Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 58,7-12

Pfarrer Uwe Büchner

in der Reglerkirche Erfurt - Erntedank 2005

Einführung in das Amt des Rundfunkbeauftragten

Einführung in das Amt des Rundfunkbeauftragten

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gäste!

Ich freue mich, dass ich heute für die Predigt etwas mehr Zeit habe als eine Minute und dreißig Sekunden. So lang oder so kurz - eben genau 1:30 - sind die Andachten auf MDR 1 Radio Thüringen. Diese zu betreuen und manchmal auch selbst zu halten gehört zu den Aufgaben des Rundfunkbeauftragten. Über 200.000 Thüringer hören im Durchschnitt pro Stunde MDR 1 Radio Thüringen und somit auch diese „geistlichen Impulse“. Damit sind die Hörerinnen und Hörer des Heimatsenders die größte Gemeinde im Freistaat. Nirgendwo sonst sitzen so viele auf einmal „unter der Kanzel“. Das ist eine große Verpflichtung für uns Autoren. Wir müssen das, was wir Christen glauben, fröhlich, originell und authentisch weitersagen. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass drei Viertel der Thüringer keiner Kirche mehr angehören. Deswegen suchen wir meistens Beispiele aus dem Alltag als Einstieg und Türöffner. Wir brauchen Geschichten aus dem prallen Leben, einen Stoff, von dem die Hörerinnen und Hörer sagen können: Ja, genau so ist es. Kenne ich, hatte ich auch mal, klingt ja interessant, nie gehört. Das ist der erste Schritt, aber zur Verkündigung gehört noch mehr. Denn es geht beim Evangelium ja nicht nur um das Wiedererkennen, sondern auch um das Neuverstehen. Dazu helfen ein Bibelvers oder Texte aus der reichen christlichen Tradition. Sie lassen das, was ich kenne, die Geschichte, die ich gehört habe oder in die ich gerade verstrickt bin, in einem anderen Licht erscheinen. Denn das Evangelium redet nicht von einer anderen Welt. Es redet von unserer Welt, aber in einem größeren Zusammenhang. Das Evangelium richtet keinen Gegenhorizont auf, sondern öffnet unseren Horizont, weitet ihn, bricht ihn auf. Auf die Andacht im Radio, auf jeden Verkündigungstext trifft zu, was der Dichter Thomas Brasch über das Gedicht gesagt hat:
„Das Unvereinbare in ein Gedicht: Die Ordnung.
Und der Riss, der sie durchbricht.“

Das Bestehende und das, was sein kann, beides ist Gegenstand unserer Überlegungen. Die nicht länger als 1:30 dauern dürfen, das macht viel Arbeit. Ich werde gegen Ende der Predigt darauf noch einmal zurückkommen.

Liebe Gemeinde, ich bin froh, dass wir diese Amtseinführung heute miteinander feiern. Erntedank ist für mich eines der schönsten Feste im Kirchenjahr. Es ist sinnlich und das spüren wir auch im Gottesdienst. Wir sehen und riechen all die aufgebauten Köstlichkeiten. Wir können die Erntegaben sogar anfassen und so begreifen, was wir feiern. Und das unterscheidet dieses Fest von Ostern, Weihnachten und Pfingsten. Die bringen uns eher in Erklärungsnöte, weil die Namen dieser Feste nicht für ihren Gehalt stehen. Erntedank erklärt sich selbst, wir wissen, worum es geht: Dank für die Ernte. Und so danken wir heute für alles, was in Gärten und auf Feldern gewachsen ist. Dass wir von Katastrophen wie Dürre oder Überschwemmung verschont geblieben sind. Wir freuen uns über Obst, Gemüse und Getreide, denn unser Lebensunterhalt ist gesichert - für das tägliche Brot ist gesorgt. Aber ist Erntedank nach dieser Beschreibung bloß ein Fest der Bauern und Gärtner? Also für die diejenigen, die unmittelbar an Saat, Pflege und Ernte beteiligt sind? Martin Luther schreibt in seiner Erklärung zum Vaterunser über das „tägliche Brot“:

„Tägliches Brot ist alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und getreue Oberherren, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.“

So Martin Luther. Und das heißt demnach für uns: Heute, zu Erntedank geht es um alles, was unsere Existenz ausmacht. Es geht ums Einkommen: Um die Arbeit, die uns ernährt. Um die Leistung, die wir bringen müssen, damit wir uns etwas leisten können. Es geht aber auch ums Auskommen: Um die Kollegen, die uns im Beruf begleiten, um die Familie, die uns trägt, um die Freunde, auf die wir uns jederzeit verlassen können. Erntedank lenkt unseren Blick auf die Summe unserer Lebensbedingungen. Auf alle Gaben, die uns geschenkt werden. Sicher, wir sind auch fleißig, wir strengen uns schon an. Aber das tun viele, denen geht es trotzdem nicht so gut wie uns. Wer kurz innehält, wird feststellen: Der größte Teil dessen, wovon wir leben, ist Geschenk. Ich kann nichts dafür, dass ich hier geboren bin und nicht in irgendeinem Elendsviertel am Rande der Welt. Ich kann nichts dafür, dass meine Eltern darauf geachtet haben, dass jedes ihrer Kinder eine gute Ausbildung erhält. Ich kann nichts dafür, dass mein Land, Deutschland, seit über einem halben Jahrhundert für Frieden, Chancengleichheit und Rechtsstaatlichkeit steht - im Großen und Ganzen. Erntedank erinnert uns daran: Der größte Teil dessen, wovon wir leben, ist Geschenk, ist Gabe. An dieser Gabe dürfen wir uns freuen, nach Herzenslust. Gott sei Dank, dass Gott für uns sorgt. Dass uns das tägliche Brot nicht ausgeht und die Liebe nicht abhanden kommt. Wir feiern heute, weil das Leben so schön ist und Gott es gut mit uns meint. Genieße, was du hast, du hast allen Grund zu danken: Danke für alle Gaben.

Jetzt kommt unser Predigttext ins Spiel. Ein Text aus dem Buch des Propheten Jesaja im 58. Kapitel. Ich lese die Übersetzung Martin Luthers, die ich behutsam überarbeitet habe:
7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinen Mitmenschen! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird hinter dir hergehen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern auf jemanden zeigst und niemand verleugnest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der HERR wird dich allezeit führen und dich satt machen in der Dürre und deinen Körper stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, die nie versiegt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange zerstört war, und du wirst wieder aufrichten, was längst vergangen war; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und Trümmer bewohnbar macht«.

Liebe Gemeinde, wir dürfen uns an den Gaben freuen, die uns geschenkt werden. Aber Gabe hat nach biblischem Verständnis immer auch mit Aufgabe zu tun. Reichtum, Fülle und Überfluss sollen wir einsetzen, um anderen zu helfen. Es ist uns aufgegeben, für einen Ausgleich zwischen reich und arm zu sorgen. Das ist die Aufgabe, die uns Gott stellt. Damit wir sie erfüllen können, müssen wir etwas aufgeben. Etwas von unserem Geld, unserer Zeit und unseren Talenten. Wir sollen dem Hungrigen nicht unser ganzes Brot geben, wir sollen es mit ihm teilen. Wir sollen dem Obdachlosen nicht unser Haus geben, wir sollen ihn aufnehmen. Wir sollen dem Nackten nicht all unsere Sachen geben, wir sollen eine Blöße bedecken. Gib dem Bedürftigen, was er braucht, sagt der Prophet Jesaja, brich dem Hungrigen dein Brot. Damit greift er übrigens auf, was selbstverständlich sein sollte im Volk Gottes. Die Thora, die Schriften des Alten Testaments, alle Propheten schärfen immer wieder ein: Was du hast, hast du nicht nur für dich selber. Wenn Gott es so gut mit dir meint, musst auch du es gut mit anderen meinen. Im Heiligkeitsgesetz im 3. Buch Mose 19, 18 steht klipp und klar: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Oder wie es Martin Buber übersetzt: „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du.“ Im Lukasevangelium 10, 27 wird diese Stelle aufgegriffen. Als Doppelgebot der Liebe wird der Anspruch Gottes so zusammengefasst: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wer glaubt, der kann gar nicht anders als nach seinem Nächsten fragen. Und überlegen, was er aufgeben kann, um der Aufgabe Gottes gerecht zu werden. Lassen Sie mich dazu zwei Beispiele erzählen.

Vor kurzem habe ich eine alte Dame bestattet, Oma Charlotte. Sie starb im Alter von 95 Jahren. Im Beerdigungsgespräch haben mir ihre beiden Töchter folgendes erzählt: In der Nachkriegszeit, als das Essen knapp war, saßen bei ihnen häufig Fremde am Tisch - das war sehr befremdlich für die beiden Mädchen. Die da saßen, waren Leute, die von Haus zu Haus gezogen sind, auf der Suche nach etwas Essbarem. Oma Charlotte hatte selber nicht viel, lebte als Vertriebene und Witwe auch nur von der Hand in den Mund. Doch kein Hungriger wurde weggeschickt. Sie wurden hereingebeten, ein Tischtuch wurde aufgelegt wie am Sonntag und das wenige Essen geteilt.

Eine andere Geschichte habe ich gestern gelesen, in der Thüringer Allgemeinen. Sie handelt vom Chef der Apoldaer Brauerei. Als die DDR zu Ende ging, hat Günter Ramthor den Betrieb, in dem er zeitlebens gearbeitet hat, gekauft. Hat sich verschuldet bis über beide Ohren und dafür gesorgt, dass die Brauerei nicht geschluckt wird von einer großen Kette aus dem Westen. Er hat die Zeit, als keiner mehr Ostbier kaufen wollte, überstanden, ist jetzt schuldenfrei und gibt über 50 Beschäftigten Lohn und Brot. Mit seiner Frau hat Günter Ramthor eine Stiftung gegründet, die begabten jungen Leuten aus sozial schwachen Familien eine gute Ausbildung ermöglicht, denn auch das gibt es, in diesem Land, sozial Schwache. Ramthors, selbst kinderlos, geben Jugendlichen, was diese von zu Hause nicht bekommen: Anerkennung und Unterstützung. Dem Artikel war nicht zu entnehmen, ob beide Christen sind. Aber tut auch nichts zur Sache. Wichtig ist: Sie geben ab von dem, was sie geerntet haben.

Günter Ramthor sagt zu seinen Beweggründen: Es macht mir Freude, zu helfen. Oma Charlotte hat es glücklich gemacht, zu teilen. Das hat sich wie ein roter Faden durch ihr ganzes Leben gezogen, haben mir ihre Töchter erzählt. Und andere haben es gemerkt und wurden so ebenfalls angesteckt. Deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, sagt der Prophet Jesaja, und die Herrlichkeit des Herrn wird hinter dir hergehen. Bei dem, was vor dir liegt, ist Gott dabei. Aber auch bei dem, was hinter dir liegt. Wir haben etwas davon, wenn wir abgeben. Wer die Ernte teilt, wird selbst wieder ernten. Das ist die wunderbare Dialektik des Teilens. Wer abgibt, wird reich. Gott sorgt für den, der abgibt. Wer das Herz öffnet für den Hungrigen und den Elenden sättigt, wird selbst stark. Ist wie eine Quelle, die nie versiegt, wie ein üppiger Garten mitten im dürren Land. Ein wunderbares Bild. Aufbauen, was zerstört ist, Trümmer bewohnbar machen, so wird unsere Aufgabe beschrieben. Keine leichte Aufgabe, aber eine lohnende - und zwar für beide Seiten.

Amen.

Liebe Gemeinde, das waren keine 1:30. Das war etwas länger. Müsste ich eine Radioandacht halten, würde ich mich beschränken. Ich müsste außerdem an die überwiegende Mehrheit denken, die keine Beziehung zur Kirche hat. Ich glaube, ich würde nur über die Ernte und Erntedank reden und Jesaja nur am Ende erwähnen. Unser schöner poetischer Predigttext würde zur Fußnote, leider. Ich würde es vielleicht so machen:

Die meisten Thüringer haben einen Garten. Ob das nun ein großer direkt hinterm Haus ist oder eine kleine Parzelle in einer Anlage, das spielt keine Rolle. Hauptsache, wir können uns so richtig ausarbeiten. Säen, pflanzen, Unkraut zupfen und bewässern, in einem Garten gibt es immer was zu tun.

Wir wissen: Wer nicht ständig hinterher ist, wird nichts oder nur wenig ernten. Wir wissen aber auch: Nicht alles haben wir im Garten selbst in der Hand. Wir können Sonne und Regen nicht beeinflussen. Eine Schneckenplage wie in diesem Jahr kann all unsere Bemühungen zunichte machen. Es gibt vieles, was eine gute Ernte verhindern kann und wir können nichts dagegen tun.

Deshalb sind wir dankbar für das, was wir ernten. Und das sprechen Christen zum Erntedankfest aus: Danke Gott, für alles was du uns gibst. Denn für uns steht Gott hinter der Natur: Er hat die Welt gemacht, er erhält sie Tag für Tag und sorgt für uns. Deshalb bringen wir die Erntegaben, die Äpfel, Birnen, Trauben, Möhren, Kartoffeln und Zwiebeln in die Kirche und legen sie vor den Altar. Danke, das alles ist gewachsen. Es gibt andere Früchte, die nicht vor dem Altar liegen. Auch für sie danken wir: Eine überstandene Krankheit zum Beispiel, eine wiederbelebte Freundschaft, den lang ersehnten Arbeitsplatz.

Gott schenkt uns aber nicht nur seine Gaben, er stellt uns auch Aufgaben. Brich dem Hungrigen dein Brot, sagt er. Gib ab von dem, was ich dir schenke. Darum werden die Erntegaben nach dem Fest an Bedürftige verteilt. Sie gehen direkt von der Kirche an Behindertenheime oder die zahlreichen Tafeln im Lande, an denen sozial Schwache eine warme Mahlzeit erhalten. Denn wer reich erntet, kann reichlich geben.

Amen.