Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Jesus Sirach 6,1-4

Barbara Dorothea Joos (ev)

19.06.2011 in der Evangelischen Kirche in Zell am Harmersbach

Trinitatisgottesdienst

Die Gnade unseres HERRN Jesus Christus und die Liebe GOTTes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Trinitatis – Dreieinigkeit – Dreifaltigkeit – GOTT Vater Sohn Heiliger Geist. GOTT, der thront auf unseren Lobgesängen – die Mutterhände GOTTes, die uns halten – der gute Hirte Jesus, dessen Stecken und Stab uns sicher durchs dunkle Tal führt – die göttliche Ruach, Geistkraft GOTTes, die uns führt und anleitet, stärkt und lebendig hält – höchstes Wesen wesenlos göttlicher Energie, die durch alles fließt, alles miteinander verwebt, alles erschafft, am Leben hält und in deren Ewigkeit alles Leben zurückfließt.

GOTTesbilder! Der Trinitatis-GOTTesdienst ist wie kein anderer GOTTesdienst dazu prädestiniert über unsere GOTTesbilde, über GOTT zu philosophieren – über den dreieinen vielfältigen GOTT nachzudenken. Da hilft auch nicht, wenn in den 10 Geboten gefordert wird, dass wir uns kein GOTTesbild machen sollen. Denn sobald wir über GOTT nachdenken oder reden, zu GOTT beten, uns für oder gegen den dreifaltigen GOTT entscheiden – genau dann haben wir uns schon ein GOTTes-Bild gemacht. Das ist auch ganz in Ordnung so – man muss das einfach wissen. Ich denke, das Bildnisverbot hat GOTT allein deshalb aufgestellt, damit wir IHN/SIE/ES nicht fest einmauern zwischen irgendwelchen Kirchenmauern – oder gar noch schlimmer, uns selbst auf einen Sockel stellen – mit anderen Worten, damit wir keine falschen Götzen entwerfen und dann auch noch anbeten.

Und darum ist dieser Sonntag so wichtig – der Sonntag, an dem nicht nur ein bestimmter Aspekt, eine einzige Erscheinungsform GOTTes im Mittelpunkt steht – sondern gleich mindestens drei. Und das spiegeln auch alle Bibeltexte dieses Trinitatis-GOTTesdienst wieder, die wir bisher hörten: Jesaja erzählt von dem allmächtigen SchöpferGOTT auf dem Thron, dem die Serafim-Engel lobsingen (Jes 6,1-4), ein uraltes Bild für GOTT als dem einzig wahren Herrscher dieser Erde – Jesus macht sich im Evangelium (Lk 7,31-35) darüber lustig, wie Menschen nie mit GOTT zufrieden sind, weil der unfassbare GOTT ihrem ganz persönlichen Bild von GOTT halt nicht entsprechen will – und Paulus rühmt die Weisheit GOTTes, die für Menschen schlicht und einfach völlig unverständlich bleibt (Röm 11,33-36). Und so erzählen uns alle Dreifaltigkeits-Texte zwei zentrale Botschaften GOTTes:

GOTT ist ganz anders! Und:

GOTT ist ganz nah!

Von den 9 vorgeschlagenen Texten für den Trinitatissonntag habe ich mich für die Frohe Botschaft aus dem alttestamentlichen Buch Jesus Sirach entschieden.

Weil hier zum einen beide Botschaften ineinander verwoben sind - und zum anderen Jesus im heutigen Evangelium selbst darauf Bezug genommen hat.

Über das sogenannte ‚Jesus Sirach’ Buch der Bibel, denke ich, sind ein paar Worte angebracht. Vielleicht schauen Sie zu Hause ja mal in Ihre Bibel – je nachdem, welche Ausgabe Sie haben, finden Sie diesen Bibelteil entweder im Alten Testament (AT) – oder gar nicht. ‚Jesus Sirach’ (Sirach) ist im 2. Jahrhundert vor Christi Geburt in Hebräisch aufgeschrieben worden – dann aber sehr bald ins Griechische übersetzt worden, der damaligen Weltsprache, in der es dann auch verkündet und verbreitet wurde. Darum findet sich Sirach im griechischen AT, der sogenannten Septuaginta – aber nicht im Tanach, der hebräischen Bibel. Als Luther die Bibel übersetzte, nahm er das hebräische AT – und deshalb ist Sirach nicht in der Lutherbibel, aber z.B. in der katholischen Einheitsübersetzung zu finden. Auch für unsere orthodoxen Glaubensgeschwister ist übrigens Sirach ein ganz normaler Teil des AT. Wenn Sie allerdings eine Lutherbibel mit den sogenannten Apokryphen Ihr eigen nennen, dann finden Sie den Sirach zum Nachlesen dort auch in der Lutherübersetzung.

Womit wir bei dem nächsten Punkt wären, den ich vor der Verkündigung unseres heutigen Predigttextes noch ansprechen möchte: die Übersetzung. Schon wenn jemand Bibeltexte übersetzt, wandert dort sein/ihr GOTTesbild ganz unbewußt mit hinein. Deshalb stehen in der Bibelübersetzung ‚Bibel in gerechter Sprache’ über jeder Seite eine Auswahl von unterschiedlichsten GOTTes-Namen, oder besser gesagt GOTTes-Bilder-Bezeichnungen. Im Bibeltext selber ist immer markiert, wenn ein Name GOTTes verwendet wurde – und jede und jeder kann diesen nach Belieben, durch den persönlichen Favoriten ersetzen. Ich finde das eine geniale Lösung. Denn nur so entgehe ich der, ich gebe zu bequemen Falle, eine einzige Bezeichnung für GOTT zu wählen und mir so ganz unbemerkt ein festes Bild zu machen. Wenn ich zum Beispiel GOTT immer nur ‚ER’ nenne – dann setzt sich automatisch ein männliches GOTTesbild in meinem Denken fest. Obwohl GOTT ja weder männlich noch weiblich ist – oder? Oder vielleicht ist GOTT ja beides, denn wir sind ja geschaffen nach seinem und ihrem Bilde, als Mann und Frau? Ja, wer weiß?

Und deshalb hört ihr heute, am Sonntag Trinitatis, an dem die vielen heiligen Namen GOTTes gefeiert und gepriesen werden – hört ihr heute Verse aus dem 1. Kapitels des Bibelbuches Jesus Sirach, nach der Übersetzung der ‚Bibel in gerechter Sprache’ und mit vielen Namens-Variationen dessen, der drei in eins ist, dem dreieinen vielfältigen GOTT.

Alle Weisheit kommt von GOTT und bei IHR ist sie für immer. Die Sandkörner am Strand, die Tropfen des Regens und die Tage aller Zeiten – wer kann sie zählen?
Die Höhe des Himmels, die Breite der Erde und die Tiefe des Meeres – wer kann sie ergründen?
Und wer kann GOTTES Weisheit erfassen, die doch allem vorausgeht? Früher als alles ist des ALLMÄCHTIGEN Weisheit, und die HÖCHSTE gibt die Erkenntnis von Ewigkeit her.
Die Wurzel der Weisheit – wem sonst wurde sie enthüllt?
Und des HEILIGEN geheime Pläne – wer begreift sie?
Nur EINE ist wirklich weise, sehr zu ehren und zu achten: ER sitzt auf dem himmlischen Thron. Die EWIGE selbst hat die Weisheit hervorgebracht. ER sah sie, zählte sie und goss sie aus über all seine Werke. Bei allen Menschen findet sie sich, besonders reichlich bei denen, die GOTT lieben.
Ja, die Liebe zu GOTT ist herrliche Weisheit.
(Jesus Sirach 1,1-10)

GOTT ist ganz anders.

Vielleicht kam euch dieser Bibeltext gerade auch anders vor – mit so vielen unterschiedlichen Bezeichnungen für den Einen, Höchsten, Heiligsten Namen. Es ist eine der vielen möglichen Übersetzungen. Ich finde einfach, es ist eine sehr passende – weil davon erzählt wird, dass wir GOTT eben nicht kennen. Es ist für einen Menschen nicht zu begreifen, wer GOTT ist, was SIE geschaffen hat, warum ER das eine zulässt und das andere tut. O welch eine Tiefe der Erkenntnis und des Reichtums der Weisheit GOTTes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! Hat jemals ein ´Mensch` die Gedanken GOTTES ergründet?

GOTT ist ganz anders als ich mir das ausmale – und auch ganz anders als ich mir das wünsche. Es ist schon so, wie Jesus in dem Evangelium von vorhin den Spiegel vorhält: an einem Tag bestaune ich die Wunder der Schöpfung: den Duft der Blumen, die Wärme der Sonne und das Gefühl des Wassers auf meiner Haut - oder ich erfreue mich an der großen Freiheit der Menschen, die einen Bach und Mozart göttliche Musik schaffen oder uns Kathedralen erbauen und das Weltall erobern lässt.
Und am nächsten Tag werfe ich GOTT mein Warum entgegen, angesichts von Tsunamis, Krankheit oder plötzlichem Tod, also der belastenden Seite der Schöpfung – oder ich bejammere den Missbrauch der großartigen menschlichen Freiheit durch Gewalt, Umweltzerstörung oder Geldgier.

Ja, GOTT hat es schon schwer, es mir recht zu machen. Und vielleicht schafft SIE es ja auch niemals, gerade weil ich es gar nicht begreife, warum etwas ist, wie es ist.
Ja, vielleicht ist ja gerade das meine allzumenschliche Schwäche, die die Bibel Sünde nennt: dass es mir nicht gelingen will, den Willen GOTTes geschehen zu lassen oder gar zu tun? Vielleicht zweifle ich darum immer wieder an diesem GOTT, der so unfassbar anders ist? Ja, wer weiß?

Und Jesus antwortet meiner Zwiespältigkeit und meinem Zweifel und spricht:
wie Recht die Weisheit GOTTes hat, zeigt sich denen, die GOTT lieben.

GOTT kommt und ist ganz anders. GOTT kommt uns ganz nah – durch-kreuzt all unsere ach so scheinbar weisen Argumente und logischen Einwände. GOTT kommt und lebt konsequent Liebe – ohne menschliches wenn und aber – bis hinein in Schmerz und Sterben. Umarmt unser menschliches Sein mit am Kreuz ausgebreiteten Armen und nimmt uns mit, hindurch durch alles menschliche Er-Leid-en und begrenztes Leben.

Am Kreuz durchkreuzt GOTT alle GOTTesbilder und macht aus den Klugen dieser Welt Toren und sich selbst zur GOTTeskraft – und Weisheit, denen, die GOTT lieben.

Ja, der EINE wurde uns zur Weisheit, ausgegossen über aller Schöpfung. Ja, bei allen Menschen findet sie sich, diese göttliche Weisheit. Schau, höre, fühle in dich hinein und du wirst sie entdecken. Wirst z.B. entdecken, diesen Funken der Weisheit GOTTes: Faustrecht ist sinnlos und Gerechtigkeit richtig – Gewalt ist schlecht und Liebe köstlich – Sterben ist falsch und Leben sehr gut.
Und auch die Grenzen, denen sich jeder Mensch stellen muss, werden erkennbar: die Grenze der Belastbarkeit, die Grenze des Begreifens – die Grenze des Lebens.
Und dann, an jener Grenze allen Verstehens und Seins – an dieser Grenze wartet GOTT und kommt dir ganz nah. Es ist eine Frage des Loslassens und des Vertrauens – des Loslassens der eigenen GOTTes-Bilder und des Vertrauens in den EINEN, wahren unbeschreiblichen GOTT.
Die göttliche Weisheit bringt dir nahe die Gerechtigkeit und die Liebe und das Leben. Und der Alltag und die Welt wettern dagegen – machen dir das Glauben schwer. Aber da, an der Grenze wird auch die Begrenztheit von Alltag und Welt sichtbar – und da wartet GOTT auf deine Antwort. Denn die Freiheit eines Christenmenschen, jene gleichermaßen so gefährliche und herrliche Freiheit, die bleibt, bis an jene Grenze der Weisheit.

Und GOTT fragt: Wer weiß?

Wer weiß? Ich glaube: ER weiß! Ich vertraue: SIE bewahrt! Ich verkünde trotz all meinen Zweifeln und Fragen und hinein in alles unverständliche Leid dieser Welt: GOTT ist ganz anders, weil GOTT ist ganz nah.

ER der Einzige – die Dreifaltige – das Heilige– ER ist da. Und spätestens an der Grenze wirst du es sehen und erleben, wie ER alle Grenzen des Verstandes und des Lebens niederreißt für dich. Und es ist herrliche Weisheit nicht darauf zu warten, sondern schon hier und jetzt sich in diese Kraft hineinzubegeben, von der alles kommt, durch die alles besteht und in der alles sein Ziel hat: GOTT.

Der unfassbare, allmächtige GOTT – der dich hält und schützt mit sanften Mutterhänden – die dich führt und unterweist mit unbeugsamer Geistkraft – der dich leben heißt mit leidenschaftlicher Liebe. Denn das ist der Schlüssel dafür, die Grenze schon hier und heute zu überschreiten – ist der Schlüssel fürs Paradies auf Erden und herrliche Weisheit: GOTT wie immer du IHN nennst und mit welchen Worten auch immer du zu IHR sprichst – GOTT lieben. GOTT ganz alltäglich zu lieben.

Und erfüllt von der Weisheit der GOTTesliebhaber und GOTTesliebhaberinnen verlieren die Fragen ihre Schärfe und die Zweifel hindern nicht mehr am Leben. Und das Herz und der Mund werden voll GOTTeslob, das höher ist als alle menschliche Vernunft und das den Frieden bringt, den allein GOTT schenken kann. Denn von ihm und durch ihn und zu ihm ist Alles. GOTT sei Ehre in Ewigkeit!

Halleluja.

Amen