Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 7,11-14

Pfarrer Steffen Groß (ev)

24.12.2011 in der Evangelischen Mauritiuskirche Leimen

Christnacht 2011

Der Predigttext für die heutige Christnacht steht beim Propheten Jesaja in 7. Kapitel. Und er führt uns mitten ins Geheimnis von Weihnachten hinein: Ein Kind wird uns geboren! Ein, nein: Das Zeichen Gottes für die müde Welt. Wir hören die alten, neuen Worte:

Und der HERR redete abermals zu Ahas und sprach:

11 Fordere dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, es sei drunten in der Tiefe oder droben in der Höhe!

12 Aber Ahas sprach: Ich will's nicht fordern, damit ich den HERRN nicht versuche.

13 Da sprach Jesaja: Wohlan, so hört, ihr vom Hause David: Ist's euch zu wenig, dass ihr Menschen müde macht? Müsst ihr auch meinen Gott müde machen?

14 Darum wird euch der HERR selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel.

Liebe Gemeinde in der Christnacht!

Heute, in der Mitte der Nacht, muss ich Ihnen ein Geständnis machen. Einmal in meinem Leben habe ich Jesus verloren.

Ja, sie haben richtig gehört: Ich habe Jesus verloren. Er war einfach weg. Der Friedefürst und Wunderrat, das Krippenkind und der Sohn Gottes – einfach weg. Eine Leere hat er bei mir hinterlassen, in Kopf und herz und Leben, eine Lücke. Die Sehnsucht, dass ich diesen menschlichen Gott doch wiederfinden möge. Aber es half nichts: Jesus war weg. Aus meinem Leben verschwunden. Ich blieb ohne ihn zurück. Und merke spätestens am Weihnachtsabend, dass etwas Entscheidendes fehlte.

Ich habe Jesus verloren, und das kam so: Wir sind mit unserer Familie mehrmals umgezogen, haben viel zu viele Kisten gepackt, Dinge verstaut, zwischendurch fast die Nerven verloren – und in der neuen Wohnung alles wieder ausgepackt. Neu sortiert, geordnet, manches weggeworfen und anders bewahrt.

Unter den Dingen, die wir da ein- und auszupacken hatten, war auch die Weihnachtskrippe aus Olivenholz, die meine Frau und ich in Jerusalem gekauft hatten. Eine Krippe mit dem ganzen Weihnachtspersonal – und vor allem: mit Figuren, die keine Gesichter haben. Nur glänzendes Olivenholz. Und die uns deswegen so wunderbar einladen, sich die Figuren mit unseren Gesichtern vorzustellen; die Rolle von König, Maria, Schaf oder Hirte einzunehmen und selbst mitzuspielen in dieser Geschichte aller Geschichten.

Wir haben also diese Krippe in der neuen Wohnung wieder ausgepackt – und dann war Jesus weg. Alle waren mit umgezogen, auch Palme, Stall und Futterkrippe. Aber das Kind war weg. Die Hauptperson abhanden gekommen. Die Krippe leer. Und sie ist leer geblieben. Das Leben ging weiter, neu weiter. Jesus war verloren gegangen. Und an Weihnachten tat das sehr weh.

Sie ahnen es längst: Man kann Jesus, man kann Gott und all die Geschichten von ihm auch ganz anders verlieren. Nicht als Krippenfigur. Sondern als Hoffnung. Als Lebensinhalt. Als Halt kann er verloren gehen, das Vertrauen brüchig werden: In Lebensumbrüchen. Bei entsetzlichen Todesfällen. Scheidungen. Niederlagen. In Krankheit. Auch das kenne ich selbst. Der Glaube wird schal, dünn, rissig. Irgendwann ist er, wenn es schlecht kommt, ganz weg. Oder nur noch eine ferne Erinnerung, eine Sehnsucht, „ein Bewusstsein von dem, was fehlt“, wie es der große Philosoph Jürgen Habermas einmal genannt hat. Es lässt sich auch danach noch leben, ohne Glauben, ohne Gott, ohne das Krippenkind. Aber es fehlt etwas. Es bleibt eine Lücke.

So oder so ähnlich war das wohl auch bei dem unbekannten König Ahas, von dem in unserem Predigttext die Rede ist. Der Mann, Herrscher des kleinen, unbedeutenden Ländchens Juda mit der Hauptstadt Jerusalem, war zwar ein Abkömmling der großen, glaubensstarken Könige David und Salomon. Aber vor allem war er ein Mann ohne Kompass, ohne inneren Halt, der zwar vom Glauben sprach, aber in Wirklichkeit an ganz andere Dinge glaubte: Politische Taktik. Seilschaften. Vielleicht auch Lügen. Als Ehrlichkeit getarnter Zynismus. Machtspiele. Er versuchte, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren und dabei in schwerer Zeit halbwegs durchzukommen. Er wollte sich absichern, aus eigener Kraft. Möglichst wenig Risiko eingehen. Professionell sein. Etwas Ahas steckt wohl auch in jedem von uns - mit unserem tiefen wie törichten Wunsch, uns allein auf unsere eigene Kraft zu verlassen und unser Leben abzusichern.

Und Machthaber, die längst alle Visionen aufgegeben haben und nur noch mit Taktik, Macht und Zynismus arbeiten, die gefangen sind in sich selber und ihrem Amt, die soll es ja auch heute noch geben, in der Nähe und in der Ferne.

Bei Ahas ging die Sache schief. Bald war die Macht weg.

Dabei, so der Prophet Jesaja, lag die Alternative zu Machtspielen und Seilschaften doch offen zu Tage. Gott selbst streckte die Hand nach dem zynischen König aus und bot ihm das an, was wir manchmal so gern hätten und so dringend herbeisehnen: Ein Zeichen von Gott. Einen Hinweis auf den, der die Liebe ist und die Liebe zeigt als Alternative zu Seilschaften, Lügen und Machtspielen. Das wäre es doch mal: Ein klares Zeichen von Gott. Vielleicht würde mancher ihn dann wiederfinden, so denken einige. Morgenstern, geh doch endlich auf!

Und Ahas? Der lehnt ab.

Der zynische König will kein Zeichen. Er rettet sich in frommes Gerede, schwadroniert davon, dass er Gott nicht versuchen will.

Aber darum ging es gar nicht. Gott wollte den König nicht in Versuchung führen, sondern ihn aufrichten. Ihn befreien. Ihm Wege zum Glauben, zu den anderen, zu sich selbst zu zeigen. Ahas hat vielleicht geahnt, was mancher frommer Mensch heute weiß: Wenn man sich auf Gott einlässt, kann es heikel werden. Machtspiele, Seilschaften, Sicherheit rücken dann in den Hintergrund. Klar, wir brauchen manches davon, um überhaupt leben zu können. Aber entscheidend ist dann etwas anderes: Vertrauen. Das Eingeständnis, ein bedürftiger Mensch zu sein, abhängig von Gott und davon, dass er uns Menschen an unserer Seite schenkt. So ein Glaube kann einen ziemlich verunsichern, weil er alle Sicherheiten in die Schranken weist und ihnen eine einzige Gewissheit entgegenstellt: Die, das Gott da ist. Das Gott unser Leben will und nicht unseren Tod. Oder, ganz fromm gesagt: das Gott uns liebt und wir ihn lieben sollen. Und dann heißt es: Mitspielen in den alten Geschichten, eine Figur in der Krippe werden. Oder mit Mose am brennenden Dornbusch stehen. Dem König David beim Harfenspiel zuhören oder, wenn es ganz hart kommt, Macht, Sicherheit, gar das Leben verlieren – wie Jesus am Kreuz. Das Leben verlieren – aber nicht Gott.

Ahas will das alles nicht. Er verlässt sich lieber auf sich selber. Und ist bald verlassen.

Das Zeichen aber kommt trotzdem. Ungefragt. Gott lässt sich von Ahas nichts vorschreiben. Er lässt sich von niemandem etwas vorschreiben. Das Zeichen kommt. Aber ganz anders als gedacht: Nichts Spektakuläres oben in der Höhe oder unten in der Tiefe. Etwas zutiefst Normales und gleichzeitig etwas, das die Welt bewegt und keinen Stein auf dem anderen lässt. Etwas, das Milliarden Mal passiert und trotzdem alles neu macht für die, die sich davon berühren lassen.

Eine junge Frau wird schwanger. Ein Kind wird geboren. Mein Gott!

Verletzlicher, angewiesener, bedürftiger kann keiner sein. Ein neu geborenes Kind: Ja, auch das: laut und anstrengend, ein Baby das einen manchmal an die eigenen Grenzen bringt. Kinder bringen alles durcheinander und nehmen einem alle gewohnten Sicherheiten weg. So sind Babys, so wird auch Jesus gewesen sein.

Aber neu geborene Kinder sind eben auch das zauberhafte Versprechen eines neuen Anfangs. Das ganz große Versprechen, dass das Leben weitergeht. Das die Nacht irgendwann endet. Dass Gott seine Geduld mit der Welt noch nicht verloren hat. Das das Leben siegt. Dass es so etwas wie Sinn, Glaube, Liebe, Hoffnung gibt. Dass Gott mit uns ist. Wer keine Kinder haben kann, ahnt noch im Verlust etwas davon, was er nicht hat. Ein Kind ist ein Segen, Kinderlosigkeit kann gnadenlos sein. Religiöse Kinderlosigkeit ist auch gnadenlos, ohne Gnade. Da ist der Zynismus nicht weit.

Kinder bekommen, das ist eine Erfahrung, die nah am Glauben, am Fragen nach Gott wohnt. Und an Weihnachten wird sie auf die Spitze getrieben: Der große Gott wird ein kleines Kind. Hilflos, nackt und bloß. Wunderschön, mit Freuden anzusehen. Aber eben auch klein und verletzlich und bedürftig. Und wer genau hinsieht, ahnt schon an Weihnachten: Die Krippe, in der das wunderbare Kind liegt, sie ist aus dem selben Holz geschnitzt wie das Kreuz, an dem der erwachsen gewordene Jesu sterben wird. Auch das ist Weihnachten.

Mancher fragt nach Beweisen. Das sind wir gewohnt. Berechenbare Fakten, Sicherheiten, Naturgesetze. So schaffen wir uns Sicherheit. Und wir können auch gar nichts anders, wollen wir unseren Alltag bestehen.

Mancher glaubt, Glaubenssätze wie den von der Jungfrau, die schwanger wird, könnten solche Sicherheiten bieten. Den Glauben absichern. Fundamente ziehen.

Ich glaube das nicht. Denn wer so liest, verpasst nach meiner Sicht das wichtigste. Nicht nur, dass in unserem Prophetenwort gar nicht von einer Jungfrau, sondern von einer jungen Frau, hebräisch: „alma“ die Rede ist. Nicht nur, dass die Rede von der Jungfrauengeburt zur Zeit Jesu fast zum guten Ton gehörte und Augustus, der Kaiser, ebenso der Sohn einer Jungfrau gewesen sein soll wie Alexander der Große oder Plato.

Ich glaube in Sachen Glauben auch deshalb nicht an Beweise, weil Beweise so ganz und gar von dieser Welt sind. Weil Sicherheiten immer ein Restrisiko haben. Weil Menschen schlicht und ergreifend irren können und die selbst zusammengezimmerten Beweise ganz schnell den Bach runter gehen. Die nukleare Katastrophe von Fukushima sollte uns das endgültig ins Stammbuch geschrieben haben: Sicher ist in dieser Welt gar nichts. Nur der Tod.

Und so glaube ich weder an ein unverrückbares Glaubensfundament mit Jungfrauengeburt und Sühnetod Jesu noch an die Beweise von Technikern und Wissenschaftlern. Ich glaube auch nicht daran, mit der Bibel Indizienprozesse zu führen und die wunderbare Weihnachtsgeschichte als Tatsachenbericht zu lesen. Beweise, Sicherheiten, Wissenschaft, das alles ist wichtig. Aber es macht unser Leben nicht reich. Beweise lassen es nicht Weihnachten werden.

Ich glaube an den Gott, der sich in der Krippe angreifbar und verletzlich macht. Der Mensch wird. Ich glaube an den Gott, der uns in den alten und neuen Liedern begegnet, im Schein einer schwachen Kerze, in den vertrauten Ritualen. Rituale können schief gehen und Kerzen verlöschen. Aber Gott will im Dunkeln wohnen, und seine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Etwa in Maria, die plötzlich schwanger ist. Das Mädchen aus Nazareth, Maria, die einen Engel trifft und dann Gott ganz und gar in ihr Leben hineinlässt. Maria mit Joseph, dem Vater einer Patchwork-Familie, der sich eben nicht aus dem Staub macht, wenn es eng und schwierig wird. Joseph, der glaubt – und bleibt. Ob das alles historisch so passiert ist? Kann sein. Wahr ist es allemal. „Unsere Hoffnung lässt nicht zu, dass die Geschichte nicht wahr ist“, sagt der große Theologe Fulbert Steffensky, und er hat so recht. Maria wird schwanger. Gott kommt als Kind zur Welt. Die Krippe bleibt nicht leer. Unsere Hoffnung singt von ihr und ihrem Kind, und mit jeder Strophe wird Jesus noch einmal von einer Jungfrau geboren.

Manche Dinge sind zu schön, um nicht wahr zu sein. Wie könnte „Ich steh an deiner Krippen hier“ in das leere Nichts des Weltalls gesungen sein? Wie könnte „Stille Nacht“ eine sinnlose Ansammlung fremder Worte bleiben?

Manche Dinge sind zu schön, um nicht wahr zu sein. Weihnachten ist eines davon, vielleicht das wichtigste überhaupt.

Weihnachten bedeutet: Gott gibt uns ein Zeichen. Gott lässt sich finden. Gott verwickelt uns in seine Geschichte. Wir spielen mit, wie in unserer unvollständigen Krippe, in der die Figuren keine Gesichter haben. Weihnachten heißt: Die falschen, die von Menschen gemachten Sicherheiten auf das reduzieren, was sie sind: Krücken. Manchmal unverzichtbar, aber brüchig und oft gnadenlos. Weihnachten heißt: Vertrauen wagen, Gewissheit wagen, das Gott Wort hält. Das er wirklich Immanuel, wirklich mit uns ist. Weihnachten heißt: Die menschlichen Sicherheiten zurücklassen. Die Beweise vergessen. Gottes kleine Zeichen suchen. Gottes kleine Zeichen finden, wenn es gut geht, sehen. Sich berühren lassen. Und verändert weiter gehen. Gott will sich finden lassen! Es gibt noch mehr als alles!

Übrigens: Ich habe Jesus am Ende doch nocvh wiedergefunden. Ich habe ihn wiedergefunden, als ich gar nicht danach gesucht habe. Vielleicht sollte ich sagen: Er hat mich gefunden. Ich war mit meinem Sohn Jonathan auf dem Weihnachtsmarkt, er wollte Kerzen für Mama als Weihnachtsgeschenk kaufen. Und an einem Stand habe ich eher zufällig eine Krippe aus Olivenholz gesehen. Mit Figuren ohne Gesicht. Vor allem: Eine vollständige Krippe. In der Mitte, in dem Futtertrog, lag ein Kind. Ohne Gesicht. Und doch war es Jesus. Der Friedefürst und Wunderrat, das Krippenkind und der Sohn Gottes.

Ich habe der Verkäuferin, die eigentlich das ganze Ensemble verkaufen wollte, die Babyfigur ohne Gesicht abgeschwatzt. Das war teuer und mühsam.

Aber ich hatte Jesus wieder. Das Loch war weg, die Lücke geschlossen. Zwei Monate vor der Geburt unseres dritten Kindes hat meine Frau vorhin das Geschenk mit der kleinen Holzfigur ausgepackt. Nun liegt er wieder in seiner Krippe. Und ich habe mein Zeichen gehabt.

Jesus ist wieder da. Nichts kann uns so sehr verloren gehen, das Gott uns nicht einen neuen Anfang schenken könnte. Jetzt ist Weihnachten. Für alle, selbst für Zyniker und Machtspieler. Gott sei Dank!

Amen.