Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Joel 3,1-5

Pfarrerin Heike Bausch (ev)

28.05.2012 in der Maria-Magdalenen-Kirche in Steinau-Marjoß

Pfingsten 2012

 

Textverlesung:

Apostelgeschichte 2,17-21 in der Eingangsliturgie als Schriftlesung

Joel 3,1-5 als Predigttext mit dem Hinweis: „Der Predigttext ist der Auszug aus dem Buch des Propheten Joel, den Petrus zu Pfingsten in Jerusalem seinen Zuhörerinnen und Zuhörern zu Pfingsten in Jerusalem gepredigt hat.“

Liebe Gemeinde!

Ausgelassen und fröhlich ging es zu bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu in Jerusalem. Eben noch im Schockzustand der Trauer um den toten Freund strotzen sie auf einmal vor Übermut und Lebensfreude. Der Verdacht lag nahe, sie seien abgefüllt mit Federweißem! Stimmengewirr von allen Seiten! Jeder redete mit! Jeder redete mit jedem – verbindend, verbindlich-pfingstlich zugewandt!

Petrus war der Erste, der klare Worte fand. Eben noch sprachlos vor Trauer und Ratlosigkeit, lieh er sich jetzt alte Worte aus, um seine Sprachlosigkeit angesichts der Karfreitags-Katastrophe zu überwinden. Sicher, das hatte er auch gehört, dass der Freund am Leben sei. Er glaubte die Himmelfahrt – so, wie man sie glauben kann als der Erde verhafteter Mensch. Aber wie es nun weitergehen sollte mit der Last, die plötzlich auf seinem Leben lag, das wusste Petrus nicht.

Gut, dass er für seine Predigt keine eigenen Worte suchen musste! Gut, dass er – genauso wie wir – Worte seiner Mütter und Väter im Glauben hatte, auf die er zurückgreifen konnte, als das Leben ihn sprachlos machte! Petrus griff weit zurück und lieh sich Worte des Propheten Joel aus:

Sein wird’s in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich von meiner Geistkraft ausgießen auf alle Welt, dass eure Söhne und eure Töchter prophetisch reden, eure jungen Leute Visionen schauen und eure Alten Träume träumen. Auch auf meine Sklaven und auf meine Sklavinnen will ich in jenen Tagen von meiner Geistkraft ausgießen, dass sie prophetisch reden.“

Mit diesen Hoffnungsvisionen des Propheten Joel lockte Petrus seine in Federweißen-Stimmung geratenen Zuhörerinnen und Zuhörer in die Nähe Gottes hinein. Auf seiner Seele lastete der Stein der Trauer um den toten Freund. Aber genau da lebte auch die Hoffnung, dass sich in Gottes Nähe die Tür zu einem freundlichen Leben wieder öffnen könnte. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich glaube, die Hoffnung, die mit Gott in Beziehung steht, kann gar nicht sterben!

Die Predigt des Petrus zu Pfingsten gibt dieser hoffnungsvollen Beziehung zu Gott einen Namen. Sie nennt ihn Gottes Geist – Gottes Heiligen Geist. Wer oder was ist der Heilige Geist?

Zu sehen oder mit den Händen zu greifen ist er nicht – der Geist, der damals die Federweißen-Stimmung unter den Freundinnen und Freunden Jesu ausgelöst hatte. Der Heilige Geist bleibt unbestimmt. Alle Bilder von ihm sind wie ein vorbeischwebender Hauch.

Das muss so sein, denn wenn die Geistkraft Gottes uns verfügbar wäre, dann könnte sie nicht der Geist Gottes, also nicht der Heilige Geist sein. Die Unschärfe und ihre Unverfügbarkeit sind dem göttlichen Geist angemessen. Er gehört nicht zu einem bestimmten Charakterzug. Er gehört nicht zu einem bestimmten menschlichen Gesicht. Er ist nicht für eine bestimmte Altersgruppe zuständig oder die Belohnung für eine bestimmte Lebensleistung.

Der Geist Gottes ist so weit und so vielseitig, wie die Menschen weit und vielseitig und übrigens auch einander unverfügbar sind. Keiner kann über den anderen verfügen so, wie ich über die Verwendung einer Schachtel verfügen kann. Die Geistkraft ist die besondere Art und Weise Gottes, bei einem Menschen und zugleich bei sich selbst zu sein.

Was für die Geistkraft Gottes gilt, das gilt auch für den Geist, der Menschen miteinander verbindet. Kein Mensch geht in einem anderen Menschen auf, auch wenn zwei noch so verliebt ineinander sind. Aber jeder von den beiden hat Anteil am anderen – in distanzierter Nähe. Liebende sind nicht eins, auch wenn sie das manchmal in Federweißen-Stimmung gerne so ausdrücken. Es wäre auch nicht gut, wenn sie sich in ihrer Partnerschaft auf diese Weise einander verfügbar machen würden. Auf lange Sicht gesehen hält das keine Liebe aus – weder die zwischen den Menschen noch die zwischen Gott und den Menschen! „Ein Herz und eine Seele sein“ heißt nicht, in einem konturenlosen Einerlei zu verschwimmen, in dem einer von dem anderen nicht mehr zu unterscheiden ist.

Ein Herz und eine Seele sein“ – diese Charakterisierung einer innigen Freundschaft beschreibt die Nähe, die bei dem anderen genauso ist wie bei sich selbst. Gott ist nahe bei dir, aber zum Glück bist du nicht Gott! Du bist nahe bei Gott, aber zum Glück ist Gott weiter als du dich selber denken und verstehen kannst.

In diese Gottesbeziehung hinein lockte Petrus seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit den Worten, die er sich beim Propheten Joel ausgeliehen hatte. Bei ihm fand er einen scharfen Blick für die bunte Vielfalt der Menschen. Für junge und für alte Leute, für Männer und für Frauen, für die Landarbeiter und für die Hausgehilfinnen, für die in der Führungsspitze und für die am Straßenrand. Mit Joel stellte Petrus fest, dass Gott mit ihnen allen „ein Herz und eine Seele“ ist:

Ich werde meine Geistkraft auf alle Lebenden ausgießen, spricht der Herr.

Sind wir deshalb nun alle gleich? Nein, das sind wir nicht! Vor den Menschen nicht und schon gar nicht vor Gott! Der Prophet Joel lenkt den Blick der Zuhörerinnen und Zuhörer auf die Verschiedenheit der Menschen. Da sind die einen, die ein selbstbestimmtes Leben führen, und die anderen, denen dieses Recht verwehrt wird oder die sich selbst zu Sklavinnen und Sklaven machen. Da sind die einen, die keine Perspektive sehen, und die anderen, die oben auf der Erfolgsleiter angekommen sind. Da sind die einen, die gewohnt sind, den Ton anzugeben und die anderen, die gelernt haben, lieber den Mund zu halten. Da sind die Kühl-Distanzierten und die, die stets zu einer Umarmung bereit sind.

Der liebe Gott hat einen großen Tiergarten!“, sagt eine Volksweisheit. Wir sind nicht alle gleich, und das Pfingstfest will uns auch gar nicht dazu machen – auch wenn es oft zum großen Versteh-Fest deklariert wird, das die Unterschiede zwischen den Menschen verwischt. Jeder mit jedem und alle für einen! Ein so gelebtes Einerlei wird der Würde des Menschen nicht gerecht. Die Geistkraft Gottes ist jedem Menschen in seiner Individualität zugedacht, damit dieser eine Mensch zu sich selber stehen kann. Zu seinen Stärken und zu seinen Verrücktheiten, mit seinen Emotionen und zu seinen unerwünschten Verhaltensweisen.

Ich entdecke immer wieder, wie schwer es uns fällt, mit der Verschiedenheit der Menschen umzugehen. Jeder, der anders tickt als wir selbst, macht uns vorsichtig und lässt uns erst einmal einen Schritt zurückweichen.

Das war deutlich zu spüren im Religionsunterricht einer 10. Klasse. „Damit aus Fremden Freunde werden!“ so lautete unser Thema. Da entstanden insofern eindrucksvolle Gespräche, als wir einen sympathischen, dunkelhäutigen, jungen Mann unter uns hatten, der aus Ghana stammte. Nachdem er ein Referat über sein Land für uns gehalten hatte, redeten wir über das Leben der Menschen in seiner Heimat, über die Sitten und Bräuche, die ihren Alltag prägen.

Wir sprachen zum Beispiel darüber, dass ein Mann, der heiraten möchte, für seine auserwählte Braut dem Brautvater einen sehr hohen Brautpreis zahlen muss. Nein, kein Geld, sondern je nach Stand der Familie ein oder zwei Kühe und auf jeden Fall noch ein paar Ziegen dazu. Dazu muss man wissen: Eine Kuh ist in einem afrikanischen Land wie Ghana oder Kenia so viel wert wie eine Krankenschwester dort in einem ganzen Jahr verdient.

Die Mitschülerinnen und Mitschüler des jungen Afrikaners dachten, die Sache mit dem Brautpreis sei ein Witz: „Unmöglich! Das gibt`s doch nicht – heute im 21. Jahrhundert!“ Doch, das gibt es, weil wir verschieden sind, weil wir verschieden denken, weil wir verschiedenen Kulturen und verschiedenen Religionen angehören. Der ghanaische Schüler nickte, als ich die Praxis mit dem Brautpreis mit folgenden Worten kommentierte: „Stimmt’s?“, fragte ich ihn, „Ihr sagt: It’s a tradition!“ Ein Strahlen ging über sein Gesicht! Er freute sich, weil ich die Tradition, in der er zu Hause war, kannte und vor allem freute er sich, dass ich mich nicht über sie lustig machte.

Die anderen in der Klasse waren unterdessen auffallend still geworden. Sie ahnten wohl, dass sie außerhalb dieser neugierig-skeptischen, aber respektvollen Gesprächssituation im Klassenzimmer ihre Befremdlichkeit über die ihnen fremde Tradition mit Unverständnis und mit europäischer Überheblichkeit gegenüber ihrem Mitschüler zum Ausdruck gebracht hätten.

Einem Menschenbild hinterherzulaufen, in dem jeder wie jede und alle allen gleich sind, das ist uns näher, als der Individualität eines Menschen Raum zu geben. Eltern können nur mit Mühe akzeptieren, wenn eines ihrer Kinder auf seine Weise reagiert – und nicht auf die, die sich erhofft haben. Wenn es langsamer denkt als andere sagen, dass es denken müsste. Wenn es nicht das in seinem Kopf behält, von dem andere sagen, dass es das auf jeden Fall im Kopf behalten muss. Wenn es nicht mit 2½ Jahren fehlerfrei sprechen kann und „sauber“ ist wie das Kind aus der Nachbarschaft.

Schnell sehen wir die Schwächen eines anderen Menschen und vergessen dabei, nach seinen Stärken zu suchen. Wir denken uns immer neue Therapien und Schulformen aus, um für alle alles gleichzumachen. Der Blick für den Einzelnen geht uns dabei verloren. Wir vergessen, Kinder und Jugendliche mit den Augen Gottes in ihrer unverwechselbaren Einzigartigkeit zu sehen. Weil wir das vergessen, lernen diese Kinder und Jugendlichen von uns nicht, sich selbst und die Menschen in ihrer Nähe als unverwechselbare, einzigartige Menschen zu sehen. Vielleicht können sie deshalb auch schwerer bedingungslos und verbindlich lieben – jedenfalls die Menschen. Wenn ich ihnen im Religionsunterricht oder im Gottesdienst von der Mut machenden Freundschaft Gottes erzähle, werden sie mucksmäuschenstill. Sie warten auf das Wort, das sie in ihrer Einzigartigkeit wahrnimmt und stärkt. Sie warten auf das Wort, das sie wie die Predigt des Petrus in die Nähe Gottes lockt!

Seine Rede vom Heiligen Geist beschreibt das Lebensprinzip Gottes. Gott ist bei dem einen Kind, das sich schwer tut genauso wie bei sich selbst. Er ist bei dem jungen Mann aus Ghana genauso wie bei sich selbst. Gott ist bei der alten Frau in der Kittelschürze im Altenheim „Vergissmeinnicht“ genauso wie bei sich selbst. Gott ist bei dem 100-Jährigen mit dem Blindenstock genauso wie bei sich selbst. Er ist bei dem ausgeflippten Jungen mit dem Piercing in der Nase und bei dem jungen Mädchen mit den grünen Strähnen im Haar genauso wie bei sich selbst. Gott ist bei dem Kühl-Distanzierten und bei der, die immer alle gleich umarmt und auf die Wange küsst genauso wie bei sich selbst! Das feiern wir zu Pfingsten.

Dass dieses Fest zum Geburtstagsfest der Kirche wurde, ist ein Nebeneffekt der Predigt vom Heiligen Geist, für die Petrus sich die Worte des Propheten ausgeliehen hatte. Das Lebensprinzip, das ihnen so viel gottesfreundliche Wertschätzung entgegenbrachte, das wollten die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer unbedingt zu ihrem eigenen machen. Petrus hatte es geschafft. Er hatte sie tatsächlich in Gottes Nähe gelockt! Deshalb ließen sie sich taufen.

Wozu? Um für die Vielfalt des Lebens gestärkt zu sein. Um in Zeiten einer Endzeitstimmung, die jeden von uns erfassen kann, Luft holen zu können und einen Hauch der Geistkraft Gottes einzuatmen.

Mit schrecklichen Bildern beschreibt Joel einen solchen Tag der Endzeitstimmung. Sonnenfinsternis und Feuerregen. Ich verstehe diese Bilder als Bilder der Seele. Mit ihnen beschreiben Menschen, wie es sich anfühlt, wenn ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Petrus griff die Bilder Joels auf und blies ihnen mit seiner Predigt Gottes stärkenden Geist entgegen. Es wird nicht immer alles wieder gut dadurch, aber es wird leichter in der Nähe Gottes! Der Beweis für Petrus: Christus hatte die Menschen fröhlicher gemacht! Mit der Nachricht, dass er lebte, wurde diese Fröhlichkeit lebendig zu Pfingsten in Jerusalem.

So entstand die christliche Gemeinde, der es guttut, sich immer wieder an das geistvolle Lebensprinzip von der individuellen Gottesfreundschaft zu erinnern. Denn ihre Gemeinschaft ist nur dann eine den Alltag kraftvoll bereichernde Gemeinschaft, wenn dem Einzelnen seine Besonderheit zugestanden wird: „Du bist gut und ganz und schön!“

Die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel, die in die Reihe meiner Mütter und Väter im Glauben gehört, stärkte mit diesen Worten im Namen Gottes junge Frauen, die auf der Suche waren nach der Nähe Gottes. Ihnen blieb der Mund offen stehen! So, wie den Zuhörerinnen und Zuhörern damals in Jerusalem der Mund offen stand, als Petrus sich die Worte Joels zum Predigen ausgeliehen hatte. „Was sollen wir tun?“, fragten sie. Die Antwort des Petrus: „Lasst euch taufen!“ Lasst euch beschenken mit einem geistvollen Lebensprinzip!

Dieses geistvolle Lebensprinzip der Gotteskraft frischen wir zu Pfingsten auf. Mit Worten wie diesen: „Du bist gut und ganz und schön!“

„Das kann wohl nicht jeder von sich behaupten!“ war die spontane Reaktion einer Schülerin in meiner 10. Klasse zu diesem Satz am Ende jener Stunde, in der die Tradition eines afrikanischen Mitschülers im Mittelpunkt gestanden hatte. Die Schülerin hatte insofern recht, als die Worte von der Schönheit ihre ganze Wirkung erst dann entfalten, wenn sie uns zugesprochen werden – von Menschen, die Gottes Worte sagen. Die Gewissheit über unseren Wert und unsere Schönheit wird uns geschenkt – vom Heiligen Geist, wenn es gut läuft durch eine Predigt wie der von Petrus.

Ich werde seine Worte vom geistvollen Lebensprinzip Gottes für die Menschen gerne weiterpredigen – auf der Kanzel und in den Klassenzimmern für meine Schülerinnen und Schülern – überall dort, wo wir Luft holen müssen und Gottes stärkende Geistkraft zum Atmen brauchen!

Ich habe es dabei genauso gut wie Petrus. Ich kann mir Worte leihen: seine und die vom Propheten Joel und all‘ die Worte derer, die mir Mütter und Väter im Glauben sind. Worte wie diese: „Du bist gut und ganz und schön!“

Amen.