Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 62, 6-7 und 10-12

Pfarrer Dr.M.A. Horst Jesse (ev)

31.10.2012 in München in einem Altenheim

Reformationspredigt

O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern gestellt, die den ganzen Tag un die ganze Nachr nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnerm sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, lasst ihm keine Ruhe bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden.

Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! "Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der Herr lässt es hören bis an die Enden der Erde: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe was er gwann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Man wird sie nennen "Heiliges Volk", "Erlöste des Herrn", und dich wird man nennen "Gesuchte" und "Nicht mehr verlassene Stadt."

Liebe Gemeinde,

Sie haben wie auch ich schon des öfteren die Eineuromünze aus Slowenien in der Hand gehabt und sich kurz die Kopfseite mit dem Mann mit Bart und Barett angesehen. Wahrscheinlich haben Sie auch die Umschrift entziffert, um zu wissen. „Wer der Mann ist.“ Sie haben Trubar gelesen. Ich möchte Ihnen kurz seine geschichtlichen Daten nennen. Sein deutscher Name ist Truber Primus, lateinisch Trubar Primus. Er ist 1508 in dem damaligen Gebiet Krains, dem heutigen Slovenien geboren und 1586 gestorben. 1525 schloss er sich in Laibach, dem heutigen Ljubljana, einem reformatorisch evangelischen gesinnten Gelehrtenkreis an. 1530 predigte er in Laibach wie Dr. Martin Luther in Wittenberg gegen die Missständer in der Priesterschaft und in der päpstlichen Kirche. Er forderte zur Buße und zur Erkenntnis des alleinigen Heilandes Jesus Christus aus der Heiligen Schrift auf. Wegen seines evangelischen Glaubens musste er aus seinem Heimatland fliehen und kam über Nürnberg nach Rothenburg o.T, wo er Frühprediger wurde. Anschließend wurde schließlich Pfarrer und Reformator der Stadt Kempten, bevor er wieder in seine Heimat zurückkehrte. Als Pfarrer und Gelehrter fixierte er 1548 die windische, slovenische Sprache in lateinischer Druckschrift und schuf somit die slovenische Schriftsprache. 1550 übersetzte er Luthers Kleinen Katechismus ins Slovenische. Neben seiner Predigttätigkeit in Süddeutschland übertrug er ab 1557 bis zu seinem Tod das griechische Neue Testament und die Psalmen ins Slovenische wie auch die Confessio Augustana, die reformatorischen Bekenntnisse und deutsche Predigtpostillen. All diese Bücher wurden in der großen Druckerei in Urach/Württemberg herausgebracht. 1561wurde er freudig von seinen Anhängern in Laibach begrüßt. Durch die Schöpfung der slovenischen Schriftsprache hat er nicht nur das Neue Testament und die Psalmen ins Slovenische übertragen, sondern auch eine slovenische Literatur mitbegründet. Trotz der jesuitischen Gegenreformation unter den Habsburgern haben sich evangelische Gemeinden in Slovenien seit der Reformation bis heute erhalten. Aus Dankbarkeit an Primus Truber hat der überwiegend katholische slovenische Staat den 31.Oktober, den Reformationstag, zum nationalen Feiertag erklärt. Sein Dank an Trubar und seiner Reformation, die den Slovenen ermöglichte in ihrer eigenständigen slovenischen Schriftsprache das Evangelium in ihrer Muttersprache zu lesen wie auch eine eigenständige Literatur und Kultur zu schaffen. Die Reformation brachte den Slovenen die eigenständige Freiheit.

Die Reformation hat in Europa und der Welt gewirkt. Dr. Martin Luther Thesenanschlag vom 31.10.1517 rief zu Buße, also zur Umkehr auf und ließ die Botschaft des Evangelium als Heil für den Menschen mächtig hervortreten. Er hat damit Licht in die verworrene und verdunkelte Glaubenswelt der päpstlichen Kirche gebracht. Damit hat er auch gleichzeitig die Eigenständigkeit des persönlichen Glaubens gefestigt; denn durch Luthers Bibelübersetzung in die Volkssprache konnte sich nun jeder in der Heiligen Schrift vertiefen und von ihrer Botschaft ansprechen lassen. Luthers Bibelübersetzung stellte den Menschen in freier Beziehung zu Gottes Wort. Die Wiederentdeckung des Evangeliums bewirkte eine geistige Veränderung und eine neue Ausrichtung des Menschen in der Welt. Es gibt nur eine Realität in der Gottes Geist den Menschen anspricht und wirken lässt. Wegen dieses geschichtlichen Glaubensereignis begehen wir jedes Jahr den Reformationstag, nicht um Dr. Martin Luther wegen, sondern um die Betonung des freien persönlichen Glaubens an Gott in Jesus Christus in der Kirche, in den Gemeinden und im persönlichen Leben.

Luther hat den persönlichen Glauben als etwas Praktisches angesehen und auch immer wieder die Frage gestellt: „Zu was nützt er?“ und für sich und für viel Glaubende die Antwort gegeben. „Zur eigenen Seligkeit (=Heil).“ Diese Wendung ist zu übersetzen mit „zum inneren Frieden“. Innerer Friede meint, die Versöhnung mit sich selbst, mit den Menschen und der Welt durch das Geschenk der Heilstat des barmherzigen Gottes in Jesus Christus. Deshalb beschrieb Luther das evangelische Glaubens- und Seelenleben durch die „drei alleins“: allein aus Gnade; allein aus Glaubens und allein aus der Schrift um Christi willen. In diesem Sinne wollen wir den Reformationstag und seines geschichtlichen Ereignisses begehen.

Gleichzeitig ist auch heute noch Luthers Bußaufruf ernst zu nehmen, wie er ihn in der 1. These formulierte: „Jesus Christus will, dass wir Buße tun.“ Das heißt, dass ich mich täglich besinne auf meine Verantwortung vor mir selbst, vor meinen Mitmenschen und vor Gott. „Ich kann dies, weil ich als Glaubender weiß, ich werde von Gott getragen. Dieser Zuspruch ist das Wichtigste meines christlichen Glaubens, dass sich Gott als der lebendige Gott in dem geschichtlichen Jesus als seinen Sohn offenbart hat. Durch Jesus erfahre ich, dass Gott mit mir Menschen durch die Geschichte geht und mitleidet und mich tröstet und aufrichtet zum Leben.“ sagte mir vor kurzem ein Mann im Gespräch. Dieses Bekenntnis zeugt von der Wirkmacht des Glaubens auch in unserer konsumfreudigen und technischen Welt. Ohne den Zuspruch Gottes kann ich nicht und Sie auch nicht leben. Wir benötigen neben unserer horizontalen Ausrichtung im Leben auch die vertikale.

In diesem Sinne ist der heutige alttestamentliche Bibeltext zum Reformationstag zu verstehen. Er stehet in Tritojesaja und ist ein Zuspruch an die in der babylonischen Gefangenschaft lebenden Israeliten wie auch an die verarmten Bewohner von Jerusalem mit ihren Glaubenszweifeln an Gottes Allmacht. Gott selbst schweigt nicht, sondern meldet sich durch den Propheten in der verworrenen Zeit und in der Düsternis allen Zweifelns. Mächtig lässt er seinen Propheten am Anfang des Kapitels 62 sagen: „Um Zions willen kann ich nicht still sein, um Jerusalems willen nicht an mich halten, bis ihr Heil wie Glanz hervorgeht, und ihre Hilfe wie eine Fackel brennt.“ Gott selbst greift in die Geschichte um seiner Ehre willen, um seines Zuspruchs an die Menschen und um das Heil als Erlösung ein. Er ist der handelnde in der Geschichte.

Dieser alttestamentliche Text ist eine Beispielgeschichte für mich und Sie als Glaubende, wie Gott immer wieder in jedem Volk Männer und Frauen beruft, die von ihm als Herrn der Geschichte sprechen und ihre Mitmenschen aus der Glaubensvergessenheit und aus den Glaubensirrtümern wachrütteln. In Deutschland war es Dr. Martin Luther und in Slovenien ein Primus Truber und in anderen Ländern sind es andere Menschen. Sie verweisen auf dem lebendigen Gott, der mit einem jedem von uns seine Geschichte haben will. Er will, dass ein jeder von uns ein verantwortliches und fröhliches Leben aus dem Glauben in seiner Gemeinschaft führt.

Gott ergreift die Initiative und beruft Menschen zu seinen Mitarbeitern. Deutlich und plastisch beschreibt es der Prophet, wenn er Gott zu den Israeliten sprechen lässt. „Auf deine Mauern, Jerusalem, habe ich Wächter bestellt; den ganzen Tag und die ganze Nacht, nie sollen sie schweigen.“ Gott will nicht schweigen, sondern er wird konkret in der Gesichte und an dem Ort Jerusalem und an allen Orten in der Welt, denn er ist ein geschichtlicher Gott. Er will, das, was er einmal angefangen hat, auch wenn der Menschen sich aus Eigenmächtigkeit gegen Gott entscheidet, nicht aufgeben, sondern zu einem guten Ende führen. „Er hat deshalb Wächter auf die Mauer gestellt, „die den ganzen Tag und die ganze Nacht, nie schweigen sollen.“ Sie sollen an Gott erinnern. Gott schweigt nicht, sondern spricht durch seine Wächter, zu denen wir auch einen Dr. Martin Luther, wie auch Truber Primus und andere zählen können.

Reformatoren machen nichts Spektakuläres, sondern erinnern ihre Zeitgenossen an den lebendigen Gott. Eigenartig ist, dass es in der Geschichte Zeiten gibt, in denen der Glaube darniederliegt. Dies zeigt sich darin, dass manche Menschen keine rechte Lebensfreude trotz wirtschaftlichem

Wohlstandes haben und auch keine Initiative für eine Neugestaltung ihres Lebens aufbringen können. Glaube und Lebenseinstellung zusammen. Menschen können von sich aus wenig neue Vorschläge bringen. Sie greifen zu kurz und verlaufen deshalb im Sande. Vielmehr bedarf es mehr, wenn Menschen plötzlich in ihrer Not klagend fragen „Wo ist Gott?“ Dann sind die Wächter gefragt, die wie es im Predigttext heißt nicht bloß an Gott erinnern, sondern Gott auch keine Ruhe geben „bis er hinstellt und bis er einsetzt Jerusalem zum Ruhm im Lande.“ Dieses Bild meint keineswegs Jerusalem berühmt zu machen, sondern dass Gott sich seinem Volk wieder zu wendet. In der Bibel geht es nicht um heilige Orte, sondern um den einzelnen Menschen und um das einzelne Volk und ganz konkret um ihr Heil. Im Glauben geht es immer um praktische Dinge, um die Erfüllung der Verheißung Gottes. Wenn wir im Gottesdienst unsere Bitten vor Gott vortragen, dann erinnern wir Gott an Bewahrung vor dem Bösen und um Frieden. Das sind ganz konkrete Dinge des öffentlichen Lebens. Bei Tritojesja heißt dies konkret in den Versen 8 und 9 an die Besatzungsmacht soll nicht mehr die schwer erarbeitete Getreide- und Weinernte abgeliefert werden, sondern die unter der Besatzungsmacht leidende Bevölkerung soll essen und Gott loben. Jesus hat durch seine Worte und durch seine Taten deutlich gemacht, dass er offen war für Menschen und wenn er sie gesund machte und auch mit seinen Worten wieder aufrichtete. Gott ist ein konkreter Gott und weiß um die Konkretheit des arbeitenden Menschen.

Der Prophet Tritojesaja selbst fordert angesichts der Heilszusage Gottes das Volk von Jerusalem auf wieder die Initiative zu ergreifen: „Zieht aus, zieht aus durch die Tore, bahnt den Weg dem Volk!“ Die Jerusalemer sollen für die Heimkehrer aus Babylon die Straße planieren und Wegweiser für die Heimkehrer aus der Ferne in die Heimat aufrichten. Der Prophet selbst unterstreicht, „Siehe: Jahwe lässt hören bis zum Ende der Erde saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt.!“ Diese Heilszusage besagt, alles wird gut. Das gedemütigte Volk wird durch die Heimkehr zu einem heiligen Volk, dass in Jerusalem seinen Frieden finden wird und Jerusalem bleibt nicht mehr eine verlassene Stadt.

Eine Heilszusage, die Deutschland in der jüngsten Geschichte auch erlebt hat und die auch Slovenien und andere Völker erfahren haben. Daran heißt es sich zu erinnern und vertrauensvoll in die Zukunft zu gehen.

Die Reformation und die Erinnerung an den lebendigen Gott und seines Wortes haben eine Wirkmacht. Sie brechen immer wieder auf, so dass Männer und Frauen Menschen und Gemeinden immer wieder an den lebendigen Gott und seine Heilszusage erinnern. Unser horizontales geschichtliches Menschleben benötigt die vertikale Kraft von Gott her. Sie trägt menschliches Leben in die Zukunft. Aus diesem Grund begehen evangelische Christen den Reformationstag mit hören, beten, loben und danken. . Amen.

Lieder::

1) Singt das Lied der Freude üb3r Gott... Vers: 1-4

2) Nun freut euch, liebe Christen g´mein ... Vers. 1; 5; 7; 10

3) Ist Gott für mich . so trete gleich alles wider mich, ... Vers: 1-3; 9-10

4) Ein feste Burg ist unser Gott ... Vers: 1-4