Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,1-14

Pfarrer Ulrich Hilzinger

in Höfen an der Enz

Weihnachten 2002

Liebe Gemeinde,

Der heutige Predigttext ist für mich einer der faszinierendsten und bedeutungsvollsten Texte über das Verständnis von Jesus Christus und das Verständnis der Bibel.
Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich ihn als Jugendlicher gelesen habe und eigentlich nichts verstand.
Geradezu philosophisch aber doch nicht Philosophie, sondern ein Einblick in die Person Gottes tut sich uns hier auf.
Ich lese den so genannten Johannes-Prolog: Johannes 1, 1-14 (Einheitsübersetzung)
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.

Zunächst einmal bis hierher. Johannes fängt ganz von vorne an. Vielleicht haben sie es ja auch vor kurzem im Fernsehen gesehen. Die Frage nach dem Urknall und der Urknalltheorie. Die Frage, ob da Gott irgendwie im Spiel war, oder nicht. - Wir reden hier nicht von der Schöpfung der Erde, sondern von Zeiten, die noch viel früher waren.
Die Urknalltheorie wurde ja lange als Gegenbeweis gegen eine göttliche Schöpfung gehandelt. Heute weiß man, dass dieser Urknall nicht irgendwie hätte verlaufen dürfen. In fast unendlich vielen Variationsmöglichkeiten von Intensität, Masse- und Gaszusammenstellungen und was immer dazugehörte, durfte der Urknall nur genau so geschehen, wie er geschah, damit sich in seinem Gefolge die Welt entwickeln konnte! - Kein Gottesbeweis für den, der es nicht so sehen möchte, aber für mich und für viele Christen ein Zeichen dafür, dass hier eine lenkende Hand mit im Spiel war.
Das ist der für uns nachvollziehbare Anfang. Natürlich gab es auch davor noch etwas, aber das kann ich mir nicht vorstellen. Also: Im Anfang war das Wort. Schon immer war dieses Wort da. Ohne zeitliche Grenze nach vorne.
Hier erhalten wir einen Einblick in die Person Gottes, denn es wird interessanterweise zunächst unterschieden zwischen Wort und Gott. Es handelt sich um zweierlei Dinge: das Wort war bei Gott. Sofort wird aber dieses zweierlei wieder als eines erklärt: und das Wort war Gott. Zweierlei Dinge, das Wort und Gott, sind eine Sache: Das Wort war Gott.
Da höre ich doch schon meine Konfirmanden so unverblümt wie sie sind, fragen: "Hä? Was soll denn das?"
Genau das möchte wohl dieser Johannesprolog auch erreichen. Und um diesen Eindruck zu bestätigen und zu unterstreichen heißt es im Text gleich noch einmal: Im Anfang war es bei Gott.

Im nächsten Schritt aber klärt der Johannes-Prolog darüber auf, was dieses ominöse "Wort" ist, das bei Gott und doch auch wiederum Gott selbst war. Dieses Wort wird vorgestellt. Wenn man jemanden vorstellen will, dann tut man das unter anderem damit, dass man sagt, was diese Person so macht, was sie kann. Wer beispielsweise Visitenkarten besitzt schreibt i.d.R. darauf, was sein Beruf ist. Das gehört zur Vorstellung.
Was konnte, was kann nun dieses Wort? Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. Dieses Wort Gottes hat also offensichtlich mehr Macht, als unsere Worte, wobei auch unsere Worte zerstören oder aufbauen können.
Das Wort Gottes hat aber nicht nur aufgebaut, es hat Dinge geschaffen, neu kreiert. Hier wird Bezug genommen auf die Schöpfungsgeschichte. Da heißt es: "Gott sprach und es geschah." Einfach so. Das Wort, das aus Gottes Mund ging, hatte eigene Dynamik, eigene Kraft und eigene Fähigkeiten. Es war geradezu selbständig.
Es geht hier nun aber nicht darum, wie all das geschehen ist, mit oder ohne Urknall, in vielen oder wenigen Tagen. Es geht darum, dass Gott seinen Willen äußert und dass diese Worte allein so mächtig sind, dass sie selbst handeln können.
Dieses Verständnis der Dinge geht an den Rand dessen, was wir verstehen können.
Wir können es uns vielleicht folgendermaßen verständlich machen:
Wir sind Personen, und auch wir bestehen aus verschiedenen Bereichen. Wir haben z.B. unseren Verstand, unser Denken und überlegtes Handeln einerseits, aber wir haben andererseits genauso unser vegetatives Nervensystem: Wenn es am Kopf juckt, dann kratze ich automatisch. Und wenn etwas Schnelles auf mich zugeflogen kommt, reagieren meine Reflexe. Braucht mein Körper Flüssigkeit, dann bekomme ich Durst. Darüber muss ich nicht nachdenken.
Das sind zwei verschiedene Seiten meines Gehirns und meiner Nerven. Und doch ist es beides in mir, ist eines - zweierlei und doch eins.

Der Johannesprolog erklärt noch ein weiteres über dieses selbständig handelnde Wort. Es kann noch mehr, als nur selbständig handeln: In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
Dieses Wort Gottes hat eine Aufgabe, eine Ausrichtung. Ja es hat seinen Zuständigkeitsbereich. So wie meine Hände dafür zuständig sind zu greifen, mechanische Aufgaben zu erfüllen und meine Augen dafür zuständig sind, zu sehen, so ist das Wort Gottes zuständig dafür, das Licht der Menschen zu sein. Nur das Wort Gottes ist dafür da, das Licht der Menschen zu sein: Eine klare Definition. Nicht Gott so allgemein, sondern das Wort Gottes!
Das hat eine unglaubliche Tragweite. Denn jeder der sagt: "Ich glaube schon an einen Gott," der hat sich die falsche Adresse ausgesucht.
Es ist so, als wollte ich mit meinem Auge einen Stift nehmen und anfangen zu zeichnen, als wollte ich mit meiner Hand riechen oder mit meinem Kopf laufen. ... Das geht nicht! "Der Gott" so ganz allgemein ist nicht das Licht der Menschen. Es ist allein das Wort Gottes.
Wer also sagt: Allah und unser Gott mit dem Namen Jahwe, das esoterische Universum und Manitu sind der selbe Gott, von daher ist sowieso eigentlich alles schon in Ordnung, wer das sagt, der setzt auf die falsche Karte. Abgesehen davon, ob das nun richtig ist oder nicht, stehen wir mit dieser Meinung am falschen Schalter. Denn der für uns zuständige Gott, der für uns Menschen allein zuständige Bereich Gottes ist das Wort Gottes.

Der nächste Schritt ist, das Wesen dieses Wortes Gottes im Verhältnis zu unserem Wesen zu klären. Und da heißt es: das Licht leuchtet in der Finsternis. Krasser könnte der Unterschied nicht sein. Dieses Wort ist das Licht und wir Menschen sind die Finsternis. Gott gleicht uns, wie sich Licht und Finsternis gleichen, wie Feuer und Eis.

Nun kommt der tragische Teil dieser Geschichte: und die Finsternis hat es nicht erfasst. Hier schwingen verschiedene Dinge mit:
"Nicht erfasst" heißt ein Doppeltes: nicht ergriffen, nicht genommen und andererseits nicht begriffen. Die Menschen haben es nicht er- und nicht be-griffen, was hier vor sich ging und geht.

So langsam nähert sich der Johannesprolog der Aufklärung dieser bewusst erzeugten Spannung, immer nur vom Wort Gottes zu reden und nicht aufzuklären, wie dieses Wort Gottes denn nun das Licht der Menschen war und wer es ist. So wird erst die Vorgeschichte erzählt:
Es trat ein Mensch auf, der von Gott gesandt war; sein Name war Johannes. Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht.
Spätestens hier wird klar, dass dieses Wort Gottes und Licht der Menschen nicht irgend etwas geistliches undefiniertes, sondern eine geschichtliche Person war: Die Person Jesus Christus.
Wort - und damit selbstwirkender Teil Gottes. Mit der nur für ihn reservierten Aufgabe, Licht der Menschen zu sein.
So können wir für Wort auch Jesus Christus oder einfacher Jesus einsetzten, dann heißt der Anfang des Prologs folgendermaßen:
Im Anfang war Jesus, und Jesus war bei Gott, und Jesus war Gott. Im Anfang war er bei Gott. Alles ist durch Jesus geworden, und ohne Jesus wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.

Dann wird nochmals zurückgeblickt bis an den Anfang: Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden. Und die doppelte Tragik vom nicht können und nicht wollen wird nochmals aufgerollt:
1.aber die Welt erkannte ihn nicht. Und
2. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
Es handelt sich hier um eine doppelte Tragik, weil zwei Probleme stattfanden: Die Menschen erkannten ihn nicht. Warum? Weil wir so dermaßen verschieden von Gott, vom lebendigen Wort Gottes, von Jesus Christus sind, dass wir ihn gar nicht erkennen können. Ob wir wollen oder nicht. Wir begreifen ihn nicht, so wenig, wie Finsternis Licht begreifen kann. Er liegt außerhalb unseres Erfahrungs- und Verstehenshorizontes. Das ist die erste Tragik.
Die zweite Tragik liegt an anderer Stelle: Wenn wir ihn schon nicht begreifen können, dann können wir ihn aber wenigstens ergreifen. Wir können ihn einlassen und aufnehmen. Denn wir haben von ihm und seinem Anspruch gehört. Aber auch das geschieht sehr oft nicht. Damit entscheidet sich der freie Wille für seine eigene Freiheit. Sozusagen für die wohlvertraute Dunkelheit. Denn: "Wer weiß, was so ein helles Licht alles bringt. Ich kann es mir nicht vorstellen, aber da wird ja alles anders." ... und so bleibt alles beim alten.

Der Johannes-Prolog spricht von einer weitern Möglichkeit. Nämlich, dem Wort Gottes, Jesus, zu vertrauen und ihn einzulassen. Man möchte fast sagen: Zunächst einmal "auf´s Geratewohl." Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden,
Dabei geht es hier nicht um eine Art Mitgliederausweis, den wir uns durch einem kleinen Beitrag aneignen dürfen, den wir besitzen können oder auch nicht. Johannes berichtet von einer wirklich großen und großartigen Sache: Die Menschen durften jetzt nicht "auch noch zu diesem Verein" dazugehören. Nein, er gab ihnen Macht, Vollmacht, Gottes Kinder zu werden. Hier schimmert durch, dass es um äußerst gewichtige und wertvolle, um massive Dinge geht.
Die können wir nicht durch Geburt ererben, nicht durch einen Vereinsbeitrag erkaufen, nicht erstreiten oder erzwingen. Nur Gott kann uns das schenken. Und es ist eine mächtige Sache. Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.

Und nun ist er da. Und wir sind da. Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, ... Wir dürfen erkennen, wie großartig er ist und dass er wirklich einzigartig ist. Nichts kommt ihm gleich. ...und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.
Haben wir diese Größe und Herrlichkeit Gottes wirklich schon erkannt?

Zum Abschluss möchte ich ihnen dazu noch eine kleine Geschichte zur Verdeutlichung erzählen:
Viktoria, Königin von England, ging, wenn sie in ihrer Sommerresidenz Balmoral war, gern in einfacher Kleidung unerkannt in den Wäldern spazieren. Eines Tages geriet sie auf einem solchen Waldspaziergang in ein schweres Unwetter. Auf der Suche nach Schutz entdeckte sie ein kleines einsames Bauernhaus. Die Königin klopfte und fragte die alte Bäuerin, ob sie ihr einen Regenschirm leihen könne. Sie werde dafür sorgen, dass er schnell zurückgebracht würde. Die alte Frau wusste nicht, wer da vor ihr stand, und antwortete: Ich habe zwei Schirme, der eine ist ganz neu, den gebe ich natürlich nicht her, aber den alten können Sie haben!" So brachte sie einen abgetragenen Schirm, der schon nicht mehr ganz heil und verschlissen war. Die Königin nahm den alten Schirm und machte sich auf den Heimweg. Wie groß war der Schreck der Bäuerin, als am nächsten Morgen ein Diener in königlicher Livree ihr mit freundlichen Grüßen der Königin den alten Schirm zurückbrachte. Untröstlich war die alte Frau darüber, dass sie der Königin nicht den neuen Schirm geliehen hatte. Immer wieder jammerte sie: ,,Wenn ich es nur gewusst hätte, ich hätte ihr doch das Allerbeste angeboten."

Jesus Christus ist das Wort Gottes, ein Teil Gottes. Er allein ist zuständig für die Beziehung und Verbindung zu uns Menschen. Überall anders stehen wir sozusagen am falschen Schalter. Wir werden einmal vor diesem König aller Könige stehen und es sehr bereuen, wenn wir ihm nicht unser Allerbestes, uns selbst, gegeben haben.
Jesus war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Menschen erkannten ihn nicht und nahmen ihn nicht auf
Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und... wir haben seine Herrlichkeit gesehen,

Amen.