Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über „Jesu, meine Freude“

Landesbischof Dr. Ulrich Fischer

15.09.2006 in Schloss Beuggen

Der Glaube braucht Musik

Liebe Festgemeinde!

Vor wenigen Wochen erst haben wir den Beginn kommunitären Lebens hier in Schloss Beuggen feierlich mit einem Gottesdienst begangen. Heute feiern wir den Abschluss der Umbauarbeiten, durch die neue Schlossräume entstanden sind. Damit werden zugleich Schlossträume wahr, die zu träumen wir vor einigen Jahren nicht gewagt hätten. Neben der „Kommunität Beuggen“ findet nun ein „Haus der Kirchenmusik“ hier in Schloss Beuggen seine Heimat. Ich wiederhole, was ich im Juli gesagt habe: Wenn wir uns noch daran erinnern, dass der Beschluss zum Verkauf der Tagungsstätte Beuggen unmittelbar bevorstand, dann ist es fast ein Wunder vor unseren Augen, das wir heute feiern: Vom Verkaufsobjekt hin zum Leuchtturm geistlichen Lebens - das ist die wunderbare Geschichte von Beuggen, über die wir nicht genug staunen können.

Wie vor einigen Wochen setze ich auch heute dies in Beziehung zu einem Kirchenlied, über das zu predigen ich gebeten wurde. Keine Angst: Ich wiederhole nicht meine Predigt vom Juli. Vielmehr will ich mich mit Ihnen inspirieren lassen durch ein Lied, dem J.S.Bach in seiner Motette „Jesu, meine Freude“ ein unvergleichliches musikalisches Denkmal gesetzt hat.

Fenster zum Glauben
„Nichts auf Erden ist kräftiger, die Traurigen fröhlich, die Ausgelassenen nachdenklich, die Verzagten herzhaft, die Verwegenen bedachtsam zu machen, die Hochmütigen zur Demut zu reizen, und Neid und Hass zu mindern, als die Musik.“ So hat Martin Luther die Wirkung der Musik beschrieben. Ich könnte noch hinzufügen: Nichts war auf Erden kräftiger, die Sache der Reformation zu befördern, als die Musik. Die Reformation war auch und vor allem eine Singbewegung. Und so wurde das Singen geradezu zum Spezifikum protestantischer Frömmigkeit. Protestantismus und Kirchenmusik gehören untrennbar zusammen. Und so ist es selbstverständlich, dass die kirchenmusikalische Ausbildung seit langer Zeit einen besonderen Schwerpunkt kirchlicher Arbeit im Raum des Protestantismus bildet. Indem Menschen kirchenmusikalisch ausgebildet werden, wird aufgenommen und weitergeführt, was für die Reformation von Anfang an galt. Dies ist umso wichtiger, wenn man die Bedeutung von Musik für immer mehr Menschen unserer Zeit bedenkt. Auch in der evangelischen Kirche, die sich als Kirche des Wortes versteht, müssen wir feststellen, dass heute für viele Menschen die Kirchenmusik das wichtigste Fenster zum Glauben geworden ist - oft leichter zu öffnen als das Fenster des gepredigten Wortes.

Gesungene Liebeserklärung
Die Freude, von der Johann Franck, der Dichter dieses Liedes singt, diese Freude hat einen Namen: „Jesus“. Um eine Freude also geht es hier, die nicht unserem eigenen Ich mit seinen Stimmungen oder Leistungen entspringt, sondern einer Beziehung, der Beziehung des glaubenden Menschen
zu Jesus, dem guten Hirte, der uns auf frischer Weide führt,
zu Jesus, der uns liebt wie ein Bräutigam seine Braut,
zu Jesus, der sich für uns opfert als Gottes Lamm.
Eine gesungene Liebeserklärung an Jesus ist diese erste Strophe - darin ganz dem Hohenlied nachempfunden. Ganz gedichtet im Stil eines Minnegesanges. Und dabei Gedanken des 73. Psalms aufnehmend: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den Herrn.“ Zu Gott halten, in Beziehung zu Jesus leben, das macht unseren Glauben aus. Solch ein Glaube macht Freude! Und solch eine Freude setzt ungeahnte Kräfte frei.

„Unter deinem Schirmen“
In der zweiten Strophe klangen wieder Psalmworte an: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“ Noch einmal gebetete Worte des Vertrauens. Glaubensfreude, die sich einer unerschütterlichen Beziehung zu Gott verdankt.
Doch unvermittelt schlägt die Gebetsanrede um in eine Art Bekenntnis. Bei allem Ansturm von Feinden, bei allem Aufruhr der Elemente, angesichts aller Abgründe der Hölle und trotz aller Schrecken legt der Beter ein Bekenntnis seines Glaubens ab: „Mir steht Jesus bei...Jesus will mich decken.“ Mitten im Toben der Welt spricht er diese Worte: „Ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh.“ Das ist ein trotziges Singen. Ein Ansingen gegen alle Mächte des Todes, wie das dreimalige „Trotz“ in der dritten Strophe zeigt. Ein Ansingen heraus aus einer Ruhe, die der Beter nicht seiner guten Psyche verdankt, sondern allein der Macht Gottes, die „Erd und Abgrund“ Schweigen gebietet.

"Im Singen werden wir verbunden mit Gott, wie er sich uns in Jesus gezeigt hat. Im Singen öffnen wir uns für ihn und für das, was er uns getan hat."

Ansingen gegen drohende Mächte, die uns eigentlich den Mund stopfen müssten, singen mit einem fröhlichen „Trotz“ auf den Lippen, wie soll das gelingen? Die Antwort auf diese Frage liegt im ersten Wort unseres Liedes, das all unserem Singen seine Ausrichtung gibt: „Jesus!“ Mit unserem Singen sind wir nicht allein. Im Singen bleiben wir nicht bei uns. Im Singen werden wir verbunden mit Gott, wie er sich uns in Jesus gezeigt hat. Im Singen öffnen wir uns für ihn und für das, was er uns getan hat. Im Singen öffnen wir uns für Gott, der uns in Jesus Christus durchs Leben begleitet und der uns und dieser Welt in Jesus Christus Heil schenkt.

„Weg mit allen Schätzen“
Dem dreimaligen „Trotz“ in der dritten Strophe entspricht das zweimalige „Weg!“ in der vierten. Ganz intensiv erklingt diese Absage an irdische Schätze und weltliche Ehren, deren Vergänglichkeit wir täglich erfahren können. Der Abwendung von irdischen Verlockungen entspricht die Hinwendung zu Jesus, der besungen wird wie ein Objekt glühender Liebe: „Mein Ergötzen! Meine Lust!“ Ja, Glaube hat auch seine erotischen Seiten. Alle, die sich in der Kirchenmusik auskennen, können davon ein Lied singen.

Wie es mit der Lust ist, das wissen wir aus Beziehungen zu anderen Menschen. Die Lust an einem Menschen duldet keine Nebenbuhler. So auch in der Beziehung zu Jesus: „Ihr eitlen Ehren, ich mag euch nicht hören, bleibt mir unbewusst!“ Darum wird dann auch in der fünften Strophe allem weltlichen Wesen „gute Nacht“ gesagt. Darum kann sich dann in der sechsten Strophe das glaubende Ich ganz auf die Gemeinschaft mit Jesus freuen und jubeln: „Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein.“ Er tritt herein wie ein Bräutigam zur Hochzeitsnacht. Ja, so innig ist die Liebesbeziehung zu Jesus. Damit erreicht dieses Liebeslied seinen Höhepunkt.

"Sollten wir uns von solcher Lust in unserer Jesusbeziehung nicht stärker anstecken lassen? Hätte dann unser Glaube nicht größere Ausstrahlung auf andere Menschen? Und brauchen wir für die Beschreibung solcher Glaubenslust nicht gerade die Musik?"

Nichts, wirklich nichts soll sich zwischen uns und Jesus stellen. Sollten wir uns von solcher Lust in unserer Jesusbeziehung nicht stärker anstecken lassen? Hätte dann unser Glaube nicht größere Ausstrahlung auf andere Menschen? Und brauchen wir für die Beschreibung solcher Glaubenslust nicht gerade die Musik? Denn von mancher Lust lässt sich leichter singen als sagen. „Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst gläubet, der kanns nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen..., dass es andere auch hören und herzukommen...Solches Singen vertreibt den Teufel und macht die Leute fröhlich.“ Mit diesen Worten erinnert Martin Luther nachhaltig daran, dass eine singende Kirche immer eine Kirche sein wird, die sich des durch Jesus Christus gewirkten Heils erinnert und daraus Freude und Glaubenslust schöpft. Nicht nur die Reformation der Kirche damals begann mit dem Singen, sondern auch die Erneuerung der Kirchen heute und das Wirken der Kirchen hinein in diese Welt beginnt mit unserem fröhlichen und lustvollen Singen. „Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu, meine Freude.“

Amen.