in sich aufnehmen. Energiezufuhr, Flüssigkeit, richtige Atemtechnik.

Nicht jede Kritik, nicht jedes bisschen Gegenwind, nicht jede spöttische Bemerkung von irgendeinem Mitmenschen soll uns gleich aus der Fassung bringen. Im besten Fall hatten wir liebevolle Eltern, und die haben uns Selbstvertrauen eingeflößt; die haben uns verraten, wie man sich wappnet gegen die Garstigkeiten und Widerwärtigkeiten des Lebens. Die haben uns ihren Schutz gewährt, solange wir selbst noch nicht die wasserdichte Betonwanne, die stabilen Wände um uns herum hatten. Und wenn wir ganz großes Glück hatten, dann haben sie uns auch die Löcher in der Mauer gezeigt. Haben uns gezeigt, woher sie ihre Lebensenergie beziehen, ihren Mut, ihren Antrieb, ihre Freude. Und wie sie ihren Frust loswerden, ihre Schuld, wie sie den Abfall ihres Lebens entsorgen.

Wir brauchen Input von außen. Wir brauchen die Energiezufuhr. Wir können uns nicht nur abschotten nach außen. Wir können nicht nur zumachen. Das heißt, können kann man schon. Es gibt genug Menschen, die sich in sich selbst zurückgezogen haben. Die nichts mehr an sich ranlassen. An denen alles abperlt. Sich selbst genug. Hart geworden. Wasserdichte Betonwanne ohne Versorgungsleitung. Ohne Zufluss von Energie, von Luft und Licht und Liebe. Aber das ist dann tragisch. Wer wie ein Grottenolm lebt, dem verkümmern irgendwann die Sinnesorgane. Eine Öffnung, ein Fenster nach draußen, und wenn’s nur ein armdickes Loch ist, wo eine Versorgungsleitung reinkommt - das ist absolut notwendig.

Genauso notwendig ist der Abfluss, der Abzug, die Entwässerung und Entlüftung unseres Lebens. Es gibt Menschen, denen fehlt’s nicht an Versorgungsleitungen. Die sonnen sich in der Aufmerksamkeit anderer, die nehmen ständig, saugen viel Zuwendung und viele Komplimente und viel Freundlichkeit auf.
Aber sie geben nichts mehr ab. Wollen auf Ent-Sorgung verzichten. Ein Leben ohne Abflussrohr. Müssen deshalb auch mit ihren Problemen selber fertig werden. Mit dem Müll, der in ihrem Leben zwangsläufig entsteht. Eine Zeit lang kann das funktionieren. Das kann nach außen ganz prima aussehen. Erfolgreich, strahlend. Aber innerlich vermüllt und vergiftet.

Und jetzt könnten wir eine Regel aufstellen und könnten sagen: für gelingendes Leben braucht man dreierlei.

Gelingendes Leben braucht schützende Mauern. Und einen Durchbruch in dieser Mauer für die Versorgungsleitung. Für die Energiezufuhr. Und noch einen Durchbruch für die Entsorgung.

Wir können die Regel gerne mal überprüfen. Mein Vorschlag: denken wir drei Minuten lang an Menschen, die wir schätzen, die uns beeindrucken. Jeder und jedem wird da ein Gesicht oder ein Name einfallen. Überlegen Sie mal: Was macht diesen Menschen robust, was verleiht ihm Selbstbewusstsein; wovon zehrt er, was ist gewissermaßen seine Versorgungsleitung, was für ein Stoff fließt darin; und wie wird dieser Mensch mit Sorgen und Schwierigkeiten fertig; wie verarbeitet er seinen Frust, wie wird er den Müll in seinem Leben los?

 

- - -

 

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen: die Regel mit der schützenden Mauer und den beiden Löchern in dieser Mauer für Versorgung und Entsorgung, diese Regel kommt auf den ersten Blick ganz ohne Gott aus.

Mir fallen bei diesem Gedankenexperiment eine ganze Reihe Menschen ein, liebenswerte, aufrechte Menschen, die mit dem Glauben überhaupt nichts am Hut haben. Die kommen offenbar prima im Leben zurecht auch ohne Gott. Die ziehen ihre Lebensenergie und Lebensfreude aus der Musik oder aus der Kunst oder aus der Gemeinschaft mit anderen netten Leuten, aus dem Heimatverein oder aus der Clique oder aus einer intensiven Freundschaft. Durch ihre Versorgungsleitungen kommt schon ein bisschen Strom und Gas und Wasser rein ins Leben. Und sie haben auch irgendwelche Mechanismen entwickelt, wie sie ihren Seelenmüll entsorgen. Um im Bild zu bleiben: Sie haben zwar keinen Kanalanschluss, aber vielleicht haben sie eine Sickergrube auf dem Grundstück. Auch okay. Kann eine ganze Weile ganz gut funktionieren.

Aber die Frage ist doch: was könnte erst aus diesen patenten Menschen werden, wenn in den Versorgungsleitungen Gottes Kraft fließen würde? Wie würde sich ihr Leben erst entwickeln, wenn sie ihre Schuld und ihren Frust und das Versagen, das sich auch beim gutwilligsten Menschen über die Jahre ansammelt, wenn sie das alles dauerhaft bei Gott abladen würden?

Dafür sind wir eigentlich geschaffen. In unseren Versorgungsleitungen soll nicht irgendwas fließen, sondern Bio-Power. Pure Lebenskraft von Gott. Und zwar nicht nur so ein dürftiges Rinnsal, sondern da ist richtig Druck drauf. Und der Müll und das Abwasser sollen nicht nur bis vor die Haustür geleitet werden, sondern das soll dauerhaft aufgearbeitet und geklärt werden.

Schließlich können wir uns immer wieder klar machen: Letztlich schützt uns nicht die wasserdichte Betonwanne vor dem Hochwasser, nicht die dicken Mauern halten uns allerlei Ärger und Unbill vom Leib, nicht unsere Anstrengungen verhindern, dass der Betrieb pleite geht oder unser Dasein in der Bedeutungslosigkeit versinkt, sondern Gott. Wir sollen uns anstrengen, wir können uns Gedanken machen, wir dürfen Mauern und Betonwannen bauen und Notfallpläne austüfteln. Aber, wie es in Jesaja 22 heißt: dabei sollen wir tunlichst auf Gott sehen, "der solches tut", nämlich für unsere Sicherheit sorgt, und wir sollen auf den schauen, "der solches schafft von ferne her", nämlich sich um uns kümmert. Um unser Leben, um unser Heil.

Amen.


 


VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG . Theodor-Heuss-Straße 2-4 . D-53177 Bonn
Tel.: 0228 - 82 05 0 . Fax: 0228 - 36 96 480
info@vnr.de . www.vnrag.de