Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 60,1-5.15

Christian Bauer

24.09.2006 auf dem Altstadtfest, Nürnberger Hauptmarkt

Ökumenischer Gottesdienst

Ökumenischer Gottesdienst

Samba auf der Nazistraße
Was einem der Prophet Jesaja sagen kann, wenn man in Nürnberg die Welt zu Gast hat

Hatten Sie auch das Glück, eine Karte für die Fußball-WM zu ergattern? Wenn ja, dann ist es Ihnen ja vielleicht auch so ergangen wie mir auf dem Weg zum Spiel ‚Mexiko gegen Iran’. Von der U-Bahn her kommend, hat mich ein beschwingt tanzender Strom mexikanischer Fans bis ins Frankenstadion hinein mitgerissen. Der pure Wahnsinn! Buchstäblich am eigenen Leib war zu spüren, was auch das Motto unseres Ökumenischen Gottesdienstes ist: Die Welt zu Gast bei Freunden. Auf dem Weg ins Stadion herrschte an diesem wunderbaren Sommerabend etwas vom Zauber dessen, was – so Papst Benedikt einmal über den Fußball – „sein kann, aber nicht sein muss – und darum einfach nur schön ist“ (J. Ratzinger). Ganz im Sinne des Titels, den Sönke Wortmann seinem bald erscheinenden WM-Film gegeben hat: Deutschland, ein Sommermärchen. Oder Joschka Fischers, der in einem Zeitungsbeitrag von der WM als einem „Sommernachtstraum“ sprach: „unbeschwert, packend und einfach nur schön“ (SZ vom 1./2. Juli 2006).

1. Samba auf der Nazistraße:

Dieser ‚getanzte Weg’ ins Frankenstadion allein war schon ein unvergessliches Erlebnis. Was ihn allerdings für mich zu einer wirklich spirituellen Erfahrung machte, war die Tatsache, dass dieser lebensfrohe Menschenstrom sich auf historisch ‚verbranntem’ Boden bewegte – nämlich auf jener von den Nationalsozialisten angelegten so genannten ‚Großen Straße’, die noch heute eine Sichtachse zwischen der Nürnberger Kaiserburg und dem Reichsparteitagsgelände bildet. Diese 1½km lange und 60m breite Aufmarschstraße war als symbolische Magistrale des Geländes gedacht und sollte die mittelalterliche ‚Stadt der Reichstage’ mit der ‚Stadt der Reichsparteitage’ Hitlers verbinden – ein noch immer sprechendes Zeichen für jene ‚Straße des Unheils’, auf welcher Deutschland seinem ‚Führer’ in die totale Katastrophe folgte. Und schließlich in einem Meer von Gräbern unterging, in welches es zahllose andere Länder mit hineingerissen hatte.
Und heute? - - - Samba auf der ‚Nazistraße’! - - - Die ehemalige ‚Stadt der Reichparteitage’ ist heute eine ‚Stadt der Menschenrechte’, die einen gleichnamigen Preis verleiht, vor ihrem Germanischen Nationalmuseum sogar eine entsprechende Straße besitzt – und in der man der Vergangenheit auch einmal ‚eins tanzen’ kann: Fest der Völker und Dialog der Kulturen statt Kampf der Weltanschauungen und Krieg der Nationen. Auf dem Weg ins Frankenstadion musste ich darum auch sofort an Marius Müller-Westernhagen denken, der das menschliche Grundrecht der Freiheit als „das Einzige, was zählt“ besingt – vermutlich kennen Sie seine berühmte Partyhymne:
Alle, die von Freiheit träumen, soll'n das Feiern nicht versäumen, sollen tanzen, auch auf Gräbern.
„Tanzen, auch auf Gräbern“ – bei aller Feierlaune bleibt diese beschwingte Freiheit einer „offenen Gesellschaft“ (K. Popper), die ganz Nürnberg während der WM vor Begeisterung über seine Gäste aus aller Welt vibrieren ließ, eine hart erkämpfte Freiheit. Eine Freiheit reich an Gräbern, für die in den ‚tausend’ deutschen Jahren von 1933 bis 1945 unzählige Menschen aller Herren Länder ihr Leben lassen mussten und die noch immer gegen Ideologen und Fanatiker aller Art zu verteidigen ist. Erst wenn man sich diese tiefere Dimension der Fußball-WM klarmacht, wird deutlich, was dieses friedliche Fest tatsächlich für ein Land wie Deutschland mit allen dunklen Seiten seiner Geschichte bedeutet. Ein echter Ruck ist im vergangenen WM-Sommer durch unser Land gegangen, und man konnte Franz Beckenbauer zeitweise sogar durchaus zustimmen: So hat sich der liebe Gott die Welt wohl wirklich vorgestellt.

2. Ruinen der Vergangenheit:

Nur leider ist unsere Welt nicht ganz so, wie sich ‚Kaiser Franz’ das in seiner abgehobenen Hubschrauber-Perspektive ausmalt – zumindest nicht immer und nicht überall. Auch die wunderbaren Gospels, die diesen Ökumenischen Gottesdienst musikalisch tragen, sind aus dem Schrei afrikanischer Sklaven nach Freiheit geboren. Und die erwähnte ‚Samba auf der Nazistraße’ ist eben keine beliebige Samba im Überall und Nirgendwo, sondern eine Samba auf der Nazistraße: „tanzen, auch auf Gräbern“. Jene düstere deutsche Vergangenheit, die einfach nicht vergehen will, bleibt denn auch für immer in das kollektive Gedächtnis unseres Landes eingebrannt – spätestens seit der WM aber hat sie keine absolute Macht mehr darüber: Wir dürfen sie nicht vergessen, aber wir können uns auch dazu verhalten. Und wir können heute mit Mexikanern, Iranis und vielen anderen sogar dort Samba tanzen, wo einst Nazikolonnen in den Untergang marschiert sind.
Was dieser ‚Marsch in den Untergang’ für eine Stadt wie Nürnberg damals ganz konkret bedeutet hat, das kann jeder erahnen, der einmal Nachkriegsbilder jenes Platzes gesehen hat, auf dem wir nun gerade stehen – und vielleicht hat der eine oder die andere von Ihnen sogar noch persönliche Erinnerungen daran. So weit das Auge reicht: „Ruinen vergangener Generationen“ (Jes 61,4). Diese Worte sind kein Augenzeugenbericht vom zerstörten Nürnberger Hauptmarkt, sondern ein Zitat des Propheten Jesaja. Er beschreibt damit die Zerstörung Jerusalems und die Verschleppung seines Volkes nach Babylon als Konsequenz der Vergehen Israels (vgl. Jes 1): „Alles, was uns lieb war, liegt nun in Trümmern.“ (Jes 64,10). Während des nun folgenden Exils wuchs unter unseren älteren ‚Glaubensgeschwistern’ im Volk Israel daher nicht nur die Sehnsucht nach einer Rückkehr in die zerstörte Heimat, sondern auch nach Gott als einem – so wiederum Jesaja – „Maurer, der die Ruinen wieder bewohnbar macht“ (Jes 58,12). Gott als Ruinen aufbauender Maurer inmitten von Schutthaufen und Trümmerbergen: ein ganz wunderbares Bild – und ein an diesem Ort hier besonders sprechendes noch dazu.

3. Prophetische Verheißung:

Das durch Jesaja verheißene ‚Happy End’ dieser Geschichte vom Babylonischen Exil wurde uns gerade in der Schriftlesung vorgetragen. Hören wir noch einmal kurz in diese Lesung hinein und verstehen wir die Worte Jesajas ruhig ganz konkret als Prophetie auch an die zerstörte ‚Stadt der Reichsparteitage’. Gottes Gnade kann sich gerade an diesem erklärten ‚Schatzkästlein’ jener Bewegung, die in historisch nie dagewesener Weise die komplette Auslöschung seines Volkes betrieben hat, als größer erweisen als alle unsere Vernunft – gerade weil die Schuld Israels damals und Deutschlands heute nicht im Entferntesten miteinander zu vergleichen sind. Wir dürfen es daher einmal auch auf unsere Stadt beziehen, wenn sich Jesaja an das „verlassene und verhasste“ (Jes 60,15) Jerusalem wendet: an eine Stadt, die damals „niemand“ (ebd.) mehr besuchen wollte. Der Prophet verheißt ihr Wiederaufbau und einen Neuanfang: „Dann bauen sie die alten Trümmerstätten wieder auf und richten die Ruinen ihrer Vorfahren wieder her“ (Jes 61,4). Die Herrlichkeit Gottes soll über Jerusalem aufgehen wie die Sonne und mit ihrem Glanz Menschen aus aller Welt anziehen – die berühmte Wallfahrt der Völker zum Berg Zion:
Finsternis bedeckt die Erde
und Dunkel die Völker,
doch über dir geht leuchtend der Herr auf
und seine Herrlichkeit erscheint über dir.
Völker wandern zu deinem Licht,
Könige zu deinem strahlenden Glanz.
Blick auf und schau umher:
sie alle versammeln sich und kommen zu dir.
Du wirst es sehen,
und du wirst strahlen.

Dein Herz bebt vor Freude
und öffnet sich weit.
(Jes 60,2-4a.5a)

Genau das haben wir während der Fußball-WM in Nürnberg für einige kurze Augenblicke des Glücks so erleben dürfen. Und vielleicht ist es sogar für ein paar Momente auch während des diesjährigen Altstadtfestes so: Das Herz unserer Stadt bebt vor Freude und öffnet sich weit. Über der Fußgängerzone liegt ein gewisser Glanz und die ganze Stadt ist wie verwandelt. Uns ergreift ein festlicher Zauber, der immer dann ein echter Widerschein vom Glanz Gottes ist, wenn er das „Dunkel der Völker“ (Jes 60,2) nicht leugnet, sondern es zu bannen hilft. – Möge daher auch für uns gelten, was Jesaja der wieder aufgebauten und neu erstrahlenden Stadt Jerusalem verheißt:
Man hört nichts mehr
von Unrecht in deinem Land,
von Krieg und Zerstörung in deinem Gebiet.
Dein Volk besteht nur aus Gerechten;
sie werden das Land für immer besitzen
[…]
als das Werk seiner Hände,
durch das er seine Herrlichkeit zeigt.
(Jes 60,18a.21)
So möge es sein und bleiben.

Amen.