Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesaja 9,1

Richard Hölck

24.12.2003 in der Christuskirche Hamburg Wandsbek

Liebe Weihnachtsgemeinde,

jedes Jahr am Heiligabend hören wir die uns so vertrauten Worte der Weihnachtsgeschichte - aus dem Lukasevangelium. Worte, die wir schon von Kindesbeinen an kennen, mit denen wir so viele Erinnerungen verbinden. Wir lesen, hören, diese Geschichte, weil wir zutiefst glauben, dass sie etwas mit unserem Leben zu tun hat.

"Wer aus der Geschichte nicht lernt, der muss sie wiederholen!" hat Winston Churchill einmal in einem anderen Zusammenhang gesagt. Nun wird man wohl kaum Geschichte, so wie sie einmal war, wiederholen können, - aber man kann die Geschichte "wieder-holen", sich "wieder-holen", in die Erinnerung und ins Herz hinein. Weihnachten ist immer auch solch eine "Wieder-Holung". Wir holen uns die Geschichte wieder, jedes Jahr neu, weil sie etwas in unserem Innersten berührt und für unsere eigene weitere Geschichte, unser Leben, so wichtig ist. Sie ist ein Stück Kontinuität, Beständigkeit des Rituellen und ein symbolischer Haltepunkt in diesem oft so unbeständigen Leben. Eine ganz andere Geschichte der "Wieder-Holung" mag uns heute Abend verdeutlichen, warum das so ist. Fremde Beispiele helfen ja so manches Mal, das Selbstverständliche, das Bekannte und Altvertraute wieder neu sichtbar zu machen.

Es ist Heiligabend, heute vor 89 Jahren. 1914, und es ist Krieg! Der Erste Weltkrieg! An der Westfront sind die heftigsten Kämpfe entbrannt. Vom Ärmelkanal bis zur Schweizer Grenze hin liegen sich abertausende von Soldaten in den Schützengräben gegenüber. Tief eingegraben im kalten Lehmboden, bekränzt mit Stacheldraht. Kopf an Kopf, Mann neben Mann. Ständig den drohenden Tod vor Augen, tote Kameraden ringsum. Es sind die wohl furchtbarsten killing fields von Europa.

Wie zwei blutrünstige Monster liegen sich die Armeen gegenüber. Längst schon ist die Kriegseuphorie der ersten Tage verflogen, - und jeder Gedanke an ein rasches Ende, alle Hoffnungen auf einen baldigen Sieg, sind auf beiden Seiten im Kanonendonner verklungen. Franzosen, Belgier und Engländer gegen Deutsche - ein grausames Töten, sinnloses Sterben.

Ein französischer Leutnant schreibt an diesem Heiligabend in sein Tagebuch: "Armer kleiner Gott der Liebe, in dieser Nacht geboren, wie kannst du nur die Menschen lieben?"

Zwischen den verfeindeten Linien liegt ein finsterer Streifen Niemandsland, symbolisch für die Dunkelheit, die Menschen auch in ihren Herzen tragen können.

Doch dann - inmitten des Bekriegens und Sterbens - geschieht etwas Seltsames! Etwas vorher - und auch nachher - nie wieder da Gewesenes.

Aus dem deutschen Lager in Flandern erklingen plötzlich Stimmen, Lieder. Raue Männerkehlen singen in die Dunkelheit hinein: "Stille Nacht, Heilige Nacht!"

Ist es das? Unser Lied? Die Gegner verstehen die Texte nicht, aber sie erkennen doch die Melodie. Zuerst halten sie es für eine List der Feinde.

Eine neue perfide Kriegstücke in der heiligen Nacht! Aber der Gesang nimmt zu, und mit einem Mal singen ganze Linien in den Gräben wie aus einem Munde: "…schlaf in himmlischer Ruh". Die Lieder breiten sich aus in dieser Nacht an der Front.

Und dann flackern Lichter auf in der Dunkelheit, ja, es sind Kerzen, die Menschen angezündet haben. Pappschilder werden hochgehalten, erst hüben, dann drüben: "Frohe Weihnacht", "Merry Christmas", "we not fight - you not fight". Und was dann geschieht, - geht in die Geschichte ein.

Es ist die Geschichte von dem kleinen Frieden im großen Krieg. Die Soldaten legen plötzlich auf beiden Seiten ihre Waffen nieder. Erst zögerlich, dann immer bewusster. Am Tage zuvor haben sie noch um jeden Zentimeter Boden gekämpft, mit ihrem Blut die Erde getränkt, - und nun treffen sich die Soldaten friedlich und freundschaftlich im Niemandsland.

Die Waffen verstummen - das unmenschliche dunkle Schlachtfeld wird erleuchtet vom Schein der Kerzen, in dem man erkennt: Der andere, der Feind, ist kein Monster, - sondern ein Mensch - wie ich. Man singt, feiert gemeinsam Weihnachten und am frühen Morgen beerdigt man zusammen die Toten. Die Männer tauschen ihre Helme, sie erzählen sich von ihren Familien und ihrer Heimat. Zeigen sich Fotos von Zuhause und teilen die Essensrationen miteinander - ja, man spielt sogar Fußball. Und einige von ihnen fotografieren diese unwirkliche Szenerie.

Die Aufnahmen dokumentieren bis heute die Einzigartigkeit dieses Geschehens, das später in Militärberichten und Zeitungen in ganz Europa beschrieben wird. Ein unglaublicher Friede. Ein Wunder der Neuzeit. Wie eine Illusion, ein großer Traum der Menschheitsgeschichte, der einmal nur in der Geschichte aller Kriege in Erfüllung ging und Wirklichkeit wurde. Als hätte Gott selbst seine Hand im Spiel gehabt - und vielleicht war es auch so.

Hass und Wut, Angst und Mordlust - wie durch ein Wunder befriedet. Ein kurzer Geschmack von der tiefsten aller Sehnsüchte: Frieden!

Liebe Gemeinde, er hält nur zwei Tage an. Die Soldaten verweigern zunächst die Befehlen, wieder aufeinander zu schießen, - aber die Heeresleitung auf beiden Seiten greift zu drakonischen Maßnahmen. Man droht mit Erschießungen; und erst als die Angst vor der eigenen Obrigkeit wieder ihr altes Maß erreicht, geht das sinnlose Töten und Schlachten weiter. Und ein Jahr später, Weihnachten 1915, steht jede so genannte Fraternisierung, die Verbrüderung mit den Feinden, unter Todesstrafe. Der Krieg geht weiter - wie jeder Krieg: sinnlos und unbarmherzig! Das Ende ist uns bekannt. Und auch seine Folgen: Millionen von Toten.

Was bleibt, von diesem ach so kleinen wunderbaren Ereignis, sind Erinnerungen, ein paar Bilder und Berichte von dem Wunder in Flandern. Bilder, die noch heute das Unvorstellbare, dieses kleine und doch so große Weihnachtswunder bezeugen. Erst in unseren Tagen ist diese Geschichte wieder ans Licht gekommen.
Die hohen Militärs hätten sie wohl bis heute gern vergessen, weil sie doch davon zeugt, wozu Menschen von unten, einfache Soldaten, fähig sind.
Das, was die Politiker nicht schaffen - und oft nicht schaffen wollen, bewirken kleine einfache Leute mit ihrer Sehnsucht nach Frieden.

Für mich ist diese Geschichte - so merkwürdig es klingen mag - eine der bewegendsten Weihnachtsgeschichten überhaupt.

Der Historiker Michael Jürgs hat sie aufgeschrieben in seinem Buch "Der kleine Frieden im großen Krieg". Es ist seit Tagen kaum noch zu haben in Hamburg, - wohl, weil es heute Abend als eindeutige Botschaft unter vielen Weihnachtsbäumen liegt.

Die Geschichte von diesem kleinen Frieden holt doch für uns auf ganz andere Weise die Erinnerung an unsere erste Weihnachtsgeschichte aus der Bibel wieder hervor. Es wird "wieder-geholt" in uns, wovon auch wir träumen. Und wir werden erinnert an das, was uns die Texte der Bibel überliefern:

"Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunderrat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst."

Liebe Gemeinde, davon spricht Weihnachten: von Frieden!" Darum geht es in dieser Zeit. Nicht um Konsum, Klimbim und Freude-Friede-Lebkuchen!

Es geht um Gott, um diesen Gott, der sich nicht zu schade ist, zu uns zu kommen, - um Frieden zu bringen - in Jesus Christus! Gekommen, um Mensch zu werden. Ein Gott, der sich selbst schenkt. Der sich hinab begibt, in das Dunkle des Menschseins, in die Abgründe unserer Existenz, um dort den wahren Frieden zu schaffen. Wir träumen davon, im Kleinen wie im Großen: Frieden mit anderen, mit uns selbst, mit den Völkern und Nationen. Selbst dann noch, wenn die Realität immer noch eine andere Sprache spricht.

Ja - und oft ist es ja kaum noch zu ertragen, kaum mehr zu glauben. Die Bilder sind so gewaltig, in ihrer unendlich traurigen Fülle, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. In den Nachrichten, im Fernsehen - Bilder von Tod und Terror, von Krieg und Mord - gerade in diesem Jahr. Es ist immer noch da - selbst in dieser Nacht - Streit und Gewalt in dieser Welt.

Wie klein kommt da das Licht aus dem Stall in Bethlehem vor, was uns aufgegangen ist. Ist das nicht alles Utopie? Ja, ist das nicht geradezu lächerlich? Was hat es schon bewirkt? Noch immer ist doch kein Frieden in der Welt.

Und doch, liebe Gemeinde, heute Abend spüren wir etwas davon, dass es doch irgendwo da ist. In unseren Herzen und in unserer Sehnsucht, in unserem Glauben, in diesem kleinen unablässigen Hoffen in uns drinnen. Gott hat uns die Saat dort hineingelegt. Aber wie schwer kommen wir an sie heran, wie schwer geht sie nur in uns auf. Nein, allein schaffen wir das nicht.

Ohne diesen Gott will es doch nichts werden mit uns. Mensch bist du geworden, Christus, doch wir hören dich nicht, weil wir selbst zu laut geworden sind. Das Haus des Lebens hast du uns voller Geschenke gestellt, - aber wir kommen nicht hinein, weil wir so heftig an der Tür rütteln und uns so selbst den Weg versperren.

Wir wollen, dass unser Leben gelingt, das es gut werde und wir zurecht kommen. Und immer wieder merken wir dabei, dass unsere Kraft allein dazu nicht ausreicht. Wir können es nicht selbst bewerkstelligen, oder machen. Wir spüren, dass wir doch letztlich abhängig sind von etwas Höherem, von dem, was die Welt in ihrem Innersten zusammen hält.

Und in Christus ist das erschienen, sichtbar geworden, als Beispiel für uns, für die Nachfolge, - wenn wir ihn doch nur lassen würden.

Das kleine Kind im Stall, unscheinbar, zerbrechlich und doch verstehbar für alle. Das kleine Kind hat uns den Weg vorgezeichnet, der zum Leben führt. "Christ ist erschienen, uns zu versühnen, freue dich, freue dich, oh Christenheit".

Verlorenheit ist nicht die Hölle, liebe Gemeinde, - sondern nur der Unglaube, welcher die Fülle nicht kennen will. Verloren ist nur, wer diesen Gott nicht Gott sein lässt in seinem Leben. Aber dazu ist Gott Mensch geworden, auf das wir erkennen, wie gut er es mit uns meint.

Liebe Gemeinde, wieder liegt ein Jahr mit so viel Tragik und Schwere hinter uns - und doch war es doch auch ein gutes Jahr. In so mancher Hinsicht. Vieles hat sich doch auch gelohnt an Mühe, Liebe und Hinwendung. Vieles hat sich doch auch zum Guten gefügt, - manches muss erst noch werden.

Ich wünsche uns allen in dieser Weihnachtszeit, in allem, was uns bewegt, in allem, was uns bedrückt oder auch freudig stimmt, die Nähe dieses Gottes in dieser Zeit. Was in Flandern heute Nacht vor 89 Jahren geschehen ist, ist vielleicht nur ein kleines Hoffnungsbild für unsere menschliche Geschichte. Aber es zeigt doch, dass die Realität des Unfriedens weichen kann, dass es Sehnsucht und Hoffnung gibt nach höherem Frieden - in uns allen.

In unserem Glauben ist das vielleicht alles nur klein und vorweg genommen - durch Christus selbst. Das kleine Kind zeigt uns den Weg zum Leben, wenn wir seinem Licht nachfolgen.

Seien sie getrost: Dieser Gott lässt nicht von uns, er lässt uns nicht fallen, egal, was wir tun und wohin wir gehen. Das hat er verheißen in dieser Nacht und alle Tage. Möge Gott uns alle mit diesem Trost und Glauben erfüllen. Gott schenke uns das in dieser Weihnachtszeit.

Amen.