Foto von aufgeschlagenen Büchern

Predigt über Johannes 1,1-5.9-14

Frank Bendler

25.12.2008 in der Jakobuskirche Kuchen

1. Weihnachtsfeiertag

>Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen seines Wohlgefallens.    Amen<

 

Liebe Gemeinde,

Die Weihnachtsgeschichte und Geschichten um Weihnachten haben wir gehört gestern an Heilig Abend und wahrgenommen wie in das Alltägliche das Besondere kommt. Bilder von Weihnachten haben wir uns angesehen in der Nacht und haben uns anstecken lassen von Erhabenheit und tiefer Innigkeit. Aber dass Gott Mensch wurde, mit welchem Beispiel, mit welcher Farbe, mit welcher Figur kann das gezeigt werden? Dass Er aus der Höhe zu uns auf die Erde kam, das übersteigt unsere Vorstellungskraft.

Eine ganze Reihe von berühmten bis illusteren Persönlichkeiten hat um den 24. Dezember herum Geburtstag gehabt. Helmut Schmid wurde 90, Manfred Rommel 80, Silvia, Königin von Schweden 65 und Carla Bruni, Frau des französischen Ministerpräsidenten und Sängerin wurde 40. Dass sie alle einmal als Babys zur Welt kommen mussten, ist nicht weiters schwer zu begreifen. Schließlich wurden sie ja erst mit der Zeit zu dem, was sie heute sind. Ihre Entwicklung war zwar eine besondere, aber doch auch eine, die ganz normal und nachvollziehbar ist.

Jesus Christus aber kann nicht erst nach und nach Gottes Sohn werden. Es stellt sich bei ihm nicht erst allmählich heraus. Gottes Sohn zu sein eignet sich nicht einer an, wie eine hohe Schauspielkunst oder einen wissenschaftliche Rang. Er ist es von Anfang an. Und zugleich ist es zu keiner Zeit deutlich sichtbar. Welch eine Zumutung ist es auch zu sagen: Seht her, hier ist Gott persönlich. Das klingt ungewohnt,  sonderbar. Damit es aber nicht so klingt, hat Johannes in seinem Evangelium höchst eigenartige, schwierige Wendungen gebraucht. Hören wir sie uns an. Es sind Worte der Weisheit, die nach keinem Verständnis suchen, sondern vielleicht nur Bewunderung bewirken wollen. Aus dem Anfangskapitel des Johannesevangeliums lese ich die ersten Verse:

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.

Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in die Welt kommen. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

                                   (Johannes 1, 1-5, 9 – 14)

Liebe Gemeinde,

Hans Frör hat ein kleines Bändchen geschrieben mit dem Titel: „Ich will von Gott erzählen wie von einem Menschen, den ich liebe.“ Auch warum und wie Gott Mensch geworden ist, beschreibt er darin in einem recht kurzen Abschnitt:

„Während der römische Kaiser Augustus von seinem Weltreich eine Bestandsaufnahme machen ließ, kam in Bethlehem in einer Unterkunft ein Kind zur Welt. Seine Mutter gab ihm den Namen Jesus.

Er ist es, in dem sich Gott selbst verkörperte, um menschlich mit uns zu reden. Seine Liebe zu uns ist Gottes Liebe, und seine Leidenschaft ist Gottes Leidenschaft. In seinem Zorn entlud sich Gottes Enttäuschung, und seine Angst und Schmerzen quälten Gott.

So wie Jesus mit den Menschen umging, geht Gott mit uns um, und weil Jesus zu uns hält, sind wir Gott willkommen.“

Da ist in sehr schöner einfacher Sprache gesagt, warum Gott aus Jesus Christus spricht. Damit die Menschen ihn verstehen. Damit die Menschen endlich Gott verstehen. Damit sie endlich nicht mehr rätseln und fragen und meinen: was will er, wer ist er. Nein, in Jesus sollen sie ihm, Gott selbst,  begegnen.

Und doch geschieht es alles andere als deutlich. Es ist alles andere als offensichtlich. Gott kam in die von ihm gemachte Welt. Aber seine Schöpfung erkannte ihren Schöpfer nicht. Gott kam in sein Eigentum, aber er wurde nicht aufgenommen. Der, dem alles gehörte, wies man ab. Alles, was er eingerichtet hatte, wurde gegen ihn verschlossen.

Gott kriegt keinen Fuß in die Tür. Es hört sich salopp gesagt an und doch ist es nur ausgeführt, was der Evangelist hier sagt.

Kann es so etwas geben? Ja – zuweilen gibt es so etwas. Ich hörte von einer Geschichte von Menschen, die ganz ähnlich klang:

Eine Familie besuchte um die Wendezeit Polen. Vor vielen Jahren war hier ihre Heimat. Im Krieg mussten sie wegziehen, wie so viele.

In der Stadt, in der sie vormals lebten, hatte sich noch nicht viel verändert. Es war wie gesagt kurz nach der Wende. Sie wollten in die Straße, zu dem Haus gehen, in dem sie früher gewohnt hatten. Eine polnische Familie wohnte nun darin. Sie kannten sie nicht. Als sie fragten, ob sie sich hier umsehen dürften, ob sie eingelassen würden, wurden sie gebeten, das Haus zu verlassen. Man wolle keinen Kontakt zu den früheren Bewohnern. Ihr Kommen war ganz klar als Störung empfunden worden. Sie wiesen die Besucher ab.

Wie mochte sich die Familie fühlen? Deutlich gesagt werden muss, dass sie nicht in ihr Eigentum kamen und das auch nirgendwo angedeutet haben. Aber es reichte schon die Tatsache, dass es früher ihr Eigentum war. Wie Eindringlinge kam sich die Familie vor. Als unerwünschte Personen wurden sie behandelt. Tiefem Misstrauen waren sie begegnet. Verletzt standen sie vor der verschlossenen Tür. Sie wollten doch nichts Böses. Und doch wurden sie so behandelt. Sie kamen mit guten Absichten. Aber die Menschen ihnen gegenüber sahen sie als eine Gefahr. Verständnislos, traurig ging man

davon.

Von Jesus heißt es: Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Was sind die Gründe, hier wie dort?

Da ist zum einen die Angst. Angst haben die Menschen, hier kommt einer, der etwas zurück verlangt. Hier kommt einer, der mir etwas

wegnehmen will. Das, was ich mühsam erworben habe, aufgebaut habe, soll ich hier preisgeben. Hier kommt einer, der ein Anrecht hat, auf das, was mir gehört.

Man wusste nicht so genau in den Jahren nach der Wende, ob nicht wirklich die Besitztümer neu verteilt werden. Ansprüche wurden angemeldet. Anträge wurden bearbeitet. Wer weiß denn, ob die früheren Herren nicht die Herren von morgen sein werden. Die Rechtslage war unklar. Bleibt weg, bleibt draußen war die Antwort. Ein „Dürfen wir herein kommen“ war nur der Anfang von dem dann folgenden „Dürfen wir unser Haus wieder in Besitz nehmen?“ Nein – denn wir wohnen jetzt darin. Angst hatten die Menschen.

Haben wir Angst vor Jesus Christus? Er kommt in sein Eigentum. Doch wir bewohnen es. Er kommt um zu fordern. Doch wir wollen behalten.

Er kommt in unser Leben. Doch wir wollen das Sagen darin haben wie bisher, wollen, dass sich nichts ändert, nichts sich wandelt, wollen, dass es so bleibt.

Aber Christus kommt nicht, um etwas weg zu nehmen. Er kommt nicht wie manche Westler kamen, die sich tatsächlich in großem Stil breit machten, die zu Billigstpreisen aufkauften und oftmals nach ein paar Jahren Bauruinen und bankrotte Geschäfte hinterließen. So kommt Jesus nicht, dass er sagt: Nett wie ihr euer Leben bisher geführt habt. Aber jetzt führe ich euer Leben. Schön, wie ihr euch eingerichtet habt. Aber jetzt zeige ich euch, worauf es wirklich ankommt im Leben. So von oben herab kommt Jesus nicht.

Aber er kommt und geht anders mit der Welt um. Er kommt und nimmt sich derer an, die in seinem Eigentum leiden. Diejenigen, die nicht beteiligt werden an seinem Besitz, denen gibt er Anteil. Er findet sich mit den Gegebenheiten nicht ab, die wir für unabänderlich halten, so wie wir leben. „Gebt Ihr Ihnen zu essen“, sagt er seinen Jüngern bei der Brotvermehrung. Nehmt und teilt. Gib deinem Bruder, deiner Schwester ab.

Jesus nimmt nicht weg. Er lebt unter uns anders. Er zeigt uns, wie Leben aussieht, wo es geführt wird wie Gott es will. Und wo Menschen es mit der Angst bekommen aus seinem Beispiel heraus, so ist es die Angst um das Gewohnte. Denn abzugeben fällt dem schwer, der hat. Gerechtigkeit zu üben fällt dem schwer, der von der Ungerechtigkeit profitiert. Rücksicht zu nehmen fällt dem schwer, der bisher andere für sich laufen ließ. Jesus aber kommt und dient. Er behandelt alle gleich, wo Menschen den ehernen Grundsatz aufgestellt haben: es muss doch Unterschiede geben!

Angst ist der eine Grund, den, der da kommt, abzulehnen. Ein anderer Grund ist Schuld und Schuldgefühle. Ich wohne, wo ein anderer gewohnt hat, der hier nicht bleiben konnte. Ich habe ein Haus, weil er keines mehr hat. Ich habe Anteil an seinem Unglück. Nicht persönlich aber durch Verkettungen. Irgendwie. Von meiner Schuld will ich nicht hören. Ich schlie0e die Tür vor dem, der sie aussprechen könnte. Ich lasse den nicht vor mich kommen, der mich anklagen will. Es ist zu verstehen, dass die polnischen Leute so reagieren.

Kommt Jesus um Schuld auf uns zu laden? Kommt Jesus um zu sagen, welche schlechten Menschen doch sein Eigentum bewohnen. Sie sind es allesamt nicht wert.

Nein, so kommt Jesus nicht. „Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken“. So spricht er. Er kehrt bei offenkundigen Betrügern ein. Er hat Gemeinschaft mit denen, die ihre Liebe und ihren Körper kaufen lassen. Er verdammt eine Ehebrecherin nicht, sondern vertraut, dass sie ein neues Leben anfängt.

Aber es ist nun einmal so: Wer Lasten abnehmen will, der weist damit erst darauf hin, dass uns ja eine Last auferlegt ist. Dinge, von denen wir nichts wissen wollen. Beschwernisse, die wir verdrängt haben, aber nicht losgeworden sind. Jesus weist uns schon darauf hin, wo der Schuh drückt. Und schnell sieht es so aus, als wäre er es, der den Schmerz ausübt. Und dort wo Jesus Schuld vergeben will, da wird erst einmal Schuld festgestellt und offenbar. Und so kann es aussehen, dass Jesus etwas aufbürdet, statt es wegzunehmen. Jesus kam in sein Eigentum aber alles Selbstgerechte wies ihn ab. Die Schuld in uns will diesen Befreier nicht annehmen. Und wir müssen entscheiden was wir zulassen wollen. Das, was uns stillschweigend aber erträglich immer wieder verklagt. Oder ihn, der uns alles abnimmt, wenn wir es nur ihm auch geben würden. Zum Guten aber ist Jesus in sein Eigentum gekommen.

Wie nur kann dies aber angenommen werden? Aufschluss gibt uns, meine ich, der Fortgang der Anfangs erzählten Geschichte:

Das Ehepaar, das nach Polen gefahren war und dort so ungnädig abgewiesen wurde, aus Angst, aus Schuldgefühlen, fuhr zehn Jahre später noch einmal nach Polen, wieder in die Stadt ihrer Herkunft. Sie wollten es nicht auf sich beruhen lassen. Sie wollten auch nicht die erfahrene Enttäuschung ein für allemal stehen lassen. Und siehe da: dieses Mal wurden sie eingelassen. Man sprach freundlich zu ihnen. Man erkundigte sich, wie das damals so war. Wie das hier sonst ausgesehen habe. Und es stellte sich heraus, die polnische Familie hat selbst wegziehen müssen aus ihrer Heimatstadt. Dort ist jetzt Russland. Jeder hat eine neue Heimat gefunden, die Deutschen und die Polen. Dass aber Friede ist, ist das Wichtigste. Auch und gerade nach dieser Wende. Einer Wende zum Guten.

Braucht Jesus also nur zu warten bis Vertrauen wächst und auch die Menschen ihn erkennen. Braucht es nur eine gewisse Zeit, bis das Gute sich auch hier durchsetzt?

Nein, er braucht nicht erst zu warten. Es geschieht immer schon jetzt. Wie viele ihn auch aufnahmen, die machte er zu Kindern Gottes. Er sammelt noch immer, der große Menschenhirt. Und es finden Menschen immer zu ihm.

Begonnen hat es an Weihnachten. Begonnen hat es mit der Menschwerdung Gottes. Er ist in die Welt gekommen, damit die Welt zu ihm kommt. Er kam unter der Ankündigung „Fürchtet euch nicht“, auf dass alle Angst verloren geht. Er kommt mit der Zusage der Vergebung, damit die Welt frei würde. Vertrauen wir dem Gottessohn, so wird er in seinem Eigentum mit uns wohnen. Und es wird Friede sein.

Amen