Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 01, 35-39

Lic. theol. Dietmar Jordan (rk), Pastoralreferent / Gefängnisseelsorger

11.05.2014 in der Kirche der Justizvollzugsanstalt Aachen

Gottesdienst mit Gefangenen im Vorfeld der "Aachener Heiligtumsfahrt" im Juni 2014

„Nippes un Jedöns“ und die Heiligtümer im Dom

© privat

Wenn ich zuhause am Schreibtisch sitze und hinausschaue, dann geht mein Blick über die Fensterbank meines Arbeitszimmers. Wie in einem Skurrilitäten – Kabinett stehen sie da, fein aufgereiht und postiert: eine Reihe von Gegenständen, an denen mein Herz hängt. „Nippes un Jedöns“ sagen wir Rheinländer liebevoll zu solchen Dingen. Auf je eigene Weise erinnern sie mich an Menschen, mit denen ich mich besonders verbunden fühle. Für Ereignisse oder Erfahrungen meines Lebens stehen sie, an die ich gern denke und die für mich wichtig bleiben. Einige dieser kleinen Kostbarkeiten habe ich mitgebracht.

Da ist zunächst die kleine hölzerne Eisenbahn und das Messingschweinchen mit dem Glückspfennig. Beides habe ich geschenkt bekommen als ich 16 oder 17 war, von einer Freundin, mit der ich damals in der kirchlichen Jugendarbeit tätig war. Beide, das Glücksschwein und der Zug, erinnern mich an schöne Zeiten und an die beglückende Erfahrung jugendlicher Freundschaften.

Dann ist da der kleine Spiegel aus einem Gottesdienst meiner Studienzeit. Auf der einen Seite die Spiegelfläche: Eine Einladung immer wieder hineinzuschauen, mich selbst wahrzunehmen und auch kritisch zu prüfen. Und auf der Rückseite ein Bibelwort aus dem 1. Jakobusbrief: „Werdet Vollbringer des Wortes und nicht bloß Hörer; sonst betrügt ihr euch selber.“ (1,22) Es mahnt mich, das Evangelium nicht nur zu hören, sondern nach Kräften ein Täter des Wortes zu werden, nach und mit ihm zu leben.

Dann ist da die kleine Babuschka und ihr Kind. Eine deutschstämmige Frau aus Kasachstan hat sie mir geschenkt – bei einem meiner Besuche im Aussiedler - Wohnheim in meiner damaligen Pfarrei. Ein Zeichen der Sympathie und der Verbundenheit.

Unübersehbar dann der dicke gelbe Bleistift. Der Pastor der baptistischen Gemeinde in Rheydt hat ihn mir bei meinem Abschied von dort geschenkt – als Zeichen ökumenischer Gemeinsamkeit. Der dicke Stift erinnert mich daran, dass der liebe Gott ja bekanntlich in vielen Sprachen schreibt und sich mitteilt, - nicht nur auf „römisch – katholisch“.

Noch Manches hätte ich mitbringen und von seiner Bedeutung erzählen können. Und ich vermute mal, dass auch viele von Ihnen solche Gegenstände besitzen – Zuhause oder auch auf Zelle: Kleinigkeiten, Briefe oder Fotos, Gegenstände oder Symbole. Der materielle Wert mag nicht sonderlich hoch sein. Aber die persönliche Bedeutung die ist umso größer. Kleine Kostbarkeiten, die für uns kostbar und wertvoll sind. So wandelt sich „Nippes und Jedöns“ zu kleinen Heiligtümern.

„Nippes un Jedöns“ ganz eigener Art gibt es demnächst im Aachener Dom zu sehen. Zur sogenannten “Heiligtumsfahrt“ werden im Juni viele tausend Pilger nach Aachen kommen. In Gruppen oder einzeln, zu Fuß oder mit dem Motorrad werden sie zum Dom pilgern. Zusammen mit Christenmenschen aus nah und fern werden sie an den eigens zu diesem Anlass aus dem Marienschrein des Domes ausgepackten sogenannten „Aachener Reliquien“ vorbeiziehen und diesen die Ehre erweisen.

Das lateinische Wort „Reliquie“ bedeutet wortwörtlich übersetzt so viel wie „übrig oder zurück Gelassenes“. Oft handelt es sich Knochen oder Knochenpartikel von Menschen, die als Heilige verehrt werden. Genauso gibt es auch Kleidungsstücke oder Stofftücher als Reliquien. Für die Menschen des Mittelalters war es wichtig, mögliche Überreste der Heiligen oder auch des Lebens Jesu (oder was sie dafür hielten) aufzubewahren und zu verehren. So kamen Leute, die ja meist weder lesen noch schreiben konnten, in Kontakt mit dem Heiligen. Glaube sozusagen zum Schauen und Anfassen. Die Frage der historischen Echtheit solcher Reliquien spielte dabei keine wirkliche Rolle. Wichtig war einzig ihre Bedeutung, das also, was sie bezeugten und worauf sie verwiesen. Nicht wenige Reliquien wurden so zu ganz handfesten Anschauungshilfen, die den Leuten Jesus Christus und in ihm Gottes Geschichte mit den Menschen greifbar nahe brachten. Dass damit nicht selten auch Schindluder und handfeste Geschäftemacherei verbunden war, soll weder bestritten noch verharmlost werden. Martin Luther um die Reformatoren haben durchaus zurecht dagegen protestiert. (Ob sie dabei manchmal „das Kind mit dem Bade ausgeschüttet“ haben, muss hier nicht bedacht und erst recht nicht beurteilt werden.

Aachen erinnert in diesem Jahr an die Bedeutung Karls, des Großen. Vor über 1000 Jahren hat er von hier aus ein riesiges Reich geformt und regiert. Und natürlich legte Karl als „allerchristlichster Herrscher“ Wert darauf, eine anständige Sammlung von Reliquien zu besitzen und zu verehren. Seit alters her werden sie im Aachener Dom aufbewahrt. Und seit 1349 werden sie bei der Aachener Heiligtumsfahrt gezeigt - alle sieben Jahre und fast ohne Unterbrechung. Gläubige Menschen sehen in ihnen das Kleid Mariens, das Enthauptungstuch Johannes des Täufers, die Windeln Jesu und das Lendentuch Jesu.

So mancher wird jetzt vielleicht denken: „Du liebe Zeit, was für ein verstaubter Kram aus der Mottenkiste. Und echt ist das doch sowieso nicht.“ - Aber hallo! Bitte vergessen Sie unsere eigenen „Mottenkisten“ nicht, „Nippes und Jedöns“, den wir so horten und hüten. Der materielle Wert mag nicht wirklich groß sein. Die wissenschaftliche Echtheit mag niemanden interessieren. Aber uns ganz persönlich ist eben manches kostbar und heilig.

Offenbar kommt es ganz darauf an, wie man die Dinge betrachtet. Wer bei der Heiligtumsfahrt den Aachener Dom besucht und die dort gezeigten Heiligtümer mit dem Besichtigungsblick anschaut, der wird nur ein paar alte Stoffe ausgestellt finden. Es gibt aber auch eine andere Art mit diesen Gegenständen umzugehen. Diese andere Art ist der Blick des Glaubens. Der setzt auf Vertrauen und der kann zulassen, dass uns die Heiligtümer in Tuchfühlung mit dem Heiligen bringen, in Kontakt mit Christus und mit der in ihm sichtbaren Geschichte Gottes mit uns Menschen.

Die Augen der Pilger sehen in diesen Reliquien eben keinen leeren Spuk. Und sie sehen mehr als nur „Nippes und Jedöns“. Sie schauen in ihnen Zeichen des Glaubens. Sie stehen nicht für sich selbst. Sie bringen uns in Verbindung mit Jesus, mit Maria und mit Johannes dem Täufer.

Da sind die Windeln und das Lendentuch des Herrn: Sein erstes und sein letztes Kleid erinnern uns an Krippe und Kreuz. Sie verweisen uns auf die Menschwerdung und auf den Leidensweg des Gottessohns - für uns Menschen und zu unserem Heil. Da ist Marias Kleid, das sie bei der Geburt Jesu in Bethlehem getragen haben soll. Und da ist das kostbare Tuch, in das der Kopf Johannes des Täufers nach seiner Enthauptung geborgen wurde. Textilien, die uns auf große Gestalten des Glaubens verweisen, auf ihren Mut und auf ihr Gottvertrauen.

Unser früherer Bischof Klaus Hemmerle hat einmal gesagt: Die „Heiligtümer“ helfen uns, „mit Gott auf Tuchfühlung zu gehen“. So gesehen sind die Heiligtümer des Aachener Domes wirkliche Kostbarkeiten des Glaubens. Wegweiser sind sie, die uns die Spur und die Richtung in die Nachfolge Jesu weisen.

„Glaube in Bewegung.“ So heißt das Motto der diesjährigen Heiligtumsfahrt. Es steht für Christen, die sich von den Zeichen der Zeit herausfordern lassen. Und es steht für eine Kirche die sich immer wieder neu auf den Weg macht, Welt und Gesellschaft aus dem Evangelium zu gestalten.

Viele Pilger werden im Juni nach Aachen kommen. Mit den Augen des Glaubens werden sie die Heiligtümer anschauen, nicht nur in Aachen, auch in Mönchengladbach und in Kornelimünster. Wir hier im Knast können uns nicht auf so einen Pilgerweg machen. Der ein oder andere wird vielleicht bei einer Ausführung den Dom besuchen können. Jeder von uns aber kann sich im Herzen, in Gedanken und im Gebet mit den Pilgern verbinden.

„Kommt, und ihr werdet sehen. Da gingen sie mit ihm und sahen, wo er wohnte, und sie blieben bei ihm.“ (Joh 1) Das war die Erfahrung der ersten Jünger, von der das Evangelium erzählt. Das kann auch unsere Erfahrung sein oder werden. Kommt und seht, spürt und glaubt! Gott ist uns nah. Er ist bei uns. Und er geht mit uns – durch „Dick“ und durch „Dünn“. Ganz handgreiflich ist er, auf „Tuchfühlung“ mit uns; nicht abgehoben, sondern konkret und alltäglich.

„Kommt, und ihr werdet sehen…“ In ärmlichen Zeichen, wie „Nippes und Jedöns“, schauen wir die Botschaft unseres Heils. Amen.