Der Predigtpreis - Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG

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Predigt über Jesaja 63,15-64,1-3

Pfarrer Andreas Brummer

09.12.2001 in der Nikodemus-Gemeinde, Hannover

Liebe Gemeinde!

Der 2. Advent. Zwei Kerzen brennen auf dem Adventskranz. Es ist Halbzeit auf dem Weg nach Weihnachten. Noch ist der Druck der letzten Tage vor Heiligabend relativ weit weg: Man muss nicht an den Weihnachtsbaum denken, und die greußligen Notkäufe sind auch noch nicht nötig. Eigentlich ist das jetzt die Zeit, in der man den Advent so richtig genießen kann. In der man sich hineinnehmen lassen kann in diese Stimmung, wie sie ja auch in unseren Adventliedern mitschwingt: "Wir sagen euch an den lieben Advent. Sehet die zweite Kerze brennt. So nehmet euch eins ums andere an, wie auch der Herr an uns getan". So heißt es in einem dieser Lieder. Fehlt also nur noch ein schöner, besinnlicher, und auch - ja warum eigentlich nicht: ein behaglicher Adventsgottesdienst.

Doch wie das manchmal so ist: Es schiebt sich etwas dazwischen. Auch heute ist das so. Da hat sich nämlich ein Störenfried in unsere Kirche geschmuggelt. Und zwar ganz nach vorne, direkt auf die Kanzel. Und ich stehe jetzt hier und weiß nicht so recht, was ich mit diesem Störenfried machen soll. Herauswerfen geht nicht. Das würde Schlagzeilen geben: "Adventlicher Rausschmiss aus der Kirche - Pastor wird handgreiflich" oder so ähnlich. Herauswerfen geht nicht, zumal wir dann erst recht ganz schön dumm dastehen würden. Denn der Störenfried hier vorne auf der Kanzel, das ist unser Predigttext. Und so ärgerlich das auch sein mag: Ohne diesen Störenfried gibt es heute keine Predigt.

Und so lese ich nun als Predigttext die alttestamentliche Lesung für den 2. Sonntag im Advent. Worte der Klage aus dem Buch des Propheten Jesaja, dort aus dem 63. und 64. Kapitel. Da heißt es:

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung!
Wo ist nun dein Eifer und deine Macht?
Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.
Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht.
Du, Herr, bist unser Vater, "Unser Erlöser", das ist von alters her dein Name.
Warum lässt du uns dann, Herr, abirren von deinen Wegen
und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?
Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind!
Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsere Widersacher haben dein Heiligtum
zertreten.
Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest,
wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.
Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,
wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht,
dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten,
wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten
- wenn du führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! -
und (tust,) was man von alters her nicht vernommen hat.
Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir,
der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Soweit der Störenfried zum 2. Advent. Und nun stellen Sie sich einmal vor: Dieser Störenfried nimmt Gestalt an. Da geht auf einmal, der Gottesdienst hat gerade begonnen, hinten die Tür auf. Und dann kommt jemand herein, schaut sich kurz um, geht zu aller erst in die Orgelecke, drückt auf den kleinen weißen Knopf, an der man der Orgel sozusagen die Luft abdreht, so dass mitten im "ihr lieben Christen freut euch nun" die Musik abbricht. Und dann kommt er nach vorne, packt sich einen freien Stuhl, geht zum Adventskranz, stellt sich auf den Stuhl und bläst die beiden Kerzen aus. Und schließlich stellt er sich hier auf die Kanzel und schaut uns an - den sprachlosen Pastor inklusive - und sagt: "Ist euch das wirklich schon genug? Zwei lausige Kerzen und ein bisschen besinnliche Musik? Habt ihr ganz vergessen, was da draußen vor eurer Tür vor sich geht?" Und dann erzählt er von riesigen Bergen, die sich vor Menschen auftürmen und unter denen Menschen zusammenbrechen und von einer Welt, die eben nicht so ist, wie sie sein sollte. Und schließlich redet er von sich selbst, von eigenen harten Lebenserfahrungen: von seiner zerbrochenen Ehe etwa oder davon, dass er auf die Straße gesetzt worden ist und von seiner Flucht in den Alkohol.

Und dann wechselt er auf einmal den Platz und geht hinüber zum Altar, genau dorthin, wo wir Pastoren immer unsere schön formulierten, aber eben manchmal auch sehr lebensblassen Gebete sprechen und beginnt nun selbst Gott anzusprechen: "Schau doch hin, Gott," - so fängt er an, "schau doch einmal herunter von dort oben, vom Himmel! Wo ist denn dein Einsatz für uns Menschen und wo ist deine Macht? Wo ist deine große und herzliche Barmherzigkeit? Gegen mich jedenfalls ist sie hart, mein ganzes Leben lang - unmenschlich hart". Und nach einer kurzen Pause - keiner wagt sich zu rühren - redet er dann weiter, klagend und fragend: "'Vater unser' sagen wir zu dir, und auch von Erlösung wird hier immer geredet. Aber wenn das so ist: Warum, Gott, warum lässt du uns dann all die Irrwege unseres Lebens gehen? Und warum machst du unsere Herzen so bitter? - Weißt du, getauft bin ich, damals vor langer Zeit, auf deinen Namen, aber heute bin ich geworden wie einer, über den nie dein Name ausgerufen wurde".

Und dann ist es schließlich wie ein verzweifeltes Schreien: "Ach, wenn du doch all das zerreißen würdest, was mir die Luft zum Atmen nimmt. Wenn du doch all das, was sich da über mir so trübe zusammenzieht, durchbrechen würdest - auf einen Schlag. Wenn du die Berge, die da vor mir liegen, zerfließen lassen würdest und du in mir diesen Lebensfunken wieder entflammen würdest, so wie dürres Reisig sich entzündet, ja selbst wenn du mich Erschrecken ließest oder mich gar strafen würdest - wenn ich doch nur das spüren würde, dass du da bist und das ich mit dir rechnen kann!".

Ich mache hier erst einmal einen Einschnitt. Eine solche Szene kann einen ja nicht kalt lassen. Die adventliche Stimmung wird damit auf jeden Fall gründlich verhagelt. Da ist dann eine Schwere im Raum, der sich man nicht entziehen kann. Und plötzlich sind dann auch die Berge da, vor denen man selbst steht: Die Arbeit, die Probleme mit sich selbst oder in der Familie oder in der Schule, all die großen und kleinen Ausweglosigkeiten. Und auf einmal ist dann auch zu spüren, dass der adventliche Störenfried nicht nur da vorne auf der Kanzel oder am Altar steht, sondern dass er auch ein Teil von mir selbst ist.

Doch noch einmal zurück zu der Szene, die ich da gerade beschrieben habe. Da hat nun unser Predigttext Gestalt angenommen. Da hat die alte Klage ein modernes Gesicht erhalten. Nur: Wie gehen wir jetzt damit um? Was soll da nun geschehen? Natürlich lässt sich gut schimpfen und man könnte sagen: "Der Pastor hätte das gar nicht zulassen dürfen! Ja, schon die Küsterin hätte da aufpassen müssen oder die Kirchenvorsteher. Die hätten den gleich packen müssen: Auf Freundchen, raus mit dir! Aber dass der Kerl dann sogar an den Altar geht: Da hört ja alles auf. Da hätte der Pastor eingreifen müssen. Na, der wird noch was zu hören bekommen."

Aber so ärgerlich das auch sein mag: Es ist nun mal passiert. Küsterin, Kirchenvorsteher und Pastor haben sich von diesem Störenfried überrumpeln lassen. Was soll jetzt geschehen? Wie soll es weitergehen?

Vielleicht so? Ein Kirchenvorsteher überwindet seinen Schreck und kommt nach vorne und packt den Störenfried freundlich, aber doch auch bestimmt an der Schulter und führt ihn hinaus. Sagt ihm vielleicht noch ein aufmunterndes: "Na, na, ist doch alles halb so schlimm, gehn' se jetzt mal wieder nach Hause". Und jener geht mit ohne Protest - er hat ja alles gesagt, was ihm auf der Leber lag - und mit hängendem Kopf, entblößt und tief beschämt. Und der sprachlose Pastor findet seine Fassung wieder und erklimmt die Kanzel und sagt ein paar beruhigende Worte vom Licht, dass die Dunkelheit überwindet und spricht schließlich besonders eindringlich das Fürbittengebet. Und die Organistin spielt - der Strom für die Orgel ist inzwischen auch wieder da - nun besonders kräftig "Macht hoch die Tür". Und alle singen ebenso kräftig mit, so als wollten sie den ganzen Spuk aus der Kirche hinaussingen. Alles geht weiter, als sei nichts geschehen.

Nur eines stört: So sehr sie's denn auch versuchen, die Küsterin, die Kirchenvorsteher und auch der Pastor, die beiden Adventskerzen, die lassen sich einfach nicht wieder anzünden.

Kann's das denn auch wirklich sein, liebe Gemeinde? Störenfried raus, Adventsstimmung rein? Aus den Augen, aus dem Sinn? Mich kann das nicht zufrieden stellen. Das geht zu schnell. Ich finde, da bleibt dann ein Kloß im Hals stecken. So wie das übrigens in der Regel immer der Fall ist, wenn wir etwas, dass uns stört oder beunruhigt, einen Tick zu früh von uns wegschieben wollen?

Auch bei unserem Störenfried heute ist das so. Wer zu schnell zur Tagesordnung übergeht, der verpasst etwas. Denn - und das ist ja auffällig - da ist nach all der Klage und all dem Flehen und all der Verzweiflung nicht Schluss. Das ist nicht die ganze Geschichte und auch nicht die ganze Wahrheit. Da kommt noch etwas. Da heißt es nämlich in unserem Predigttext als letztem Satz - und es ist die gleiche Stimme, die ihn spricht und die zuvor verzweifelt geklagt hat: Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren. Wohlgemerkt: Das sagt der, der gerade noch zweifelnd gefragt hat: „Wo ist denn deine Macht, Gott?“

Der so wohl tut denen, die auf ihn harren. Ich weiß natürlich: Das ist nun kein Satz, der genauso durch und durch geht wie die Klage zuvor. Aber da muss man doch stutzen: Dass da auf einmal sich das Blatt wendet und keiner weiß warum. Dass da auf einmal einer, der zuvor davon geredet hat, wie hart er Gott erlebt, plötzlich sagt: Du tust mir wohl. Dass da einer, dem alles zu viel ist und dem die Luft zum Atmen fehlt und der an den Bergen vor ihm zu zerbrechen droht, plötzlich seinen Halt findet und durchatmet.

Liebe Gemeinde, gerade weil das so unlogisch ist und unbegreiflich und weil es so plötzlich kommt, hat das für mich etwas adventliches und hoffnungsvolles. Im Grunde leben doch alle unsere Gebete von dieser unbegreiflichen Wendung, dass danach und in der Klage, sich auf einmal das Blatt wendet und aus der Klage Zuversicht wächst. Keiner, weiß wie - und oft auch nicht, warum. Damals, wie heute. Könnten wir es erklären, dann säßen wir nicht hier.

Aber das "wie" und das "warum" ist doch auch gar nicht wichtig, sondern das "dass": Dass da einer plötzlich wieder aufatmen kann. Dass da einer sich aufrichtet und plötzlich mit neuer Zuversicht in sein Leben hineingeht.

Deshalb zurück zu unserer Geschichte mit dem Störenfried am Altar. Wie geht sie denn nun weiter? Ich stelle mir vor: Die Küsterin bleibt einen Moment noch baff und auch der Pastor findet seine Fassung noch nicht gleich wieder und bleibt - Gott sei Dank! - noch sprachlos auf seinem Stuhl in der ersten Reihe sitzen. Und der Störenfried am Altar bleibt nach seinen letzten Worten einfach noch da vorne stehen. Und plötzlich begreifen alle, was da denn eigentlich gerade vor ihren Augen und Ohren passiert ist. Dass da nämlich einer es geschafft hat, sich vor Gott zu stellen mit all dem, was in ihm ist: mit seiner Verzweiflung und mit seiner Sehnsucht, mit all den großen Erwartungen und zugleich all den Fragen und Zweifeln. Ja, und auch mit all seiner Schuld. Plötzlich begreifen es alle, dass da einer, so wie er ist und dort am Altar steht, seinen Anschluss an Gott wiedergefunden hat. Und sie alle mit ihm. Und sie spüren, dass dadurch eben auch etwas heil wird, weil da einer vor Gott auszusprechen wagt, was da bei sich und um ihn herum und auch bei ihnen im Argen liegt. Auf einmal hat das alles seinen Ort.

Und ich stelle mir weiter vor: Jener, der da am Altar seine Klage aus sich herausgesetzt hat und seinen Hilferuf, der bricht nicht zusammen und wird nicht hinausgedrängt, sondern bleibt dort stehen, eine Minute vielleicht oder zwei. Und dann geht er zwischen den Stuhlreihen hindurch und setzt sich schließlich irgendwo in eine Reihe mitten untern die anderen. Als Zeichen dafür: "Ich habe meinen Ort, mein Zuhause wieder gefunden. Ich gehöre mit allem, was war und ist, doch dazu."

Und all die anderen, die dies miterleben, werden hinterher noch lange von diesem Augenblick erzählen. Und sie werden dabei jedes Mal beschwören, dass in diesem Moment die beiden Adventskerzen am Adventskranz wieder aufgeflammt sind. Ganz gewiss.

Amen.


 


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