Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesus Sirach 25,14-15

Pfarrer Kurt B. Flückiger

03.01.2004 in der Johanneskirche Bischofszell

Zur Trauerfeier für Herrn Dr. med. Herbert Z.-S.

Liebe Trauerfamilie Z.-S., Liebe Trauergemeinde,

ist es verwunderlich, dass der nochmalige Arzt seinen damaligen Konfirmandenspruch für den heutigen Abschiedsgottesdienst gewählt hat? Wer den lieben Verstorbenen nicht nur als Mensch kennen und schätzen gelernt hat, sondern auch als Arzt und Partner im interdisziplinären Gespräch stößt mit dieser wegweisenden Einsicht aus der biblischen Weisheitsliteratur auf die Quelle seines Selbstverständnisses, seiner Umgangsweise mit den Mitmenschen und seiner Einschätzung unserer im schnellen Wandel befindenden Gesellschaft: die Furcht Gottes. Für viele heutige Zeitgenossen ist sie beinahe unzumutbar, weil sie sie im Dunstkreis des Über-Ichs Freudscher Prägung verweisen, nicht mehr nachvollziehbar für einen aufgeklärten emanzipierten Menschen. Dr. Z. hat sich aber (in der damaligen Diskussion im Vorfeld einer Volksabstimmung über den Schwangerschafts-Abbruch) klärend um Differenzierung bemüht (in seinem Referat „Der künstliche Abort als medizinisch-theologisches Problem“, das er zuerst in der Arbeitsgemeinschaft „Arzt und Seelsorger" gegründet von ihm, Prof. Kuhn, damaligem Chefarzt der psychiatrischen Klinik Münsterlingen und mir als Leiter der evangelisch-kirchlichen Erwachsenenbildung im Thurgau), in den 70er Jahren gehalten hat. Als Antipode zu einer Freigabe des virtuellen Abortes griff er auf den Begriff der „Ehr-Furcht vor dem Leben“ zurück, den der bereits erwähnte Theologe und Arzt Dr. Albert Schweitzer schon lange ins Gespräch einbrachte und als legendärer Urwalddoktor vorbildlich in seiner Arbeit umsetzte. Und doch ließ er dieses Leitwort nicht ungeschmälert stehen, sondern griff gerne auf eine entscheidende Erweiterung und Vertiefung zurück. Dem Basler Philosophieprofessor und frühere Seminardirektor in Kreuzlingen, Paul Häberlin, verdankte er sie. Nicht nur Ehrfurcht vor dem Leben sei geboten, nein mehr: Ehrfurcht vor dem Geber des Lebens, dem Schöpfer." Wir können noch so begeistert sein über die Wunder der Natur und sie in Kunst und Literatur verherrlichen, sie bleibt doch dem Schöpfer reserviert. Ehrfurcht auch vor dem schöpferischen Menschen, obwohl das uns hie und da schwer fällt."

Daraus gilt es doch Konsequenzen nicht nur für die ärztliche Ethik zu ziehen. Zuerst im Selbstverständnis, so hat sich Dr. Z. nie angemaßt, als „Halbgott in Weiß" aufzutreten und eine entsprechende Aura um sich zu verbreiten, wie gewisse Lehrer in Berlin, z.B. Prof. Sauerbruch an der Charité", oder Prof. Löffler an der Uni Zürich oder jener Chefarzt in St. Gallen, der sogar noch im privaten Bereich seiner Assistenzärzte Schicksal spielen wollte. Als leuchtendes Beispiel des Verzichtes auf jede Anmaßung göttlicher Insignien oder Privilegien wird uns Jesus von den Evangelien vor Augen gestellt und hilft uns mit seiner Botschaft zur Selbstbeschränkung zu finden. Exemplifiziert haben dies auch die „Reports des Club of Rome", schon den ersten mit dem alarmierenden Titel „Grenzen des Wachstums" der modernen Produktions- und Konsumgesellschaft. Daraus entnahm Dr. Z. besondere Hinweise auf, z. B. die bedrohliche Bevölkerungsexplosion, gegen die nur eine verantwortliche Elternschaft wie auch eine soziale Verantwortung der Gesellschaft ankommen könne.

Zur gleichen Zeit wies der Basler Chemieprofessor Max Thürkauf in seiner stark beachteten Publikation („König Nobels Hofstaat“) auf eine bedrohliche Entwicklung im wissenschaftlich- technologischen Betrieb hin: einerseits eine explosionsartige Erweiterung des Wissens- mit einer zunehmenden Dominanz der physikalisch-chemischen analytischen Denkweise und der daraus sich ergebenden Hightech-Anwendung wie auch der pharmakologischen Therapien. Andererseits werde die Weisheit immer rudimentärer. Das offensichtliche Indiz dafür sei der Verlust des Maßes, verursacht durch den technologischen und ökonomischen lmperativ. Aus der Ehrfurcht vor Gott als dem Geber des Lebens wächst aber die Bereitschaft nach dem Willen Gottes zu fragen, betont Dr. Z.. Denn der Wille Gottes möchte uns für die Gerechtigkeit, die Bewahrung der Schöpfung und eine faire Konfliktbewältigung, für den Frieden gewinnen. Daraus wächst auch die Kraft zum Widerstand gegen den technischen und ökonomischen Imperativ, indem der kategorische Imperativ im Sinne Kants erstrangig immer wieder eingebracht wird. Dass es aber ihnen als Ärzte-Paar nicht an dieser Weisheit mangelte, zeigte augenfällig die Praxisausstattung und ihre ärztliche Umgangsweise mit uns Patienten, getragen von der Ehrfurcht vor Gott und dem leidenden Menschen. Sie wiesen durch diese Praxis den technologischen Imperativ wie auch den ökonomischen in die Schranken, auch wenn sie und gerade wegen ihr der medizinischen Weiterbildung über Jahre hinweg alle Aufmerksamkeit schenkten. Als Bezirksarzt – während nahezu 30 Jahren – eine zusätzliche oft strapazierende Belastung - leistete er unzähligen Opfern des Straßenverkehrs, den Familien von psychisch Kranken mehr als nur ärztlichen Beistand.

Wer in der Ehrfurcht vor Gott lebt und arbeitet, so sagt es der biblische Weisheitsspruch, „über den ist niemand" also der Gotteskomplex wird an der Wurzel angepackt – ich muss Gott dem Schöpfer nicht den Rang ablaufen, aber mich auch nicht hinreißen lassen zu einem verbissenen Kampf um das Leben und seine Verlängerung mit allen Mitteln und um jeden Preis.

Aber dann auch einwilligen ins Sterben, wenn die Kräfte spürbar abnehmen, Lebensmut und -wille schwinden, wie wir es vorher gesungen haben. (RGB 753, 6.7.) und die seelischen, geistigen und geistlichen Kräfte hör- und sichtbar nachlassen Gott, der Schöpfer und Herr des Lebens, wir seine Haushalter der mannigfaltigen Gaben, er der Vollender von uns unvollkommenen Geschöpfen.

Amen.