Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 7, 10-14

Hans-Helmut Bayer (ev-luth.)

24.12.2011 Spitalkirche Bayreuth

Christmette 2011

Weihnachten wird in der Krippe entschieden

Jesaja 7, 10-14, Das Zeichen des Immanuel  
10 Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach: 11 Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei unten in der Hölle oder droben in der Höhe! 12 Aber Ahas sprach: Ich will's nicht fordern, daß ich den HERRN nicht versuche.
13 Da sprach er: Wohlan, so höret, ihr vom Hause Da-vid: Ist's euch zu wenig, daß ihr die Leute beleidigt, ihr müßt auch meinen Gott beleidigen? 14 Darum so wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie heißen Immanuel.


Liebe Gemeinde!
 „Weihnachten wird unterm Baum entschieden!“
Ist denn nun bei Ihnen zuhause heute Abend die Ent-scheidung unter dem Weihnachtsbaum gefallen?
„Was für ein blöder Werbespruch, Weihnachten ist doch kein Fußballspiel!“, sagte heute Morgen die Verkäuferin beim Bäcker. Aber man wird doch auf etwas sehr Grund-sätzliches aufmerksam gemacht: Weihnachten hat ja tat-sächlich mit einer Entscheidung zu tun. Aber diese Ent-scheidung ist längst gefallen; Weihnachten selbst ist die Entscheidung!
An Weihnachten hat sich Gott entschieden uns nicht im Stich zu lassen. Gott hat uns nicht unserer Lieblosigkeit und unserem Hass überlassen, unserer Maßlosigkeit und Gier, unserer Hoffnungslosigkeit und geistlichen Armut, unserem kruden Egoismus und unserer erbärmlichen Angst.
Was der Evangelist Matthäus in diesem uralten propheti-schen Wort, unserem Predigttext heute Abend, schon lange angekündigt sieht, nämlich dass eine Jungfrau schwanger sein wird und einen Sohn gebären wird, das also ist geschehen! Und sie wird ihn Immanuel nennen, so heißt es.
Immanuel, um diesen Namen geht es heute Abend.
Seltsam. Die Bibel erwähnt ihn insgesamt nur viermal. Dreimal bei Jesaja, und einmal in diesem Jesajazitat bei Matthäus. Aber Jesus selbst, auf den dieser Name ja ge-münzt ist, wird nie so gerufen. Warum? Ganz einfach! Weil er ihn ja verkörpert!


Immanuel! Das ist hebräisch und heißt: Gott ist mit uns!
Wir sind nicht allein in diesem unermesslich großen Kosmos, in den Sternenweiten des Alls, in den Ewigkei-ten der Zeit.
Auch wenn wir uns wie Staubkörnchen in der unermess-lich großen Schöpfung fühlen mögen, auch wenn wir uns absolut unbedeutend und klitzeklein vorkommen mö-gen, auch wenn wir völlig hilflos den Gewalten um uns herum ausgeliefert zu sein scheinen – wir sind nicht al-lein!
Wir sind nicht allein in den Katastrophen unserer Tage, seien es die in der Natur – denken wir an den Tsunami in Japan mit seinen schrecklichen Folgen im Frühjahr oder an den Taifun vor ein paar Tagen in Indonesien.
Oder denken wir an die von Menschen gesetzten Kata-strophen, sei es die globale Finanzkrise, die vor allem den Älteren so bedrohlich erscheint, oder sei es die noch viel bedrohlichere und so unaufhaltsam auf uns zu rollende Klimakatastrophe, - wir sind bei alledem und gerade auch bei unseren ganz persönlichen Katastrophen nicht allein!


Im allerletzten gibt es nichts und niemanden anderen, auf den wir unsere Hoffnung setzen könnten, als Gott, den Schöpfergott, der unsere Welt in Gang gesetzt hat und „noch erhält“, - wie wir mit Martin Luthers kleinem Katechismus lernen.
Dieser Gott ist „mit uns“ – Im manu el, - komme was da wolle! Durch und in diesem Kind Jesus, dessen Geburts-tag wir heute feiern. Sein Zeichen ist die Krippe.

Was wäre die Welt ohne Gott, ohne dieses Kind Jesus? Und warum brauchen wir Weihnachten?
Ich gebe Ihnen die Antwort aus berufenem Mund:
Weihnachten soll den Menschen Mut machen, ihren Reichtum an menschlichen Beziehungen wahrzunehmen, so sagt es unser neuer Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm in seinem Wort zu Weihnachten. Ich zitiere:
In vielen Gesellschaften reißen die Menschen bei materi-ellen Reichtümern die Augen auf, aber bei menschlichen Reichtümern sind sie wie Schlafwandler. In den letzten Jahrzehnten hat sich Deutschland zu einer Turbogesell-schaft entwickelt. Nach der Devise immer schneller, im-mer besser, immer effektiver ist der materielle Wohl-stand gewachsen, aber der menschliche Wohlstand hat nicht Schritt gehalten. Viele Menschen sind erschöpft und ausgelaugt. Das hat negative Konsequenzen für die Gemeinschaft. Die Sportvereine finden immer weniger Trainer, weil die Flexibilität für die Firma keinen regel-mäßigen Trainingstermin ermöglicht. Die Familien haben nicht genügend Zeitinseln für gemeinsame Aktivitäten, stellt der Landesbischof kritisch fest. Darum haben sich die Kirchen in den vergangenen Jahren immer wieder gegen eine fortschreitende Kommerzialisierung des Sonntags gewehrt.

Es sei erfreulich, dass in den letzten Jahren in der Natur immer mehr ökologische Biotope geschaffen worden sein. Aber jetzt sei es dringend an der Zeit, mehr soziale Biotope zu schaffen, fordert Bedford-Strohm. Nötig seien geschützte Räume, in denen wir Zeit haben für das, was wirklich zählt: Beziehungen zu anderen Menschen, die unser Leben reich machen und die uns in guten und in schweren Tagen tragen. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der wir wieder Mensch sein dürfen.“

Mensch sein dürfen! Darum geht es Weihnachten, darum geht es auch in und mit diesem Namen Immanuel: Gott mit uns!
Oder: Gott wird Mensch! Also Mensch: mach’s nach!
Du darfst Mensch sein!
Das ist das Geheimnis dieses Abends, die Botschaft die-ses Festes, man kann sie nicht oft genug wiederholen.

Menschlich sollen wir werden, zur Liebe fähig, zum Mitleiden und zum Mitfreuen!
Es ist so einfach und trotzdem so unglaublich: Gott wird Mensch, nimmt Menschengestalt an, kommt als Kind ganz normal zur Welt, wie du und ich. „Einen Sohn wird sie gebären.“ heißt es. Und Immanuel soll er heißen.
Was brauchen Kinder zu allererst? Richtig. Liebe!
Der Gott, der so sein will wie du und ich, der „Immanuel“, also „mit uns sein“ will, der braucht unsere Liebe, gerade so wie ein Kind. Haben Sie Weihnachten schon mal unter diesem Gesichtspunkt gesehen: Gott will von uns geliebt werden, wie wir ein Kind lieben?

Weihnachten: Er ist da, - endlich! Mitten unter uns!
Das war seine Entscheidung! Ich lasse euch nicht allein!
Weihnachten, die Krippe, ist das Zeichen dafür, was Gott und was seine Schöpfung, was unsere Welt braucht: nichts anderes, als unsere Liebe. Und um diese Entscheidung geht es heute, um nichts sonst.
Deshalb: Weihnachten wird in der Krippe entschieden! Wir sind doch nicht blöd!
Amen.