Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesus Sirach 18,17

Herma Brandenburger (rk)

06.02.2011 im Deutschlandradio

religiöse Sendereihe Feiertag

"Ein Wort ist wichtiger als eine große Gabe"

„Im Anfang war das Wort“ heißt es im Johannes-Evangelium, „und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.“ (Jh 1,1). Und Jesus Christus ist – nach christlichem Verständnis -  das menschgewordene Wort, der Wortschatz Gottes. Vor annähernd 2000 Jahren kam Er in diese Welt,  um sie für das  Wort zu sensibilisieren.  Jesus redete einfach und unmissverständlich. Er nannte beim Namen, was sonst niemand auszusprechen gewagt hat. Zu seiner Zeit war Er sicher eines der einfühlsamsten Wesen, das man sich denken kann. Nirgendwo im Neuen Testament ist die Rede davon, dass Er zielsicher auf jemanden zuging und meinte: „Ich weiß doch, was dir fehlt!“ Auch wenn es offensichtlich war, woran ein Gelähmter oder ein Blinder litt, fragte Jesus  behutsam: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“. Wer als so Angesprochener seinen Mangel formulieren kann, ist dadurch schon mit einem ersten Schritt auf dem Weg der Besserung.

Um die Bedeutung eines passenden   Wortes wusste  auch der biblische Weisheitslehrer Jesus Sirach aus dem Alten Testament, indem er erkannte, dass ein Wort  wichtiger sein kann, als eine kostspielige Gabe (vgl Sir 18,17).

 

Für alle Kreatur, besonders aber für den Menschen ist es von Bedeutung, Ansprache zu finden. Erst dann empfindet sich jemand als wertvoll und von Bedeutung. Andernfalls ist es, als wäre man Luft. Umgekehrt gilt dasselbe. Wer mit niemandem ins Gespräch kommt, wer nie ein paar Worte mit anderen wechselt, der öffnet keine „Herzenstüren“.

 

Dass auch Gott ansprechbar ist und selber den Menschen etwas zu sagen hat, dafür wollte Jesus den Menschen die Augen öffnen, als er sie ermutigte, zutraulich wie ein Kind zum „Vater im Himmel“ zu sprechen.

Als Gott  uns „nach seinem Bild und Gleichnis“ schuf, hat Er jeden mit den unterschiedlichsten Gaben ausgestattet. Eine dieser Gaben ist die menschliche Sprache, damit wir, über stumme Gesten hinaus, verstanden werden und einander verstehen können. Ob man jedoch für sein Gegenüber anerkennende Worte findet, oder nur geringschätzige Bemerkungen übrig hat, liegt ganz im eigenen Ermessen. Wem Worte einfach so „herausrutschen“, weil er sich angeblich „nichts dabei gedacht“ hat, dem kommen sie dennoch aus tiefstem Herzen und entsprechen einem – vielleicht schon lang gehegten – Bedürfnis, mal so richtig Dampf abzulassen. Eine, als Wiedergutmachung hinterher geschickte „große Gabe“ macht böse Worte keineswegs ungesagt. Mit der Verletzlichkeit der  Menschen verhält es sich nicht immer gleich; was der eine wegsteckt wie nichts, zieht einem anderen womöglich den Boden unter den Füßen weg.

 

Am Beginn unserer Entwicklung kennen wir nur einzelne Worte. Wir lernen schnell, was womit bezeichnet wird,  wie wir erreichen, wonach es uns verlangt, und was wir unter keinen Umständen haben oder sein wollen. Und wie ganz nebenbei verinnerlichen wir den Wertekanon, den uns Eltern und Erzieher  vorleben. Gut und Böse lässt sich alsbald auseinanderhalten, und es gehört zur Freiheit eines vernunftbegabten Geschöpfes, dass es sich für das eine oder für das andere entscheidet in seiner  Ausdrucksform, seiner  Wortwahl und seinen Sprachgewohnheiten.

Alles zusammen ist das Produkt einer kultivierten Sozialisation. Mit anderen Worten: Richtiges Sprechen und eine angemessene Ausdrucksweise muss gelehrt und gelernt werden. Wer in der menschlichen Gemeinschaft ankommen will, braucht für seine Rede natürlich auch das passende Taktgefühl.  Mit keinem noch so wertvollen Geschenk könnte er wettmachen, was er mit unpassendem Gerede verdorben hat.

Nicht  zu unterschätzen ist auch das schuldiggebliebene Wort, durch das vielleicht eine Situation oder sogar ein Mensch  hätte gerettet werden können,  Gleichgültigkeit oder ein Mangel an Mut verschließen einem leider oft den Mund. Andererseits kann jedes gegebene Wort, das nicht gehalten wurde, eine Tragödie auslösen; ein gebrochenes Wort hat die Macht, auch ein Herz zu brechen.

 

Bei allem Respekt vor einem offenen Wort, darf man jedoch nie das rechte Verhältnis von Nähe und Distanz außer acht lassen. Ein Gespür dafür, wieviel Nähe das Gegenüber verträgt, und ab wann man ihm zu nahe tritt, ist unabdingbar. Wenn jemand zu weit gegangen ist und den individuellen Schutzraum eines anderen verletzt hat, dann nützen hinterher Klagen wie  „ich hab's doch nur gut gemeint“ auch nichts mehr. Am besten fragt man sich zunächst selbst, wie es um die eigenen ehrlichen Absichten bestellt ist, bevor man seine Meinung kundtut. Wer schlagfertig ist, legt es gern darauf an, anderen die Sprache zu verschlagen. Allein in der Sprache lässt sich eine Menge Gewalt verstecken.

 

„Sage nicht immer, was du weißt, aber wisse immer, was du sagst“ hat mir eine Lehrerin ins Poesiealbum geschrieben. Beileibe nicht immer  gelingt es mir, diesen Rat zu befolgen. Worte können wie tödliche Waffen sein;   dem man sie „an den Kopf geworfen“ hat, trägt  vielleicht eine unheilbare Wunde davon.

Die zur Zeit der Nazidiktatur verfolgte Dichterin Hilde Domin hat erfahren, dass ein Messer unter Umständen eine geringere Bedrohung darstellt, als so manches, ausgesprochene Wort:

Das eigene Wort,

wer holt es zurück,

das lebendige

eben noch ungesprochene

Wort?

                                                                   

                                                                                                            

Gute wie böse Worte haben die Eigenschaft, in der Erinnerung lange nachzuklingen. Ist es doch ungleich schwerer, hilfreiche und heilende Worte zu finden, als das sprichwörtliche Süßholz zu raspeln. Mancher Familienkrieg, der mehrere Generationen überdauerte, nahm einmal durch gehässige Worte seinen Lauf. Mehr noch als sein Geld muss man  seine Zunge hüten, denn ein loses Mundwerk  stößt  Worte gleich Wurfgeschossen hervor. 

„Wo das Wort vorbeifliegt

verdorren die Gräser,

werden die Blätter gelb,

fällt Schnee.

Ein Vogel käme dir wieder.

Nicht dein Wort,

das eben noch ungesagte,

in deinen Mund.

Du schickst andere Worte

hinterdrein,

Worte mit bunten, weichen Federn.

Das Wort ist schneller,

das schwarze Wort.

Es kommt immer an,

es hört nicht auf,

anzukommen.“

 

Lieber ein Messer als ein Wort.

Ein Messer kann stumpf sein.

Ein Messer trifft oft

am Herzen vorbei.

Nicht das Wort.*

*Hilde Domin in: „Rückkehr der Schiffe“, S.Fischer-Vlg Ffm, 1962, Seite 19

Mag sein, dass man nach einem verbalen Frontalangriff manchmal nicht mehr weiss,  welchen Wert die eigene Existenz überhaupt noch hat. Zumal, wenn man sich von dem Menschen abgelehnt fühlt, von dem man am meisten geliebt werden möchte. Da sollte man nicht vergessen, dass man im Endeffekt nur Gott allein Rechenschaft schuldig ist.

Jeder, der Ohren dafür hat, kann die Sprache des Schöpfers wahrnehmen als eine Sprache der Liebe. Sie erkennt die Schwachstellen des Gegenübers, ohne sich  darüber  lustig zu machen. Statt bloßzustellen, deckt die Sprache der Liebe mit dem Mantel der Barmherzigkeit zu. Ist aber die Zurechtweisung eines Menschen nicht zu umgehen, so lautet ein guter Rat Jesu im Matthäus-Evangelium, einen Konflikt nicht an die große Glocke zu hängen, sondern zu versuchen, ihn unter vier Augen abzumachen (Mt 18,15). Erbarmen sollte immer  über   Genugtuung stehen. 

Ansprache zu finden, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Ein äthiopisches Sprichwort lautet: „Das Wort, das dir weiterhilft, kannst du dir nicht selber sagen.“ Jeder Mensch braucht jemanden, der ihm ermöglicht, sich selbst zu erkennen. Wir sind auf gegenseitigen Austausch  angewiesen. Ein passendes Wort zur rechten Zeit ist wie ein Licht, das die Dunkelheit aufhellt. Sich im Dunkeln orientieren zu wollen, ist nur schwer möglich. Der mittlerweile verstorbene Maler und Kinderbuchautor Leo Lionni (1910-1999), der 1939 in die USA emigrieren musste, begeisterte bereits mehrere Generationen  mit  einem sehr gelungenen Bilderbuch voller Lebensweisheit, das er  Frederick genannt hat:

 

Frederick ist eine Maus. Zusammen mit „einer Familie  schwatzhafter Feldmäuse“ wohnt Frederick „nahe bei Scheuer und Kornspeicher“. Der Winter naht mit Dunkelheit und Kälte. Damit sie nicht verhungern, sammeln die Mäuse eifrig „Körner und Nüsse, Weizen und Stroh“. „Alle – bis auf Frederick. Er sammelt Sonnenstrahlen, Farben und Wörter – das sind seine Vorräte für die kalten, grauen und langen Wintertage.“ Als lange vor Winterende die mühsam zusammengetragenen Vorräte aufgebraucht sind, alle vor  Kälte  zittern und keiner mehr reden mag, spricht  Frederick auf einmal zu ihnen: „Macht die Augen zu“ und klettert auf einen großen Stein. „Jetzt schicke ich euch die Sonnenstrahlen. Fühlt ihr schon, wie warm sie sind? Warm, schön und golden?“ Und während Frederick so von der Sonne erzählt, wird den  kleinen Mäusen schon viel wärmer. Ob das Fredericks Stimme gemacht hatte? Oder war es ein Zauber?... Und als er von blauen Kornblumen und roten Mohnblumen im gelben Kornfeld und von grünen Blättern am Beerenbusch erzählte, da sahen sie die Farben so klar und deutlich vor sich, als wären sie aufgemalt in ihren kleinen Mäuseköpfen. Und als er sie  auch noch  mit selbstverfassten Versen über das herrliche Mäuseleben überrascht, vergessen seine kleinen Artgenossen vorübergehend ihren Hunger und die Kälte. Fröhlich rufen sie ihm zu: „Frederick  du bist ja ein Dichter!“ Und dieser antwortet bescheiden: „Ich weiß es, ihr lieben Mäusegesichter!“

 

(Leo Lionni, FREDERICK, Deutsche Erstausgabe beim Beltz-Verlag, 1967/2003,  aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt von Günter Bruno Fuchs. (Nacherzählt von der Autorin)

 

Auch der Mensch lebt „nicht vom Brot allein“. Hunger und Durst lassen sich  durch anheimelnde Erzählungen nicht aus der Welt schaffen, aber leichter ertragen. Wenn die eigene Sprache verstummt, hören sich Worte eines mitfühlenden Wesens  wie wärmende Sonnenstrahlen an.

Mit der kleinen Feldmaus Frederick wollte sein Schöpfer, der selbst Not am eigenen Leib erfahren hat, aufzeigen, wie aufmunternder Zuspruch Poesie in einen düsteren Alltag bringt. Dichter sind seit jeher Gottes Erfüllungsgehilfen. Zu ihren Worten nimmt man gerne Zuflucht. Wenn sich einem das Leben nur noch in Grautönen präsentiert, und Schwarzseher die Zukunftsaussichten verdunkeln, braucht es notwendig jemanden, der wieder Farbe ins Leben bringt. Was immer schon Aufgabe von Künstlern war, in aussichtslosen Situationen Hoffnungen zu konzipieren, ist Leo Lionni hier gelungen.

Annähernd zur gleichen Zeit, als Lionni seine Heimat verlassen musste, schrieb der Dichter Reinhold Schneider sein Sonett „Allein den Betern“, dessen vervielfältigter Text unter  vielen Soldaten des 2. Weltkrieges  als wertvolle Trostworte kursierten.

 

„Allein den Betern kann es noch gelingen,

das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten

und diese  Welt den richtenden Gewalten

durch ein geheiligt Leben abzuringen.......

Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt

und in den Tiefen, die kein Aug entschleiert,

die trocknen Brunnen sich mit Leben füllen.“ *

 *Reinhold Schneider: Gedichte, Suhrkamp-TaBu, Ffm, 1987, Seite 54.

 

 

Wie ergeht es aber einem Menschen, der weder in einem Freundes- noch im Familienkreis geborgen und aufgehoben ist, wo einer  für alle da ist und alle für einen? Dann muss man sich zur Not selbst gut zureden und Mut machen. Es ist nichts Absonderliches dabei, Selbstgespräche zu führen, zumal deren  therapeutischer Effekt längst erwiesen ist. Kleine Kinder beherrschen diese Technik noch beneidenswert gut, und es wäre völlig falsch, sie ihnen auszureden, oder sie deswegen zu verspotten. Das Wort liebevoll an sich selbst zu richten, funktioniert tatsächlich. Wenn man sich selbst wohlwollend zuredet, beruhigen sich Nerven und Blutdruck. Das habe ich bei mir selbst festgestellt.

Denselben Effekt hat auch ein Gebet.  Auch wenn Gott  nicht hörbar antwortet, so glaube ich doch daran, dass ich nie ins Leere spreche. Oft schon hat ER sich eines Menschen bedient, der mir gerade im rechten Moment das passende Wort gesagt hat,  das  ich dringend nötig hatte.

Der biblische Weisheitslehrer Jesus Sirach  aus dem Alten Testament rät übrigens: „Wenn du betest, so mache nicht viele Worte“ (Sir 7,15). Diesen Rat gibt auch Jesus bei der Einführung zum Vaterunser (Mt 6,7). Mir tut es jedoch ganz gut, auch Gott gegenüber hin und wieder ausführlich zu werden. Umso deutlicher spüre ich, dass mir mein Beten hilft, worunter ich keineswegs nur die Erfüllung meiner Wünsche verstehe.

Ein weiteres Vermächtnis Jesu' ist wert, dass man es sich zu Herzen nimmt: „Euer Ja sei ein Ja, und euer Nein sei ein Nein“ (Mt 5,37) sagt der Mann aus Nazareth. Es ist die Aufforderung, sich immerdar eindeutig auszudrücken, damit man keine Zweifel sät, und nicht falsch verstanden wird. Zu einem gelingenden Zwiegespräch gehört überdies, dass man auch Zeiten des Schweigens und des Zuhörens erträgt.